Anna Hamer: Erziehung – Gewalt – Identität
Rezensiert von Wolfgang Schneider, 14.04.2026
Anna Hamer: Erziehung – Gewalt – Identität. Erzählungen ehemaliger Adressat*innen über intensivpädagogische Maßnahmen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2026. 400 Seiten. ISBN 978-3-7799-9433-6. D: 68,00 EUR, A: 70,00 EUR.
Thema
Die Studie untersucht, wie ehemalige Adressat*innen intensivpädagogischer Maßnahmen ihre Erfahrungen mit Gewalt thematisieren und dabei Identität narrativ aushandeln. Im Zentrum steht das ambivalente Verhältnis von Erziehung und Gewalt sowie die diskursive Konstruktion legitimer Sprechpositionen im Kontext der Zuschreibung, „besonders schwierig“ (gewesen) zu sein. Letztlich geht das Buch so der Frage nach, wie viel Gewalt und vor allem in welchem Sinne die Adressat*innen entsprechend ihrer eigenen Deutung erfahren haben im Rahmen ihrer Zeit in der Jugendhilfe.
Autorin
Anna Hamer ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachbereich Erziehungswissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Dem Buch liegt ihre Dissertationsforschung zugrunde.
Aufbau & Inhalt
Nach einer ausführlichen Einleitung geht es im zweiten Kapitel um den Kontext der Aussagen der Befragten, sprich eine Erläuterung der Maßnahmen der Intensivpädagogik, insbesondere der Auslandsmaßnahmen. Dazu wird der in Fachkreisen häufig verwendete und nicht unumstrittene Begriff ‚Systemsprenger‘ im Hinblick auf Individualisierung, Spezialisierung der Maßnahmen und Aspekte von Macht, Zwang und Gewalt eingeführt. Außerdem werden die Entstehung, Settings und Arbeitsweisen der Auslandsmaßnahmen beschrieben sowie das Spannungsverhältnis zwischen Wirksamkeit der Maßnahmen und ihrer Anfälligkeit für Machtmissbrauch und Gewalt thematisiert. Darauf baut das dritte Kapitel auf, in dem das Verhältnis von Erziehung und Gewalt beschrieben wird. Das leider in Studium und Ausbildung viel zu wenig beleuchtete Thema Soziale Arbeit und Macht spielt hier eine große Rolle. Deutlich werden die Machtasymmetrien, die in vielen Maßnahmen der Jugendhilfe herrschen, woraus eine große Anfälligkeit für die Ausübung von Gewalt entsteht. Weiter werden Zwang und Strafe in freiheitsentziehenden Maßnahmen sowie die Forschungslücke zur Ausübung von Gewalt in der gegenwärtigen professionellen Erziehung thematisiert. Die folgenden Kapitel bilden die theoretische und methodische Ebene für das Forschungsprojekt und setzen sich unter anderem damit auseinander, dass Erzählungen über Gewalt als „Orte der Herstellung von Bedeutung und Identität verstanden werden [können]. Identität wird dabei nicht als feste Entität, sondern als in Interaktionen hervorgebracht und ausgehandelt betrachtet“ (S. 13).
Den Kern des Buches bilden die vier Interviews mit den ehemaligen Adressat*innen, die alle unter fünf Gliederungspunkten dargestellt werden:
- Kontaktaufnahme und Rahmenbedingungen des Interviews
- Chronologische Skizze der Biografie
- Die Auslandsmaßnahme als notwendiges, ermöglichendes Moratorium für die eigene Weiterentwicklung
- Konstruktionen von Erziehung und Gewalt
- Identitätsdarstellungen
Die tiefgehenden Einblicke, die die Interviewpartner*innen der Forscherin gegeben haben, münden in der Darstellung ihrer Identität, die sich aus den gemachten Erfahrungen extrahieren lässt. Während sich Hannah als Expertin als Ausdruck von Weiterentwicklung bezeichnet, geht es bei Marius eher darum, dass er zugleich ausgeliefert, immun und überlegen ist. Dennis dagegen zeigt, dass seine soziale Integration als eigener Verdienst unabhängig von der Auslandsmaßnahme zu sehen ist, während André sich in der Rolle des Experten zwecks Distanzierung vom früheren defizitären Selbst betrachtet.
