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Wolfgang Sünkel, Johanna Hopfner (Hrsg.): Erziehungsprozess und Erziehungsfeld

Rezensiert von Prof. Dr. Ulrich Papenkort, 03.06.2026

Cover Wolfgang Sünkel, Johanna Hopfner (Hrsg.): Erziehungsprozess und Erziehungsfeld ISBN 978-3-7799-8653-9

Wolfgang Sünkel, Johanna Hopfner (Hrsg.): Erziehungsprozess und Erziehungsfeld. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2025. 139 Seiten. ISBN 978-3-7799-8653-9. D: 18,00 EUR, A: 18,50 EUR.
Reihe: Sünkel, Wolfgang: Allgemeine Theorie der Erziehung - Band 2. Pädagogik und Gesellschaftskritik.

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Thema

Allgemeine Pädagogik“ ist nicht nur der Name einer erziehungswissenschaftlichen Teildisziplin, sondern auch einer allgemeinen Theorie der Erziehung, die meist als Monographie publiziert. Wolfgang Sünkel hat eine solche Theorie in zwei Bänden vorgelegt. Der erste Band ist 2011 erschienen. Vierzehn Jahre und vier andere Allgemeine Pädagogiken (Arnim Bernhard 2011, Thomas Mikhail 2026, Volker Ladenthin 2022 und Ralf Koerrenz 2022 und 2023) später ist nun von Johanna Hopfner der zweite Band veröffentlicht worden.

Autor und Herausgeberin

Der Autor Wolfgang Sünkel war von 1971 bis 2002, also für gut dreißig Jahre und in seinem Fall seine gesamte Laufbahn als akademischer Lehrer Professor für Pädagogik an der Universität Erlangen-Nürnberg tätig.

Die Herausgeberin Johann Hopfner war von 1998 bis 2000 in Vertretung Professorin für Allgemeine Pädagogik an der Universität Würzburg und nach einer Gastprofessur ab 2002 Professorin für Allgemeine Pädagogik an der Universität Graz. Seit kurzem ist sie emeritiert.

Entstehungshintergrund

2011 hatte Wolfgang Sünkel den ersten Band einer „Allgemeinen Theorie der Erziehung“ veröffentlicht, der die beiden Teile „Erziehungsbegriff und Erziehungsverhältnis“ enthielt. „Es bedurfte fast ein halbes Leben, um von den anfänglichen Entwürfen zu dieser Theorie der Erziehung vom Anfang der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts zur Vorlage des gründlich durchdachten ersten Bandes … zu gelangen. Da das biographische Zeitmaß an natürliche Vorgänge gebunden ist, reichte ein ganzes Leben nicht hin, um das zu vollenden, was Wolfgang Sünkel durchgängig beschäftigte…“ (S. 71) Auf der letzten Seite des Buches hatte er einen zweiten Band angekündigt, wiederum aus zwei Teilen bestehend: „Erziehungsprozess und Erziehungsfeld“. Leider konnte er diesen zweiten Band nicht mehr selbst erstellen. Er verstarb im Jahr der Publikation des ersten Bandes.

Nun hat Johanna Hopfner, von 1993 bis 1998 wissenschaftliche Mitarbeiterin Wolfgang Sünkels am Institut für Pädagogik der Universität Erlangen-Nürnberg, den zweiten Band herausgegeben. Sieben Jahre nach seinem Tod hatte ihr seine Ehefrau alle Manuskripte zukommen lassen, die noch in ihrem Besitz waren. Sie schreibt: „Und es dauerte noch einmal fast sieben Jahre, bis ich endlich den Mut fand, seine Gedanken in der nun vorliegenden Form zu veröffentlichen, teilweise im Original, teilweise ergänzt oder rekonstruiert aus Mitschriften von Vorlesungen und aus unseren gemeinsamen Gesprächen…“ (S. 71).

