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Vicente Valentim: Die Normalisierung der radikalen Rechten

Rezensiert von Maximilian Kreter, 05.06.2026

Cover Vicente Valentim: Die Normalisierung der radikalen Rechten ISBN 978-3-658-48036-3

Vicente Valentim: Die Normalisierung der radikalen Rechten. Über politische Präferenzen und politisches Verhalten. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2026. 240 Seiten. ISBN 978-3-658-48036-3. D: 79,99 EUR, A: 82,23 EUR, CH: 88,50 sFr.

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Thema

Die Monographie widmet sich der „Normalisierung der radikalen Rechten“ und hierbei insbesondere dem so rasch möglichen Durchbruch bei Wahlen nach oftmals langer Erfolglosigkeit in vielen europäischen Staaten, die der Autor einerseits auf veränderte Ausdrucksbedingungen politischer Präferenzen in diesen Gesellschaften und andererseits auch auf einen Einstellungswandel dort zurückführt.

Autor

Dr. Vicente Valentim ist Assistenzprofessor für Politikwissenschaft an der Universität IE in Madrid (Spanien) und assoziiertes Mitglied des Nuffield College an der Universität Oxford (Großbritannien). Das vorliegende Buch ist eine überarbeitete Version seiner Dissertation, die er am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz (Italien) abschloss. Zuvor erwarb er an der ISCTE – IUL (Instituto Universitário de Lisboa) einen Master of Science in Politikwissenschaft der – durchaus unkonventionell auf einen Bachelor of Arts in Music Performance (Jazz Piano) aufbaute. Valentim forscht zu Demokratie, (der Wirkung von) sozialen Normen und Rechtsextremismus – oder wie er es selbst fasst: „Ich untersuche, was Bürger in einer Demokratie für akzeptabel halten, warum das so ist und wie sich dies verändert.“ [1]

Aufbau

Das Buch ist in neun Kapitel gegliedert: Nach der Entwicklung seines normenbasierten Modells (Kapitel 2), der Darstellung seiner drei Phasen der Normalisierung der radikalen Rechten (Kapitel 3) und der Einführung eines Konzeptes zur Messbarkeit von politischem Stigma beziehungsweise sozialer Erwünschtheit (Kapitel 4) testet Valentim jede der drei Phasen mithilfe seines normenbasierten Modells (Kapitel 5–7) anhand von Fallstudien aus Deutschland, dem Vereinigten Königreich, Portugal und Spanien. In Kapitel 8 analysiert er den gesamten Verlauf des Prozesses anhand der Entwicklung in Deutschland detailliert, gefolgt von einer abschließenden Diskussion der Ergebnisse und offenen Fragen in Kapitel 9.

Inhalt

In Kapitel 1 führt Valentim in das zentrale Forschungsproblem ein: den teils überraschend schnellen und manchmal sehr zähen, langsamen politischen Durchbruch radikal-rechter Parteien in westlichen Demokratien. Er argumentiert, dass bestehende Erklärungen, die primär auf Einstellungs‑ oder Präferenzwandel fokussieren, dieses Phänomen nur unzureichend erfassen und erklären können. Stattdessen wird betont, dass radikal-rechte Präferenzen häufig bereits vorhanden, jedoch aufgrund sozialer Normen und politischer Stigmatisierung lange nicht öffentlich sichtbar werden. Das Kapitel formuliert das zentrale theoretische Anliegen des Buches: politische Verhaltensänderungen durch Normenwandel zu erklären durch die dabei gleichzeitige Berücksichtigung von Angebots‑ und Nachfrageseite des politischen Marktes.

Um diese Verhaltensänderungen durch Normenwandel erklären zu können, entwickelt der Autor in Kapitel 2 ein theoretisches Modell, das soziale Normen als zentrale Vermittlungsinstanz zwischen politischen Präferenzen und beobachtbarem Verhalten begreift. Dabei wird politisches Verhalten als zweistufiger Prozess konzipiert: Zunächst entstehen Präferenzen, anschließend entscheiden Individuen abhängig von erwarteten sozialen Sanktionen, ob sie diese öffentlich ausdrücken. Valentim zeigt auf, wie Normen sowohl das Verhalten von Wählern als auch strategische Entscheidungen von Politikern beeinflussen. Insbesondere können Normen dazu führen, dass bestimmte politische Angebote unterrepräsentiert bleiben. Damit vermag der Autor zu erklären, wie erhebliche politische Veränderungen auch ohne Präferenzwandel möglich sind.

