Maximilian Haendschke: Werte und Einstellungen von Polizeibeamtinnen und Polizeibeamten
Rezensiert von Wolfgang Schneider, 10.07.2026
Maximilian Haendschke: Werte und Einstellungen von Polizeibeamtinnen und Polizeibeamten. Eine empirische Untersuchung im Kontext von Rahmenbedingungen und Erfahrungen des täglichen Dienstes. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2026. 367 Seiten. ISBN 978-3-658-50479-3. D: 79,99 EUR, A: 82,23 EUR, CH: 88,50 sFr.
Reihe: Kriminologische Studien.
Thema
Als Exekutivorgan des staatlichen Gewaltmonopols muss die Polizei Bürgernähe, Transparenz, aber auch die Durchsetzungskraft des Rechtsstaates in sich vereinen. Der Anspruch an die Polizeibeamtinnen und Beamten muss also sein, in ihrem dienstlichen Alltag individuelle Ansichten und Werte hinter ihren beamtenrechtlichen Pflichten und insbesondere dem Neutralitätsgebot zurückzustellen. Die eigene Identifikation mit unseren demokratischen Grundwerten ist dabei unerlässlich. Allerdings traten in den vergangenen Jahren immer wieder Fälle von Diskriminierung durch Polizeibeamtinnen und Polizeibeamte zu Tage und legten die Befürchtung struktureller Probleme mit menschenfeindlichen Einstellungen nahe. Diese Arbeit beleuchtet deshalb die Einstellungen von Polizeibeamtinnen und Polizeibeamten mit Blick auf ihre politischen Überzeugungen, ihre Einstellung zu spezifischen Bevölkerungsgruppen und setzt diese ins Verhältnis zu möglichen Einflussfaktoren. Dazu gehören zum Beispiel ihre Kontakterfahrungen im Umgang mit spezifischen Bevölkerungsgruppen und Merkmale der polizeilichen Arbeitswelt.
Autor
Maximilian Haendschke ist im Polizeidienst tätig und hat zeitgleich fünf Jahre lang an der Ruhr-Universität Bochum zu Werten und Einstellungen von Polizeibeamt:innen geforscht. Dieses Buch ist ergänzt um geringfügige Ergänzungen seine Doktorarbeit.
Aufbau & Inhalt
Wahlweise der jeweiligen Sichtweise entsprechend, ist die Polizei entweder eine durch und durch rechtsradikale und faschistische Organisation, deren Mitglieder aus rassistischen Motiven Jagd auf Minderheiten machen, oder aber eine Institution, die ohne Fehl und Tadel ist und sich gegen ihr nur aufgrund von einzelnen Missständen schlechtes Image wehren muss. Gerade in Zeiten des politischen und gesellschaftlichen Rechtsrucks liegt das Augenmerk dieser Forschungsarbeit darauf, das Wertefundament von Polizeibeamt:innen zu untersuchen. Maximilian Haendschke hat dafür im Rahmen des Projektes Werte‑ und Einstellungskompass der Polizei NRW anhand einer Behörde in Nordrhein-Westfalen eine quantitative Untersuchung gestartet, in deren Fokus zwei Leifragen standen:
- Unterliegen Polizeibeamt*innen institutionsimmanenten Faktoren, welche die Entstehung bzw. die Persistenz demokratie‑ und/oder menschenfeindlicher Werthaltungen oder Einstellungen beeinflussen?
- Sofern entsprechende Einstellungen vorliegen, wirken sich diese auf polizeiliches Handeln bzw. Handlungslogiken aus?
Das Buch gliedert sich dem klassischen Aufbau einer Dissertationsschrift entsprechend. Nach einer grundlegenden Einführung folgt die theoretische Rahmung durch die Vermittlung entsprechender Grundlagen sowie die Darstellung der forschungsleitenden Hypothesen folgen. Diese lauten zum Beispiel:
- Je stärker Polizeivollzugsbeamt:innen sich menschenfeindlich äußern, desto deutlicher tendieren sie auch zu Racial Profiling.
- Je selbstreflektierter Polizeivollzugsbeamt:innen sich äußern, desto weniger decken sie Fehlverhalten anderer Polizeivollzugsbeamt:innen.