Zum Teil „Erziehungsprozess“ konnte sie auf ein nicht vollendetes entsprechendes Manuskript Sünkels für den zweiten Band zurückgreifen und es vollständig übernehmen. Für den Teil „Erziehungsfeld“ hatte Sünkel kein Manuskript mehr verfassen können. Dafür griff Hopfner auf ein von zwei Studierenden erstelltes, von Sünkel seinerzeit autorisiertes Vorlesungsskript aus dem Sommersemester 1985 zurück, in dem auch das „Erziehungsfeld“ behandelt worden war. Hopfner konnte das Skript aufgrund ihrer Vertrautheit mit Sünkels Theorie, nicht zuletzt aus vielen Gesprächen in Erlangen, moderat überarbeiten. Sie hat es um ein noch von Sünkel stammendes kurzes Manuskript („Systematik der Theorie des Erziehungsfeldes“ 1995/96) als Zusatz und durch eigene ebenfalls kurze Texte [„Episode 10“, „Ein anderer Epilog“, „Eine (vorläufig) letzte Episode“] ergänzt.

Aufbau

Das Buch besteht aus den beiden Teilen „Erziehungsprozess“ und „Erziehungsfeld“ der „Allgemeinen Theorie der Erziehung“ sowie einem Anhang, der fünf „Fragmente der Theorie der Erziehung“ (drei Vorträge und zwei Manuskripte) und unter dem Titel „Werdendes Wissen – die studentischen Anfänge im pädagogischen Denken von Wolfgang Sünkel“ drei Seminarreferate enthält.

Inhalt

Der vorliegende zweite Band beinhaltet die beiden letzten Teile der vierteiligen „Allgemeinen Theorie der Erziehung“ und steht insofern in engem Zusammenhang mit dem ersten Band. Ich lasse den Anhang und die Ergänzungen zum Erziehungsfeld hier außer Acht und versuche die Rezension so zu verfassen, dass sie auch ohne Kenntnis des ersten Bandes, den ich 2011 ebenfalls für socialnet besprochen habe, verständlich bleibt. Wichtig ist jedoch, den Zusammenhang der vier Teile, die jeweils durch einen Begriff markiert sind, zu vergegenwärtigen.

Erziehungsbegriff und Erziehungsverhältnis (Bd. 1), Erziehungsprozess und Erziehungsfeld (Bd. 2)

Zentrum von Sünkels Erziehungstheorie ist der „Erziehungsbegriff“ (Bd. 1, Teil I), den er als „vermittelte Aneignung von nichtgenetischen Tätigkeitsdispositionen“ durch „Erzieher“ („Vermittlung“) und „Zögling“ („Aneignung“) definiert. Die so bestimmte Erziehung, die den Unterricht ein‑ und nicht ausschließt, weist zwei „durchaus verschiedene, aber einander ergänzende (komplementäre) Aspekte“ (S. 23) auf: das „Erziehungsverhältnis“ (Bd. 1, Teil II) und den „Erziehungsprozess“ (Bd. 2, Teil III).

Das Erziehungsverhältnis ist in die Erziehungssituation eingelassen, die durch die (räumliche und relativ statische) „Beziehungsstruktur“ (S. 23) zwischen Erzieher, Zögling und den Tätigkeitsdispositionen als „Drittem Faktor“ charakterisiert ist. Es verbindet die beiden Tätigkeiten der Vermittlung und Aneignung, durch die die verschiedenen Beziehungen der Erziehungssituation aktualisiert bzw. dynamisiert werden. Der Erziehungsprozess enthält die (zeitliche und relativ dynamische) „Zeitdifferenzstruktur“ (S. 23) zwischen dem „Realmodus“ und dem „Prospektivmodus“ des Zöglings. Während die Tätigkeiten der Vermittlung und Aneignung im Erziehungsverhältnis als eher kurzfristiges und mehr diskontinuierliches Verändern zu verstehen sind, wird der Erziehungsprozess durch eher langfristiges und mehr kontinuierliches Sichverändern bzw. Anderswerden gefüllt. Während Sünkel die Tätigkeit der Vermittlung als „Einwirkung“ deklariert, stellt der Erziehungsprozess gewissermaßen eine Auswirkung dar.

Die Erziehung in ihren beiden Aspekten des statisch-räumlichen Verhältnisses und des dynamisch-zeitlichen Prozesses findet wiederum immer in einem historisch und kulturell konkreten „Erziehungsfeld“ (Bd. 2, Teil IV) statt, durch das sie vielfältig variiert wird.

Sünkels allgemeine Theorie der Erziehung besteht aus einer „Begriffstheorie, Situationstheorie, Prozesstheorie und Feldtheorie“. Die haben „keine verschiedenen Gegenstände, sondern nur einen: die Erziehung“ (S. 65).