In der Folge (Kapitel 3) stellt der Autor den Bezug zwischen dem normenbasierten Modell und dem Aufstieg der radikalen Rechten her und entwickelt daraus seine These zum Prozess ihrer Normalisierung. Diesen Prozess unterteilt er in drei Phasen: Latenzgleichgewicht (latency equilibrium), Aktivierung (activation phase) und Offenlegungsgleichgewicht (surfacing equilibrium). Radikal-rechte Präferenzen sind in der Phase des Latenzgleichgewichtes sozial stigmatisiert und bleiben verborgen. Die Aktivierungsphase beginnt durch politische Unternehmer und externe Auslöser, wodurch Präferenzen zumindest im Wahlverhalten sichtbar werden. In der Phase des Offenlegungsgleichgewicht sinken soziale Kosten öffentlicher Unterstützung, was zu einer umfassenden Normalisierung führt. Das Kapitel analysiert systematisch die veränderten Anreizstrukturen für Wähler und Eliten in jeder Phase.

In Kapitel 4 entwickelt Valentim mit dem Konzept der „angegebenen Wahlentscheidung“ (reported vote) ein beobachtungsbasiertes Maß zur Erfassung politischer Stigmatisierung. Ausgangspunkt ist die Unterscheidung zwischen privaten und öffentlichen politischen Handlungen: Während Wahlen privat sind, stellen Befragungen soziale Situationen dar, in denen Normen wirksam werden. Wird die Unterstützung einer Partei stigmatisiert, geben Anhänger diese Unterstützung in Umfragen seltener an als sie tatsächlich wählen. Die Differenz zwischen offiziellen Wahlergebnissen und in Nachwahlbefragungen angegebenem Wahlverhalten dient somit als Indikator normativen Drucks. Das Kapitel diskutiert methodische Vorteile gegenüber experimentellen Ansätzen und zeigt, wie sich politische Normstärke vergleichend messen lässt.

Anschließend an den theoretisch-konzeptionellen Teil, testet der Autor seine Teilhypothese - die erste Phase des Normalisierungsprozesses radikal rechter Politik als stabiles Latenzgleichgewicht (Kapitel 5). Auf der Nachfrageseite erzeugen starke soziale Normen gegen radikal-rechte Positionen hohe soziale Opportunitätskosten für deren Ausdruck, weshalb diese von Anhängern dieser Ideologie öffentlich noch verschwiegen werden. Dies führt zu systematischer Unterschätzung der tatsächlichen Nachfrage nach radikal rechter Politik. Auf der Angebotsseite schreckt diese Fehleinschätzung potenziell qualifizierte Kandidaten ab, sodass radikal-rechte Parteien im Durchschnitt weniger kompetente Führungspersonen aufweisen. Anhand von Fallbeispielen aus Spanien und Deutschland kann der Autor sowohl erhöhte soziale Sanktionen gegen radikal-rechte Meinungsäußerungen als auch zu gering ausfallende, geäußerte Wahlpräferenzen zugunsten entsprechender Parteien durch die Wirkung der sozialen Erwünschtheit in Meinungsumfragen nachweisen.

Im folgenden Teil (Kapitel 6) analysiert Valentim den Übergang der Phase vom Latenzgleichgewicht zur Aktivierung. Zwei Bedingungen sind hierfür notwendig: ein exogener Auslöser und ein politischer Unternehmer. Ereignisse, die eine starke Fremdgruppenbedrohung erzeugen – beispielsweise islamistische Terroranschläge – lockern kurzfristig bestehende Normen und lassen latente radikal-rechte Einstellungen in politischem Verhalten sichtbar werden. Diese temporäre Normerosion reicht nicht für einen dauerhaften Wandel, verändert jedoch die Erwartungen politischer Eliten. Qualifizierte Akteure erkennen neue elektorale Chancen und treten als erste Normbrecher auf. Das Kapitel verbindet Wähler‑ und Elitenebene empirisch und zeigt, wie politische Unternehmer solche Gelegenheitsfenster nutzen, um eine radikal-rechte Nachfrage politisch zu mobilisieren und bestehende Normen aufzubrechen beginnen.

Kapitel 7 ist der dritten Phase der Normalisierung der radikalen Rechten gewidmet: das „Offenlegungsgleichgewicht“. Valentim untersucht, wie politische Stigmatisierung die öffentliche Unterstützung radikal-rechter Parteien in der letzten Phase beeinflusst. Anhand vergleichender Wahlumfragedaten zeigt der Autor, dass ein erheblicher Teil potenzieller Wählerinnen und Wähler seine tatsächlichen Präferenzen in Befragungen verschweigt. Die Analyse belegt, dass dieser Effekt kontextabhängig variiert und besonders dort ausgeprägt ist, wo starke normative Sanktionen gegen radikale Rechte bestehen. Dadurch wird deutlich, dass Umfragedaten die reale gesellschaftliche Unterstützung systematisch unterschätzen können. Unter anderem anhand des Fallbeispiels aus dem Vereinigten Königreich mit der Partei UKIP zeigt sich, dass die Werte der angegebenen Wahlentscheidung nach dem Parlamentseinzug steigen. Zugleich aktualisieren Politiker ihre Erwartungen über die Wählbarkeit radikal-rechter Plattformen, was zu vermehrten Parteiübertritten zu radikal-rechten Parteien führen kann, die Normen also gebrochen sind und die Sichtbarkeit der entsprechenden Parteien deutlich wird.

