Annette Reisinger, Sebastian Lisowski: Herausfordernde Gefühle im Kita-Team
Rezensiert von Alexandra Großer, 12.06.2026
Annette Reisinger, Sebastian Lisowski:Herausfordernde Gefühle im Kita-Team. Mit Ärger, Angst, Enttäuschung oder Wut konstruktiv umgehen. Don Bosco Verlag (München) 2025. 40 Seiten.
40 Bildkarten mit Reflexionsfragen und Fallbeispielen für Erzieher:innen.
Thema
Dieses Kartenset nimmt insgesamt 10 herausfordernden Gefühle in den Fokus, die pädagogische Fachkräfte im Alltag erleben können. Gefühle, die oft unangenehm sind, ignoriert oder unterdrückt werden. Das Autorenpaar hat 10 Gefühle ausgewählt und zu jedem Gefühl ein Themenset zusammengestellt, welches das Gefühl beschreibt, Strategien an die Hand gibt und durch Fallbeispiele sowie Reflexions‑ und Diskussionsimpulse zur Selbstreflexion und Reflexion im Team einlädt.
Autor:in oder Herausgeber:in
Annette Reisinger ist Referentin, Coachin, Bildungsbegleiterin und Autorin. Als Coaching und Bildungsbegleiterin begleitet sie Fach‑ und Führungskräfte in Kitas. Als Autorin, Fortbildnerin und Impulsgeberin unterstützt sie pädagogische Teams mit Seminaren, Weiterbildungen und praxisnahen Konzepten.
Sebastian Lisowski ist staatlich anerkannter Erzieher und Kindheitspädagoge (B.A.). Er arbeitet als pädagogischer Fachberater im Bereich frühkindliche Bildung und Erwachsenenbildung. Er ist Autor, Pädagogikmentor, Fortbildner, Speaker und Podcaster des Podcasts der Kita Kompass.
Aufbau und Inhalt
Das Kartenset enthält ein Booklet und 40 Bildkarten zu insgesamt 10 Gefühlen. Zu jedem Gefühl gibt es vier Karten. Dieses Gefühlsset setzt sich aus einer Karte zusammen, welches das Gefühl erklärt, einer Reflexionskarte, einer Karte mit hilfreichen Methoden und einer Karte mit einem Fallbeispiel zu einer Situation aus dem Kita-Alltag, in der das Gefühl vorkommt. Diese Karte enthält neben dem Fallbeispiel weitere Impulse zur Reflexion, auch im Team. Jedes Gefühl ist einer Farbe zugeordnet.
Besprochen werden die Gefühle
- Enttäuschung (gelb)
- Neid (grün)
- Eifersucht (lila)
- Traurigkeit (grau)
- Angst (hellblau)
- Wut (rot)
- Ärger (orange)
- Ekel (olivegrün)
- Scham (Rosa)
- Schuld (Türkis).
Zu jedem Gefühl gibt es vier Karten. Auf zwei der vier Karten ist auf der Vorderseite ein Bild abgebildet, das Gefühl sowie ein Symbol neben dem Gefühl. Die Erklärkarte hat das Symbol eines Ausrufezeichens, die Reflexionskarte ein Fragezeichen, die Methodenkarten die Abdrücke von Schuhsohlen, welche Schritte darstellen und die Fallbeispielkarte hat als Symbol die Lupe. Die Methodenkarte und die Fallbeispielkarte unterscheiden sich von den anderen Karten, da sie kein Bild auf der Vorderseite haben. Auf der Vorderseite der Fallbeispielkarte wird das Fallbeispiel beschrieben, auf der Rückseite finden sich Diskussionsimpulse für Teams und Kleingruppen dazu. Die Methodenkarten enthalten auf der Vorderseite Mini-Methoden zum sofortigen Einsatz im Kita-Alltag, auf der Rückseite eine Methode, die ausführlicher beschrieben wird und im Team beziehungsweise in Kleingruppen angewandt werden kann.
Im Booklet besprechen Annette Reisinger und Sebastian Lisowski den Aufbau und Inhalt des Kartensets, die Einsatzmöglichkeiten als auch die Nachbereitung der Inhalte des Kartensets. Die Karten können als Selbstreflexion und im Einzelsetting, als auch zur Teamreflexion und Kleingruppenarbeit eingesetzt werden. Ebenso ist ein Einsatz ausgewählter Karten bei Elterngesprächen und/oder Elternabenden denkbar. Hauptsächlich jedoch ist das Kartenset für pädagogische Teams und Fachkräfte entwickelt worden.
Im 34seitigen Downloadmaterial finden sich weitere wertvolle Reflexionsimpulse, Übungen sowie Impulskarten.
Diskussion
Sebastian Lisowski und Annette Reisinger beschreiben in dem Kartenset Gefühle, die meist negativ konnotiert sind. Gefühle, die in uns aufsteigen, die wir gerne verdrängen, nicht wahrhaben wollen, wie beispielsweises Ekel, Scham, Schuld, Eifersucht oder Neid. Gefühle, die da sind, über die jedoch meist nicht gesprochen wird. Gefühle, die herausfordern.
