Manfred Kappeler: »Ewige Kinderzeit«
Rezensiert von Prof. Dr. Stephan Quensel, 23.03.2026
Manfred Kappeler: »Ewige Kinderzeit«. Franz Kafka – Kinder, Jugendliche und Erziehung. Vorwerk 8 (Berlin) 2025. 352 Seiten. ISBN 978-3-947238-47-7. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR.
Thema und Autor
Franz Kafka (1883–1924) lebte und schrieb in einer Zeit, in der man die jugendmordenden Erfahrungen des Ersten Weltkriegs reformpädagogisch zu verarbeiten begann. Manfred Kappeler, emeritierter Professor der Erziehungswissenschaften, beschreibt anhand von zeitgenössischen Berichten, Briefen, Tagebuchnotizen, Romanfragmenten und Erzählungen, wie nahe Kafka diesen kind‑ und jugendzentrierten Ansätzen stand. Ein zentrales Kafka-Motiv, das in den tiefer gründenden, erwachsenenzentrierten Kafka-Analysen kaum jemals zureichend erfasst wurde. (S. 321). Kafka stammte, zusammen mit seinen drei Schwestern Valli, Ottla und Elli, aus einer gutbürgerlichen, traditionell patriarchal ausgerichteten Familie aus dem liberal-westjüdischen Milieu des Prager Judenviertels. Sein Vater betrieb eine schlecht laufende Asbestfabrik, er selbst arbeitete in der Versicherungsabteilung der AUVA (Arbeiter-Unfall-Versicherungsanstalt), zwei Erlebnisbereiche, die den faktischen Hintergrund seiner eigentlichen Arbeit, dem Schreiben – „Er hielt sich für berufen […] die Literatur mit seinem ganzen Sein buchstäblich zu verkörpern“ (260) – und hier insbesondere seine Einstellung zu Kindern und Jugendlichen prägen sollten: In der Person seines Vaters eine lebenslange Ablehnung jeglicher Familienerziehung einerseits, und andererseits ein tiefes Verstehen der Lebensbedingungen junger Arbeiter und proletarischer Mädchen (Olga, Frieda, Pepi): „Kafka gestaltet den Bericht Pepis [Das Schloß] mit einer beeindruckenden Kenntnis der Arbeits‑ und Lebensbedingungen proletarischer Mädchen im Gastgewerbe seiner Zeit.“ (286).
Aufbau und Inhalt
Kappeler leitete seine Analyse mit der anrührenden, doch für Kafkas Verhältnis zu Kindern bezeichnenden Geschichte des kleinen Mädchens ein, das er weinend im Berliner Stadtpark antraf, weil es seine Puppe verloren hatte. „Er schrieb ihr 3 Wochen lang täglich einen Puppenbrief, den er dem Mädchen brachte und vorlas“ (14). Um dann, in den ersten zwei Dritteln des Hauptteils, weithin durch Briefe belegt, biographisch auf Kafkas Begegnungen mit Kindern und Jugendlichen einzugehen: auf den Hintergrund seiner unglücklichen Kindheitserinnerungen und seiner zuletzt von ihm (1914) abgebrochenen Verlobung mit Felice Bauer. Erfahrungen, die im letzten Drittel des Hauptteils die Basis für Kappelers Interpretation der Romanfragmente und Erzählungen bilden. In einer Analyse, die immer wieder durch einschlägig historische Ausflüge angereichert wird: Einerseits durch die Geschichte des Jüdischen Volksheims für ostjüdische Kinder in Berlin, in das er seine Verlobte Felice vermittelte und in dem er seine späte Freundin Dora Diamant kennenlernte, mit der „er etwas Hebräisch sprechen und mit ihr von einem Leben in Palästina träumen [konnte], aber beiden war bewusst, dass es Träume waren, und ihre Liebe zueinander war nicht darauf aufgebaut.“ (184). Und andererseits durch Ausflüge in das damalige sozialpädagogisch-erziehungswissenschaftliche Feld der Reformpädagogik. Nach ihren Vätern Kant und Rousseau, sowie dem weniger bekannten Peter Villaume (1785) (244 f.) ausführlich zu Friedrich Wilhelm Foerster (1906), ein konservativ katholischer Moralpädagoge (186), der paradoxerweise dem Fortbildungskurs des jüdischen Volksheims zugrunde lag, bis hin zu Bernfeld (1925), Buber und Wyneken (1916). Stets kritisch gegenüber der üblichen Kafka-Forschung (268 ff.) unterstreicht Kappeler, wie Kafka schon damals, Hermann Hesse beipflichtend, gegenüber einer noch immer auf Gehorsam achtenden Erziehung – in der die Erwachsenen „gegenüber der nachwachsenden Generation die dominanten gesellschaftlichen Erwartungen repräsentieren“ (243) – den kindlischen Eigensinn, den er (entgegen den üblichen abwertenden Interpretationen) insbesondere bei Karl Roßmann (Der Verschollene/​Amerika) findet. (239 ff.) Eine existentielle Offenheit (316), eine Freiheit zur Selbstbestimmung (334), und damit dessen Subjektstatus, „lange bevor die UN-Kinderrechts-Charta die Kinderrechte für die Mitgliedstaaten der Weltorganisation juristisch verbindlich machte.