Suche nach Titel, Autor:in, Rezensent:in, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet Logo

Kirsten von Sydow: Parentifizierung im Erwachsenenalter

Rezensiert von Wolfgang Schneider, 27.04.2026

Cover Kirsten von Sydow: Parentifizierung im Erwachsenenalter ISBN 978-3-608-98085-1

Kirsten von Sydow: Parentifizierung im Erwachsenenalter. Erkennen, verstehen und therapeutisch begleiten. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2026. 220 Seiten. ISBN 978-3-608-98085-1. D: 39,00 EUR, A: 40,10 EUR.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand
Kaufen beim Verlag

Thema

Nicht wenige erwachsene Patient:innen fühlen sich für andere verantwortlich und laden sich selbst viel auf, was zu psychischen und somatischen Problemen führen kann. Oft haben sie als Kinder Verantwortung und altersunangemessene Rollen übernommen. Mögliche Langzeitfolgen, die sich daraus entwickeln können, sind zum Beispiel chronische Überforderung, schwaches Selbstwertgefühl, Identitätsprobleme, Depressionen und problematische Beziehungen. Auch unter Psychotherapeut:innen und in anderen Sozial‑ und Gesundheitsberufen tritt das Phänomen mitunter auf. Das Buch gibt einen Überblick über das Phänomen Parentifizierung, seine unterschiedlichen Formen, Auswirkungen und Kontexte. Es fasst den Forschungsstand zusammen, beschreibt die Entwicklungsgeschichte und die besonderen Ressourcen dieser Patient:innen und hilft, sie zu erkennen, besser zu verstehen und dabei zu unterstützen, problematische Muster der Selbst‑ und der Beziehungsregulation wahrzunehmen und zu verändern.

Autorin

Dr. Kirsten von Sydow forscht und lehrt als Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie mit dem Schwerpunkt Systemische Therapie an der MSH Medical School Hamburg. Sie ist Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats Psychotherapie und arbeitet in eigener Praxis in Hamburg sowie in der Aus‑ und Weiterbildung von Psychotherapeut:innen.

Aufbau & Inhalt

Der doch gerade im Bereich der Sozialen Arbeit und Psychotherapie häufig verwendete Begriff der Parentifizierung soll mit diesem Buch ein Gesicht bekommen. Dazu sind wichtige Grundlagen zu Bindung aber auch zur Systemischen Familientherapie zu legen, bevor es dann richtig ins Thema geht. Kirsten von Sydow beschreibt Parentifizierung als eine Rollenumkehr innerhalb der Familie. Das Kind übernimmt zum Beispiel aufgrund von psychischen oder somatischen Erkrankungen – keinesfalls aber aus bösem Wilen der Eltern(teile) – bei der ein Aufgaben und Verantwortung übernimmt, die eigentlich den Erwachsenen zuzuschreiben sind. Kinder werden emotional (Stabilisierung der Eltern) oder auch praktisch (Geschwister in die Kita bringen zum Beispiel) zustehen zum ‚Ersatz-Elternteil‘ oder sogar Partnerersatz. Die eigenen kindlichen Bedürfnisse treten dabei in den Hintergrund. Von Sydow differenziert dabei zwischen zwei typischen Formen, wobei diese nicht unbedingt separat voneinander zu betrachten sind, sondern sich auch kumulieren können. Im Rahmen der Instrumentellen Parentifizierung werden vom Kind praktische Aufgaben übernommen, während es bei der Emotionalen Parentifizierung darum geht, dass das Kind beispielsweise als Tröster, Vermittler oder ‚Friedensstifter‘ zwischen den Eltern agiert: Das Kind übernimmt praktische Aufgaben (Haushalt, Versorgung). Aber, das macht die Autorin klar, in einem gewissen und gut gesteckten Rahmen gehört das zur psychosozialen Entwicklung dazu. Problematisch kann es dann werden, wenn Parentifizierung dauerhaft, unangemessen für das Alter und nicht ausgleichbar ist. Dann kann sie die Entwicklung des Kindes belasten, etwa in Form von Überforderung, Schuldgefühlen oder Schwierigkeiten, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen.

