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Friederike Höfer, Christian Huchzermeier (Hrsg.): Forensisch-Psychiatrische Fallbesprechungen

Rezensiert von Wolfgang Schneider, 29.01.2026

Cover Friederike Höfer, Christian Huchzermeier (Hrsg.): Forensisch-Psychiatrische Fallbesprechungen ISBN 978-3-17-045533-7

Friederike Höfer, Christian Huchzermeier (Hrsg.): Forensisch-Psychiatrische Fallbesprechungen. Ein interdisziplinäres Fallbuch für die Weiterbildung und Praxis. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2025. 345 Seiten. ISBN 978-3-17-045533-7. 59,00 EUR.

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Thema

Typische Fallkonstellationen, ungewöhnliche Kasuistiken, die auf realen Fällen beruhen, und Besonderheiten des forensisch-psychiatrischen Arbeitsgebietes: Dieses Werk gewährt einen einzigartigen Einblick in die komplexe Schnittstelle von Recht und Psychiatrie. Erfahrene Expertinnen und Experten berichten aus verschiedenen Tätigkeitsfeldern über unterschiedliche Formen der Gewalt, die von Täterinnen und Tätern mit Psychosen, Paraphilien, Persönlichkeitsstörungen oder Suchterkrankungen verübt wurden. Mögliche Lösungsansätze für komplexe diagnostische und therapeutische Situationen werden dabei anschaulich aufgezeigt und auch mit den zum Teil gegenläufigen gesellschaftlichen Erwartungen abgeglichen. Sie beleuchten einerseits charakteristische, andererseits besonders herausfordernde Situationen in der forensisch-psychiatrischen Diagnostik und Behandlung – aus der Praxis für die Praxis.

Herausgeber:in

Dr. med. Friederike Höfer ist stellvertretende Chefärztin des Ambulatoriums Erwachsenenforensik an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Prof. Dr. med. Christian Huchzermeier ist Direktor des Instituts für Sexualmedizin und Forensische Psychiatrie und Psychotherapie am Zentrum für integrative Psychiatrie des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein, Campus Kiel. Zahlreiche Autor:innen aus Deutschland und der Schweiz haben Beiträge verfasst.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in drei Teile. Teil 1 Allgemeine Fälle widmet sich übergeordneten Aspekten zum Beispiel aus den Bereichen Gutachten, Behandlung im Zwangskontext oder auch Gewaltprävention. Ziel ist es dabei, den Leser:innen zu verdeutlichen, dass einer möglichst exakten Diagnose große Bedeutung zukommt, um Tat und die eventuell zugrunde liegende psychische Erkrankung in einen Kontext zu setzen. Dieser erste Teil zeigt die Herausforderungen auf, die mit Diagnostik und daraus resultierenden Entscheidungen, die im Rahmen der rechtlichen Beurteilung erfolgen, auf. Schwere psychische Störungen ist der zweite Teil überschrieben, in dem es um die Begutachtung und Behandlung von schweren psychischen Störungen in verschiedenen Settings geht, wobei immer im Vordergrund steht, dass weitere Straftaten verhindert werden. Aus dieser gesicherten Position heraus soll es immer um Resozialisierung gehen, was dazu führt, dass auf forensischen Psychiater:innen eine hohe Verantwortung ruht, wenn sie über die Gefährlichkeit von Patient:innen urteilen müssen. Unter dem Titel Sexuelle Störungen und Sucht widmet sich der dritte Teil einem besonders vielschichtigen Bereich, bei dem auch immer gesellschaftliche und kulturelle Normen eine große Bedeutung haben. Im Fokus stehen neben den klinischen Besonderheiten der Störungen und therapeutischen sowie präventiven Ansätzen auch die praktischen Wege der Behandlung und Rehabilitation.