“ (335). In einer kind‑ und jugendgerechten Einstellung, die in Kafkas eigenen, höchst negativ erlebten Kindheitserfahrungen wurzelt, und die er in seinem letztlich nicht abgeschickten, real-fiktiven Brief an seinen Vater (1919/20) als demütigenden Erziehungsstil beschreibt: „Seine Offenheit für Kinder, seine Fähigkeit, sie anzusprechen und zu trösten, hatte sich nach der inneren Klärung seiner eigenen Erziehungsgeschichte stark herausgebildet […]. Die Vermutung scheint berechtigt, dass die lange Auseinandersetzung mit der eigenen Kindheit, die im Brief an den Vater zusammengefasst wurde, seine Sensibilität für Kinder und Jugendliche gesteigert hatte.“ (149). Tief prägende Erfahrungen, nach denen er das Konzept einer familiären Erziehung grundsätzlich ablehnt. So legt er zunächst seiner Schwester Elli nahe, ihren Sohn Felix, seinen Neffen, „in einer reformpädagogischen Internatsschule statt in der Familie erziehen zu lassen“ (208), und weswegen er zuletzt auch seine Verlobung mit Felice Bauer auflöst, „[d]a er sich auf ein normales Ehe‑ und Familienleben mit Felice [die dies so intensiv wünschte] nicht einlassen wollte, auf ihre ihn umsorgende Liebe aber auch nicht verzichten wollte, versuchte er ihr ein Leben als seine Freundin nahezulegen.“ (227): „Kafkas Tagebuchaufzeichnungen und Briefe machen deutlich, dass er sich vor dem dauerhaften und verpflichtenden Zusammenleben mit Kindern fürchtete und sich nicht zutraute, ihnen ein guter Vater zu sein, ein Vater, wie er ihn, im Rückblick auf seine Kindheit, für sich selbst gewünscht hätte.“ (234).
Diskussion
Im Bestreben „das Offensichtliche ernstzunehmen, und nicht nur und immer um den verborgenen Sinn in Kafkas Texten zu suchen„ (312), gelingt es Kappeler, das kindgerechte Verstehen Kafkas auch für das eigene Konzept fruchtbar werden zu lassen, wobei Kafkas gut beobachteten Beschreibungen zwar nicht klassenspezifisch revolutionär, so doch klassenübergreifend reformpädagogisch ausfallen (338). Kritisch anzumerken wäre – aus meiner eher soziologisch-sozialpolitischen Sicht – der gelegentlich allzu idyllisch ausfallende pädagogische Ansatz, der, wie denn in dieser Perspektive zumeist, den allgemeinen gesellschaftspolitischen Hintergrund – Erster Weltkrieg, Hungerjahre, die Berliner 20er Jahre und den wieder aufkommenden Antisemitismus – etwas aus den Augen verliert. Wie wohl auch Kafka in seinen Schriften selbst, der dafür jedoch umso intensiver nicht nur die familiäre Erziehung sondern vor allem auch die uns heute mehr und mehr denn je bedrohende irreale Überwachungsbürokratie betont herausarbeitet – Aspekte, die ja auch Manfred Kappelers Schriften keineswegs fremd sind. In einer pessimistischen Sicht – „kann ich wirklich noch Kinder in diese Welt setzen“ – die Kafkas Ambivalenz ebenso beeinflusst haben könnte wie seine Familienerfahrungen. Doch wäre auch das wohl ein Abgleiten in eine der gerügten anti-hermeneutischen Interpretationen, denen freilich auch die noch so offensichtlichen sozialpädagogischen Analysen nicht entgehen können.
Fazit
Ein echtes, akribisch belegtes Spätwerk, das nicht nur einen inhaltsreichen Blick auf die erziehungskritischen Anfänge der Reformpädagogik erlaubt, sondern das auch adulten Kafka-Kennern ein ungewohntes Vergnügen bereiten kann.
Rezension von
Prof. Dr. Stephan Quensel
Jurist und Kriminologe
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