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Winfried Neun: Resilienzorientierte Führung durch Mediation und Affektregulation

Rezensiert von Alexandra Großer, 20.05.2026

Cover Winfried Neun: Resilienzorientierte Führung durch Mediation und Affektregulation ISBN 978-3-658-50444-1

Winfried Neun: Resilienzorientierte Führung durch Mediation und Affektregulation. Psychologische Grundlagen für menschzentrierte Konfliktlösungen. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2026. 103 Seiten. ISBN 978-3-658-50444-1. D: 34,99 EUR, A: 35,97 EUR, CH: 39,00 sFr.

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Thema

Führungskräfte und Mediatoren bekommen in diesem Buch einen Einblick in die Resilienztheorie, das Mediationsverfahren, die Wirkmechanismen der verschiedenen Motive sowie Einblicke in die Verarbeitungsprozesse des Gehirns mit seinen verschiedenen Systemen. Klar und verständlich führt der Autor die Leser*innen durch die psychologischen Grundlagen und erläutert die Zusammenhänge zwischen Affektregulation, Verarbeitungsprozessen, Motiven und den Phasen des Mediationsprozesses.

Autor:in oder Herausgeber:in

Winfried Neun ist Gründer und Geschäftsführer der Kommunikations‑ und Managementberatungsgesellschaft K.O.M. GmbH. Er ist Experte für Wirtschaftspsychologie und Verhaltensökonomie sowie Coach und Berater für die professionelle Gestaltung von Veränderungen. Seine Schwerpunkte liegen in der professionellen Gestaltung von Veränderungsprozessen, insbesondere in den Bereichen Unternehmensführung, Strategie und Personal/​Organisation. Er ist Autor, Publizist und betreibt einen Podcast „Verhalten Gestalten – Ziele erreichen mit Winfried Neun“.

Aufbau

Das Buch gliedert sich inklusive Einleitung sowie Fazit und Ausblick in 8 Kapitel mit Unterkapiteln. Am Ende der Kapitel finden die Leser*innen Denkanstöße zu den einzelnen Themen.

Inhalt

Ziel des Buches ist es, den Zusammenhang zwischen Resilienz, Mediation und Affektregulation zu erklären, die wissenschaftlichen Grundlagen darzulegen und praxisnahe Methoden aufzuzeigen. Die Inhalte richten sich sowohl an Führungskräfte als auch Mediatoren.

In Begriffsdefinitionen und Abgrenzungen definiert der Autor die Begriffe Resilienz, Affektregulation, Mediation und Mediationsverfahren. Neben dem Begriff Resilienz und seiner Abgrenzung zu Burnout und Stressbewältigung nimmt der Autor auch die Teamresilienz in den Blick sowie die Bedeutung der Resilienzkategorien für die Mediation. Von besonderer Bedeutung sind vier Kategorien für die Mediation: Selbstbestimmung, Selbstwirksamkeit, Selbstmotivierung und Selbstberuhigung. Sie gehören zum „Selbstregulationsinventar […] und sind für die erfolgreiche Konfliktlösung essenziell“ (S. 8).

Mit wissenschaftliche Grundlagen und Modelle führt der Autor aus psychologischer Sicht in die Resilienztheorie, die Affektregulation und Motivationsmodelle sowie in das Mediationsverfahren ein. In seinen Ausführungen beruft er sich auf Forschungserkenntnisse der K.O.M. GmbH sowie der Universitäten Konstanz und Osnabrück. Ausgangspunkt bildet das Konzept der Salutogenese von Anton Antonovsky. Des Weiteren stellt Winfried Neun das Lazarus-Modell vor, welches „die Verarbeitung von Stressoren als Umweltreize im Gehirn“ (S. 23) beschreibt. Das Modell ermöglicht es Stressoren ausfindig zu machen und vorhandene Ressourcen als auch neue Ressourcen zur Stressbewältigung (weiter) zu entwickeln. Ein weiteres Modell, welches der Autor erläutert stammt aus der Motivationspsychologie. Demnach beeinflussen das Leistungsmotiv, das Beziehungsmotiv und das Machtmotiv das Verhalten von Menschen. Obwohl jeder Mensch alle drei Motive ins sich trägt, bevorzugt er eines der drei im weiteren Verlauf seines Lebens. Diese Motive beeinflussen den Mediationsprozess und Konfliktlösungsprozess. Nach den theoretischen Ausführungen, zeigt der Autor praktisch auf, wie beide Modelle, vor allem die Motive, die Arbeit von Mediatoren beeinflussen, wie sie diese Modelle im Mediationsprozess einbinden können und so zu Konfliktlösungen beitragen.

