Anne van Rießen, Carina Bhatti et al. (Hrsg.): Perspektiven in Bewegung
Rezensiert von Wolfgang Schneider, 17.04.2026
Anne van Rießen, Carina Bhatti, Christoph Gille, Katja Jepkens (Hrsg.): Perspektiven in Bewegung. Entwicklungen von Nutzen und Nutzung Sozialer Arbeit im Kontext subjektorientierter Forschung. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2025. 377 Seiten. ISBN 978-3-658-48495-8.
Thema
Im Fokus dieses Buches stehen konzeptionelle Veränderungen und neue Entwicklungen subjektorientierter Forschung in der Sozialen Arbeit. Dabei geht es um die Fragen, welche theoretischen Weiterentwicklungen die Forschungsperspektiven erfahren haben oder auch welche Aspekte hinzugekommen, geschärft oder sich verändert haben. Ebenfalls Kernthema des Titels: Welche aktuellen Forschungsergebnisse zu unterschiedlichen Handlungsfeldern Sozialer Arbeit lassen sich ausmachen? Neben der Beschäftigung mit den Leitfragen untersuchen die Autor:innen in ihren Beiträügen die Möglichkeiten der Untersuchung gesellschaftlicher Bedingungen, um eine Antwort darauf zu finden, wie gesellschaftliche Kontexte in den Blick genommen werden und Ergebnisse zur nötigen Transformation der Bedingungen erzielt werden können.
Herausgeber:innen
Alle Herausgeber:innen sind an der Hochschule Düsseldorf tätig. Dr. phil. Anne van Rießen ist Professorin für Methoden Sozialer Arbeit am Fachbereich Sozial‑ und Kulturwissenschaften. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Sozialraumbezogene Soziale Arbeit, Partizipation und Demokratisierung Sozialer Arbeit sowie Nutzer:innenforschung. Carina Bhatti, M.A. Forschung in der Sozialen Arbeit, B.A. Sozialarbeit/​Sozialpädagogik, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für lebenswerte und umweltgerechte Stadtentwicklung sowie am Fachbereich Sozial‑ und Kulturwissenschaften. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind digitale Angebote in der offenen Altenhilfe sowie die Perspektive der Nutzer:innen. Katja Jepkens ist Diplom-Sozialpädagogin/​Sozialarbeiterin, M.A. und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachbereich Sozial‑ und Kulturwissenschaften. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind die Perspektive der Nutzer:innen und Maßnahmen für junge Menschen im Übergang zwischen Schule und Beruf. Dr. phil. Christoph Gille ist Professor für Soziale Arbeit im Kontext von Armut und Ausgrenzung am Fachbereich Sozial‑ und Kulturwissenschaften. Er arbeitet zur gesellschaftlichen und politischen Teilhabe von Menschen in prekarisierten Lebenslagen. Über 30 wissenschaftlich tätige Autor:innen haben Beiträge zu diesem Band geliefert.
Aufbau und Inhalt
Die Beiträge des ersten Teils beschäftigen sich mit den theoretischen Entwicklungen und Diskursen im Kontext subjektorientierter Forschung. Nach einem Überblick zum aktuellen Stand der Nutzer:innenforschung im Rahmen der Sozialen Arbeit setzen sich die Autor:innen zum Beispiel mit den Unterschieden sowie Gemeinsamkeiten wirkungs‑ und subjektorientierter Forschungsperspektiven auseinander. Christof Beckmann aus Hamburg wirft dann einen Blick auf mögliche Gefahren, die daraus entstehen können, wenn sich subjektorientierte Forschung ausschließlich auf die Aussagen und Strategien der Nutzenden konzentriert und ihre kritische Perspektive auf die gesellschaftlichen Verhältnisse verliert. Im weiteren Verlauf untersucht Wiebke Dierkes, inwieweit die Sozialpädagogische Nutzer:innenforschung als kritische Sozialwissenschaft die Nutzer:innen nicht als passive Empfänger:innen, sondern als aktive Produzent:innen ihres Lebens versteht. Von zentraler Bedeutung ist dabei die Forderung der Autorin, dass Forschung nicht nur individuelle Perspektiven beleuchtet, sondern kollektive, öffentlich und konflikthaft geprägte Aushandlungsprozesse in den Blick nimmt, um so selbstkritische und emanzipatorische Impulse zu stärken. Den Abschluss dieses ersten Teils bildet ein Text von Kerstin Herzog und Falko Müller. Sie beschreiben, dass Konfliktorientierung einen Zugang darstellt, um gesellschaftliche Kontexte der Erbringung systematisch in den Blick zu nehmen. Aus dieser Perspektive wird das Erbringungsverhältnis als Schnittstelle zweier Alltagswelten – der subjektiven Lebensführung der Nutzenden und der institutionellen Bedingungen der Fachkräfte – verstanden. Diese Betrachtungsweise macht deutlich, dass strukturelle Konflikte zwischen individuellen Bedürfnissen und institutionellen Regulierungen vorhanden sind, die im Miteinander erkennbar werden. Der Konfliktbegriff dient dabei als analytisches Werkzeug, um diese Spannungen produktiv zu beleuchten, anstatt ein einheitliches, harmonisches Arbeitsbündnis vorauszusetzen.
