Roland Kachler: Unbewusste Paardynamiken verstehen und lösen
Rezensiert von Alexandra Großer, 29.06.2026
Roland Kachler:Unbewusste Paardynamiken verstehen und lösen. Tiefenpsychologisch-hypnosystemische Paartherapie. Vandenhoeck & Ruprecht Brill Deutschland GmbH (Göttingen) 2026. ISBN 978-3-525-40884-1. D: 32,00 EUR, A: 33,00 EUR.
Thema
In diesem Buch stellt Roland Kachler seinen paartherapeutischen Ansatz der unbewussten Paardynamiken vor. Er zeigt welche unbewussten Prozesse zwischen den Paaren wirken, wie diese dazu führen, dass Paarbeziehungen aus dem Gleichgewicht geraden. Welche Störungen unbewusste und unerfüllte Wünsche, Motive, Bedürfnisse die Paarbeziehung beeinflussen. Roland Kachler zeigt anhand verschiedener Methoden und Interventionen auf, wie sich unbewusste Paarprozesse beeinflussen und lösen lassen.
Autor:in oder Herausgeber:in
Roland Kachler ist Diplom Psychologe und Psychologischer Psychotherapeut (Approbation), Klinischer Transaktionsanlytiker, Supervisor (EZI), Systemischer Paar‑ und Sexualtherapeut. Er hat unter anderem weitere Fortbildungen in Hypnotherapie und Hypnose, Ego-State-Therapie, EMDR, Traumatherapie und Familientherapie. Von 1990 bis 2013 leitete er die Psychologische Beratungsstelle in Esslingen. Bis 2019 arbeitete er an der Landesstelle für Psychologische Beratungsstellen in Stuttgart. Jetzt konzentriert er sich auf seine eigene psychotherapeutische Praxis. Er ist Autor zahlreicher Bücher.
Aufbau
Das Buch gliedert sich zwischen Vorwort, Ausblick und Abschluss in sechs Kapitel mit Unterkapitel. Jedes Kapitel enthält ein Fallbeispiel am Anfang des Kapitels sowie paartherapeutische Interventionen.
Inhalt
Das Paar-Unbewusste – Die Basis der unbewussten Paardynamiken
Der Autor arbeitet in seinem paartherapeutischen Ansatz „mit und […] an den unbewussten Paardynamiken“ (S. 17). Berücksichtigt werden dabei die „unbewussten Prozesse zwischen den Gehirnen beider Partner“ (ebd.). Er führt in diesem Abschnitt skizzenhaft in die zentralen Konzepte und Ansätze, die für seinen paartherapeutischen Ansatz wesentlich sind ein. Jürg Willis Kollusionskonzept des Paar-Unbewussten bildet die Basis des Konzepts der Paartherapie Roland Kachlers. Er erweitert das Konzept Jürg Willis um neueste Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften und der Säuglingsforschung. Weiterer Zugänge seiner tiefenpsychologischen und hypnosystemischen Paartherapie des Paar-Unbewussten bilden die Hypnotherapie Ericksons, die er auf die Paartherapie überträgt indem er den Zugang über die Trance (Paartrance) zu den unbewussten Prozessen nutzt. Zentral für Roland Kachlers Ansatz ist der hypnosystemische Ansatz Gunter Schmidts. Abschließend gibt er Hinweise „zu den paartherapeutischen Interventionen“, die zu beachten und in jedem Kapitel zu finden sind.
Das Paar-Unbewusste als relationales Unbewusstes – Wie Partner unbewusst verbunden sind
Roland Kachler steigt mit einem Beispiel ins Thema ein. Bereits bei der Partnersuche, beispielsweise über eine Dating-Plattform, fließen in die eigene Beschreibung „unbewusste Selbstbilder und Selbstdarstellungsbilder“ (S. 21) ein. Bevor sich Partnersuchende in der realen Welt kennenlernen, beziehungsweise per Mail oder Chat Kontakt miteinander aufnehmen, machen sie sich vom zukünftigen Partner, der zukünftigen Partnerin ein Bild. Bereits beim ersten Kennenlernen entsteht eine Anfangsbeziehung, die durch eine Vielzahl unbewusster Prozesse geprägt wird. Die Kommunikation zwischen den Partnern ist sehr komplex und findet auf vielen Kommunikationsebenen statt, so dass ein Großteil der Kommunikation vor‑ und unbewusst stattfindet und wahrgenommen wird (vgl. S. 22). Die Kommunikation zwischen Paaren spielt sich auf verschiedenen Ebenen ab, wie in Blicken, Gesten, Körperhaltung, parasprachlich als auch in Berührungen. Diese können Botschaften der Zuneigung vermitteln als auch Abneigung. Anschaulich erklärt der Autor, welche Hirnareale und Prozesse mit den unbewussten Paarprozessen verbunden sind. Anhand der Spiegelneuronen erklärt er, wie Partner sich in Interaktionen aufeinander beziehen und sie sich unbewusst „gegenseitig spiegeln“ und zwischen ihnen Resonanzräume entstehen (S. 29), die er in seinen paartherapeutischen Interventionen nutzt.
