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Inke Hummel: Familien in Krisen begleiten

Rezensiert von Alexandra Großer, 03.06.2026

Cover Inke Hummel: Familien in Krisen begleiten ISBN 978-3-451-00905-1

Inke Hummel: Familien in Krisen begleiten. Kindergarten heute praxis kompakt. Verlag Herder GmbH (Freiburg, Basel, Wien) 2026. 48 Seiten. ISBN 978-3-451-00905-1. D: 15,00 EUR, A: 15,50 EUR, CH: 16,25 sFr.

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Thema

Die Familienberaterin Inke Hummel beschreibt in dieser praxis kompakt, wie Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen Kinder und Eltern durch Krisen begleiten können. Praxisorientiert und mit vielen Praxisbeispielen gibt sich Einblicke in die Begleitung von Familien in Krisen. Die Leser*innen erfahren, welche Auswirkungen Krisen auf Kinder haben können und wie unterschiedlich Kinder mit ihrem Verhalten zeigen, dass sie in Not geraten sind. Feinfühlig und beziehungsorientiert begleitet sie Schritt für Schritt Fachkräfte dabei Familien in der Krise zu unterstützen.

Autor:in oder Herausgeber:in

Inke Hummel ist Pädagogin M.A., Familienbegleiterin, Erziehungsberaterin, pädagogischer Coach, Autorin, Fortbildnerin und Fachberatung für den General-Anzeiger Bonn und für die WDR Redaktion Kinder und Familie, Sendung mit der Maus, MausRadio sowie für die Sendung mit dem Elefanten.

Aufbau

Das Buch stammt aus der Reihe kindergarten heute praxis kompakt. Die Broschüre gliedert sich in sechs Kapitel mit Unterkapiteln. Jedes Kapitel wird mit einem Praxisbeispiel eingeleitet, welches das Kapitel begleitet. Im Text wird immer wieder ein Bezug zum Praxisbeispiel hergestellt. Farblich abgesetzte Kästen enthalten Reflexionsimpulse, Informationen und Praxisbeispiele. An den Seitenrändern finden sich blaugefüllte Kreise, die auf Literaturtipps, Reflexionsimpulse sowie weiterführende Informationen hinweisen. Am Ende jeden Kapitels finden sich in einem farblich abgesetzten Kasten Arbeitshinweise in Stichpunkten.

Inhalt

Mit Wie Kinder Krisen erleben erläutert Inke Hummel, was Fachkräfte tun können, wenn sie bei Kinder aufgrund von Krisen Verhaltensänderungen bemerken. Die Autorin zeigt auf, dass Kinder auf unterschiedliche Situationen mit herausfordernden Verhaltensweisen, Überforderung und Hilflosigkeit reagieren (vgl. S. 5). Sie zählt verschiedene Krisensituationen auf, die Kinder belasten können und zu Verhaltensänderungen führen. Manche Kinder reagieren mit Rückzug, andere zeigen laute, wilde Verhaltensweisen. Kinder zeigen damit, dass sie Hilfe brauchen, werden jedoch oft missverstanden. Wichtig ist es Kinder zu beobachten, die Beobachtungen zu sammeln und im Team zu besprechen. Dabei ist darauf zu achten, möglichst neutral zu bleiben, das Verhalten zu beschreiben und keine Zuschreibungen zu machen. Auch der Dialog mit dem Kind bietet sich an, um die Ursache für die Verhaltensänderung der Kinder herauszufinden. Inke Hummel fordert zum Perspektivwechsel auf, sich in die Perspektive des Kindes einzufühlen. Denn Kinder nehmen Krisen anders wahr als wir Erwachsene. Während für uns ein Umzug aufgrund eines Hochwasserschadens eine Krise darstellt, kann es für Kinder eine Krise sein, „weil der Kletterbaum vor dem Fenster nicht mitkommen kann“ (S. 9). Je jünger die Kinder sind, desto mehr verunsichert sie eine Krise. Dies gilt ebenso für Erwachsene, doch haben diese meist aufgrund verschiedenster Erfahrungen mit Krisen schon ein Handlungsrepertoire gesammelt, auf das sie zurückgreifen können. Kindern fehlt dieses Handlungsrepertoire, daher brauchen sie die Unterstützung feinfühliger Erwachsener.

