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Frauke Hildebrandt, Karsten Krauskopf et al. (Hrsg.): Kinderrechte in Krippen sichern

Rezensiert von Steven Friese, 16.01.2026

Cover Frauke Hildebrandt, Karsten Krauskopf et al. (Hrsg.): Kinderrechte in Krippen sichern ISBN 978-3-7799-8468-9

Frauke Hildebrandt, Karsten Krauskopf, Bianka Pergande (Hrsg.): Kinderrechte in Krippen sichern. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2025. 132 Seiten. ISBN 978-3-7799-8468-9. D: 38,00 EUR, A: 39,10 EUR.

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Thema

Das Sammelwerk „Kinderrechte in Krippen sichern – Zum Umgang mit Grenzverletzungen in der frühen Bildung, Betreuung und Erziehung“ ist im Kontext der intensiv geführten Debatten um Kinderschutz, Partizipation und Qualitätsentwicklung in der frühen Bildung zu verorten. Spätestens mit der stärkeren Verankerung der UN‑Kinderrechtskonvention im fachpolitischen Diskurs und einer Reihe öffentlich gewordener Kinderschutzfälle im institutionellen Bereich stellt sich drängend die Frage, wie Kinderrechte, insbesondere in hoch vulnerablen Settings wie Krippen, nicht nur programmatisch, sondern im pädagogischen Alltag wirksam verankert werden können.

Autor:in oder Herausgeber:in

Die Herausgeber*innen und Autor*innen, zu welchen unter anderem Frauke Hildebrandt, Dorothee Gutknecht, Bianka Pergande und weitere profilierte Vertreter*innen der aktuellen Frühpädagogik in Deutschland zählen, bringen langjährige wissenschaftliche, konzeptionelle und beratende Erfahrung im Feld der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung ein. Sie sind in Forschungsverbünden, Fachgremien und Qualitätsinitiativen aktiv und haben in den vergangenen Jahren maßgeblich zu Diskussionen rund um Partizipation, Kinderschutz und professionelle Responsivität beigetragen. Das vorliegende Werk knüpft an diese Arbeiten an und fokussiert dabei dezidiert auf Grenzverletzungen und Übergriffe in der Krippenpraxis sowie auf strukturelle Rahmenbedingungen, die jene Konstellationen begünstigen oder verhindern.

Aufbau

Ziel des Bandes ist es, Grenzverletzungen in Krippen nicht verkürzt als individuelles Fehlverhalten einzelner Fachkräfte zu skandalisieren, sondern sie vielmehr als Phänomen zu analysieren, welches in spezifischen organisationalen und professionellen Konstellationen entsteht. Hierzu verbindet das Buch rechtlich‑normative und theoretische Grundlagen zu Kinderrechten und professioneller Verantwortung mit empirischen Befunden und praxisorientierten Handlungsperspektiven.

Formal präsentiert sich der Band klar gegliedert. Die einzelnen Beiträge folgen einer nachvollziehbaren Struktur. Überschriften und Zwischenüberschriften erleichtern die Orientierung. Der wissenschaftliche Sprachstil bleibt weitgehend präzise und differenziert, ist zugleich aber so gestaltet, dass er für die Praxis adressatengerecht bleibt.

Neben den fachlich-inhaltlichen Beiträgen stechen die dialogisch gestalteten Passagen und Interviewsequenzen hervor, in denen Autoren*innen und Moderatoren*innen gemeinsam unterschiedliche Perspektiven auf Grenzverletzungen, Fehlerkultur und Organisationsdynamiken entfalten. Die Form der Darstellung unterstützt nicht nur das Verständnis der komplexen Zusammenhänge, sondern macht vielmehr nachvollziehbar, wie sich fachliche Positionen im Austausch schärfen und wie bedeutsam ein offener, kollegialer Diskurs für eine kinderrechtsbasierte Praxis ist.

