Franziska Susann Reichenbecher, Gabriele Schabacher (Hrsg.): Medien des Gatekeeping
Rezensiert von Dr. Maik Eimertenbrink, 21.04.2026
Franziska Susann Reichenbecher, Gabriele Schabacher (Hrsg.): Medien des Gatekeeping. Akteure, Architekturen, Prozesse.
transcript
(Bielefeld) 2025.
354 Seiten.
ISBN 978-3-8376-5859-0.
D: 40,00 EUR,
A: 40,00 EUR,
CH: 48,70 sFr.
Reihe: Edition Kulturwissenschaft - 256.
Thema
In diesem Sammelband dreht sich alles um die Akteur*innen, Architekturen und Prozesse des Gatekeepings. Der Begriff „Gate“ evoziert das Bild von Toren, die sich öffnen oder schließen, die Einlass gewähren oder den Zugang blockieren. Die Gatekeeper sind jene Instanzen, die das Tor hochziehen, ein Schloss davor hängen oder den Riegel vorschieben. Sie entscheiden darüber, wer die Schwelle überschreiten darf und wer draußen bleiben muss (das allerdings meist nach Anweisung „von oben“). Dabei können Tore analog bedient werden (die Nachtwache, die die Jalousie herunterlässt) oder digital (der binäre Code, bei dem Eins „Zugang“ und Null „kein Zugang“ bedeutet).
Wer darf rein ins System? Wer darf ins „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ und wessen Spielraum wird von vornherein minimiert? Wer überschreitet die Schwelle zum Gymnasium, und wer wird nach der Mittleren Reife auf den Arbeitsmarkt geworfen? Wer findet Einlass in die behütete Nachbarschaft (Gated Community), und wer muss vor den Stadtmauern kehrt machen?
Das Wort Gate weist etymologische Bezüge zum altfriesischen gat auf, was so viel wie Loch, Öffnung oder Nadelöhr bedeutet. Keeper leitet sich von keep ab – im Sinne von Aufrechterhalten, Bewahren und Stabilisieren bestehender Verhältnisse. Gatekeeping ist somit die mediale und soziale Kontrolle dieses Nadelöhrs. Ein Gatekeeper kann die Pförtner*in sein, die Lieferant*innen durchlässt, aber Hausierer*innen abweist; die Lehrkraft, die von einer Gymnasialempfehlung absieht; oder die Immobilienmakler*in, die keinen Besichtigungstermin gewährt, wenn Nachname, Gehalt oder die sprichwörtliche Nase nicht passen.
Selbst im Sport findet sich das Motiv: Torhüter*innen im Fußball fangen den Ball ab und werfen ihn zurück ins Feld, um den „Einlass“ ins Netz zu verhindern. Gatekeeper regulieren den Fluss von Personen (Asylsuchende, Vagabund*innen, Reisende), Gütern (russisches Öl oder US-Whiskey) und Botschaften (Pressemitteilungen werden weitergeleitet oder landen im Spam-Filter). Wer sich durch das Nadelöhr „durchschleicht“, verletzt die Grenze; wer bleibt und sich unkontrolliert vermehrt, bringt das System womöglich zum Einsturz (man denke an Computerwürmer). All diese Facetten werden in diesem lesenswerten Band multiperspektivisch beleuchtet.
Herausgeberinnen und Autorinnen
Die Herausgeber*innen bringen unterschiedliche Schwerpunkte ein: Franziska Reichenbecher hat sich intensiv mit Medien der Gastlichkeit (Architektur, Tischkultur, Reinigung) und des Komforts beschäftigt. Gabriele Schabachers Fokus liegt hingegen auf Überwachungsregimen und auf Infrastrukturen, die das Funktionieren einer Gesellschaft ermöglichen (oder erschweren).
Auch die Beiträger*innen kommen aus verschiedensten Fachrichtungen – vom Postdoc im Projekt „Urbane Kontrollregime“ bis hin zur Medienphilosophie an der Bauhaus-Universität. Entsprechend breit gefächert sind die Themen, die hier „beackert“ werden.
Aufbau
Der Sammelband umfasst zwölf Kapitel auf 354 Seiten und ist in die drei namensgebenden Schwerpunkte gegliedert. Nach einer theoretischen Grundlegung durch die Herausgeber*innen widmen sich drei Beiträge der Ebene der „Akteur*innen“, gefolgt von fünf Kapiteln zu „Architekturen“, die räumliche und bauliche Schwellen untersuchen. Den Abschluss bilden drei Beiträge im Bereich „Prozesse“, die sich verstärkt auf die Dynamik technischer und algorithmischer Abläufe konzentrieren. Diese klare Dreiteilung ermöglicht es, Gatekeeping sowohl als soziale Handlung als auch als materielle und prozedurale Gegebenheit zu erfassen.