Ein wichtiger Schritt ist es Mit Eltern in Krisen zu kommunizieren. Auch wenn Tür-und-Angel-Gespräche kritisiert werden, bieten sie sich für ein erstes Andocken an. Eine weitere Möglichkeit, wie sie auch im Praxisbeispiel erwähnt wird, wäre ein Telefongespräch mit der Mutter, über die Veränderungen des Kindes in der Kita. Dies hat den Vorteil, dass die Fachkraft Zeit hat, und das Gespräch vertraulich stattfindet ohne weitere Zuhörer. Voraussetzung für eine gut funktionierende Erziehungspartnerschaft ist eine Kultur in der Eltern sich willkommen und wohlfühlen. Es erleichtert beiden Seiten auch in schwierigen Zeiten aufeinander zuzugehen und das Gespräch zu suchen. Bei Themen, die für das Team neu sind, empfiehlt die Autorin, die Fachberatung hinzuzuziehen beziehungsweise externe Experten. Bei Kindeswohlgefährdung ist, neben der Leitung, das Jugendamt bzw. die Insoweit erfahrene Fachkraft Ansprechpartner. Eltern sollten bereits „beim ersten Elternabend oder mit den Anmeldeunterlagen“ darauf hingewiesen werden, dass sie jederzeit auf die Fachkräfte zukommen können. Dazu gehört es, die Eltern mit all ihren Anliegen ernst zu nehmen. Für manche Eltern kann diese Hürde sehr hoch sein und sie verschweigen die Krise aufgrund mangelnden Vertrauens, Scham oder Überforderung. Im Gespräch mit den Eltern, sollten die Eltern frei erzählen dürfen. Der Fokus sollte auf Lösungsmöglichkeiten gerichtet sein und das Wohl des Kindes. In manchen Fällen bietet es sich an, den Eltern Hilfsangebote an die Hand zu geben bzw. auch gezielt andere Eltern anzusprechen, die bei der Betreuung des Kindes helfen oder anderweitig unterstützen können. Dies sollte jedoch in Absprache mit den betroffenen Eltern geschehen.

Was Kinder in der Krise brauchen ist „Sicherheit und Schutz“ (S. 19). Inke Hummel erklärt, was zu tun ist, wenn das Wohl des Kindes in seiner Familie gefährdet ist. Zugleich erläutert sie, wie Fachkräfte Kinder in Krisensituationen gut unterstützen und begleiten können. Für Kinder ist es wichtig, dass sie in der Kita mit all ihren Gefühlen und Sorgen angenommen werden. Für Fachkräfte bedeutet dies, das Kind feinfühlig zu begleiten, den Emotionen des Kindes Raum zu geben, es zu begleiten und Unterstützung zur Selbstregulation anzubieten. Kinder, die im Stress sind, brauchen Erwachsene, die sie regulieren und helfen aus dem Stress rauszukommen. Anhand vieler Fragen, können Fachkräfte und Teams überlegen, wie sie Kindern in Krisen gut begleiten können. Die Autorin nennt viele Beispiele, was Fachkräfte tun können und wie sie Kinder in verschiedenen Krisen, wie beim Tod von jemand Geliebten, Trennung der Eltern, Krankheit eines Elternteils oder Geburt eines Geschwister, unterstützen können. Es gilt das Kind gut zu begleiten, es zu unterstützen sich selbst wieder als kompetent zu erleben, als selbstwirksam und in Sicherheit. In manchen Fällen braucht es die Hilfe von Therapeut*innen, besonders bei traumatischen Erlebnissen, gibt Inke Hummel zu bedenken, gleichzeitig können Fachkräfte dazu beitragen, dass das Kind „ein Gefühl der Sicherheit erlangt“ (S. 23). Dazu gehört, dass Kinder Fachkräfte als verlässlich erleben und Abläufe vorhersehbar für die Kinder sind. Gemeinsam mit den Eltern und dem Team kann ein Hilfefahrplan erstellt werden, der das Kind umfassend unterstützt (vgl. S. 27).