Als besonders hilfreich erweisen sich im Buch die zahlreichen Fallbeispiele, dialogischen Passagen und Praxisvignetten, die theoretische Überlegungen mit konkreten Situationen aus dem Krippenalltag verknüpfen. Auf diese Weise wird die Lektüre für Leitungskräfte, Fachberatungen und pädagogische Fachkräfte anschlussfähig, welche das Buch vor allem mit Blick auf die eigene Praxis im Feld nutzen oder gehaltvolle Anregungen für Teamtage, Fortbildungen, Fallbesprechungen oder Konzeptionsprozesse suchen.

Inhalt

Zu Beginn des Sammelbandes werden die normativen und rechtlichen Grundlagen der Kinderrechte und des institutionellen Kinderschutzes skizziert, wobei Spannungslinien zwischen Schutz, Fürsorge, Bildung und Partizipation sichtbar werden, die sich insbesondere in Krippensettings mit sehr jungen Kindern verdichten. Grenzverletzungen werden dabei nicht erst dort verortet, wo strafrechtlich relevante Übergriffe vorliegen, sondern bereits in alltäglichen Routinen und pädagogischen Schlüsselsituationen. An dieser Stelle sind beispielsweise das Wickeln, Essen oder Schlafen gemeint, in denen sich, nach Aussage der Autoren*innen, Muster verfestigen können, die kindliche Bedürfnisse systematisch übergehen oder abwerten.

Eine zentrale Stellung nimmt zudem die Auseinandersetzung mit der BiKA‑Studie „Beteiligung von Kindern im Kita-Alltag“ ein, die im Zeitraum von 2018–2020 unter anderem Beteiligungsmöglichkeiten von Kindern unter drei Jahren und die Qualität von Fachkraft‑Kind‑Interaktionen empirisch untersuchte. Die Rezeption der damit verbundenen Ergebnisse im Kontext von Kinderrechten und Grenzverletzungen verdeutlicht, dass Beteiligung, Responsivität und Interaktionsqualität unmittelbar mit dem Risiko grenzverletzender Praktiken verknüpft sind. Kinderrechte werden diesbezüglich dort konkret, wo Fachkräfte täglich entscheiden, wie sie Kinder in Pflegesituationen, beim Essen oder im Spiel wahrnehmen, einbeziehen oder übergehen.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Analyse organisationaler Dynamiken. Anhand von spezifischen Fallvignetten und Forschungsbefunden wird gezeigt, wie Teamkultur, unausgesprochene Normen und implizite Leistungsmaßstäbe dazu beitragen können, dass Fachkräfte sich eher an informellen Laienmodellen als an fachlich begründeten Standards orientieren. Spezifische Beispiele verdeutlichen, wie sich Bewertungsmaßstäbe schleichend zulasten einer beziehungsorientierten, responsiven Begleitung und Unterstützung verschieben können.

Weitere Beiträge widmen sich der Frage, wie Einrichtungen und Träger präventiv und interventiv in Bezug auf die Thematik tätig werden können. Im Mittelpunkt stehen unter anderem die Bedeutung klarer Leitlinien und Beschwerdewege, die Notwendigkeit fortlaufender Reflexions‑ und Fallbesprechungsformate sowie konkrete Anforderungen an das Leitungshandeln.

Diskussion

Das zentrale Verdienst des Bandes liegt darin, Grenzverletzungen nicht auf moralische Defizite Einzelner zu reduzieren, sondern sie konsequent im Kontext komplexer organisationaler, kultureller und professioneller Dynamiken zu betrachten. Die Beiträge machen überzeugend deutlich, dass problematische Praktiken insbesondere dort fortbestehen, wo Teamkulturen, informelle Normen und hoher Zeitdruck eine reflexive Auseinandersetzung mit Alltagsroutinen erschweren und sich Einzelne gegenseitig als Vorbild dienen.

Besonders stark sind vor allem jene Kapitel, die konkrete Situationen aus der Krippenpraxis detailliert analysieren und mit theoretischen Konzepten wie Organisationskultur, kognitiven Verzerrungen und professioneller Responsivität verknüpfen. An diesen Stellen wird sichtbar, dass Grenzverletzungen häufig nicht aus einer böser Absicht entstehen, sondern im Spannungsfeld von Überlastung, unklaren Normen und fehlender Reflexion. Dies zeigt die Notwendigkeit struktureller Prävention und systematischer Qualitätsentwicklung.