Im Anschluss analysiert Anna Hamer das Wechselspiel von Problem‑ und Sinnzuschreibungen der Auslandsmaßnahmen. Dabei zeigt sich, dass die Proband*innen ihr damaliges Ich als defizitär beschreiben und sich selbst als ‚Problem‘ sehen. So legitimieren sie letztlich im Nachhinein die Maßnahmen. Kapitel 12 stellt die Verhältnisse von Erziehung und Gewalt dar. Trotz der zunächst offenkundig differenten Verhältnissetzungen zeigen sich in der Verknüpfung der empirischen Ergebnisse mit erziehungswissenschaftlicher Literatur die Ambivalenzen von Erziehung und Gewalt. Im weiteren Verlauf steht im Mittelpunkt, wie die Interviewten die Handlungen der Fachkräfte als illegitim, als Unrecht, kennzeichnen. Zentral ist insbesondere die Feststellung, dass Gewalterfahrungen recht explizit erzählt und gegenüber der Forscherin als Unrecht problematisiert werden. Inhaltlich endet das Buch vor der üblichen Reflexion der Forschung mit der Aushandlung der Identitätsdarstellung, zum einen Nicht(-mehr)-Adressat*in von Intensivpädagogischen Maßnahmen zu sein, zum anderen Opfer von Gewalt durch Fachkräfte geworden zu sein.
Zum Ende geht es darum, welche Konsequenzen sich aus den Forschungsergebnissen für die Arbeit mir ‚schwierigen‘ jungen Menschen in der Jugendhilfe ergeben könnten, wobei es nicht um konkrete Handlungen, sondern die Einnahme einer machtsensiblen Perspektive geht.
Diskussion
Gewalt in pädagogischen Kontexten ist viel mehr als körperliche Züchtigung, erniedrigende Bestrafungen oder Beleidigungen und verbale Abwertungen. Für Adressat*innen der Jugendhilfe geht es oft um etwas ganz Anderes. So erleben sie häufig, dass sie gar nicht verstehen, warum die Fachkräfte wie handeln, was der Grund für bestimmte Maßnahmen sind. Die Folge: Sie empfinden die sozialarbeiterischen Interventionen als massiv übergriffig, erleben sie – trotz in der Regel vorrausetzbarem besten Wissen und Gewissen der Profis – als Gewalt. Aber auch in der alltäglichen Arbeit tritt sie auf zum Beispiel durch Kontrolle, emotionale Manipulation oder normativen Druck, was Hamer als besonders prägend analysiert, weil diese Formen von Gewalt häufig gesellschaftlich akzeptiert oder gar legitimiert sind. Und so leben die jungen Menschen ‚unter dem Dach‘ der Jugendhilfe im Spannungsfeld zwischen Anpassung und Selbstbestimmung aufwachsen. Dabei wird deutlich, dass Erfahrungen von Gewalt – gleich welcher Art – tiefe Spuren im Selbstbild hinterlassen können. Identität erscheint hier nicht als etwas Statisches, sondern als ein fragiler, fortlaufender Aushandlungsprozess.
Die Interviews sind prägnant und zeigen beeindruckend, wie die ehemaligen Adressat*innen die Arbeit der Fachkräfte erlebt haben. Jetzt wird es Menschen geben, die das vielleicht als ‚undankbar‘ empfinden, dass die Personen, die zum Helfen da sind, nun auch noch kritisiert werden. Aber das ist gut so, denn nur mir einem Verständnis dafür, wie wir und unsere Arbeit von den jungen Menschen wahrgenommen werden, können wir Hilfen in die Wege leiten, die bei den Adressat*innen als auch solche ankommen und nicht als Zumutung empfunden werden.
Kleiner Kritikpunkt: Für Praktiker:innen wären konkrete weniger abstrakte Handlungsalternativen, die sich aus den Interviews ableiten lassen, das Optimum gewesen, aber auch ohne diesen Punkt sind die Ergebnisse der Studie absolut lesenswert und tragen hoffentlich dazu bei, manchen Fachkräften die Augen zu öffnen, welche Macht sie haben und wo sie Gewalt ausüben, ohne es (wahrscheinlich) zu wollen.
Fazit
Adressat*innen-Forschung rückt gerade in der Jugendhilfe immer mehr in den Fokus – und das ist gut so, wie dieses Buch und die zugrunde liegende Forschung eindrücklich zeigen.
Rezension von
Wolfgang Schneider
Sozialarbeiter
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