In Kapitel 8 zeichnet der Autor den gesamten Normalisierungsprozess der radikalen Rechten anhand einer Fallstudie für Deutschland nach. Es zeigt zunächst eine lange Latenzgleichgewichtsphase mit einer starken Wirkung der Normen gegen eine Präferenz für die radikale Rechte, sodass diese bei Wahlen weniger Zuspruch von Wählern erhielt und weniger charismatisches, geeignetes Führungspersonal rekrutieren konnte. Die zahlenmäßig sehr starken Flucht‑ und Migrationsbewegungen 2015 fungierten als externer Schock beziehungsweise Auslöser, der politische Unternehmer zur Aktivierung latenter Präferenzen bewegte. Das heißt, dass sich mehr Politiker um hohe Ämter in der Partei bewarben als zuvor und sich die AfD ideologisch klar nach rechts verschob, weil der Wähler diese Positionierung nachfragte. Nach dem parlamentarischen Durchbruch 2017 traten radikal-rechte Präferenzen offen zutage; Wähler äußerten ihre Ansichten häufiger öffentlich, und qualifizierte Politiker aus den im politischen System bereits etablierten Parteien schlossen sich der AfD an. Anhand dieser Ergebnisse der Fallstudie (und der Ergebnisse aus Kapitel 5 bis 7) diskutiert der Autor die theoretischen und methodischen Konsequenzen dieser Befunde. Valentim argumentiert, dass politische Stigmatisierung nicht nur individuelle Meinungsäußerung verzerrt, sondern auch zentrale Mechanismen demokratischer Repräsentation beeinflusst. Verzerrte Wahrnehmungen öffentlicher Meinung können zudem strategisches Verhalten von Parteien, Medien und politischen Eliten beeinflussen. Er stellt zudem die Frage, inwiefern gängige Umfrageinstrumente unzureichend sind, um latent vorhandene politische Präferenzen zu erfassen. Abschließend fordert er eine stärkere methodische Sensibilität gegenüber sozialen Erwünschtheitseffekten in der Umfrageforschung.

Im abschließenden Kapitel 9 fasst der Autor die zentralen Argumente und Befunde zusammen und ordnet sie in einen breiteren politikwissenschaftlichen Kontext ein. Er betont, dass der Aufstieg radikal-rechter Parteien nicht allein durch Einstellungswandel erklärbar ist, sondern wesentlich durch veränderte Ausdrucksbedingungen politischer Präferenzen geprägt wird. Abschließend skizziert das Kapitel Forschungsdesiderate, insbesondere im Hinblick auf vergleichende Analysen der Wirkung politischer Stigmatisierung in Demokratien. Valentim plädiert für eine differenzierte Betrachtung normativer Grenzziehungen, um demokratische Öffentlichkeit analytisch wie normativ besser zu verstehen.

Diskussion

Mit „Die Normalisierung der radikalen Rechten. Über politische Präferenzen und politisches Verhalten“ hat Vicente Valentim einen theoretisch ambitionierten und empirisch fundierten Beitrag zur Untersuchung, wie Normen politisches Verhalten und Wahlentscheidungen beeinflussen, geleistet, der gerade in einem Forschungsfeld heraussticht, in dem viele Beiträge lediglich ein more of the same from a different perspective, aber keine echte Innovation bieten.

Die drei zentralen Innovationen und Stärken des Buches sind dabei: Erstens widmet er sich dem Zusammenhang der Wirkung von sozialen Normen und den Auswirkungen auf politisches Verhalten. Zweitens entwickelt er ein dreistufiges Modell der Normalisierung der radikalen Rechten: Latenzgleichgewicht, Aktivierung und Offenlegungsgleichgewicht. Drittens entwickelt er ein Instrument zur Messung von Effekten sozialer Erwünschtheit, das im konkreten Fall den Unterschied zwischen Wahlergebnissen und Angaben in Umfragen misst.