Positiv hervorzuheben ist weiterhin, dass der Band mit der Einbindung der BiKA‑Studie und weiterer empirischer Arbeiten nicht bei normativen Appellen stehen bleibt, sondern seine Argumentation auf einen belastbaren Forschungsstand stützt. Die Verbindung empirischer Befunde zu Beteiligung und Interaktionsqualität mit der Frage nach Grenzverletzungen zeigt, wie eng Kinderschutz, Kinderrechte und Partizipation miteinander verschränkt sind und wie sehr eine kinderrechtsbasierte Praxis auf die Qualität der Beziehungen und somit konsistenter feinfühliger Interaktionsqualität angewiesen ist.

Ausdrücklich hervorzuheben ist auch, dass die Perspektive der Kinder nicht nur abstrakt mitgedacht, sondern immer wieder inhaltlich aufgegriffen wird. Die Beiträge verdeutlichen, wie Kinder nonverbal oder über ihr Verhalten auf Missachtung, Beschämung oder Überforderung reagieren können und dass der Schutz kindlicher Integrität eng mit der Qualität von Beziehungsgestaltung, Alltagskommunikation und der Anerkennung kindlicher Signale verbunden ist.

Kritisch anzumerken ist, dass die Vielzahl der angesprochenen Dimensionen, rechtlicher Grundlagen, organisationspsychologischer Mechanismen bis hin zu detaillierten Fallbeispielen, stellenweise eine hohe Lesekompetenz und Vorwissen im Kinderschutz und in Organisationsentwicklungsprozessen voraussetzt. Leser*innen aus der Praxis ohne vertiefte Vorerfahrungen könnten sich an einzelnen Stellen eine noch stärkere Strukturierung oder Visualisierung von Zusammenhängen wünschen. Hinsichtlich zukünftiger Arbeiten wäre es interessant, die beschriebenen Mechanismen in längsschnittlichen Studien weiter zu untersuchen, um Veränderungen in Organisationskultur und Praxis systematisch und evidenzbasiert nachvollziehen zu können.

Fazit

„Kinderrechte in Krippen sichern“ ist ein fachlich anspruchsvolles und zugleich praxisrelevantes Buch, das durch die konsequente Verbindung von Kinderrechten, Organisationskultur und professionellem Handeln einen wichtigen Beitrag zur aktuellen Diskussion um Kinderschutz in der frühen Bildung leistet. Grenzverletzungen werden dabei nicht isoliert, sondern als Prüfstein für die Qualität institutioneller Bildung und Betreuung verstanden, woraus vielfältige Anknüpfungspunkte für Schutzkonzepte, Ausbildungsgänge, Fort- und Weiterbildungen und die reflexive Praxis in Einrichtungen und Trägerstrukturen resultieren.

Der Band ist insbesondere Fachberatungen, Leitungen, Qualitätsbeauftragten und Studierenden zu empfehlen, die Kinderrechte in Krippen nicht nur formal anerkennen, sondern im Alltag wirksam sichern wollen.

Weiterführende Literatur

Hildebrandt, F. et al. (2020): BiKA. Beteiligung von Kindern im Kita-Alltag. Abschlussbericht zur Studie. Berlin: BMSFJ

Hildebrandt, F./Walter-Laager, C./Pergande, B. (Hrsg.) (2025): BiKA-Studie – Beteiligung von Kindern im Kita-Alltag. Fachhochschule Potsdam/​Universität Graz/PädQUIS gGmbH/​BMFSFJ

Rezension von
Steven Friese
Kitafachberater und Studierender im weiterbildenden Masterstudiengang Kindheits- und Sozialwissenschaften mit dem Schwerpunkt Management und Beratung/ Hochschule Koblenz
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Es gibt 1 Rezension von Steven Friese.

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ISSN 2190-9245