Im weiteren Verlauf des Buches wird deutlich, welche Auswirkungen solche Rollenumkehrungen sich bis ins Erwachsenenleben ziehen. Eine Verschiebung des Selbstbildes nur auf das Wohl des Gegenübers inklusive einer erheblichen Verantwortungsübernahme für Dritte können entstehen. Möglich ist aber auch eine enorm ausgeprägte – objektiv übertriebene – Wachsamkeit im Hinblick auf emotionale Schwingungen in zwischenmenschlichen Situationen, um möglichst frühzeitig intervenieren kann. Dieser Punkt lässt sich häufig bei Erwachsenen beobachten, die als Kinder viel Verantwortung für psychisch erkrankte Eltern oder solche mit einer Suchtproblematik übernommen haben. Das geht oft mit viel Anspannung und Stress einher, dass sich nicht selten erst im Rahmen von Erschöpfungsszenarien zeigt, dass es sich um Spätfolgen einer Parentifizierung handelt, weil die Betroffenen selbst ihre Kindheit als völlig normal empfunden haben. Interessante Inforation am Rande: Gerade in helfenden Berufen finden sich häufig Menschen, bei denen Parentifizierung in der Kindheit eine Rolle gespielt hat. Kirsten von Sydow erklärt aus therapeutischer Praxis mit zwei dezidiert dargestellten Fallbeispielen, welche Belastungen im späteren Lebensverlauf parentifizierte Kinder in ihre Praxis führen und welche Möglichkeiten es gibt, die bisweilen gestohlene oder zumindest eingeschränkte Kindheit aufgrund der Verantwortungsübernahme in das eigene Sein zu integrieren.

Diskussion

Wie die Kinder und Jugendlichen, die elterliche Verantwortung übernehmen, ist auch das psychologische Thema Parentifizierung häufig im Verborgenen zu finden. Kirsten von Sydow gelingt mit ihrem Buch, das Verständnis und Verstehen über diese in der Regel unangemessene Form der Verantwortungsübernahme ans Licht zu holen, denn auch in Fachkreisen ist – gerade im Hinblick auf Erwachsene – hier noch manches Fragezeichen zu finden. Auf viele davon gibt es diesem Buch Antworten durch Fallbeispiele, die – und das macht den Reiz aus – nicht nur aus der therapeutischen Praxis der Autorin kommen, sondern auch aus der Literatur. Der Text verfolgt einen streng systemischen Ansatz, der klar beschreibt, ohne zu verurteilen. Es ist wohltuend, dass von Sydow nicht in die Falle tappt, die Fehler oder das Versagen von Eltern zu brandmarken, sondern offen und ohne Bewertung benennt, ohne zu werten. Diese Sprache ist es, die das Buch nicht nur für Fachpersonen zu einem interessanten Werk, das den fachlichen Horizont erweitert macht, sondern auch für Menschen, die verstehen wollen, wo zum Beispiel ihre ‚feinen Antennen‘ für zwischenmenschliche Schwingungen ihren Ursprung haben.

Fazit

Ein wichtiges Buch, das sowohl Fachkräften als auch anderen hilft, Parentifizierung und ihre Folgen erkennen und verstehen zu können.

Rezension von
Wolfgang Schneider
Sozialarbeiter
Mailformular

Es gibt 223 Rezensionen von Wolfgang Schneider.

Zitiervorschlag anzeigen Besprochenes Werk kaufen

Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner NPO Forum e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Sponsoren

Wir danken unseren Sponsoren. Sie ermöglichen dieses umfassende Angebot.

Über die socialnet Rezensionen
Hinweise für Rezensent:innen | Verlage | Autor:innen | Leser:innen sowie zur Verlinkung

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245