Direkt der erste Beitrag von Elmar Habermeyer wirft dabei eine spannende Frage auf: Was passiert eigentlich, wenn es aus gutachterlicher Sicht keine sinnvolle Empfehlung gibt? Deutlich wird das am Fall des Herrn T., der in der Schweiz lebt und dort im Alter von etwa 18 Jahren strafrechtlich damit in Erscheinung getreten ist, dass er über das Internet Kinder und Jugendliche kontaktierte und diese dann zur Masturbation vor der Kamera oder dem Übersenden von Nacktbildern aufforderte. Im daraus resultierenden Strafverfahren wurden im Rahmen einer psychiatrischen Begutachtung eine unreife, selbstunsichere Persönlichkeit mit narzisstischen Anteilen, ein Missbrauch von Alkohol und Cannabis aber auch eine pädosexuelle Neigung diagnostiziert. Schon damals das Problem: Herrn T. wurde in dieser ersten Begutachtung bereits eine geringe Offenheit für die Thematik und Tendenzen zur Bagatellisierung bescheinigt. Das Kapitel beschreibt anschaulich zum einen den Weg durch die forensischen Maßnahmen, die die Schweiz bietet, und zeigt immer wieder auf, welche Unterschiede zu Deutschland bestehen. So ist es in der Schweiz möglich, dass Behandlungsmaßnahmen unabhängig von Schuldfähigkeit oder deren Aufhebung möglich sind: „Entscheidend bleibt hier die Frage, ob ein hohes Risiko hinsichtlich weiterer Delikte besteht und ob es Möglichkeiten gibt, auf dieses Risiko therapeutisch Einfluss nehmen zu können“ (S. 19). Zum anderen wird auch Herrn T.s weitere Entwicklung skizziert. Und die zeigt deutlich Grenzen und Herausforderungen des Machbaren auf, denn trotz aller Bemühungen gelingt es nicht, mit dem Patienten an seinen pädosexuellen Neigungen zu arbeiten, weil er sie negiert. Dass er letztlich trotzdem entlassen werden musste, da eine dauerhafte Anordnung des Maßregelvollzugs bei einer Anlasshaft von zwei Jahren unverhältnismäßig gewesen wäre, macht deutlich, dass der Grat zwischen der Wahrung von Individual- und Kollektivrechten sehr schmal ist und nicht immer zufriedenstellend gelöst werden kann.

Einer der ganz anderen Thematik widmet sich der Beitrag „Eine Systemsprengerin in der Jugendforensik“ von Anne Wettermann und Christin Krüger. Die Autorinnen berichten über eine 15-Jährige, die aufgrund von enormer Eigen- und Fremdaggressivität jugendforensisch untergebracht wurde, nachdem es unter anderem wegen Brandstiftungen und Angriffe auf Rettungskräfte zu einem Strafverfahren gekommen war. Die Geschichte des Mädchens wird in mehreren Schritten umfassend dargestellt, auch die Tatsache, dass sie bei der Aufnahme in die Forensik bereits über 40 medizinische Vorbehandlungen hatte, davon fast 90 Prozent ab dem 13. Lebensjahr. Die Autorinnen arbeiten heraus, dass die Suche nach Beachtung und Zuwendung eines der Hauptmotive der Klientin für ihre Handlungen ist und das System ihre Verhaltensweisen sogar noch bestärkt, weil die Aufnahmen in die Psychiatrie ihr eben jene Aufmerksamkeit, die sie als Kind nie hatte, geben. Mit großer Klarheit wird der Weg mit all seinen Herausforderungen und Unwägbarkeiten beschrieben, den die Jugendliche im therapeutischen Setting geht. Dabei wird deutlich, dass sie eben nicht bloß ein ‚Problem‘ ist, sondern auch über viele Ressourcen verfügt. Deutlich wird dabei, wie wichtig es ist, Hilfen nicht ‚von der Stange‘ zu entwickeln, sondern diese an den individuellen Bedarf anzupassen – auch wenn das häufig der anspruchsvollere Weg ist. Nach einer fast zweijährigen Langzeitbehandlung im stationären Setting konnte die Patientin eine betreute Wohngruppe umziehen.

Diskussion

Dieses Buch verbindet eine enorme Fachkompetenz mit Beiträgen, die spannend, informativ und klar geschrieben sind, dazu kommen eine absolut logische Struktur und Visualisierung. Spannend ist der Vergleich zwischen der Schweiz und Deutschland, der immer wieder mitschwingt und einen interessanten Blick über den Tellerrand bietet. Dass sich die Beiträge nicht in Kasuistiken verlieren, sondern jeweils ein Fallbeispiel pro Kapitel beschrieben wird, ermöglicht für die Leser:innen einen großartigen Einblick in die einzelnen Themenfelder, die Vorgehensweise der forensischen Psychiatrie aber auch in die enorme Verantwortung, die die Expert:innen sowohl den Patient:innen gegenüber aber auch der Gesellschaft haben.

Fazit

Informativ, lesenswert, kompetent und konsequent mit einem multiprofessionellen Blick: Dieses Buch lohnt sich für all, die einen fachlichen Einblick in die forensische Psychiatrie erlangen wollen.

Rezension von
Wolfgang Schneider
Sozialarbeiter
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Es gibt 208 Rezensionen von Wolfgang Schneider.

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ISSN 2190-9245