Erziehungsprozess (Teil III)

„Erziehung braucht Zeit“ (S. 12). Der entsprechende Erziehungsprozess hat seinerseits einen Anfang und ein Ende, die beide in pädagogischer Hinsicht nicht datierbar sind. Die Erziehung beginnt bald nach der Geburt, sie endet insgesamt mit dem „Anfang der Erwachsenheit, des Zustands der vollständig entfalteten Gesellschaftlichkeit des Menschen“ (S. 18). Zu diesem Zeitpunkt wechselt die „Zeit, in der erzogen wird“ bzw. die „Zeit des Erwerbs der Dispositionen“ in die „Zeit, für die erzogen wird“ bzw. die „Zeit ihres Gebrauchs“ (S. 13). Dieser Wechsel ist nur in rechtlicher Hinsicht durch den Status der Volljährigkeit datierbar. Das sogenannte lebenslange Lernen, das letztlich bis zum Tode gedacht ist, steht dazu nicht im Widerspruch, da die Erziehung nur die Zeit der Abhängigkeit des Zöglings von der Vermittlung durch Erzieher betrifft. Es gibt die „unvermittelte Aneignung“ (S. 17) ohne Erzieher während des Erziehungsprozesses und danach. Sie gilt Sünkel aber nicht als Erziehung, ebenso wenig jede spätere vermittelte Aneignung, die selbstbestimmt erfolgt.

Der Zustand der Erwachsenheit deckt in modernen Gesellschaften nur noch eine gesellschaftlich erforderliche „dispositionelle Grundausstattung“ (S. 20) ab, die im Anschluss durch spezifische berufliche, aber auch private und politische Ausstattungen zu ergänzen ist.

Der Erziehungsprozess zwischen früher Kindheit (Anfang) und Erwachsenheit (Ende) vollzieht sich im Zögling; „der Erziehungsprozess ist sein Weg, denn er ist vom Anfang bis zum Ende der Erziehungszeit dabei, auch wenn die Umstände wechseln und die Erzieher einander ablösender“ (S. 26). Der Prozess wird durch Status (Zustände) rhythmisiert, zwischen denen er in der Regel kontinuierlich bzw. „gleitend“ als Vorgang, aber auch diskontinuierlich bzw. „markant“ (S. 34) durch Ereignisse erfolgt. Statt vom „Erziehungsprozess“ könnte man auch in traditioneller pädagogischer oder in psychologischer Terminologie von „Bildung“ oder „Entwicklung“ sprechen. Da diese beiden Begriffe aber historisch überladen und mehrdeutig sind, zieht Sünkel den unbelasteten Terminus „Prozess“ vor.

Der Status, um den es in der Erziehung geht, ist „die jeweilige dispositionelle Verfasstheit des Zöglings in der Zeit“. Die nennt SünkelModus“, die Veränderung zwischen Modi „Modifikation“ (S. 39). Real ist nur der jeweils gegenwärtige Modus („Realmodus“). Jeder vergangene Modus („Retrospektivmodus“) ist nicht mehr real bzw. wird nur erinnert und jeder zukünftige Modus („Prospektivmodus“) noch nicht real und wird nur erwartet, als Ziel, erwünschte oder unerwünschte Nebenwirkung.

Für den Erziehungsprozess sind in erster Linie der Real‑ und der Prospektivmodus bedeutsam, letzterer nur als kurzfristiges, spezifisches und damit für die Modifikation anschlussfähiges Nahziel. Den Ablauf „von Realmodus zu Prospektivmodus zu Modifikation zu Realmodus“ deklariert Sünkel als „Fundamental-Struktur des Erziehungsprozesses“ (S. 42). Allgemeine und langfristige Fernziele sind, solange sie nicht nur, wie z.B. Autonomie, formaler Natur sind, Thema des Erziehungsfeldes. Der Erziehungsprozess besitzt insofern eine „dialektische Struktur“. „In seiner Wahrnehmung des Zöglings und in seinem Handeln in Bezug auf ihn … muss der Erzieher den Zögling gleichsam in doppelter Gestalt vor Augen haben, als den Gegebenen, der er – gegenwärtig – ist, und als den Veränderten, der er – künftig – sein wird, kann oder soll“ (S. 27).

