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Jan Micheel, Tobias Leppert: Herausforderndes Verhalten und Autismus

Rezensiert von Wolfgang Schneider, 15.04.2026

Cover Jan Micheel, Tobias Leppert: Herausforderndes Verhalten und Autismus ISBN 978-3-17-042109-7

Jan Micheel, Tobias Leppert: Herausforderndes Verhalten und Autismus. Ein Leitfaden für die pädagogische und therapeutische Praxis. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2026. 140 Seiten. ISBN 978-3-17-042109-7. 39,00 EUR.

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Thema

Autistische Menschen können Verhaltensweisen zeigen, die für sie selbst und ihr Umfeld belastend sind. Dies führt häufig zu Stress und Ohnmachtsgefühlen bei allen Beteiligten. Dieser praxisnahe Leitfaden unterstützt Fachkräfte dabei, herausforderndes Verhalten systematisch zu analysieren und gemeinsam mit Betroffenen konkrete, erreichbare Veränderungsziele zu entwickeln sowie daraus sinnvolle Handlungsschritte abzuleiten. Ein besonderer Fokus liegt auf der Berücksichtigung psychischer Grundbedürfnisse – sowohl im Entstehungsmodell als auch in der Handlungsplanung. Ziel ist dabei nicht nur, herausfordernde Verhaltensweisen zu reduzieren, sondern auch die psychische Gesundheit und Lebensqualität nachhaltig zu fördern.

Autoren

Jan Micheel ist Psychologe in der Institutsambulanz der Kinder‑ und Jugendpsychiatrie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf mit klinischem Schwerpunkt auf der (Differential-) Diagnostik von Autismus-Spektrum-Störungen.

Dr. phil. Tobias Leppert hat an der Erstellung der AWMF-Leitlinien zur Diagnostik und Therapie von Autismus-Spektrum-Störungen als Vertreter von autismus Deutschland e.V. mitgewirkt und ist therapeutische Leitung des Autismus-Therapie-Zentrums „Autismus Institut Lübeck“.

Aufbau und Inhalt

Autismus ist mehr als herausforderndes Verhalten, nämlich ein auf das Individuum bezogen funktionales und einem subjektiven Sinn folgendes Handeln, das in seinem situativen Kontext gesehen und verstanden werden will. Dieser Kernaussage folgt dieses Lehrbuch durchgängig. Zunächst einmal steht eine Einordnung des herausfordernden Verhaltens im Zentrum, worunter die Autoren „nach außen gerichtete (externalisierende) Verhaltensweisen wie aggressives, fremdverletzendes Verhalten, Beschimpfungen, Schmieren mit Körperausscheidungen oder Sachbeschädigungen“ (S. 7 f.) verstehen, wobei deutlich wird, dass der Begriff an sich nicht unumstritten ist. Deshalb stellen Micheel und Leppert klar: „Herausforderndes Verhalten ist kein Merkmal und keine Eigenschaft“ (S. 8), sondern viel mehr im Kontext der Lebenssituation und der psychischen Bedürfnisse zu sehen. Herausforderndes Verhalten sei als „Ergebnis eines Lernprozesses [zu verstehen] und [ist] veränderbar“ (S. 8). Auch mit diesem Wissen ist jedoch klar, dass gerade für die Betreuungspersonen durch das Verhalten eine hohe Belastung, nicht selten gepaart mit vermeintlichem oder realem Handlungsdruck, entsteht. Nicht selten entsteht auch bei Fachkräften ein Ohnmachtsgefühl in der Arbeit mit Menschen aus dem Autismus-Spektrum, dem die Autoren mit ihrem Buch begegnen wollen: Ihnen geht es darum, „die eigene Handlungsfähigkeit wiederherzustellen“ (S. 8).

