Frank Sowa, Marisa Geiser-Krummenacher et al. (Hrsg.): Fragile Behausungen
Rezensiert von Wolfgang Schneider, 02.07.2026
Frank Sowa, Marisa Geiser-Krummenacher, Tom Meyer, Pauline Runge, Nora Sellner u.a. u.a. (Hrsg.):Fragile Behausungen. Prekäres Wohnen und Wohnungslosigkeit in Zeiten multipler Krisen. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2026. 700 Seiten. ISBN 978-3-7799-8686-7. D: 98,00 EUR, A: 100,80 EUR.
Reihe: Obdach- und Wohnungslosigkeitsforschung.
Thema
Multiple Krisen, allen voran der Mangel an leistbarem Wohnraum in urbanen Settings, die Inflation mit steigenden Energie‑ und Lebenshaltungskosten bis hin zur COVID-19-Pandemie, dem Ukrainekrieg und dem Klimawandel, führen dazu, dass sich immer mehr Menschen in fragilen Behausungen befinden. Fragile Behausungen als gesellschaftlich hergestelltes Phänomen umfassen zum Beispiel prekäre Wohnverhältnisse, informelle Unterstützungsnetzwerke und Obdach‑ und Wohnungslosigkeit. Ihre Fragilität verweist auf materielle, soziale, affektive, psychische, politische, ökonomische und figurative Praktiken, Prozesse und Strukturen.
Herausgeber:innen
Frank Sowa ist Professor für Soziologie in der Sozialen Arbeit an der Fakultät Sozialwissenschaften der Technischen Hochschule Georg Simon Ohm in Nürnberg. Seine Arbeitsschwerpunkte umfassen Kultur‑ und Organisationssoziologie, soziale Probleme und soziale Ungleichheit, Wohnungslosigkeit, integrierte Stadtentwicklung und qualitative Methoden. Marisa Geiser-Krummenacher ist Promovendin an der Frankfurt University of Applied Sciences im Rahmen des Promotionszentrum Soziale Arbeit der HAW Hessen. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen die Mensch-Tier-Beziehung, One Health, Wohnungslosigkeit und qualitative Methoden.
Tom Neu ist Geograph und im Bereich der integrierten Stadtentwicklungsplanung bei der Stadt Viersen tätig. Zudem promoviert er an der Ruhr-Universität Bochum im Themenfeld mentale Gesundheit im Quartier. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen ferner Stadtentwicklung, soziale Ungleichheit, Wohnungslosigkeit, Sozial‑ und Raumtheorien und qualitative Methoden.
Pauline Runge ist Promovendin an der Fakultät Soziale Arbeit und Kindheitspädagogik an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg sowie an der Fakultät für Erziehungswissenschaft an der Universität Hamburg. Arbeitsschwerpunkte: Wohnungslosigkeit, Flucht*Migration und Exklusionsprozesse von Jugendlichen und jungen Erwachsenen.
Nora Sellner ist Professorin für Theorien, Konzepte und Methoden Sozialer Arbeit am Fachbereich Sozialwesen, Abteilung Aachen, der katho NRW. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind professionelles Handeln Sozialer Arbeit im Kontext von Armut und Ausgrenzung, Wohnungslosigkeit, Alltags‑ und Bewältigungshandeln, qualitative Forschungsmethoden.
Anna Xymena Tissot, Dr. phil., ist Soziologin. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen in den Bereichen soziale Ungleichheit und gesellschaftliche Teilhabe, Migration und Integration, besondere Lebenslagen und Wohnungslosigkeit sowie qualitative Forschungsmethoden.
Dr. Athanasios Tsirikiotis ist als Sozial‑ und Gesundheitsplaner im Bereich Prostitution, HIV, STI, im Gesundheitsamt der Landeshauptstadt Stuttgart tätig. Seine Arbeitsschwerpunkte in Forschung, Lehre und Praxis sind Rekonstruktive Sozialforschung, Subjektivierung und psychoanalytisch informierte Perspektiven auf Soziale Arbeit, Professionalisierung, Soziale Arbeit mit Adressat*innen in existenziellen Notlagen und Sozialplanung.
Aufbau & Inhalt
Die rund 800 Seiten Inhalt gliedern sich in folgende Themenblöcke, aus denen einige Texte exemplarisch näher beleuchtet werden. Von Prolog und Epilog abgesehen werden die jeweiligen Themen aus diversen Perspektiven beleuchtet.