In Vernetzung mit externer Hilfe beschreibt die Autorin, welche verschiedenen Möglichkeiten Fachkräfte haben, sich ein Hilfenetz zu verschiedenen Krisenthemen zu spannen. Neben Inhouse-Fortbildungen, haben Fachkräfte die Möglichkeit sich bei verschiedenen Vereinen, Wohlfahrtsverbänden, Stiftungen und Beratungsstellen, Informationen als auch konkrete Hilfe zu den verschiedenen Krisenthemen, wie bei der Erkrankung von Eltern, Erkrankung des Kindes selbst, Tod, Sucht und finanzielle Hilfen, über Kontakte, Broschüren oder empfohlene Literatur zu holen. Anhand diverser Materialien und Büchertische können sie auch Eltern Informationen zu verschiedenen Krisenthemen zur Verfügung stellen, auch in verschiedenen Sprachen. Diese Informationen können bereits im Vorfeld zur Verfügung gestellt werden, so dass, wenn Familien in Krisen geraten, sie sich auch trauen, sich den Fachkräfte anzuvertrauen. Auch auf ersten Elternabenden oder bereits in Anmeldegesprächen kann darauf hingewiesen werden, dass die Einrichtung sich auch als erste Anlaufstelle für „familiäre und pädagogische Fragen und Probleme versteht“ (S. 32). Zugleich gilt es, das Kind gut zu begleiten. Auch hier kann es notwendig sein, externe Hilfe zu beanspruchen. Manche Krisenthemen können mehrere Kinder beschäftigen, dies kann aus eigener Betroffenheit resultieren oder indem die Kinder, die Themen mit in die Kita bringen und mit den anderen Kindern darüber sprechen. Fachkräfte haben nicht nur den Auftrag das einzelne Kind zu schützen, sondern alle Kinder. Wird das Krisenthema zum Thema einzelner Kinder oder der Gruppe, sollte dies aufgefangen werden. Dies kann über Themenprojekte für die ganze Gruppe mit einer Expertin geschehen, über „Einzelbespräche mit bestimmten Kindern“ (S 34) und/oder indem die Kinder, die von dem Thema betroffen sind im Alltag zusammenkommen. Zu beachten ist, dass dies in Absprache mit den betroffenen Eltern geschieht, wenn andere Eltern und Kinder informiert werden. Für Eltern und ältere Kinder bieten sich auch Selbsthilfegruppen an, auf die die Fachkräfte hinweisen können.

Mit Krisen in der Praxis geht Inke Hummel auf verschiedene Krisenthemen ein, wie sie in jeder Kita vorkommen können. Dazu zählen

  • „Umzug und Abschied (S. 37)
  • Psychische Erkrankung der Eltern (S. 39)
  • Schock durch unerwartete Krisensituation (S. 40)
  • Erkrankungen in der Kernfamilie“ (S. 42).

Die Autorin beschreibt in den verschiedenen Abschnitten, welche Möglichkeiten die Fachkräfte haben, die verschiedenen Krisenthemen in der Kita aufzufangen. Wie die Fachkräfte mit den Kindern ins Gespräch kommen können, beispielsweise, wenn ein Kind umzieht oder ein Kind erlebt hat, dass in die Wohnung eingebrochen wurde. Inke Hummel zeigt konkret auf, wie Fachkräfte auch mit den Eltern ins Gespräche kommen und wie sie ihr Kind unterstützen können.

Im letzten Kapitel erfahren die Leser*innen, wie sie Kinder stark machen und was Kindern hilft Krisen gut zu überstehen. Dazu gehört, dass die Kita den Kindern Selbstbewusstsein und Selbstliebe vermittelt sowie der Aufbau von Selbstvertrauen und Selbstsicherheit. Sich seiner selbst bewusst sein können Fachkräfte bei Kindern anregen, indem sie mit ihnen überlegen, was das Kind gerne mag, und was es nicht so gerne mag, was es gut kann, was es nicht so gut kann, was es gerne noch lernen bzw. schaffen möchte (vgl. S. 45). Wichtig ist auch, dass Kinder in der Kita die Sicherheit haben sollten, dass sie über alles, was sie bewegt, mit den Fachkräften sprechen können, auch über Themen, die wir „Erwachsenen als unwichtig empfinden“ (S. 47). Dies gibt den Kindern die Sicherheit auch in Krisenphasen Ansprechpartner*innen zu haben. Gleiches gilt auch für die Eltern.

