Noah Charim: Neue Partisanen
Rezensiert von Andreas Hudelist, 09.03.2026
Noah Charim: Neue Partisanen. Die Zivilisten und die Populisten. Turia + Kant (Wien) 2025. 128 Seiten. ISBN 978-3-98514-125-8. D: 17,00 EUR, A: 17,00 EUR.
Thema
In seiner Gegenwartsanalyse Neue Partisanen geht Noah Charim von einer Infragestellung von Werten aus, die längst schon als selbstverständlich galten. Die westliche Gesellschaft und ihre Errungenschaften, wie zum Beispiel die Demokratie, geraten durch populistische Parteien zunehmend ins Wanken. Warum das so ist, versucht der Autor zu beantworten.
Der Antrieb dafür sei der Hass auf „das Etablierte, das Seriöse“ (7f), der durch das Gefühl des Betrugs und des Ausschlusses entsteht. Individuen fühlen sich von gesellschaftlichen Institutionen ausgegrenzt und versuchen, nun durch ablehnendes sowie widerständiges Verhalten Anschluss zu erlangen. Dabei spielen reale Ereignisse eine geringere Rolle als das Gefühl, ausgeschlossen zu sein. In diesem Zusammenhang funktioniert Populismus als Ablehnung einer gefühlten Unterdrückung und als Befreiung des Zivilisten. Dieser gehört zwar einem Gebilde wie dem Nationalstaat und demnach auch einer großen Gemeinschaft an, bleibt jedoch aus dem Kreis der Mächtigen ausgeschlossen. Der Zivilist wird dadurch zum Einzelnen und zum Krieger – nach Charim zum neuen Partisanen.
Autor:in oder Herausgeber:in
Charim wurde 2001 in Wien geboren und studiert dort Philosophie sowie Soziologie. Zum Zeitpunkt der Abfassung dieser Rezension arbeitet er an der Universität Wien.
Aufbau
Das Buch umfasst rund 120 Seiten, die in vier Kapitel (1. Die Problemstellung: Die Tat der Befreiung, 2. Der Zivilist, 3. Partisanentum – der Kampf mit sich selbst, 4. Ethik der Liebe) und eine Vorrede unterteilt sind. Alle Kapitel umfassen ca. 15 bis 20 Seiten, außer Kapitel 3, das ca. 50 Seiten umfasst. Am Ende befindet sich ein zweiseitiges Literaturverzeichnis.
Inhalt
Der Autor vertritt die These, dass der zeitgenössische Populismus eine radikale weiterführende Form der Aufklärung sei. „Denn der Anspruch der Aufklärung, das Erwecken aus der Lethargie und das Kündigen einer neuen Welt, ist ganz der Geist des modernen Populismus“ (9). Zivilisten finden sich in einem Zustand des Ausschlusses wieder und empören sich durch ihre Lebensweise darüber. Mit der Aufklärung sei jeder Moment des Lebens zu einem Befreiungskampf geworden, mit dem Ziel, das Ich ins Zentrum zu stellen. Hier scheint sich laut dem Autor die Aufklärung zu realisieren, die alles Fremde auszulöschen versucht. Das Vorhaben, sich selbst zu zentrieren, entspricht dem Wunsch sich selbst überall finden zu können. „Überall soll Ich sein und wo Ich nicht ist, da soll Ich werden“ (22). Auf das Denken bezogen, bedeutet dies eine problematische Bewegung der Normierung, die von sich selbst ausgeht. Somit ist die Grenze der Aufklärung erreicht, wenn die Vernunft sich selbst aufhebt. Die Befreiung aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit gelingt nur durch Angleichung der restlichen Welt. Deshalb kommt der Empörung eine so große Rolle zu. Für Charim ist somit verstehbar wie der Populismus funktioniert, da dieser sich immer am Fremden orientiert, das er angleichen möchte, oder das Ich über andere stellt und die Ratio betont, die im Vertrauten gegeben ist. Darin steckt der Gedanke der Aufklärung und darin besteht die Tat der Befreiung.