Prolog
In ihrer Einleitung geben die Herausgeber:innen eine grundlegende Betrachtung zum Thema des Buches als Forschungsgegenstand. Deutlich wird dabei, dass Obdach‑ und Wohnungslosigkeit im wissenschaftlichen Sinne trotz Sichtbarkeit in der Gesellschaft lange ein Schattendasein fristete, was mittlerweile aber nicht mehr so ist: „Dies liegt erstens daran, dass die Wohnungsfrage als eine der bedeutsamsten sozialen Fragen der Gegenwart immer wieder thematisiert wird (…) Zweitens kam es zu einer enormen Zunahme von Veröffentlichungen zum Themenfeld, in denen insbesondere der internationale Forschungsstand aufgearbeitet wurde (…) Und drittens gibt es in der Europäischen Union politische Bemühungen in Form von Aktionsplänen, um Obdach‑ und Wohnungslosigkeit zu beseitigen und zu entkriminalisieren sowie die Ausgrenzung von obdach‑ und wohnungslosen Menschen auf dem Wohnungsmarkt zu beenden“ (S. 16 f.). Geklärt wird im weiteren Verlauf auch, was genau mit „Fragile Behausungen“ eigentlich gemeint ist.
Fragilität der Lebenslagen im Kontext Wohnen
Lars Klingenberg widmet sich in seinem Beitrag der Obdachlosigkeit in deutschen Großstädten aus einer künstlerischen Perspektive. Deutlich wird zunächst, dass sich seit 2010 die Zahl der obdachlosen Menschen mehr als verdoppelt hat. Die Gründe sind vielfältig: „Steigende Mieten, die kontinuierliche Verknappung von Sozialwohnungen, ein Rückbau des Sozialstaates und primär die systematische Ausgrenzung von EU-Bürger*innen aus unserem Sozialsystem tragen neben anderen Faktoren dazu bei, dass die Anzahl dramatisch gestiegen ist. Mittlerweile kommen rund zwei Drittel der obdachlosen Menschen aus dem EU-Ausland, vor allem aus Polen, Rumänien und Bulgarien“ (S. 105). „Schlafquartier – Obdachlosigkeit in deutschen Großstädten“ zeigt seit 2015 die Lebensrealität der in deutschen Großstädten lebenden obdachlosen Menschen. „Beständig entsteht eine soziologische Topographie – eine systematische und vergleichende Darstellung der Orte, an denen die stetig zunehmende Obdachlosigkeit spürbar und wiederkehrend ist“ (S. 106). Dazu werden Fotos, Ortsbegehungen zur Erfassung von Schlafquartieren aber auch Befragungen genutzt. So entsteht eine Darstellung des öffentlichen Raumes, der auf der einen Seite für alle da ist, auf der anderen aber ein Ort erheblicher Ausgrenzung ist. Anstatt sich der Problematik dieser Menschen zu widmen, wird sowohl durch Privatpersonen als auch Institutionen aktive Exklusion beispielsweise durch Hausverbote oder Wegweisungen betrieben. Klingenberg macht deutlich, was das Ziel seines Projekts ist: „Die Essays, Texte und Fotografien dienen als Grundlage und Werkzeuge für eine politische und aktivistische Arbeit zur langfristigen Verbesserung der Lebenslage obdachloser Menschen und zur Aufklärung der Bevölkerung“ (S. 127).
Erfahrungen fragilen Wohnens: Alltag und Lebenswelten
Die Sicht der und auf die Adressat:innen steht im Fokus dieses Abschnitts, in dem mit Isa, Maja und Trietze drei von ihnen zu Wort kommen. Sie alle sind Teil der Hamburger MOMOs, das es aber auch in anderen Regionen Deutschlands gibt. Bei den MOMOs finden die jungen Menschen Unterstützung, einen Austausch mit anderen, die ähnliche Biografien teilen und die Möglichkeit, ihre Erlebnisse zu reflektieren und zu verarbeiten. Das Projekt bietet nicht nur praktische Hilfe, sondern ermutigt die Teilnehmer*innen auch, ihre Erlebnisse zu nutzen, um auf gesellschaftliche Missstände aufmerksam zu machen und langfristig etwas zu verändern. Dabei verstehen sich die MOMOS nicht nur als Gruppe, sondern als einen „Ort, an dem junge Menschen, die bereits intensive Lebenserfahrungen gesammelt haben, zusammenkommen, um ihre Geschichten zu teilen und gemeinsam an Lösungen zu arbeiten“ (S. 149). Ihre Lebenserfahrungen und Ansichten geben dabei wichtige Tipps für Fachkräfte der Sozialen Arbeit und angrenzender Institutionen, um „realistische Tipps und hilfreiche Einblicke in die wirkliche Welt der jungen Menschen“ (S. 149) zu erhalten. Isa beschreibt in ihrem Beitrag sehr eindringlich, wie es sich anfühlt, in den Konsum berauschender Mittel zu rutschen und gleichzeitig einfach keinen Ort zum