Sich vor verdorbenen Lebensmitteln zu ekeln, kann fast jeder verstehen, sich vor den Ausscheidungen (Rotz, Erbrochenes) von Kindern und dem Geruch der vollen Windel zu ekeln, ist oft ein Tabu. Es ist die volle Windel, die sie als Fallbeispiel nutzen, um dieses Gefühl im Team zu besprechen, um miteinander Lösungen und Strategien zu finden.
Ebenso verhält es sich mit der Scham. Wenn Fachkräfte im Kita-Alltag Kinder anschreien, die Gruppe still wird, weil plötzlich alles zu viel ist, und aus Stress und Überforderung Kinder laut zurechtgewiesen werden. Situationen, die in jeder Kita vorkommen. Situationen, die noch während dem Handeln oder kurz danach zu „Scham, Verunsicherung und vielleicht auch Ärger über sich selbst“ (Kartenset Scham) führen. Einer Situation, in der nicht nur die Gruppe still wird, sondern auch die Kolleg*innen. Wie damit umgehen? Wann schämen wir uns? Was passiert, wenn ich mich schäme, mit mir, in meinem Körper? Wie fühlt sich Scham an? Dies sind nur einige Fragen, die der Autor und die Autorin stellen. Wie auch die Frage, wie der professionelle Umgang mit Scham aussieht. Das Thema Scham ist ein Teil, der zur Entwicklung einer Fehlerkultur gehört. Als auch das Thema Schuld.
Annette Reisinger und Sebastian Lisowski erklären, was unter Schuld zu verstehen ist und wie sich Schuld im Kita-Alltag zeigt. Die Auseinandersetzung mit dem Gefühl Schuld mag zunächst irritieren. Bei genauerer Betrachtungsweise geht es bei diesem Gefühl auch, um die Verletzung der eigenen Werte und Ansprüche. Im Kita-Alltag können manche Situationen, wie das unbeantwortete Bedürfnis eines Kindes nach Trost, bereits Schuldgefühle auslösen oder, wie im Fallbeispiel beschrieben, ein Moment der Unachtsamkeit, weil mit dem Blick und den Gedanken woanders. Es lohnt sich darüber nachzudenken, auch darüber, wie man selbst den Begriff Schuld definiert. Hier lag für mich zunächst die Irritation. Für mich hätte hier der Begriff Zweifel besser gepasst. Wobei Zweifel eher einen mentalen Zustand charakterisiert als ein Gefühl. Die intensive Auseinandersetzung mit diesem Gefühl lohnt sich. Auch im Hinblick auf das Gefühl Scham. Da Schuld und Scham eng beieinander liegen.
Annette Reisinger und Sebastian Lisowski nehmen mit ihrem Kartenset Gefühle in den Fokus, die unangenehm sind. In der Kita gehört die Begleitung der Kinder mit ihren Gefühlen, die Co-Regulation bei Wut, Angst, Ärger oder auch Eifersucht zum Alltag. Fachkräfte kennen diese Gefühle auch bei sich. Viel zu oft werden diese Gefühle jedoch verdrängt. Durch das Kartenset eröffnen der Autor und die Autorin Möglichkeiten sich im Team über diese Gefühle auszutauschen, sie zu reflektieren, miteinander ins Gespräch zu kommen, Strategien zu entwickeln, gemeinsam Lösungen zu finden. Die Fallbeispiele, die Reflexions‑ und Diskussionsimpulse laden Teams zur intensiven Auseinandersetzung ein. Das Ziel des Kartensets ist es Achtsamkeit für die eigenen Gefühle zu entwickeln, sie nicht mehr zu ignorieren oder zu unterdrücken, weil sie nicht sein dürfen, sondern wahrzunehmen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Ein weiteres Ziel, welches die Autorin und der Autor benennen, ist die Weiterentwicklung der eigenen emotionalen Kompetenz. Die Karten zeigen Möglichkeiten auf, die eigenen Gefühle nicht zu ignorieren, sondern zu lernen diese zu regulieren. Sie bei den Kolleg*innen wahrzunehmen und anzusprechen. Eine „Kultur des Verständnisses und der Offenheit“ (S. 5) zu entwickeln und zu etablieren. Mit den Reflexionsfragen, die das Autorenpaar zur Nachbereitung zur Verfügung stellen, fordern sie auf, die eigenen Lernmomente und Entwicklung zu dokumentieren. Wer seine Gefühle kennt, sie regulieren kann, kann auch Kinder gut dabei begleiten.
Fazit
Im frühpädagogischen Bereich wird viel über Co-Regulation und Selbstregulation geschrieben und nachgedacht. Mit dem Kartenset werden herausfordernde Gefühle von pädagogischen Fachkräften angesprochen. Anhand von Reflexions‑ und Diskussionsimpulsen sind Teams und Fachkräfte eingeladen, sich ihrer herausfordernden Gefühle bewusst zu werden und sich auszutauschen. Dieses Kartenset eröffnet viele Lernmomente.
Rezension von
Alexandra Großer
Fortbildnerin, päd. Prozessbegleiterin, systemische Beraterin
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