Mit der PSI-Theorie, der Persönlichkeitssystem-Interaktionstheorie, führt Winfried Neun in den hochkomplexen Verarbeitungsprozess des Gehirns ein. Zunächst erläutert er, dass sich die Verarbeitungsmuster in „zwei Hauptorientierungen unterteilen lassen: Lageorientierung und Handlungsorientierung“ (S. 28). Zugleich agiert das Expertensystem des Gehirns. Beim Verarbeitungsmuster der Lageorientierung gibt es einen inneren Navigator, auch Unstimmigkeitsexperte, welcher beständig den „Soll-Ist-Vergleich“ (S. 31) abgleicht. Dieser dient dabei, rechtzeitig Risiken zu erkennen (vgl. ebd.). Des Weiteren agiert der innere Steuermann, der Analyseexperte. Damit wird das System bezeichnet, welches Möglichkeiten logisch abwägt und von allen Seiten betrachtet. Die Vor‑ und Nachteile in Betracht zieht. Der innere Matrose ist der Handlungsexperte, dieses System sorgt dafür, dass Vorstellungen und Pläne in Taten umgesetzt werden. Mit dem inneren Kapitän haben wir einen Erfahrungsexperten. Dieses System verbindet „kreative Elemente und Erfahrungswissen“ (S. 32) miteinander. Diese beiden Systeme sind dem Verarbeitungsmuster der Handlungsorientierung zugeordnet. Gleichzeitig kommen hier noch die verschiedenen Motive zum Tragen. Während das „gestalterische Machtmotiv“ (S. 27) die Handlungsorientierung unterstützt und Handlungsorientierte Personen auch zu unreflektierten und aktionistischen Handlungen anregt, sorgt das Leistungsmotiv bei Lageorientierten Personen auch zu Grübeleien. Das Beziehungsmotiv interagiert zwischen beiden Systemen.

Im Anschluss beschreibt er das Mediationsverfahren nach dem Phasenmodell von Birgit Hülsdünker, welches aus sechs Phasen besteht:

  • „Initiierung oder: Hier werden Weichen gestellt (S. 39)
  • Bestandsaufnahme oder: Worum es genau geht (S. 40)
  • Interessensfindung oder: Das Herzstück der Mediation (S. 41)
  • Lösungsfindung (S. 43)
  • Vereinbarung (S. 45)
  • Evaluation oder: Die Vereinbarung wird gelebt“ (S. 46).

Durch die Struktur des Mediationsverfahrens bleibt dieses für alle Beteiligten nachvollziehbar. Die Beteiligten können durch diesen Mediationsprozess ihr Wissen und ihre Konfliktkompetenzen weiterentwickeln als auch ihre Resilienz stärken. Dies liegt vor allem daran, dass das Mediationsverfahren als „Verstehensvermittlungsverfahren“ (S. 47) verstanden wird, denn als „Lösungsvermittlungsverfahren“ (ebd.) und selbst bei einem Scheitern, die Beteiligten durch Feedback neue Einsichten gewinnen und Kompetenzen entwickeln bzw. stärken.

Im Kapitel Resilienzorientierte Mediation wird das Verhalten und Resilienzstärkung des Mediators und der Medianden in den Blick genommen. Der Autor zeigt auf, dass das Verhalten des Mediators bzw. von Führungskräften Einfluss auf die Resilienz der Mitarbeiter*innen und Medianden hat. Sie können die Resilienz der Medianden bzw. Mitarbeiter*innen stärken oder diese mindern. Im Anschluss stellt Winfried Neun verschiedene Resilienzübungen vor, wie Mediatoren ihre Resilienz stärken können, um die Beteiligten resilienzfördernd durch den Mediationsprozess zu führen. Zunächst geht es darum, dass Mediatoren ihre Neutralität bewahren und sich nicht in psychologische Abhängigkeiten begeben. Dazu zählt, die Gelassenheit im Mediationsprozess zu wahren und stets den Prozess und das große Ganze, auch in hitzigen Diskussionen, im Blick zu behalten. Dazu sollte der Mediator über verschiedene „Fragetechniken und Kommunikationsmethoden“ (S. 52) verfügen. Ein weiterer Punkt, der dem Mediator hilft sich selbst zu beruhigen, beispielsweise durch verbale Angriffe eines Medianden, ist der Perspektivwechsel. Dieser hilft auch im Mediationsverfahren den Medianden, da Perspektivwechsel den Blick weiten und neue Lösungen fördern. Insgesamt beschreibt der Autor sechs Übungen, durch die der Mediator vor und während des Mediationsprozesses seine Resilienz stärken kann, um die Medianden sicher durch den Prozess zu steuern. Um die Resilienz der Medianden im Mediationsverfahren zu stärken, beschreibt der Autor vier Ansätze, die der Mediator anwenden kann. Besonders wenn die Gefühle hochkochen braucht es Methoden zur Beruhigung, wie die klientenzentrierte Gesprächsführung oder das benennen der Emotionen, welche die Medianden gerade spüren. Daneben stehen dem Mediator verschiedene Interventionsstrategien zur Verfügung, wie beispielsweise das Paraphrasieren, der Einsatz von Reflexiven Fragen, das Zusammenfassen der Inhalte oder das Hypothetisieren, um nur einige der aufgeführten Beispiele zu nennen. Des Weiteren hilft es auch immer wieder, die Ziele der konkreten Phase im Mediationsverfahren zu benennen. Als auch die Affektlagen der Medianden zu erkennen und sie in ihrer Affektregulation zu unterstützen. Damit können die Medianden nicht nur ihren gewünschten Zielzustand erkennen, sondern erleben sich als Selbstwirksam, was wiederum Resilienzfördernd wirkt.

