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Heiko Burchert, Dominik Schirmer et al. (Hrsg.): Fehlverhaltensbekämpfung im Gesundheitswesen

Rezensiert von Claudia Wyschkon, 24.04.2026

Cover Heiko Burchert, Dominik Schirmer et al. (Hrsg.): Fehlverhaltensbekämpfung im Gesundheitswesen ISBN 978-3-503-24116-3

Heiko Burchert, Dominik Schirmer, Carsten Zinßer-Sandmann (Hrsg.): Fehlverhaltensbekämpfung im Gesundheitswesen. Erich Schmidt Verlag (Berlin) 2026. 375 Seiten. ISBN 978-3-503-24116-3. 69,95 EUR.

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Thema

Wiederkehrende Beitragserhöhungen der gesetzlichen Krankenversicherung, die kostenintensiven Maßnahmen während und nach der Corona-Pandemie sowie eine aktuell auf 2,7 % gestiegene Inflationsrate in Deutschland zeigen, wie sensibel unser soziales Sicherungssystem auf Krisen reagiert und in welch unvorstellbarer Höhe Gelder im Gesundheitssystem bewegt werden. Die Bürger tragen diese finanzielle Verantwortung spürbar mit. Ein genaues Hinschauen auf Fehlverhalten im Gesundheitswesen ist von elementarer Bedeutung, denn dies betrifft unmittelbar die Qualität und Fairness unseres sozialen Systems. Allein im Zeitraum 2022/2023 entstand in diesem Bereich ein nachgewiesener Schaden von über 200 Millionen Euro. Diese Zahlen entsprechen lediglich der Spitze des Eisbergs. Die wirkliche Schadenshöhe, das eigentliche Dunkelfeld, bleibt weitgehend verborgen und muss durch kriminologische Studien systematisch aufgearbeitet und angegangen werden. Das ist das Herzstück des Sammelbandes: Kriminelle Muster sichtbar zu machen und daraus wirksame Maßnahmen für Politik und Verwaltung zum Wohle des Beitragszahlers zu entwickeln, um Schäden in Milliardenhöhe künftig zu verhindern.

Autoren

Die Beiträge der Autoren lassen sich grob in vier Bereiche unterteilen. Die Namen werden innerhalb der jeweiligen Gruppen in alphabetischer Reihenfolge genannt. Die erste Expertengruppe beleuchtet juristische Perspektiven aus Strafrecht, Sozialrecht und Compliance-Recht. Ihre beruflichen Erfahrungen reichen von der Justiz bis hin zu juristischen Funktionen im Zusammenhang mit Sozialversicherungsdelikten. Vertreten wird dieser Bereich durch Katrin Burau, Torsten Haase, Marc Liebendörfer, Felix Lubrich, Emil Penkov, Ariane Pfeiler, Helmut Platzer, Antonia Plönzke Erciyas, Arne Rettke, Jessica Selonke sowie Jochen Tenbieg. Die zweite Gruppe der gesetzlichen Krankenversicherung bringt Praxiswissen aus Fehlverhaltensstellen, Compliance-Strukturen und Ermittlungszusammenhängen innerhalb der Krankenkassen ein: René Behrendts, Felix Engelhard, Florian Happach, Philipp Kahlert, Natascha Kippes, Frank Ledermann, Maxine Lau, Claudia Lenz, Simone Lötzer, Stefan Mahr, Antonia Nottensteiner, Detlef Ölschläger, Dominik Schirmer, Lisa-Maureen Skiba, Heiko Wolgast und Carsten Zinßer-Sandmann. Die dritte Gruppe vereint betriebswirtschaftliche, ökonomische und sozialwissenschaftliche Expertise aus den Bereichen Wirtschaftsprüfung, Verhaltensökonomie, Organisationsökonomie, Data Science und politische Ökonomie. Hierzu zählen Johannes Ludwig, Bernhard Schrupp, Simeon Schudy und Kristina Stutte. Die verknüpfende vierte Gruppe bildet eine multiprofessionelle Zusammenführung von Theorie und Praxis mit Beiträgen aus dem Gesundheitswesen, Versicherungswirtschaft, Wirtschaftsforensik, Gesundheitsökonomie, Sozialpolitik sowie betriebswirtschaftlicher und rechtlicher Systemanalyse. Dieser Bereich wird durch Heiko Burchert, Roman Grinblat und Carsten Müller repräsentiert. Burchert verknüpft insbesondere die betriebswirtschaftlichen und rechtlichen Grundlagen des Gesundheitswesens analytisch mit dem Fehlverhalten und Missbrauch im System.