Im zweiten Teil des Buches werden handlungsfeldbezogene Erkenntnisse und Analysen subjektorientierter Forschung aus verschiedenen Handlungsfeldern Sozialer Arbeit beschrieben. Jennifer Eckhardt beschäftigt sich mit der Nichtinanspruchnahme von Sozialleistungen und geht der Frage nach, wie ein subjektivierungsanalytisch-dispositivtheoretischer Zugang unsichtbare Zugangsbarrieren des Sozialstaats aufdecken kann. Das Ziel dieses Forschungsprojektes liegt darin, den tatsächlichen „Gebrauchswert“ sozialstaatlicher Leistungen aus subjektiver Perspektive zu rekonstruieren und gleichzeitig aufzuzeigen, wie gesellschaftliche Diskurse, Normen und institutionelle Praktiken individuelle Zugänge prägen. Dazu hat die Forscherin durch episodische Interviews die Lebenssituationen und biografischen Narrative von Personen beleuchtet, die sich gegen die Inanspruchnahme von Sozialleistungen entschieden haben. In den folgenden beiden Kapiteln geht es dann um Forschungsprojekte zur Arbeitsmarktintegration von Elternteilen im SGB-II-Leistungsbezug sowie anhand narrativ-biografischer Interviews die Teilhaberealitäten von Männern mit Haftgeschichte. Das Thema Haft spielt auch danach eine Rolle, wenn Anne van Rießen und Gaby Temme erläutern, dass der institutionelle Kontext des Strafvollzugs nicht nur die Lebensrealität der Inhaftierten reguliert, sondern auch das Erbringungsverhältnis zwischen Fachkraft und den männlichen Interviewpartnern massiv einschränkt. Mit inhaftierten Menschen nehmen Anja Frank, Christian Schwarzloos, Maruta Herding, Maria Jakob und Daniel Diegmann haben auf Grundlage narrativer Interviews mit 16 inhaftierten Jugendlichen, die während der Haft an Angeboten so genannter Radikalisierungsprävention teilnehmen, die Aneignungsweisen der Angebote näher betrachtet.
Barbara Marti, Maike O‘Reilly und Rebekka Streck beschreiben danach, dass bezogen auf die akzeptanzorientierten Drogenhilfen der Nutzen nur im Verhältnis zu den gesellschaftlichen Kontexten hergestellt und forschend rekonstruiert werden kann. Im weiteren Verlauf stehen dann folgende Themen im Fokus: die (Nicht-)Nutzung von Situationen veranstalteter Partizipation im Kontext der Gemeinwesenarbeit, die partizipative Nutzer:innenforschung mit Menschen in Obdachlosigkeit unter Verwendung unterschiedlicher Methoden wie das GPS-Tracking, die Autofotografie, Fragebogen sowie offene und leitfadengestützte Interviews zum dem Raumnutzungsverhalten obdachloser Personen. Mit einem ähnlichen Personenkreis beschäftigt sich Tim Sonnenberg: Er stellt drei Fallbeispiele aus seinem noch laufenden Promotionsprojekt vor, in denen deutlich wird, dass sich wohnungslose Menschen bisweilen gar keine Beendigung dieser Lebenssituation mehr wünschen. Das sei weniger eine Form von Resignation oder Entfremdung als vielmehr um eine intentionale, subjektiv-sinnvolle und insbesondere aktive Strategie der Alltagsbewältigung. Claudia Daigler richtet in ihrem Beitrag den Blick auf wohnungslose Familien – und damit vor allem auf Frauen mit Kindern, die entgegen allen Klischees die Mehrheit wohnungsloser Menschen darstellen. Auf der Basis der Erfahrungen von Fachkräften aus der Wohnungslosen‑ und Jugendhilfe identifiziert sie die verschiedenen Herausforderungen und Barrieren, die mit der Inanspruchnahme sozialstaatlicher Hilfen einhergehen – von der Unübersichtlichkeit der verschiedensten Hilfesysteme über als notwendig erachtete Verdeckungen im Angesicht möglicher staatlicher Repressalien bis hin zum Wohnungsmarkt, der nicht ausreichend bezahlbaren Wohnraum zur Verfügung stellt. Die fehlende Wahrnehmung von und damit einhergehende mangelnde Ausrichtung auf Familien führt zu einem weitgehenden Ausbleiben von Nutzen der bestehenden sozialstaatlichen Angebote.
