Holger Jessel (Hrsg.): Psychomotorische Gewaltprävention bei Kindern und Jugendlichen
Rezensiert von Dr. Richard Hammer, 18.02.2026
Holger Jessel (Hrsg.): Psychomotorische Gewaltprävention bei Kindern und Jugendlichen.
Ernst Reinhardt Verlag
(München) 2026.
190 Seiten.
ISBN 978-3-497-03170-2.
D: 33,00 EUR,
A: 34,00 EUR.
Reihe: psychomotorische praxis.
Thema
Das Buch „Psychomotorische Gewaltprävention bei Kindern und Jugendlichen“ von Holger Jessel ist eine hochaktuelle, praxisnahe Publikation, die sich an Fachkräfte der Psychomotorik, an Motopäd:innen, Motolog:innen und an Erzieher:innen mit psychomotorischer Qualifikation richtet. Es verbindet fundierte Theorie mit handfesten Impulsen und passt hervorragend zu Ihrem Interesse an psychomotorischer Therapie und Gewaltprävention im Kontext von Kindern und Jugendlichen.
Autor
Holger Jessel ist Diplom-Motologe und lehrt Psychomotorik in sozialpädagogischen Handlungsfeldern an der Hochschule Darmstadt. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen die psychomotorische Gewaltprävention (zu diesem Thema promovierte er 2008) und der Umgang mit herausfordernden Situationen.
Er ist seit 2009 Vorstandsmitglied und seit 2017 der 1. Vorsitzende der Deutschen Akademie – Aktionskreis Psychomotorik e.V.
Entstehungshintergrund
Mit dem Buch „Psychomotorische Gewaltprävention bei Kindern und Jugendlichen“ wird der 4. Band der Buchreihe zur „psychomotorischen Praxis“ – herausgegeben von Astrid Krus und Aida Kopic – im Reinhardt Verlag vorgelegt. Anknüpfend an die Tradition von Ernst Jonny Kiphard, will diese Buchreihe „Praktiker:innen aus diversen psychomotorischen Arbeits‑ und Handlungsfeldern vielfältige, fachtheoretisch fundierte Impulse für die Gestaltung, Umsetzung und Reflexion der eigenen psychomotorischen Praxis bieten“. Nach den Bänden zur „Psychomotorik in der Natur“, der „Sozialraumorientierten Psychomotorik“ und der „Psychomotorischen Praxis bei Kindern mit Autismus“ befasst sich der 4. Band mit der Frage, wie Psychomotorik gewaltpräventiv eingesetzt werden kann.
Aufbau
Gewalt bei Kindern und Jugendlichen stellt auch psychomotorische Fachkräfte vor große Herausforderungen. Dabei bietet gerade die Psychomotorik eine Vielzahl von geeigneten Präventionsansätzen. Theoretisch fundiert zeigt der Autor im ersten Teil des Buches auf, wie eng Emotionen und Handlungen sowohl nach psychomotorischem Verständnis als auch bei der Entstehung von Gewalt miteinander verbunden sind. Dabei gliedert das Buch die theoretischen Grundlagen klar in zwei Hauptteile: allgemeine Gewaltprävention und spezifisch psychomotorische Ansätze, die nahtlos aufeinander aufbauen.
Der zweite Teil des Buches von Holger Jessel baut systematisch auf den theoretischen Grundlagen des ersten Teils auf, indem er abstrakte Modelle direkt in handfeste Anwendungen für die Arbeitsfelder Kindertagesstätten, Schulen und Jugendhilfe umsetzt. Diese Verknüpfung schafft eine Brücke von Theorie zu Praxis, die psychomotorische Gewaltprävention kohärent und evidenzbasiert macht. Er bietet konkrete Anleitungen zur Planung, Gestaltung und Reflexion von Präventionssettings, die direkt auf den theoretischen Grundlagen aufbauen.
Ergänzt wird es durch Online-Materialien, die den Transfer in die Praxis erleichtern, mit insgesamt 190 Seiten, 5 Abbildungen und kompaktem Format.
Inhalt
Das 1. Kapitel führt ein in das Thema Gewaltprävention, liefert dafür die theoretischen Grundlagen und bringt Argumente für eine psychomotorische Gewaltprävention. Im Einzelnen werden zunächst folgende Begriffe geklärt: Gewaltbegriff, Aggressionsbegriff, Aggressivität, Mobbing und Bullying, Kriminalität und abweichendes Verhalten.