Es folgen die Beschreibung der methodischen Vorgehensweise und die Darstellung der Stichprobe. Insgesamt 476 gültige Datensätze konnten aus der Erhebung generiert werden, womit ein Rücklauf von rund einem Drittel der Gesamtstärke der untersuchten Behörde gegeben war. Um die Daten einordnen zu können, werden im weiteren Verlauf zunächst die Umstände und Gegebenheiten im täglichen Polizeivollzugsdienst wie zum Beispiel die organisatorischen Rahmenbedingungen, Anforderungen und Konflikt‑ bzw. Gewalterfahrungen beschrieben sowie die komplexen Facetten polizeilicher Intergruppenkontakte und deren Wechselwirkungen dargestellt. Die Analyse der Einstellungen beginnt mit Sichtweisen in Bezug zum eigenen Dienstalltag beispielsweise in Form von Arbeitszufriedenheit, dem eigenen Commitment gegenüber der Polizei, der Berufsmotivation und typischen Elementen der gelebten „Cop Culture“. Darauf baut dann als Mittelpunkt der Veröffentlichung die Analyse der übergeordneten Werte und Einstellungen sowie etwaiger arbeitsweltlicher Einflüsse auf. Dazu zählen die politischen Grundhaltungen, die Aus-prägungen von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und neue rechten Mentalitäten. Es folgt ein Blick darauf, ob und wenn ja wie weit die ermittelten Einstellungen tatsächlich handlungsleitend sein können und zum Beispiel Racial Profiling oder eine Abschottung nach außen begünstigen können. Den Abschluss bildet ein Fazit und die Darstellung von Limitationen dieser Forschungsarbeit.
Die Ergebnisse der Untersuchung sind vielseitig und durchaus spannend. Exemplarisch zeigt sich das daran, dass es Haendschke gelungen ist, welche Bedeutung Konflikterfahrungen im alltäglichen Dienst haben können: „Dass Einstellungen wirklich handlungsleitende Auswirkungen nach sich ziehen, hängt also von weit mehr als einer theoretisch herstellbaren inhaltlichen Verknüpfung der Einstellungen und Handlungen ab. Die Entstehung und Festigung von Einstellungen und Meinungen scheint dabei in der Polizei besonders empfänglich für kollektive Vereinfachungsmuster zu sein“ (S. 344). Überraschend ist auch das Ergebnis, dass Polizeibeamt:innen mit eigenem Migrationshintergrund „in allen Bereichen stärkere Abwertungstendenzen aufzuweisen scheint“ (S. 345). Hieraus entwickelt der Autor die Frage, ob das daran liegen könnte, dass sich diese Gruppe innerhalb der Gruppe besonders stark ‚beweisen‘ müsse.
Diskussion
Die Polizei ist nicht als Institution bekannt, die besonders offenen für kritische Forschung ist. Dass mit Maximilian Haendschke dies sogar nicht als Externer, sondern als Polizist tut, ist beeindruckend und gibt dieser spannenden Forschung und der daraus resultierenden Veröffentlichung noch mehr Ausdruckskraft. Es ist eine beeindruckende Arbeit, die nicht nur Menschen ohne Kenntnisse des Polizeialltags Einblicke in genau diesen ermöglicht, sondern auch geschickte Fragen stellt. Es mag manche Leser:innen enttäuschen: Die Ergebnisse der Arbeit sind keineswegs eine Verherrlichung von polizeilichen Einstellungen, sondern ein offener durchaus kritischer Spiegel des Denkens in einer großen Polizeibehörde. Insofern ist diese Forschungsarbeit absolut lesenswert und bereichernd, schafft sie es doch, Perspektiven aufzuzeigen, die so nicht erwartbar waren – auch wenn sich am Ende aus den Ergebnissen doch neue Fragen eröffnen. Aber das sollte bei einer guten Forschungsarbeit auch so sein – von daher: alles richtig gemacht!
Fazit
Spannender Einblick in eine sonst oft verborgene Welt.
Rezension von
Wolfgang Schneider
Sozialarbeiter
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