Erlebnistagebücher als mögliche Erweiterung des Methodenrepertoires subjektorientierter Forschungsperspektiven werden als interessante Alternative zu gängigen Datenerhebungsinstrumenten anschließend vorgestellt. Sie bieten Möglichkeiten, das Scheitern in erlebnispädagogischen Angeboten zu untersuchen. Eine Chance der vorgestellten Methode kann darin liegen, dass diese die Prozessdimension der Nutzung auf neue Art zugänglich machen kann, indem das Angebot begleitend kontinuierlich eingesetzt wird. Im weiteren Verlauf stehen ausgewählte Ergebnisse einer beauftragten Evaluationsstudie des Sonderprogramms „Zugänge erhalten – Digitalisierung stärken“ im Fokus. In dieser Studie ging es um den Gebrauchswert der geförderten Digitalisierungsprojekte aus Perspektive der Nutzer:innen. Neben dem Nutzen und dem Nicht-Nutzen erfolgt eine kritische Auseinandersetzung mit dem forschungsmethodischen Vorgehen, mithilfe dessen einerseits eine Kontextualisierung der Ergebnisse ermöglicht werden soll und andererseits Empfehlungen für künftige Studien geschlussfolgert werden können. Carina Bhatti widmet sich im 19. Kapitel einen wahrgenommenen Digitalisierungsschub und ‑druck ab und dessen Einfluss auf ältere Menschen. Dazu betrachtet sie die Bedeutung digitaler Angebote in der offenen Altenhilfe und stellt ihr aktuelles Dissertationsprojekt vor. Sie erläutert, dass es zu berücksichtigen gilt, dass es weiterhin Menschen geben wird, die nicht in der Lage sein werden oder sich bewusst dagegen entscheiden, digitale Medien zu nutzen. Am anderen Ende der Alterskette ist das Thema des folgenden Beitrages angesiedelt. Alina Franz rekonstruiert, wie sich Adressat:innen und Fachkräfte der Offenen Jugendarbeit in Angeboten der Sozialen Arbeit notwendigerweise ins Verhältnis setzen. Im Zentrum des Beitrags von Désirée Wägerle und Petra Bauer stehen empirische Ergebnisse einer adressat:innenorientierten Nachbefragung bei ehemaligen Nutzer:innen von Angeboten der Frühen Hilfen. Dabei werden sowohl der insgesamt hohe Nutzen des niederschwelligen und bedürfnisorientierten Angebots aus Sicht der Adressat:innen thematisiert als auch bestehende Barrieren, wodurch das das Stigmatisierungspotenzial und das Spannungsfeld zwischen Hilfe und Kontrolle deutlich werden.
Mit Abbrucherfahrungen in der Kinder‑ und Jugendhilfe in den Mittelpunkt anhand empirischer Ergebnisse, bei deren Darstellung die Perspektiven von zwei Jugendlichen den Schwerpunkt bilden, beschäftigt sich das nächste Kapitel. Ein besonderer Blick wird dabei auf das das Potenzial der Inobhutnahme als wichtiger Start in das Jugendhilfesystem geworfen. Hier zeigt sich einmal mehr, wie wichtig Partizipation und Kontinuität für einen gelingenden Hilfeprozess sind. Die Elternebene steht im Beitrag von Michael Herschelmann im Zentrum, in dem es um Nutzen und Hindernisse der Inanspruchnahme sozialer Dienstleistung im spezifischen Kontext ländlicher Räume geht. Dafür arbeitet er auf der Ebene des Erbringungsverhältnisses, des Erbringungskontextes und der gesellschaftlichen Erbringungsverhältnisse heraus, wie Eltern um Sinn in entfremdeten Bedeutungen kämpfen, und leitet konkrete nutzenstrukturierende Bedingungen ab: Mut und Zeit sind nicht die einzig herausfordernden Faktoren.
Der dritte des Teiles des Buches bildet dann als Abschluss bildet eine Ergebnissammlung der vorherigen Texte und gibt weiterführende Ausblicke.
Diskussion
Es sind vor allem die so unterschiedlichen Forschungsprojekte als Kern dieses Buches, die es für all jene Menschen, die sich mit der Forschung rund um Adressat:innen der Sozialen Arbeit beschäftigen, so wertvoll machen. Das breit angelegte Spektrum gibt einen spannenden und interessanten Einblick in die Lehren, die die Soziale Arbeit aus der Forschung mit denjenigen, für die sie da ist, ziehen kann, zeigt aber durchaus auch Grenzen und Schwierigkeiten auf. Alles in allem ist dieses Buch für all jene Wissenschaftler:innen sehr empfehlenswert, die sich mit eigenen Projekten der Forschung mit Adressat:innen widmen.
Fazit
Vielfältig und erkenntnisreich wirft dieses Buch einen wichtigen Blick auf die Adressat:innenforschung in der Sozialen Arbeit.
Rezension von
Wolfgang Schneider
Sozialarbeiter
Mailformular
Es gibt 223 Rezensionen von Wolfgang Schneider.