Entstehungshintergrund

Falschabrechnungen, unzulässige Kooperationen bis hin zu organisierten Betrugsnetzwerken – das Ausmaß von Fehlverhalten im Gesundheitswesen ist erheblich. Schätzungen gehen von einem jährlichen Schaden in zweistelliger Milliardenhöhe für die gesetzliche Kranken‑ und Pflegeversicherung aus, während aktuell aufgedeckte Forderungen lediglich im zweistelligen Millionenbereich liegen. Dieser Unterschied um das Tausendfache macht deutlich, in welchen Dimensionen das sogenannte Dunkelfeld Schaden verursacht. Es zeigt zugleich, dass es sich nicht um vereinzelte Regelverstöße, sondern um ein strukturelles Problem auf unterschiedlichen Ebenen handelt‑ vom individuellen Fehlverhalten bis hin zu organisierter Kriminalität. Gelingen wirksame Präventions‑ und Aufklärungsstrategien, können diese Ressourcen wieder dort eingesetzt werden, wo sie hingehören: in bessere Therapien, innovative Forschung und den nachhaltigen Erhalt unserer Gesundheit.

Aufbau

Der Sammelband bietet ein interdisziplinäres Spektrum aus vielschichtigen wissenschaftlichen Perspektiven in Theorie und Praxis. Die Beiträge, aus unterschiedlichen Bereichen des Gesundheitswesens, beleuchten Ursachen, Fehlverhalten, Konsequenzen und mögliche Gegenmaßnahmen aus der jeweils spezifisch wissenschaftlichen Sicht. Bereits im Vorwort wird die aktuelle Problemlage skizziert und in ihren finanziellen sowie systemischen Auswirkungen eingeordnet. Der Aufbau des Werkes folgt einer klaren Dreiteilung: Im ersten Teil erläutern die Experten aus dem juristischen Bereich die aktuelle Rechtslage. Im zweiten Teil untermauern die Verfasser mit praktischen Beispielen konkret die Situation und schließlich zeigen die Autoren im dritten Teil auf: Die große Chance liegt in der Zukunft, mit digitaler Unterstützung Daten gesetzeskonform zu verarbeiten und mit KI fehlverhaltende Muster zu erkennen.

Inhalt

Das Werk zeigt ein Spektrum von Fehlverhalten aus dem sozialen Umfeld, Angestellte in Pflegediensten, Hebammen, Apotheker, Ärzte in Verbindungen mit Schwarzmarkt, Betrügereien, Strohmanneinsatz, Bestechlichkeit bis Urkundendelikten. Der erste Teil befasst sich mit der voranschreitenden Entwicklung von Fehlverhalten in einem Dilemma: Geschädigte Institutionen wollen handeln. Der Gesetzgeber kennt die Problemlagen, doch die Gesetzgebung setzt Grenzen. Mit § 197a SGB V verpflichtet er die Krankenkassen, Verstöße wie Abrechnungsbetrug aufzudecken, Hinweise zu verfolgen und geeignete Strukturen aufzubauen. Krankenkassen sollen die Auffälligkeiten erkennen und daraus die notwendigen Schritte ableiten. Gleichzeitig greift § 258 StGB („Strafvereitelung“). Beide Vorschriften stehen nicht im Widerspruch, wirken aber in der Praxis gegeneinander – und genau hier entsteht der Konflikt: In einigen Situationen erscheint es für die Krankenkassen pragmatischer, Fälle intern zu lösen, statt sie konsequent strafrechtlich verfolgen zu lassen. Dafür gibt es Gründe: Die Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft kostet Zeit, Geld und Personal. Sie verlangt eine lückenlose Dokumentation und oft teure Gutachten. Wird jedoch zu viel intern geregelt, entsteht das Risiko, dass die Strafverfolgung verzögert oder sogar verhindert wird – und damit auch die eigene rechtliche Angreifbarkeit wächst. Es entsteht ein Spannungsfeld zwischen Aufklärung, Wirtschaftlichkeit und Systemstabilität. Das bedeutet nicht, dass bewusst vertuscht werden soll, vielmehr erscheinen interne Lösungen im Alltag oft schneller und leichter umsetzbar. Im zweiten Kapitel zeigt sich, wie statistische Auffälligkeiten zu staatsanwaltlichen Ermittlungen und schließlich zu Verurteilungen mit hohen Rückforderungssummen führten.