Inhalt
Die Einleitung der Herausgeber*innen macht deutlich, dass es um die strategischen Schaltstellen über Inklusion und Exklusion geht. Gatekeeping wird hier als medientechnisches Dispositiv begriffen – ein Geflecht aus Akteur*innen, gebauten Architekturen und technologischen Prozessen, das gesellschaftliche Teilhabe reguliert. Während Architektur dabei als System von Öffnungen und Schließungen fungiert, operieren Prozesse als mediale Filter (S. 11). Erst durch das aktive Trennen und Aussortieren wird Ordnung in einer chaotischen Welt geschaffen.
In Anlehnung an das Kommunikationsmodell von Shannon/Weaver wird Gatekeeping hier als die harte Unterscheidung zwischen ‚Signal‘ (dem autorisierten Einlasswunsch) und ‚Rauschen‘ (den störenden, unsortierten Einflüssen) definiert. Während diese Systeme den Anschein technischer Neutralität erwecken, basieren sie auf politisch aufgeladenen Klassifikationsregistern. Diese führen dazu, dass gesellschaftliche Vorurteile durch algorithmische Logik technologisch verfestigt und damit einer kritischen Hinterfragung entzogen werden.
Um die Bandbreite der Publikation zu verdeutlichen, hat der Rezensierende für die drei Teilbereiche (Akteur*innen, Architekturen, Prozesse) jeweils ein Kapitel herausgesucht, das im Folgenden intensiver beleuchtet wird:
Für den Bereich „Akteur*innen“: Door Work
Der Beitrag von Franziska Reichenbecher untersucht die Verschränkung von Mensch und Objekt an der physischen Tür. Im Fokus stehen dabei nicht nur Türsteher*innen (in Club und Diskothek), sondern auch die „dinglichen Gatekeeper“ des Hotelbetriebs: Türhänger aus Pappe oder Plastik. Hierbei erfolgt eine Analyse der Eigenwahrnehmung der Türsteher*innen als „Supervisor*in, Dompteur*in und Selekteur*in“ (S. 69), während in der Fremdwahrnehmung eine mögliche Gewaltbereitschaft des Gatekeepers (der Türsteher*in) im Vordergrund steht (S. 69).
Besonderes Augenmerk legt Franziska Reichenbecher auf den Türhänger als „Grenzregime“ (S. 77 f.). Ein DND-Schild (Do Not Disturb) ist demnach weit mehr als ein Papp‑ oder Plastikschild; es ist ein Kommunikationsmedium, das zwischen Hygiene (Housekeeping) und Privatheit vermittelt. Der Beitrag zeigt auf, wie der Türhänger den Gast diszipliniert: Wer Ruhe will, muss die Tür aktiv einen Spalt öffnen, den Hänger geschickt platzieren und ihn später wieder entfernen – eine „Kulturtechnik“ (S. 84), die das Verhalten des Gastes an die Logistik des Hotels anpasst.
Zudem wird eine politische Dimension sichtbar. Seit dem Attentat in Las Vegas 2017 (S. 86) werden DND-Schilder zunehmend als Sicherheitsrisiko gewertet. Das Hotelzimmer wird vom privaten Rückzugsort zum „Überwachungsdispositiv“ (S. 88), in dem das Personal nicht mehr nur Service anbietet, sondern durch tägliche Inspektionen ein „Policing“ (S. 88) durchsetzt und somit zu einer Kontrollinstanz wird.
Für den Bereich „Architekturen“: Grenzregime der EU
Der Beitrag von Sarah Sander macht Architektur als „physisches Instrument einer selektiven Ausgrenzung“ (S. 198) fassbar. Im Zentrum stehen dabei die gefängnisähnlichen Aufnahmezentren an den Außengrenzen der EU, die weniger dem Schutz als der „Abschreckung und Abschottung“ (S. 198) dienen. Sander analysiert, wie diese Räume die „Fiktion der Nicht-Einreise“ (S. 196) aufrechterhalten: Durch die Verlagerung der Verfahren in geschlossene Lager wird das völkerrechtliche Recht auf Asyl faktisch angegriffen, da die Betroffenen registriert und vorsortiert werden, ohne offiziell in die EU einreisen zu dürfen.
Besonderes Augenmerk wird auf die Transformation der Grenze in sogenannte Smart Borders (S. 200) gelegt. Die Architektur besteht hier aus einem Verbund von KI-Systemen und biometrischen Datenbanken. Ankommende werden durch „intelligente“ Gesichtserkennungs-Software (S. 198) unter Generalverdacht gestellt und in data doubles (S. 204) verwandelt. Damit ist eine digitale Kopie der Person gemeint: Der reale Mensch wird durch seine biometrischen Daten ersetzt, die ihn für das System berechenbar und kategorisierbar machen. Die Grenze wird so zu einer Zone der Überwachung, die über den geografischen Raum hinausgreift und automatisiert zwischen „wahrscheinlich asylberechtigt“ und „sicher abzuweisen“ (S. 197) (prä-)selektiert. Der Mensch muss diese Prä-Selektion (noch) bestätigen.