Danach geht der Autor ein auf unterschiedliche Erklärungsmodelle der Entstehung von Gewalt:
- Die Theorie Sozialer Desintegration (Sozialstrukturelle Perspektive)
- Der Kreislauf von Gewalt und Missachtung (Mikrosoziologische Perspektive)
- Gewalt als Form der „produktiven Realitätsverarbeitung“ (Sozialisationstheoretische Perspektive)
- Das allgemeine Aggressionsmodell (Integrative Perspektive)
Schließlich stellt der Autor dar, wie Gewaltprävention zwischen Programmatik und individueller Entwicklungsbegleitung zu verorten ist. Er geht ein auf den Begriff der Prävention als Beteiligung, Befähigung und Empowerment.
Im 2. Kapitel legt der Autor die theoretischen Grundlagen der Psychomotorischen Gewaltprävention dar. Auch hier geht es zunächst um die Klärung von Begriffen:
- Psychomotorik und Motologie
- Menschenbild und Ziele der psychomotorischen Gewaltprävention
- Körper – Leib – Zwischenleibliche Resonanz
- Verkörpertes Modell von Emotionen
- Bedeutungsdimensionen von Bewegung
- Systemische Perspektiven
- Entwicklungstheoretische Grundlagen
Im 3. Kapitel begründet der Autor das „professionelle Handeln“ in der Praxis der psychomotorischen Gewaltprävention. Er geht dabei ein auf das „Psychomotorische Verstehen und den psychomotorischen Dialog“, auf die Bedeutung des Spiels, die Bedeutung von Grundbedürfnissen sowie die Wirkfaktoren der psychomotorischen Gewaltprävention. Abschließend stellt er die Prinzipien der psychomotorischen Gewaltprävention – als Grundlage für die praktische Arbeit – dar.
Im 4. Kapitel wird es praktisch. Der Autor beschreibt in idealtypischer Weise den Prozessverlauf der psychomotorischen Gewaltprävention. Er weist darauf hin, dass die konkrete Vorgehensweise im Einzelfall von zahlreichen situativen, persönlichen und kontextuellen Aspekten beeinflusst wird und im Sinne einer Maßschneiderei angepasst werden kann. Jessel liefert hier Schritt-für-Schritt-Anleitungen zur Bedarfsanalyse und Zielsetzung, inklusive der Einbindung von Grundbedürfnissen und Wirkfaktoren wie Spiel und Bewegung. Diese Impulse betonen die Professionalisierung durch psychomotorisches Verstehen und Diagnostik, um individuelle Risiken früh zu erkennen.
Praktische Übungen nutzen verkörperte Emotionsmodelle und zwischenleibliche Resonanz, z.B. durch kooperative Spiele, die Aggression abbauen und soziale Kompetenzen stärken. Es gibt Beispiele für Gruppenformate, die Empowerment und Beteiligung fördern, ergänzt um Reflexionsfragen für Fachkräfte.
Im Einzelnen geht es um Klärung von Anlässen, Anliegen und Aufträgen und – auf der Grundlage einer differenzierten psychomotorischen Diagnostik – um die Planung und Konzeption zu Angeboten für Familien, Gruppen und Individuen.
Wie konkret Jessel in den einzelnen Kapiteln wird, sei hier gezeigt am Beispiel der psychomotorischen Diagnostik (S. 97f):
Im Sinne einer „verstehenden Zugangsweise“ legt er Wert auf die Herstellung einer passenden Dialogfähigkeit zwischen der Psychomotorischen Fachkraft und den Adressat:innen, die sich zwingend ergibt aus:
- einer „verstehenden Erkenntnishaltung“, d.h. danach hat jedes Verhalten seinen Sinn und Ziel ist die Erschließung der individuellen Sinngebungen der Beteiligten. Zentral ist also die Frage, inwiefern das (gewalttätige, grenzüberschreitende, herausfordernde etc.) Verhalten einen (über-)lebenswichtigen Sinn für diesen jungen Menschen in seiner aktuellen Lebenssituation hat.