Erziehungsfeld (Teil IV)

„Verhältnistheoretische und prozesstheoretische erziehungslogische Strukturen sind real nur angereichert mit außerpädagogischen Strukturen anzutreffen. In ihrer logischen Gestalt können erziehungslogische Strukturen nur unabhängig von solchen außerpädagogischen Momenten beschrieben und analysiert werden. Die konkrete Gestalt dagegen, die diese Strukturen in der Realität annehmen, ist häufig nicht einmal vorrangig erziehungslogisch bestimmt. Die reale Gestalt kann durch außerpädagogische Momente modifiziert, häufig sogar determiniert sein.“ (S. 49).

Als außerpädagogisch gelten einerseits die allgemeinen „gesellschaftlichen“ und andererseits besondere Bedingungen bestimmter Sektoren wie z.B. der Ökonomie, Politik und des Rechts. Und diese Bedingungen variieren stets sowohl historisch als auch territorial. Dieses „System der jeweils historisch besonderen sozio-kulturellen Verhältnisse und Bedingungen, in denen Erziehung stattfindet, auf die sie sich bezieht und durch die sie teils determiniert, teils beeinflusst wird“, ist das „Erziehungsfeld“. „Erziehung als transhistorisches Phänomen liegt der geschichtlichen Welt als Grund ihrer Möglichkeit voraus und ist zugleich in ihrer Wirklichkeit geprägt durch die jeweiligen historisch-gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen sie stattfindet“ (S. 49).

Diskussion

Der vorliegende zweite Band von Wolfgang Sünkels Allgemeiner Theorie der Erziehung ist wie der erste verständlich, teilweise elegant geschrieben und inhaltlich sehr gut nachvollziehbar. Der vierte Teil der Theorie wirkt nicht mehr in derselben Weise in sich geschlossen wie die anderen drei Teile. Das ist aber nur dem Umstand geschuldet, dass er nicht nur rekonstruiert, sondern in gewisser Weise erst konstruiert werden musste.

Meines Erachtens verbleibt inhaltlich gesehen das Manko, dass die Erziehungssituation inkl. des Erziehungsverhältnisses (Teil 2) und der Erziehungsprozess (Teil 3) nicht verbunden wirken. Es gibt sozusagen ein missing link. Sünkel hatte schon in seiner „Phänomenologie des Unterrichts. Grundriß der theoretischen Didaktik“ (1998) auf eine grundsätzliche theoretische Schwierigkeit verwiesen. „Jedes pädagogische Phänomen ist der Sache nach immer Situation und Prozeß zugleich. Nur die Begrenztheit des menschlichen Denk‑ und Erkenntnisvermögens bringt es mit sich, daß wir das jeweilige Phänomen nur entweder als primär situativ oder als primär prozessual bestimmt wahrnehmen, auffassen und darstellen können. Situative Beziehungen realisieren sich in Prozessen und Prozesse laufen nur in situativen Beziehungen; unser Auge hebt jeweils das eine hervor und ordnet ihm das andere unter.“ (S. 55)

Das mag zwar prinzipiell so sein, wird aber bei Sünkel insofern zusätzlich verunmöglicht, als sich die seiner Allgemeinen Theorie der Erziehung Situation und Prozess bzw. Raum und Zeit nicht ganz entsprechen. Während er die Situationstheorie räumlich und zeitlich relativ punktuell fasst, dehnt er die Zeittheorie mittel‑ bis langfristig und engt sie zugleich auf den Zögling ein. Und während in der Situationstheorie mehr einzelne Dispositionen im Vordergrund stehen, ist es in der Prozesstheorie jeweils eine gesamte „dispositionelle Verfasstheit“. Sollte die Janusköpfigkeit pädagogischer Phänomene aber nicht notwendig bestehen, könnten Situation und Prozess aber für ein mögliches missing link nur aufeinander bezogen werden, wenn sich beide Aspekte räumlich, zeitlich und sachlich entsprechen – sei es auch auf verschiedenen Ebenen.

Fazit

Mit dem zweiten Band der „Allgemeinen Theorie der Erziehung“ liegt nun eine der bemerkenswertesten Allgemeinen Pädagogiken der letzten Jahrzehnte vor. Wolfgang Sünkel hat sie über Jahrzehnte hinweg fast zur Gänze selbst erarbeitet. Johanna Hopfner kommt das Verdienst zu, sie nun abgeschlossen zu haben.

Rezension von
Prof. Dr. Ulrich Papenkort
Professur für Pädagogik an der Katholischen Hochschule Mainz
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Es gibt 53 Rezensionen von Ulrich Papenkort.

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ISSN 2190-9245