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Robert L. Solso: Kognitive Psychologie

Rezensiert von Dipl.-Psych. Gesche Keding, 07.03.2006

Cover Robert L. Solso: Kognitive Psychologie ISBN 978-3-540-21270-6

Robert L. Solso: Kognitive Psychologie. Springer (Berlin) 2005. 538 Seiten. ISBN 978-3-540-21270-6. 39,95 EUR.
Übersetzt von Matthias Reiss. Reihe: Springer-Lehrbuch
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Thema

"Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann!", mit diesem Bonmot von Picabia steigt das Lehrbuch ein in die Welt des Wahrnehmens, Denkens, Lernens und Erinnerns, der Sprache und der Intelligenz.

Autor

Robert Solso war 21 Jahre lang Professor für Experimentalpsychologie an der Universität von Nevada in den USA. Er starb am 16. Januar 2005. Eines seiner Hauptforschungsgebiete war die kognitive Psychologie. Daneben interessierte er sich für russische Psychologie und die Verbindung zwischen Kognition und Kunst. Im Jahr 2004 erschien die 7. Auflage seines Lehrbuches "Cognitive Psychology", das er gemeinsam mit M. Kimberley MacLin und Otto MacLin schrieb. Bei dem vorliegenden Buch handelt es sich um die Übersetzung der 6. Auflage.

Nachrufen zu Folge muss er seinen Beruf als Dozent geliebt haben und eine angenehme Persönlichkeit gewesen sein. Dazu passt, dass das Lehrbuch sich liest, als hätte er es für Menschen geschrieben, die er schätzt.

Aufbau und Inhalt

Der Inhalt der kognitiven Psychologie wird in folgende sechs Blöcke gegliedert, die jeweils zwischen zwei und fünf Kapitel enthalten.

  1. In Einführung und neuronale Grundlagen der Kognition wird zunächst ein Überblick über die kognitive Psychologie und ihre geschichtliche Entwicklung gegeben. In einem weiteren Kapitel wird die Kognitionsforschung mit den neuronalen Grundlagen in Verbindung gebracht. Weil im 21. Jahrhundert die Technik, genauer: die bildgebenden Verfahren es erlauben, das menschliche Gehirn immer besser bei seinen Prozessen zu beobachten, konnten Neurowissenschaften und kognitive Psychologie in ihrem alten Bedürfnis physikalische Belege des Mentalen zu finden immer näher zusammenrücken. Es entstand die kognitive Neurowissenschaft.
  2. Der Teil Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Mustererkennung und Bewusstsein beschäftigt sich im Grunde mit den Strategien des zentralen Nervensystems seine begrenzten Kapazitäten möglichst gut zu nutzen. Die Fähigkeit selektiv aufmerksam zu sein, gilt als Filter, um die ankommenden Hinweisreize aus der Umwelt an die Verarbeitungskapazität des Gehirns anzupassen. Auch die automatische Verarbeitung vieler Routineprozesse ermöglicht, die begrenzten Ressourcen des zentralen Nervensystems optimal zu nutzen. Bei der Mustererkennung geht es um die Fähigkeit des Menschen, Gegenstände, trotz unterschiedlicher Ausprägung, Kategorien zuzuordnen und zu interpretieren. Verschiedene Theorien versuchen diese Mustererkennung zu erklären. Eine besondere Rolle im Nervensystem spielt das Bewusstsein. Es ist u. a. nötig, um zu lernen, Prioritäten zu setzen und Kontrolle über Handlungen zu gewähren.
  3. Inhalt des Teils Gedächtnis sind Mnemotechniken, die verschiedenen Arten des Gedächtnisses, wie sie die Wissenschaft unterscheidet (Kurzzeit- und Langzeitgedächtnis) und Theorien und Neurokognition des Gedächtnisses.
  4. Mentale Repräsentation, Gedächtnis und bildhafte Vorstellung: Information wird erst durch die Verarbeitung zu Wissen. Wie repräsentiert unser Gehirn Wissen? Zu dieser Frage gibt es verschiedene Theorien und Modelle. U. a. werden fünf Modelle der Wissensrepräsentation vorgestellt und diskutiert: Clustermodelle, das mengentheoretische Modell, Modell des semantischen Merkmalsvergleichs, das Netzmodell und das neurokognitive Modell. Wir repräsentieren Wissen auch in Form mentaler Bilder, so z. B. als kognitive Landkarte.  Die Forschung beschäftigt sich dabei mit visuellen bildhaften Vorstellungen. Die bildhaften Vorstellungen sind jedoch nicht auf diese beschränkt. Drei theoretische Positionen werden dazu erläutert: die Dual-Coding-Hypothese, die konzeptuell-propositionale Hypothese und die Hypothese der funktionalen Äquivalenz. Dieses Gebiet ist ein zentraler Teil der kognitiven Psychologie.
  5. Sprache ist für Kognitionspsychologen ein Kommunikationssystem, bei dem Gedanken mit Hilfe von Tönen oder Symbolen übermittelt werden. Sie ist mithin eine wichtige Komponente der Informationsverarbeitung und -speicherung und der Kommunikation. Sie beeinflusst die Wahrnehmung. So beschäftigt sich dieses Kapitel u. a. mit Spracherwerb, Lese- und Textverstehen und den neurologischen Grundlagen. Die Kognitionsentwicklung hat einige interessante Aspekte der Entwicklungspsychologie zum Inhalt, die für die Entwicklung der Kognition entscheidend sind. Dabei wird nicht nur auf die Lebensabschnitte der Kindheit und Jugend geschaut.
  6. Denken und Intelligenz bei Mensch und Maschine: Denken ist eine besondere Fähigkeit des Menschen. Information wird durch komplexe Wechselwirkungen zwischen mentalen Vorgängen wie Urteilen, Abstrahieren, Schlussfolgern, Vorstellen und Problemlösen transformiert. Es entsteht eine neue mentale Repräsentation. Außerdem geht dieses Kapitel der Frage nach, was ein Mensch eigentlich macht, wenn er ein Problem löst (Problemlösen ist Denken, das auf das Lösen eines bestimmten Problems ausgerichtet ist) und was Kreativität und menschliche Intelligenz in diesem Zusammenhang sind. Zum Schluss des Buches wird die künstliche Intelligenz behandelt, die mit der Kognitionspsychologie in einer Wechselbeziehung steht: Sie profitieren gegenseitig von ihren jeweiligen Fortschritten.