Nach einer Einführung in die theoretischen Grundlagen (Kapitel 2) folgt das Herzstück des Buches, der Leitfaden. Dieser Leitfaden kann als Zusatzmaterial über die Homepage des Verlages heruntergeladen werden. Er besteht aus vier Kernelementen, die sich noch untergliedern. Zunächst steht die Informationssammlung im Fokus. Dabei geht es nicht speziell um die herausfordernden Verhaltensweisen, sondern vor allem um grundlegende Informationen, die einen Ansatz für die Erklärung der Verhaltensweisen liefern können. Darunter fallen die Lebensumstände, die Stärken und Interessen sowie der Bereich Identität, Lebenszufriedenheit und Perspektiven und die psychischen Grundbedürfnisse. Darauf aufbauend geht es im zweiten Schritt um das Beobachten und Beschreiben des herausfordernden Verhaltens, um dieses genau zu definieren. Hierbei sind die Häufigkeit, Intensität, die Bedingungen des Auftretens sowie andere relevanten Faktoren von Bedeutung, wofür der Leitfaden eine Anleitung bietet. In einem nächsten Schritt werden die Beobachtungen analysiert und interpretiert. Dazu werden sowohl individuelle als auch umweltbedingte Faktoren zusammengetragen und hinsichtlich ihrer auslösenden oder aufrechterhaltenden Faktoren eingeordnet. So entsteht eine erste Grundlage für die Planung des weiteren Vorgehens. Demnach geht es im vierten und letzten Schritt des Leitfadens um das Handeln. Auf Basis der Analyse werden Teilziele erarbeitet, die den Fokus auf die Umwelt und Personenfaktoren legen. So sollen die auslösenden Bedingungen im besten Fall minimiert oder gar entfernt werden und so eine Grundlage für neue, nicht herausfordernde Verhaltensweisen entstehen, die die Funktion der bisherigen herausfordernden Verhaltensweisen übernehmen.

Alle Schritte des Leitfadens sind durch Materialien im Anhang in die Praxis umsetzbar, sodass das Buch nach einem ersten Lesen der Erklärungen während des Umsetzens als eine Art Nachschlagewerk genutzt werden soll.

Diskussion

„Kennst Du eine:n Autist:in, kennst Du eine:n Autist:in“ – hinter diesem Satz steckt sehr viel Wahrheit, denn die Ausprägungen im Autismus-Spektrum weisen große individuelle Unterschiede auf. Dazu gehört bei manchen Betroffenen extrem herausforderndes Verhalten, das aber subjektiv seinen Sinn hat. Und genau hier liegt das große Plus dieses Buches, weil es versucht, den Leser:innen eine Ebene des Verstehens und gleichzeitig des praxisorientierten Handelns zu vermitteln. Hier stehen nicht die Defizite im Vordergrund, sondern der Versuch der Erklärung von letztlich sinnhaftem und kontextabhängigem Verhalten.

Wer als Fachkraft versteht, kann nicht nur mit den Verhaltensweisen umgehen, sondern letztlich auch die Lebensqualität der ihm anvertrauten Menschen erhöhen. Mit einem enorm hohen Praxisbezug gelingt es den Autoren, Wege zum systematischen Analysieren der Verhaltensweisen zu aufzuzeigen, die ein Schlüssel zum Verstehen und zum Planen von Interventionen und Handlungen sind. Auch wenn es viel Vorwissen voraussetzt, öffnet dieses Buch letztlich wichtige Türen, um sich von der ‚Kontrolle‘ des Verhaltens von Menschen mit Autismus hin zu seinem bedürfnisorientierten Umgang, der eben jenes Verhalten in einen situativen Kontext setzt, weiterzuentwickeln.

Fazit

Viel Expertise mit großem praktischem Nutzen: Wer mit Menschen im Autismus-Spektrum arbeitet, dem kann dieser Leitfaden sowohl im pädagogischen als auch im therapeutischen Bereich von großem Nutzen sein.

Rezension von
Wolfgang Schneider
Sozialarbeiter
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Es gibt 223 Rezensionen von Wolfgang Schneider.

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ISSN 2190-9245