In Affektregulation in den Phasen des Mediationsverfahrens zur Steigerung der Resilienz bei Mediator und Medianden verbindet der Autor die Affektregulation, deren Auswirkungen mit den einzelnen Phasen des Mediationsprozesses. Basis der Affektregulation stellt das PSI-Modell dar. In der Eröffnungsphase kommt es besonders zu Unsicherheiten seitens der Medianden, da die Situation für alle neu ist. Im Vordergrund agiert der Unstimmigkeitsexperte. Aufgabe des Mediators ist es einen Systemwechsel herbeizuführen, der es den Medianden ermöglicht gelassener zu werden und die Unsicherheiten zu überwinden, um sich auf den Prozess einlassen zu können. Dieser Systemwechsel zwischen der rechten und linken Gehirnhälfte ist auch in der Themenfindungsphase eine der Hauptaufgaben des Mediators. Eine Affektregulation von negativen Affekten kann durch gezielte Fragestellungen erlangt werden, so dass die Medianden selbst wieder gelassener werden und sich auf die Ziele und Themen einlassen können. Gleiches gilt für die Interessensfindungsphase, denn gerade hier, geht es darum die negativen Gedanken über die andere Partei mit „positive[n] Denkweisen“ (S. 66) zu ersetzen. Mit den zuvor genannte Inderventionenen, Fragetechniken und Kommuikationsmethoden kann der Mediator „den Systemwechsel in den Denkprozessen der Parteien […] fördern“ (S. 67).

In diesem Beitrag Resilienzorientierte Führung und Konfliktlösung geht der Autor der Frage nach, wie „Führungskräfte resilienter werden und Konfliktsituationen mit mehr Gelassenheit begegnen können“ (s.73). Winfried Neun verdeutlicht, wie es dazu kommt, dass die Resilienz von Führungskräften leidet. Zum Tragen kommen hier die Verdrängung von Konflikten und halbherzigen Konfliktlösungen, die den Konflikt weiter verschärfen. Anschließend beschreibt er den Paradigmenwechsel vom „herzoglichen Führungsstil“ (S. 77) hin zum Führungsmenschen, die Parameter der „resilienzorientierten Führung umfasst“ (ebd.). Führungsmenschen verstehen sich als Coach, nehmen den Menschen in der Organisation wahr und stärken die Teamresilienz.

Im Beitrag Praktische Beispiele von stressfreier Konfliktlösung erzählt der Autor aus seiner Praxis und gibt Einblicke in verschiedene Mediationen zwischen Geschäftsführern, in einer Familie und einem Generationenwechsel in einem Unternehmen.

Diskussion

Winfried Neun versteht es auf sehr verständliche Weise die Verarbeitungssysteme des Gehirns mit dem Mediationsverfahren zu verknüpfen. Dabei behält er immer die psychologische Brille auf, so dass die Leser*innen nicht nur einen Einblick in die Verarbeitungssysteme des Gehirns bekommen, eine Einführung in die Affektregulation und das Mediationsverfahren, sondern auch in Motivationsstrukturen und Verhaltensweisen, die damit verknüpft sind. Zugleich erfahren Führungskräfte und Mediatoren, wie sie ihr Verhalten auf die einzelnen Phasen im Mediationsprozess sowie auf die Verhaltensweisen der Medianden abstimmen können, um resilienzfördernd durch den Mediationsprozess zu führen. Gestärkt wird dabei nicht nur die Resilienz mit all ihren Wirkfaktoren der Medianden sondern auch die eigene Resilienz. Die Reflexionsimpulse am Ende jeden Kapitels laden zur Selbstreflexion ein und fördern die eigene Widerstandsfähigkeit. In den verschiedenen Beschreibungen zu den Mediationsphasen finden sich hilfreiche Fragen, die es ermöglichen die Medianden wieder mit ins Boot zu holen. Gleichzeitig werden deren Gefühle berücksichtigt und Widerstände angenommen. Winfried Neun beschränkt sich in seinen Ausführungen nicht nur auf die Führungskräfte und Mediator*innen, sondern hat auch die Medianden und ihre Verhaltensweisen im Blick. So gelingt es Mediator*innen deren Perspektive im Mediationsprozess mitzudenken.

Fazit

Das Buch ist anschaulich und verständlich geschrieben. Es führt Führungskräfte und Mediator*innen und Interessierte in die Grundlagen der Mediation und Affektregulation ein.

Rezension von
Alexandra Großer
Fortbildnerin, päd. Prozessbegleiterin, systemische Beraterin
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Es gibt 102 Rezensionen von Alexandra Großer.

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ISSN 2190-9245