Das Paar-Unbewusste bei der Partnerwahl und im Verlieben – Wie das Paar-Unbewusste entsteht
In diesem Abschnitt erläutert der Autor, wie das Paar-Unbewusste entsteht, welche unbewussten Hoffnungen, Wünsche und Motive mit der Partnerwahl verbunden sind. Bereits das Verlieben stellt einen Lösungsversuch widersprüchlicher Prozesse, die so komplex sind, dass sie rational nicht entschieden werden können und daher emotional getroffen werden. Eine Frage, bei der Partnerwahl, die beide Partner beschäftigt, ist evolutionsbiologisch betrachtet, ob der/die Partner*in als Elternteil geeignet ist. In der Paartherapie spielt diese Frage insofern eine Rolle, da Männer und Frauen unterschiedliche Motive haben. Während manche Partner, eine längerfristige Beziehung anstreben, könnten andere Partner durchaus an einer kurzfristigeren Verbindung interessiert gewesen sein. Des Weiteren suchen Menschen Partner unbewusst danach aus, wie ähnlich diese einem selbst sind und gleichzeitig jedoch auch von einem selbst differiert. Ein weiteres Wahlmotiv erklärt sich anhand des sexual imprinting. Partner wählen damit den gegengeschlechtlichen Partner aus, der diesem Elternteil ähnlich ist. Mit der Partnerwahl hängt auch der unbewusste Wunsch nach Heilung zusammen. Entstanden aus Verletzungen und Defiziten früherer Beziehungen bzw. in Kindheit und Jugend (vgl. S. 59). Damit entsteht ein unbewusster Paarvertrag, dessen Einhaltung beide Partner, ohne sich dessen bewusst zu sein, vor allem in Konfliktsituationen in „Form von Vorwürfen“ (S. 60) einfordern. Der unbewusste Paarvertrag enthält verschiedene Aspekte, die in der Paartherapie bewusst und zugänglich gemacht werden müssen, damit diese bearbeitet werden können (vgl. S. 61). Eine Ressource, die in der Paartherapie über Spiegel‑ und Resonanzprozesse aktiviert werden kann, ist die Erfahrung des Verliebens und der/die Auserwählte zu sein. Die Phase des Verliebens birgt viele Entwicklungsimpulse für das Paar und ihre Paarbeziehung und kann für den paartherapeutischen Prozess genutzt werden.
Die Dynamik des Paar-Unbewussten – Was das Paar unbewusst bewegt
Basierend auf der Affektiven Neurowissenschaft von Jaak Panksepp bezieht sich Roland Kachler bei der Beschreibung der Dynamik des Paar-Unbewussten auf dessen Emotionssysteme im Gehirn. Neben diesen Emotionssystemen verbindet der Autor die aktuellen neurowissenschaftlichen Forschungen von Partnerschaften und macht hier fünf komplexe Bedürfnissysteme aus, die sich ebenfalls auf die Paardynamik auswirken und unterschwellig zu Konflikten und Problemen in der Paarbeziehung führen. In der Paartherapie sollten diese „unbewussten Bedürfnisebenen“ (S. 88) bearbeitet werden, da diese für die Paare und Paarproblematik bedeutend sind. Unbewusste Paardynamiken entstehen aus den biografischen Erfahrungen, die wir als Kinder in Interaktionen mit unseren Eltern gesammelt haben. Ebenso beeinflussen traumatische Erfahrungen und Verletzungen in der Kindheit unbewusst die Paarbeziehung. So kann beispielsweise die „Erfahrung durch Beziehungsabbrüchen“ (S. 99) zu einem „erhöhten Bindungs‑ und Kontrollverhalten“ (ebd.) führen, was beim anderen Partner unbewusst zu Abwehr oder Rückzug führen kann. Möglicherweise sind diese biografischen Erfahrungen mit „unerfüllbaren Heilungswünschen“ (S. 102) verbunden, die zu Enttäuschungen führen, welche dem Partner vorgeworfen werden. Des Weiteren beschreibt Roland Kachler das gemeinsame Abwehr-Unbewusste. Von außen sichtbar gehören dazu Grenzen zu setzen gegenüber Eltern und den eigenen Kindern, sich als Paar zu definieren, über Rituale wie Heirat oder das beziehen einer gemeinsamen Wohnung (vgl. 120). „Unbewusst ist die Ausgrenzung und Abwehr von internalen Prozessen und Bedürfnissen in den Partnern und im Paar“ (ebd.). Dazu gehören unter anderem Trennungsphantasien, unerfüllte Wünsche und Bedürfnisse eines Partners, die dem gemeinsamen Wertesystem widersprechen, Entwicklungstendenzen eines Partners unabhängiger zu werden. In vielen Partnerschaften können diese Wünsche und Bedürfnisse im Dialog besprochen werden und zu Entwicklung des Paares als auch der einzelnen Partner beitragen. Für manche Paare oder einzelne Partner sind dies jedoch „bedrohliche Themen“, die durch „unbewusste Strategien beider Partner“ (ebd.) abgewehrt werden. Damit bleiben sie im Paar-Unbewussten verhaftet. Die unbewussten Abwehrmechanismen „zeigen sich in der Kommunikation zwischen den Partnern“ (S. 125), die in der Paartherapie aufgegriffen werden. Das Kapitel schließt mit Reparaturmechanismen, die die Paare in der Verliebtheitsphase miteinander entwickelten und in der Paartherapie reaktualisiert werden, ab.