Die Problematik wird am Beispiel des Hilfsmittel-Falls erläutert. Hier arbeitete ein Sanitätshaus mit mehreren Ärzten in unzulässiger Weise zusammen, um systematisch hochpreisige Kompressionsstrümpfe zu verordnen und abzurechnen, jedoch minderwertigere Ware auszuliefern. Auffällige Verordnungsmuster und falsche Entfernungsangaben führten mithilfe gezielter Datenanalysen Schritt für Schritt zur Aufdeckung der systematischen Falschabrechnung. Fehlverhalten zeigt sich sowohl in alltagsnahen Versorgungssituationen als auch in hochkomplexen juristischen Konstruktionen. Ein weiteres Beispiel aus der Praxis verdeutlicht diese komplexe Vorgehensweise.

Ein Medizinisches Versorgungszentrum kann nur durch einen Arzt geleitet werden. In dem Fall wurde der leitende Vertragsarzt als formaler Strohmann eingesetzt, während der Apotheker im Hintergrund die wirtschaftliche Kontrolle behielt und davon finanziell profitierte. Nach außen erscheint die gesetzliche Struktur des Medizinischen Versorgungszentrums formal eingehalten. Der Fall zeigt, wie rechtmäßige Fassaden aufgebaut werden, um wirtschaftliche Vorteile hinter zulässigen Strukturen zu verbergen.

Im dritten Teil des Buches richtet sich der Blick auf die Bekämpfung von Fehlverhalten. Die Autoren zeigen, dass Manipulationen nur dann verhindert werden können, wenn Kranken-, Renten‑ und Pflegeversicherung eng mit den Ermittlungsbehörden zusammenarbeiten. Moderne Datenanalyse und der Einsatz von KI helfen dabei, verdächtige Muster frühzeitig zu erkennen und Fehlverhalten schneller aufzudecken. Prävention und Bekämpfung von Fehlverhalten reduzieren nicht nur finanzielle Schäden, sondern tragen auch langfristig zu einer besseren Versorgungsqualität bei.

Diskussion

Stärke des Sammelbandes ist seine interdisziplinäre Breite. Die Verbindung juristischer, ökonomischer, datenanalytischer und praktischer Perspektiven zeigt, dass Fehlverhalten im Gesundheitswesen kein Randphänomen einzelner Täter ist, sondern aus institutionellen Anreizen, komplexen Regelwerken und gezielten Umgehungsstrategien entsteht. Dadurch rücken nicht nur einzelne Betrugsfälle in den Fokus, sondern die systemischen Bedingungen, unter denen sie möglich werden. Ein besonderer Nutzen des Werkes liegt in den Beispielen aus der Praxis. Sie zeigen, wie systematische Falschabrechnungen, Korruption und verdeckte wirtschaftliche Steuerung tatsächlich funktionieren und auf welche Weise sie aufgedeckt werden können. Gerade diese Verbindung von Theorie und den realen Fällen macht den fachlichen Mehrwert des Bandes aus. Kritisch anzumerken ist, dass einzelne Beiträge, insbesondere bei juristischen und datenanalytischen Verfahren, stellenweise eine sehr verdichtete Fachsprache verwenden. Die gesellschaftliche Relevanz des Themas reicht weit über Fachkreise hinaus. Eine verständlichere Sprache hätte dazu beigetragen können, diese Debatte stärker in die öffentliche Wahrnehmung zu bringen.

Fazit

Der Sammelband „Fehlverhaltensbekämpfung im Gesundheitswesen“ zeigt deutlich, wie stark Betrug, Korruption und organisiertes Fehlverhalten unser solidarisches Gesundheitssystem finanziell belasten und gleichzeitig das Vertrauen in soziale Gerechtigkeit schwächen. Dabei geht es nicht nur um einzelne Täter, sondern um Strukturen, die Missbrauch ermöglichen und oft lange unentdeckt bleiben. Das Buch macht deutlich, dass wir das System nicht nur durch strengere Kontrolle schützen, sondern vor allem durch frühzeitiges Erkennen, klare Zusammenarbeit und transparente Strukturen.

Rezension von
Claudia Wyschkon
Dipl. Berufspädagogin
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Es gibt 2 Rezensionen von Claudia Wyschkon.

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ISSN 2190-9245