Diskussion

Inke Hummel hat mit ihrem praxisorientierten und beziehungsorientierten Blick eine wertvolle Broschüre geschaffen, die es pädagogischen Fachkräften ermöglicht Familien und Kinder durch Krisen zu begleiten. Ihre langjährige Erfahrung als Familienbegleiterin und Erziehungsberaterin sind in den Text eingeflossen. Die Praxisbeispiele geben einen Einblick in die Gefühle von Eltern und Kindern. Sie zeigen wie pädagogische Fachkräfte es schaffen, feinfühlig, wertschätzend und ressourcenorientiert Dialoge mit Eltern und Kindern zu führen und sie in Krisen zu unterstützen. Die Autorin gibt Tipps und Anlaufstellen zur Vernetzung an die Hand. Fachkräften in Kitas ermöglicht sie so, sich Informationen und Materialien zu beschaffen, die sie in der Begleitung der Familien unterstützen und an Eltern weitergeben können.

Die Autorin bespricht verschiedene Krisenthemen, wie Umzug, psychische Erkrankung, Tod, u.a. Schritt für Schritt führt sie Fachkräfte durch die Kommunikation mit Eltern und Kinder. Ihr Blick gilt dabei vor allem dem Wohl der Kinder. Aus systemischer Perspektive fordert sie immer wieder auf, auch die Eltern zu unterstützen, in Form von Hilfsangeboten und weiteren Anlaufstellen, deren Hilfe Familien in Anspruch nehmen können. Krisen belasten nicht nur die Familien, sondern können auch die anderen Kinder in der Gruppe erfassen. Auch das Wohl der Gruppe hat die Autorin im Fokus und unterstützt Fachkräfte mit Impulsen dabei, das Thema in der Klein‑ bzw. Großgruppe aufzugreifen. So bleibt kein Kind allein mit seinen Gedanken, Gefühlen und Sorgen. Gleichzeitig erfahren alle Kinder, dass sie Unterstützung und Hilfe bekommen. Für die Entwicklung von Resilienz ein wichtiger Schritt.

Viele Praxisimpulse zeigen anschaulich, wie Fachkräfte in Gesprächen mit Kindern und Eltern vorgehen können, welche Hilfen sie anbieten können. Das Praxisbeispiel, welches Inke Hummel gleich im ersten Kapitel beschreibt, führt sie in den weiteren Kapiteln weiter. So haben die Leser*innen einen Einblick, wie die Unterstützung und Begleitung von Matilda und ihrer Mutter weitergeht.

Immer wieder weist die Autorin daraufhin, dass die Kommunikation mit Eltern bereits zu Beginn der Kita-Zeit essenziell ist. Mit dem Auftrag der Erziehungs‑ und Bildungspartnerschaft ist es die Aufgabe von Fachkräften mit allen Eltern der Kita eine tragfähige Beziehung aufzubauen. Daher sind die Angebote zum Dialog und Hilfe bei pädagogischen Problemen von Anfang an wichtig. Inke Hummel weiß um die Hürden, die Familien zurückhalten sich Fachkräften oder anderen Menschen zu öffnen beziehungsweise diese um Hilfe zu bitten. Daher bietet sie Fachkräften verschiedene Möglichkeiten an, Familien verbal und nonverbal, beispielsweise durch Materialien, Büchertische zu familiären Problemen, einzuladen in den Dialog zu gehen. Eine Rolle spielen dabei auch die sprachlichen Hürden, die es Eltern und Fachkräften zusätzlich erschweren.

Besonders hilfreich sind die Reflexionsimpulse, die Fachkräfte für sich und im Team besprechen können und so herausfinden können, wo sie noch nachjustieren können.

Fazit

Pädagogische Fachkräfte finden in dieser Broschüre einen beziehungsorientierten Wegweiser um Familien in Krisen zu begleiten. Eine Broschüre, die in keiner Kitabibliothek fehlen sollte.

Rezension von
Alexandra Großer
Fortbildnerin, päd. Prozessbegleiterin, systemische Beraterin
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Es gibt 101 Rezensionen von Alexandra Großer.

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ISSN 2190-9245