Paarsymptome als Störungen des Paar-Unbewussten – Warum die Liebe so schwierig ist
In diesem Abschnitt geht der Autor zunächst darauf ein, weshalb es für die Paartherapie wesentlich ist, die Entstehung der Paarsymptomatik zu verstehen. Paaren verhilft es zu einem Verständnis ihres Leidens und dessen Würdigung. Paartherapeuten dient es als „Navigationshilfe für den komplexen Lösungsprozess“ (S. 137). Des Weiteren beschreibt der Autor seine Vorgehensweise zu Beginn der Paartherapie. Anschließend zeigt er auf, wie Paarsymptome entstehen, zu Störungen führen und die unbewussten Paardynamiken beeinflussen.
Die Therapie mit dem Paar-Unbewussten – Wie Paartherapie spielend leicht wird
In einer kurzen Fallvignette fügt Roland Kachler seine bisherigen Ausführungen und Interventionen zusammen und ergänzt diese tiefenpsychologischen und systemischen Ansätze mit den Ansätzen der Hypnotherapie und dem hypnosystemischen Ansatz, so dass ein Gesamtbild seines Paartherapeutischen Ansatzes des Paar-Unbewussten entsteht. Die Paartherapie mit ihren Phasen arbeitet bereits beim Erstkontakt mit dem und am Paar-Unbewussten. Des Weiteren erläutert er, welche Voraussetzungen für die Spiegel‑ und Resonanzprozesse notwendig sind. Die Spiegel‑ und Resonanzprozesse führen das Paar „in eine vertiefte Paar‑ und Einzeltrance und damit an ihr gemeinsames Paar-Unbewusstes“ (S. 175). In die Spiegel‑ und Resonanzprozesse integriert der Autor die tiefenpsychologischen Interventionen unter Bezugnahme des psychoanalytischen Ansatzes Jürg Willis. Mit Hilfe systemischer Fragen und Interventionen, wie beispielsweise der Skulpturarbeit, wird der Zugang zum Paar-Unbewussten ermöglicht.
Diskussion
Roland Kachler beginnt jedes Kapitel mit einem Beispiel mit dem er in das Kapitel einführt. Er versteht es wie kein anderer auf die unbewussten Paardynamiken in Beziehungen hinzuweisen und einzugehen. Es erstaunt, wie viele unbewusste Prozess die Paarbeziehung beeinflussen und zu Störungen führen können. Er erklärt die unbewussten Paardynamiken nicht nur psychologisch, sondern verknüpft sie mit aktuellen neurowissenschaftlichen Forschungen zu Liebe und Partnerschaft als auch Säuglingsforschung.
In seinen Interventionen führt der Autor die Paare wiederholt in Spiegel‑ und Resonanzprozesse und leitet sie in Trancezustände. Zunächst bleibt jeder Partner für sich, bleibt bei seinen Emotionen, unbefriedigten Bedürfnissen, formuliert Sätze, die er dann ausspricht. Dabei werden die Partner aufgefordert sich gegenseitig in die Augen zu schauen, die Gefühle, den Konflikt, die unerfüllten Bedürfnisse und Wünsche, präsent werden zu lassen. Innerhalb der einzelnen Kapitel bekommen die Leser*innen konkret beschriebenen Interventionen, um das Paar-Unbewusste anzusprechen und Lösungen herbeizuführen. Im letzten Kapitel führt er die verschiedenen Ansätze, Impulse und Interventionen, die er mit seinem Ansatz des Paar-Unbewussten verknüpft, zusammen.
Der Autor beschreibt seinen von ihm entwickelten Ansatz und stellt diesen damit der Fachwelt vor. Das Buch ist vor allem für Paartherapeut*innen und Paarberater*innen geschrieben, die aufgefordert werden, diesen auszuprobieren, in die eigene Praxis, auch in Teilen, zu integrieren, weiterzuentwickeln und Feedback zu geben.
Fazit
Roland Kachler stellt mit diesem Buch seinen Ansatz „einer Paartherapie des Paar-Unbewussten“ (S. 199) vor. Er bezeichnet dies selbst als einen „ersten Entwurf“ (ebd.). Insgesamt enthält sein Buch viele Anregungen und Impulse, die die Paartherapie bereichern und in die eigene paartherapeutische Praxis integriert werden können.
Rezension von
Alexandra Großer
Fortbildnerin, päd. Prozessbegleiterin, systemische Beraterin
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