Die Befreiung führt nach Charim zu einer systematischen Distanzierung, die in „ein Fernbleiben und Sichenthalten“ (36) führt. In diesem Zusammenhang spielt die Figur des Zivilisten eine zentrale Rolle. Im militärischen Kontext sind Zivilist:innen von ihrem Umfeld ausgenommen und bekleiden eine rechtlich geschützte Position. Dies führt zu einem Ausschluss aus ihrem Umfeld und dem Geschehen. Sie fühlen sich vergessen. Aus dieser Rolle können sie sich nicht selbstständig befreien. Bei den Zivilist:innen hängen Befreiung und Knechtschaft zusammen. Einerseits erleben sie die Befreiung in der Verwirklichung des Ichs, andererseits gelingt ihnen dies nur am Rande der Gesellschaft, aus der sie sich ausgeschlossen sehen. Dieser Widerspruch ist eine Eigenschaft ihrer Figur, die sie verzweifeln und in weiterer Folge empören lassen. Der Zivilist „ruft in die Welt und erhält sein Echo wieder“ (45). Seine Kämpfe resultieren in symbolischen Handlungen, da sich seine Empörung das Fremde richtet, das im Gegensatz zum Ich zu stehen scheint, gleichzeitig jedoch immer dem Ich innewohnt und daher ein Kampf gegen sich oder vielmehr mit sich selbst bedeutet. Zivilist:innen nehmen sich nicht als Gruppe wahr und treten demnach auch nicht als ein Kollektiv auf. Dies würde ihnen auch widersprechen, da sie in ihrer Empörung ausnahmslos für sich kämpfen.
In Anlehnung an Gilles Deleuze und Félix Guattari bedient sich Charim der Figur des Schizoiden, der ebenso mit sich selbst kämpft, wenn auch immer in Verbundenheit mit der Welt. „Denn er kämpft gegen den Anspruch der Autorität, die doch nur die Forderung seines eigenen Wesens ist. Er kämpft unmittelbar mit sich selbst“ (67). Im Moment er Veräußerung des Inneren in Form einer Autorität, tritt der schizoide Partisan auf. Ihn begleitet die Tragödie, dass seine Rebellion nur das Verhältnis bestätigt, von dem er unterdrückt wird. Dadurch ist sein Ich durch und durch von der Autorität bestimmt, was darin mündet, dass er sich nicht emanzipieren kann, da jede seiner Handlungen die Autorität voraussetzt. So muss der Schizoide „immer sagen, was er ist, damit er es nicht mehr sein muss: Er ist Frau, Jude, Afroamerikaner, Kolonialisierter, Homosexueller, Roma etc.“ (72). Der Kampf des Partisanen bleibt somit immer auf das eigene Ich beschränkt, da sein größter Wunsch darin besteht, die eigene (Um)Welt zu verändern und damit sich im Gegensatz verhaftet. Durch die wiederkehrende Erfahrung, zurückgewiesen zu werden, schließt sich der schizoide Partisan von sich selbst aus und vollzieht damit den Übergang vom Partisanen zum Zivilisten.
In seinem letzten Kapitel führt Charim seine Gedanken unter dem Begriff einer „Ethik der Liebe“ zusammen. Hier geht er erneut auf die Unruhe ein, die den Zivilisten bewohnt, da dieser sich nicht in der Welt finden kann. Die Erfahrung, Teil der Welt zu sein, würde seine Fremdheit auflösen und den „Schein der Grundlosigkeit abstreifen (108)“. Damit ginge ein Verständnis seiner Klasse einher, wodurch er zum werdenden Proletarier würde. Das Proletariat ist keine verstaubte Kategorie des 20. Jahrhunderts. Wenn das Proletariat sich selbst erkennen könnte, also die Fremdheit nicht ausschließlich in der Distanz, sondern auch in der Nähe fände, würde es das gesellschaftliche Verhältnis, in dem es steckt, als antagonistisch verstehen, was ein Verhältnis zwischen Herrschaft und Knechtschaft bedeutet. Das Fehlen dieser Erkenntnis mündet jedoch in einem Verschwinden des Gegensatzes, was den Untergang der Bourgeoisie bedeutet. „Sie hat schon alle Wirklichkeit verloren und ihre eigene Wahrheit steht ihr im revolutionären Proletariat entgegen“ (126).
Diskussion
Im Vorwort bezeichnet Charim seinen Text als Untersuchungen über den Populismus. Ausgehend vom Gedanken der Aufklärung und der „Tat der Befreiung“, diskutiert er die Begriffe Zivilist und Partisan im 21. Jahrhundert vor dem Hintergrund populistischer Erfolge. Er sieht den Populismus ganz in der Tradition der Aufklärung, obwohl diese „in ihm zum Affekt geworden [ist]. Sie empört alles, was ihr nicht entspricht, weist alles, was unvernünftig scheint, zurück“ (9). Für ihn ist jedoch die Empörung zentral, gepaart mit dem Glauben, der Vernunft nach zu handeln, wodurch die maßgebliche Forderung der Aufklärung erfüllt wäre.