In allen Kapiteln bezieht Solso aktuelle Forschungsergebnisse der Neurowissenschaften ein.

Zielgruppe

Es ist ein Lehrbuch der kognitiven Psychologie und kann zur Prüfungsvorbereitung der Allgemeinen Psychologie verwendet werden. Daneben ist es zum Lesen und Nachschlagen für Interessierte sehr geeignet.

Service und Leserführung

Drei nummerierte Gliederungsebenen bieten eine lese- und lernfreundliche Struktur. Zahlreiche Abbildungen und Tabellen lockern die Seite und fördern das Verständnis.

Lernfreundlich ist auch, dass Leserin und Leser in jedem Kapitel mit einigen Fragen auf das Thema eingestimmt wird und am Ende eine Zusammenfassung findet. Jedes Kapitel ist mit Hinweisen auf vertiefende Literatur versehen, die dankenswerterweise nicht einfach als Liste angegeben werden, sondern die Form eines bewertenden Fließtextes hat, der dem jeweilig Interessierten eine Auswahl aus der Fülle der Literatur vorstellt.

Glossar, Literatur- und Sachverzeichnis am Ende des Buches sind zusätzliche Informations- und Navigationsmöglichkeiten.

Erwähnt werden müssen auch die kleinen Annehmlichkeiten. So werden auf jeder rechten Seite die Seitenzahl und die Kapitelangabe gut sichtbar jeweils außen oben nebeneinander angezeigt, während auf der linken Seite an gleicher Stelle zusätzlich die Kapitelüberschrift angegeben ist. Das erleichtert die Suche in dem umfangreichen Werk erheblich.

Fazit

Die Inhalte sind nicht nur anschaulich und verständlich geschildert, sondern stellenweise genüsslich zu lesen. Die gute Struktur macht es einfach, das Lehrbuch zum Nachschlagen zu verwenden. Mit der Einschränkung, dass vermutlich auf diesem Gebiet die Forschung schnell voran schreitet, ist das Buch für das Studium und für Interessierte uneingeschränkt empfehlenswert.

Rezension von
Dipl.-Psych. Gesche Keding
Leuphana College, Universität Lüneburg

Es gibt 23 Rezensionen von Gesche Keding.

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Zitiervorschlag
Gesche Keding. Rezension vom 07.03.2006 zu: Robert L. Solso: Kognitive Psychologie. Springer (Berlin) 2005. ISBN 978-3-540-21270-6. Übersetzt von Matthias Reiss. Reihe: Springer-Lehrbuch. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3419.php, Datum des Zugriffs 29.06.2022.


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