Seine Innovationen verbindet er gewinnbringend zu einer stringenten Beweisführung mithilfe von vielfältigem Datenmaterial. Besonders überzeugend ist dabei die methodische Reflexion zu Umfragedaten und sozialer Erwünschtheit, die ein bekanntes, aber oft unterschätztes Problem der Wahlforschung systematisch aufarbeitet und die entsprechenden Schlüsse daraus zieht. Die Verbindung von Theoriearbeit und empirischer Forschung leistet einen großen Beitrag zum Fortschritt zur soziologisch-politikwissenschaftlichen Theoriebildung, der Parteienforschung und der Rechtsextremismusforschung, der – nicht nur – über Zitateindizes seinen Einfluss auf die Entwicklung dieser Forschungsfelder zeigen wird. Der Grenzen und Schwächen seines Werkes ist sich der Autor selbst bewusst und nimmt sie als Forschungsdesiderata auf.

Eine Schwäche des Buches liegt allerdings in der weitgehend unterlassenen Rezeption von nicht-englischsprachiger Forschungsliteratur, die sich exemplarisch bei der Theoriebildung zeigt: Das Verhältnis von Einstellungen, Normen und politischem Verhalten haben Erwin Scheuch, Hans-Dieter Klingemann und Jeffrey Paige bereits 1967 in dem für die (deutschsprachige) Rechtsextremismusforschung einflussreichen Aufsatz „Theorie des Rechtsradikalismus in westlichen Industriegesellschaften. Vorüberlegungen zu einer interkulturell vergleichenden Studie“ [2] bereits berücksichtigt und dort genau beschrieben. Hier hätte der Autor sogar auf die rezipierte, englischsprachige Version von Cas Mudde „The Populist Radical Right: A Pathological Normalcy“ [3] aus dem Jahr 2010 zurückgreifen können, um auf bereits bestehende Theoriebildung und Modelle aufzubauen. Davon hätten sowohl die Theoriebildung als auch die Erstellung eines Phasenmodells deutlich profitieren können. Ein zweiter Punkt trübt das Gesamtbild ebenfalls etwas ein – das allerdings weitgehend außerhalb der Verantwortung des Autors liegt: Die Übersetzung des Originals in die deutsche Sprache wirkt manchmal ein wenig schwerfällig und zentrale Begriffe hätten intensiver mit bestehenden Übersetzungen abgeglichen werden können.

Insgesamt hat Vicente Valentim mit „Die Normalisierung der radikalen Rechten. Über politische Präferenzen und politisches Verhalten“ ein überzeugendes Werk zur Erforschung von politischem Verhalten vorgelegt, das auch einen substanziellen Beitrag zur Parteien‑ und Rechtsextremismusforschung leistet. Die Innovation liegt hier allerdings klar im Bereich der Theoriebildung der (Wechsel-)Wirkung der Trias von (sozialen) Normen, Einstellungen und (politischem) Verhalten, ebenso wie in der Entwicklung eines (Prozess-)Modells für die Normalisierung der radikalen Rechten. Die empirische Analyse als Beweisführung zur Erklärungskraft (und Limitationen) seiner Theoriebildung ist vielfältig und methodisch überzeugend durchgeführt worden. Wer also verstehen will, wie die Normalisierung des Rechtsextremismus und seiner Akteure funktioniert, der wird an dem Werk von Vicente Valentim nicht vorbeikommen.

Fazit

Das Werk von Vicente Valentim wird sich aufgrund des gesellschaftlich und wissenschaftlich hochrelevanten Themas der „Normalisierung der radikalen Rechten“ und der neuen, innovativen Erklärungsansätze für die Erfolge dieser politischen Bewegung mit Sicherheit schnell als Standardwerk der Rechtsextremismusforschung etablieren, da der Autor es zudem versteht, die Inhalte gut verständlich und unaufgeregt zu vermitteln.


[1] https://www.vicentevalentim.com/ (Übersetzung des Verfassers)

[2] Scheuch, Erwin K.; Klingemann, Hans-Dieter; Paige, Jeffrey M. (1967): Theorie des Rechtsradikalismus in westlichen Industriegesellschaften. Vorüberlegungen zu einer interkulturell vergleichenden Studie. In: Erwin K. Scheuch und Hans-Dieter Klingemann (Hg.): Materialien zum Phänomen des Rechtsradikalismus in der Bundesrepublik 1966. Köln: Institut für Vergleichende Sozialforschung der Universität zu Köln, S. 80–96.

[3] Mudde, Cas (2010): The Populist Radical Right: A Pathological Normalcy. In: West European Politics 33 (6), S. 1167–1186.

Rezension von
Maximilian Kreter
Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung e.V. in Dresden
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Es gibt 3 Rezensionen von Maximilian Kreter.

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ISSN 2190-9245