Zivilist:innen fühlen sich von der Gesellschaft ausgeschlossen und artikulieren ihre Wut darüber in offenem Widerspruch. Der Autor zieht dabei historische Beispiele aus verschiedenen Befreiungsbewegungen des 20. Jahrhunderts heran und vergleicht sie mit der aktuellen populistischen Bewegung, um deren Widerstands‑ und Herrschaftslogiken zu beleuchten. Charim diskutiert, wie politische Subjekte im Heute entstehen, wie sie sich artikulieren und welche Rolle dabei kollektive Identitäten, Emotionen und Machtfragen spielen. Wenn die Empörung des Zivilisten in eine offene Feindschaft umschlägt, verwandelt er sich, so Charim, in (neue) Partisanen. Im Unterschied zu historischen Partisanen kämpft dieser aber nicht für eine konkrete Vision von Freiheit oder Gerechtigkeit, sondern gegen diffuse Feindbilder und gegen die eigene Ohnmacht.
Populismus wird so zur Farce der emanzipatorischen Tradition: Er ist keine Befreiungsbewegung, sondern ein Widerstand ohne Selbst-Befreiung. Damit der Populismus wieder verschwinden kann, muss dieser Widerspruch aufgehoben werden. „Die einzige Möglichkeit, die es heute überhaupt gibt [!] wäre, einen Populismus zu erschaffen, der versucht, seinen eigenen Widerspruch zu heben. Einer der sich also selbst vernichten will, um so nicht nur eine freie Assoziation des Hasses zu sein, sondern tatsächlich eine Vereinigung zu werden. Dieser Populismus will einmal Kommunismus sein – wenngleich seine Chancen denkbar schlecht aussehen“ (18).
Charim diskutiert die von ihm verwendeten Begriffe in unterschiedlicher Qualität. Die Begriffe Zivilist und Partisan sind teilweise austauschbar und nicht immer trennscharf voneinander zu denken. Begriffe wie Arbeiter, Schizo, schizoider Zivilist, schizoider Partisan oder Proletarier werden nicht selten klar definiert, sondern sollen vielmehr dabei helfen, das Wesen des Populismus zu verstehen und dessen Eigenschaften transparent zu machen. Dabei hilft ihm Marx zu verstehen, wie politisches Handeln aus materiellen Erfahrungen der Entfremdung entsteht. Mit Hegel, aber auch Horkheimer und Adorno denkt er dialektisch und diskutiert Anerkennung sowie Konflikt als Motor politischer Subjektivität. Spinozas Affektlehre hilft zu verstehen, dass Gemeinschaften nicht durch Vernunft, sondern durch Affekte geformt werden (auch wenn sie sich auf die Vernunft beziehen). Und mittels der Schizoanalyse von Deleuze und Guattari betrachtet er insbesondere den Begriff Partisan, um die dialektischen Widersprüche in seiner handelnden Figur aufzuzeigen. Die Ethik der Liebe wird im Abschlusskapitel etwas zu knapp ausgeführt, da sie hier nicht im Zentrum steht. Erst auf den letzten drei Seiten wird die Liebe als Gegenbewegung zum verbindenden Hass erwähnt und ihr revolutionäres Potenzial ins Spiel gebracht, sodass der Untergang der Bourgeoisie nicht nur zum Greifen nah ist, sondern bereits vollzogen wäre. Dieser Schluss liest sich jedoch sehr abrupt.
Fazit
Charims Überlegungen zum Populismus beginnen beim einzelnen Subjekt und betrachten dessen empörende Rolle als Fortsetzung der Aufklärung. Das Scheitern der (Selbst)Befreiung ist ein wiederkehrendes Motiv in seinen Gedanken und führt zu einem Verständnis vom Populismus, das einige neue Impulse setzt.
Rezension von
Andreas Hudelist
Schwerpunkte: Ästhetik, Cultural Studies, Film- und Fernsehforschung, Kunst sowie kulturwissenschaftliche Gedächtnisforschung
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Es gibt 18 Rezensionen von Andreas Hudelist.