Ankommen zu finden – eine Konstellation, die die viele junge Menschen mit dem Lebensmittelpunkt Straße betrifft. Der Text ist schonungslos ehrlich auf der einen Seite: „Es drehte sich alles nur noch um das high sein, um das nicht fühlen müssen und darum irgendwie über die Runden kommen“ (S. 151). Er zeigt aber auch, dass Veränderungen möglich sind, aber immer ein gewisses Risiko bleibt, das die Autorin prägnant beschreibt, wobei die Hervorhebungen im Original vorgenommen wurden: „Clean werden ist eine Sache, aber clean bleiben eine ganz andere“ (S. 153). Maja berichtet in ihrem Text davon, wie sehr Konsum von Drogen das eigene Leben einschränkt. Sie ist Konsumentin – beginnend mit Alkohol und Cannabis –, seitdem sie 14 Jahre alt ist. Dass sie wirklich süchtig geworden ist, hätte sie dabei nicht erwartet, wollte sie doch eigentlich nur „wissen, wie sich das anfühlt und wie so ein paar Substanzen einen Menschen abhängig machen sollen“ (S. 153). Trietzes Lebensgeschichte ist gezeichnet davon, dass Familie nicht immer ein sicherer Ort ist: „Ich habe mir das oft ausgemalt: Mich gefragt, wie es wohl ist, wirklich irgendwo zuhause zu sein, geborgen und beschützt. Das irgendjemand kommt und mich mitnimmt und mir erklärt, dass alles ein Fehler war und nicht richtig und mich an einen Ort bringt, an dem das anders ist“ (S. 159). Doch auch wenn das Jugendamt letztlich auf Trietzes Bitte hin interveniert, ist das Problem damit nicht gelöst. Vielleicht fängt es sogar erst richtig an? Denn Trietze erlebt die Jugendhilfe keineswegs als Unterstützung. Hilfe hilft halt nicht automatisch, weil sie Hilfe heißt: „Nach (…) der Erkenntnis, dass alle meine Aussagen zur Situation zu Hause nicht ernst genommen wurden, schafften sie mich gegen meinen Willen in ein Betreutes Wohnenin der Nachbarstadt. Zu dieser Zeit verlor ich etwas. Ich weiß nicht, ob es Hoffnung war oder es war einfach die Erkenntnis, dass alles, was ich durchmachte, völlig konsequenzlos für meine Geschwister weitergeht und meine Eltern mich zur Schuldigen gemacht hatten“ (S. 160). Nach einer langen Odyssee steht eine Bilanz, die traurig macht, aber auch Hoffnung gibt: „Es gab viele Situationen, an denen ich vielleicht verzweifelt wäre, hätte ich nicht die Möglichkeit und Ressource gehabt, mich an Sozialarbeitende zu wenden und in Sachen Erwachsensein und Wohnen um Rat zu fragen. Menschen, die meine Eltern hätten sein sollen. Menschen, denen ich vertrauen konnte und bei denen ich mir sicher war, dass ihr Ziel nicht meine Verurteilung für Lebensumstände, sondern tatsächlich das Anstoßen in ein selbstverantwortliches stabiles Leben war. Das Leben schlägt oft hart zu, aber ich wünsche jedem jungen Menschen die Möglichkeit und Unterstützung einmal das zu finden, was zuhause sein kann, egal wie zerstückelt und zerfetzt das eigene Leben auch erscheinen mag und wie unüberwindbar alles erscheint“ (S. 164).
Professionelle Interventionen aus interdisziplinären Perspektiven
Aus der Arbeit des Hamburger KiDS berichten Mitarbeiter:innen im Beitrag Wohnen ohne Wurzeln – Zur Fragilität stationärer Jugendhilfe und ihren Folgen für junge Menschen. Gearbeitet wird hier mit Jugendlichen, die Probleme haben, in regulären Settings der Jugendhilfe aufgenommen zu werden, um dort einen stabilen Lebensmittelpunkt zu bekommen. „Diese Jugendlichen haben oft eine lange Jugendhilfekarrierehinter sich, haben schon verschiedenste (stationäre) Angebote durchlaufen und sind an ihnen gescheitert“ (S. 522). Das Problem: Gerade Angebote der stationären Jugendhilfe gelingt es nicht immer, den häufig traumatischen Lebenserfahrungen ausgesetzten jungen Menschen einen Schutzraum zu bieten, wo sie Sicherheit erfahren können. Und so sind sie, den Beobachtungen der Autor:innen und dem Erleben vieler Adressat:innen entsprechend, fragile Behausungen. Wer nicht passt, droht seinen Wohnraum dort zu verlieren – und damit auch einen Schutzraum. Für die jungen Menschen endet das oft in einer Katastrophe – entweder gezwungen teilweise bewusst wenden sie sich dem Lebensort Straße zu. Wie es gelingen kann, ihnen wieder Vertrauen zu geben, verdeutlichen die Autor:innen im weiteren Verlauf.