- einer zwischenleiblichen Diagnostik, d.h. der diagnostische Prozess geht dabei immer von den Phänomenen aus, die aktuell im Vordergrund stehen und der maßgebliche „Ort“ unserer intuitiven Erfahrung ist die Zwischenleiblichkeit, d.h. die verkörperte Begegnung zwischen uns und einem anderen Menschen.
- der Berücksichtigung von Situation, Kontext und Lebenswelt, d.h. systemisch betrachtet wird nicht nach verursachenden Gründen gesucht, sondern nach Mustern, die das Problem aufrechterhalten.
- einer Diagnostik als hypothesen‑ und theoriegeleiteter Prozess, d.h. es geht nicht um die Suche nach Wahrheit, sondern um die mehrperspektivische und interdisziplinäre Betrachtung möglicher Zusammenhänge und Dynamiken.
- einer Ressourcenorientierten Verknüpfung von Diagnostik und Förderung bzw. Begleitung, d.h. psychomotorische Diagnostik erfasst zwar auch Probleme, herausfordernde Lebenszusammenhänge und einschränkende Kognitions-Emotions-Verhaltens-Muster, im Vordergrund stehen jedoch die Potenziale der Ressourcenaktivierung und zukünftige Möglichkeitsräume.
- der Herstellung von Passung, d.h. die Maßnahmen der psychomotorischen Gewaltprävention müssen auf die Bedürfnisse und Bedarfe der Adressat:innen und aller Beteiligten abgestimmt werden.
Das 5. Kapitel zeigt, wie die Praxis der psychomotorischen Gewaltprävention in spezifischen Erfahrungssituationen gestaltet werden. Hilfreich dafür sind die aufgeführten Leitfragen und Gestaltungselemente, die auch online herunterzuladen sind. Mit diesem Handwerkszeug wird die Praktiker:in ausgestattet, in unterschiedlichen Themenfeldern der psychomotorischen Gewaltprävention konkret aktiv zu werden.
Das Buch schließt ab mit einem Ausblick, einer Literaturliste und einem Sachregister, das hilft, sich im Text zu orientieren.
Diskussion
Das Buch gliedert sich in zwei Teile und der Autor gibt selbst eine Hilfestellung, wie damit umzugehen ist: „Wenn Sie sich für die theoretischen Grundlagen der psychomotorischen Gewaltprävention interessieren (…), dann können Sie mit den Kapiteln eins bis drei beginnen. Liegt Ihr Interesse auf dem Handlungs‑ und Interventionswissen, d.h. auf der konkreten Gestaltung der Gewaltpräventionspraxis, können Sie Ihre Lektüre unmittelbar mit den Kapiteln vier und fünf starten“ (S. 11f). In den ersten drei Kapiteln zeigt Jessel, dass er sich wirklich auskennt mit der Materie „Gewalt“ und „Psychomotorik“ – er hat ja schon 2008 dazu promoviert und in diesem Buch die theoretischen Grundlagen wesentlich erweitert (z.B. Embodymentansatz) und fundiert. Die Leser:in findet hier also eine sehr differenzierte und umfangreiche Einführung in die Themenbereiche Gewalt und Psychomotorik.
Die „praktischen“ Kapitel geben zahlreiche Anregungen dafür, wie in unterschiedlichen Arbeitsfeldern psychomotorisch zu dieser Thematik gearbeitet werden kann.
Sehr hilfreich sind dafür die zu den einzelnen Kapiteln formulierten Reflexionsfragen und Übungen, die als Einladung zur vertieften Auseinandersetzung dienen. Die zahlreich angebotenen Fallbeispiele verdeutlichen die dargebotenen Inhalte und laden ein, mit selbst erlebten Fällen und Situationen zu vergleichen.
Auch die Zusammenfassungen, Merksätze, Literaturhinweise und die Verweise auf ausführliches Online-Material helfen, den Weg in die eigene Praxis zu bereiten.
Fazit
Das Buch lädt theoretisch interessierte Leser:innen ein, sich mit den Themen „Gewalt“ und „Psychomotorik“ zu befassen und bietet praktische Impulse zur Planung, Umsetzung und Reflexion psychomotorischer Settings in der gewaltpräventiven Arbeit mit Heranwachsenden.
Rezension von
Dr. Richard Hammer
Dipl. Motologe
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