Für den Bereich „Prozesse“: Human Activity Recognition
Dieser Artikel beschreibt die Implementierung eines „polizeiliche(n) Blick(s)“ (S. 301) in die Maschine. Die Technologie zielt auf eine präventive Überwachung ab: Es geht um die algorithmische Einstufung von Bewegungen als potenzielle Gefahr in Echtzeit. Am Beispiel des Mannheimer Modellversuchs (S. 290 ff.) wird deutlich, dass diese Verhaltenserkennung darauf ausgelegt ist, den urbanen Raum „in ein auf Dauer gestelltes Test-Szenario“ (S. 315) zu transformieren. Ziel dieser Strategie ist eine Habitualisierung – also die schleichende Gewöhnung der Bevölkerung an die Überwachung, bis diese als Teil der städtischen Alltagsinfrastruktur nicht mehr auffällt.
Schabacher und Spallinger entlarven technische Lösungen dabei als Delegation von Entscheidungen an Instanzen, deren Logik undurchdringlich bleibt. Das generierte Datenmaterial der markierten Personen wird protokolliert, gespeichert und zur Verfeinerung einer algorithmischen Mustererkennung an beauftragte Forschungsinstitute transferiert. Der Mensch wird in diesem Kreislauf zur unfreiwilligen Lieferant*in für ein lernendes System. Die Gesellschaft wird zur Testgesellschaft.
Diskussion
Auf dem Cover des Buches wirft eine orange-schwarz gestreifte Schranke ihre Schatten über Straße und Gehsteig. Im Hintergrund ragt ein massives, graues Steingebäude auf – ein Regierungsbau? Diese Gestaltung erinnert unweigerlich an den legendären „Pentagon-Pizza-Index“. Die Legende besagt: Wenn im Pentagon ungewöhnlich viel Pizza bestellt wird, deutet das auf die Planung einer militärischen Operation hin. Viel Pizza bedeutet eine hohe Gefahr eines baldigen Kriegseintritts (vgl. https://bibbern-und-rollen.de/tag-50-pentagon-pizza-index/).
Doch wer zählt eigentlich die Pizzen am Eingang und veröffentlicht die Zahlen? In der Phantasie des Rezensierenden übernimmt diese Funktion die Pförtner*in. Vor der Schranke stauen sich die Lieferfahrzeuge, und die pförtnerische Instanz wirft einen Blick in jeden Lieferrucksack, zählt die Kartons, führt Listen und gewährt vorübergehenden Zutritt.
An diesem Bild lassen sich die im Werk analysierten Dimensionen des Gatekeepings exzellent diskutieren: Begegnen die Pizza-Lieferant*innen einem menschlichen Gegenüber oder nur einem maschinenlesbaren Schlitz? Falls die Pforte menschlich besetzt ist: Agiert die Pförtner*in vermittelnd und gastfreundlich oder verwirrend und kafkaesk (S. 47 ff.)? Gewährt sie Hilfe oder verhält sie sich ruppig und gewaltbereit (S. 67 ff.)? Viele weitere Fragestellungen ließen sich heranziehen. Die zentrale Stärke des Sammelbands liegt darin, solche Alltagsszenarien theoretisch zu unterfüttern und die systemische Undurchsichtigkeit moderner Kontrollsysteme offenzulegen. Auch für die Soziale Arbeit lässt sich das Buch übersetzen. Wer kontrolliert die Türen zum Frauenhaus, zur Weiterbildung, zum Aufenthaltsstatus? Wer darf warum wo nicht rein und wer setzt einen Einlass dennoch durch? Manchmal hilft Soziale Arbeit den Klient*innen, einen Zugang zu sonst geschlossenen Türen zu finden. Manchmal ist aber auch die Tür zur Sozialen Arbeit verschlossen bzw. die Schwelle zu hoch und die Jalousie geschlossen. Dem gilt es natürlich entgegen zu wirken, niedrigschwelliger zu werden und Jalousie und Ohr zu öffnen.
Fazit
Das Buch vermittelt facettenreiche Blickwinkel auf das Spannungsfeld von Einlass und Ausschluss. Eine Übersetzung in die Praxisfelder der Sozialen Arbeit hätte sich angeboten, ist aber nicht geschehen. Das ist zwar schade, aber darum geht es in diesem Buch auch nicht. Hier ist Eigenleistung, Übersetzungsarbeit, des Lesenden gefragt.
Rezension von
Dr. Maik Eimertenbrink
Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation
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