Staatliche Rahmenbedingungen und Bearbeitungsmodi fragiler Wohnverhältnisse
Karl-Heinz Ruder untersucht in seinem Text die Grundsätze des Obdachlosenpolizeirechts. Diese juristische Perspektive vermittelt sowohl aus historischer Sicht als auch mit aktuellem Stand Grundlagen zu dieser Thematik, die immer wieder im Fokus von Diskussionen steht. Urteile zum Vorgehen der entsprechenden Behörden vermitteln hier einen praxisnahen Zugang auch für Nicht-Jurist:innen. Auch im weiteren Verlauf dieses Themenkomplexes steht das ordnungsrechtliche Vorgehen zum Beispiel bei der Unterbringung obdachloser Personen weiter im Blickpunkt.
Epilog
Mit diesem letzten Kapitel schlagen die Herausgeber:innen eine thematische Brücke zwischen allen vorherigen Beiträgen. Im abschließenden Text unternehmen sie äußerst ausführlich den Versuch unter Bezugnahme auf die vorherigen rund 40 Beiträge eine Vision für die Zukunft der inter‑ und transdisziplinären Forschung zu prekärem Wohnen und Wohnungslosigkeit im deutschsprachigen Raum zu entwerfen. Dazu werden zentrale Aspekte „für eine kritisch-ambitionierte Forschung zu Wohnungslosigkeit und prekärem Wohnen“ (S. 796) erarbeitet. Der Begriff der fragilen Behausung überwindet demnach die binäre Logik von Wohnen vs. Nicht-Wohnen und etabliert ein Kontinuum – von Obdachlosigkeit über prekäre Wohnformen bis hin zu normalem Mietwohnen. Im Mittelpunkt stehen dabei Grauzonen, in denen die Schutzfunktion des Wohnens nicht erfüllt wird. Der Ansatz betont Deutungen statt juristischer Kategorien: Wohnen wird nicht nur physisch, sondern auch emotional, sozial und handlungsbezogen verstanden. Fragilität umfasst dabei nicht nur Unsicherheit, sondern auch Fürsorge und Solidarität. Im Gegensatz zu defizitorientierten Begriffen wie Obdachlosigkeit würdigt der Begriff die Agency der Betroffenen: Prekäre Orte entstehen durch aktive Handlungen (z.B. Bricolage-Architektur). Zudem erfasst er Dynamik und Bedrohung – von latenter Unsicherheit im Mietwohnen bis zum Überlebenskampf auf der Straße. Schließlich ist der Begriff inter‑ und transdisziplinär anschlussfähig und fördert eine ganzheitliche Forschungsperspektive, die Erfahrungsexpert:innen und Praktiker:innen einbezieht.
Diskussion
Wer dieses Buch als Printversion in die Hand nimmt, der ist erst einmal schier überwältigt von Gewicht und Dicke. Klar wird gleich: Zwischen den Buchdeckeln stecken jede Menge Arbeit der Autor:innen aber auch ein schier unerschöpflicher Wissensquell aus diversen Perspektiven. Was für einen Sammelband dieses Umfangs nicht selbstverständlich ist: Die Qualität der Beiträge ist fachlich gleichbleibend auf hohem Niveau angesiedelt. Trotzdem lassen sie sich flüssig lesen und nachvollziehen, was bei so hoch fachlichen Texten leider nicht immer der Fall ist. Insofern ist ein großes Lob an die Autor:innen und auch das Team der Herausgeber:innen auszusprechen. Die klare Struktur des Buches macht es möglich, sich zunächst zu orientieren und gezielt die Texte herauszufiltern, die die Interessen der Leser:innen berühren. Wer damit durch ist, wird schnell feststellen, dass auch ein Blick über den eigenen Interessen-Tellerrand hoch interessant ist. So bleibt festzuhalten, dass das Buch den fachlichen Diskurs zu Wohnungs‑ und Obdachlosigkeit nahezu vollumfänglich beleuchtet und spannende Forschungsansätze aufzeigt. Wer sich für die Thematik interessiert, dem sei dieses Buch ausdrücklich ans Herz gelegt – trotz und vor allem wegen seines Umfangs.
Fazit
Umfassend, vielschichtig, voll von Informationen – und das sogar Open Access. Wer sich in der Sozialen Arbeit mit dem Thema Wohnungslosigkeit beschäftigt, kommt an diesem Band definitiv nicht vorbei.
Rezension von
Wolfgang Schneider
Sozialarbeiter
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