Sighard Neckel: Katastrophenzeit
Rezensiert von Peter Flick, 11.02.2026
Sighard Neckel: Katastrophenzeit. Die Gesellschaft im Klimawandel und die Fallstricke der Transformation.
Verlag C.H. Beck
(München) 2026.
256 Seiten.
ISBN 978-3-406-84627-4.
20,00 EUR.
Reihe: Beck Paperback - 6621.
Thema
Klimaschutz muss populär sein, wenn er Erfolg haben soll. Dazu muss Klimaschutz mit Verbesserungen einer staatlichen Infrastruktur im Hier und Jetzt in Verbindung gebracht werden. In seinem Buch macht Sighard Neckel dazu einen Vorschlag.
Dabei ist sich der Autor bewusst, dass eine entschlossene Klimapolitik momentan nicht mit Rückenwind aus Gesellschaft und Politik rechnen kann. Das zeigt nicht zuletzt die aktuelle deutsche Regierung, die dem globalen Trend folgend täglich das Mantra einer Wachstumspolitik wiederholt und dabei wenig von den neuesten wissenschaftlichen Daten des Weltklimarats IPCC beeindruckt erscheint. Wer das nur auf die Desinformationskampagnen fossiler Industrien und ihrer politischen Lobbyisten zurückführe, springt mit seiner Erklärung nach Meinung des Autors allerdings zu kurz.
Der Autor will in seinem Buch die „Fallstricke“ erläutern, in denen sich in der Vergangenheit eine ehrgeizige ökologische Reformpolitik verfangen hat. „Fallstricke der Transformation“ nennt Sighard Neckel die Zielkonflikte, die sich für eine sozial-ökologische Transformation im Spannungsfeld von Demokratie und Kapitalismus unvermeidlich ergeben. Ein ökologischer Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft muss mit dem Risiko eines fundamentalen wirtschaftlichen Einbruchs, sozialer Verwerfungen und einer damit verbundenen Entfremdung von der Demokratie zurechtkommen. Dieses „Dilemma der sozial-ökologischer Gleichzeitigkeiten“ (Neckel) lässt ein „Treibhaus sozialen Konflikte“ entstehen, in der ökologische Politik die Erwartung eines schnellen und gleichzeitiger Wandels in allen Systeme der Gesellschaft nicht nachkommen kann, wie er vom Weltklimarat IPC und Teilen der Klimabewegung gefordert wird. Allerdings ist angesichts des beschleunigten Klimawandels eine Reformpolitik der „kleinen Schritte“ ebenso wenig eine Lösung.
Damit der Spagat zwischen notwendigen radikalreformerischen klimapolitischen Maßnahmen und der Stärkung des sozialen Zusammenhalts gelingen kann, erläutert der Autor im Schlusskapitel seines Buchs die Umrisse einer sozialökologische Infrastrukturpolitik, die ihm geeignet scheint, die ökologische Nachhaltigkeit mit unmittelbar wahrnehmbaren Verbesserungen der Lebensbedingungen in den öffentlichen Sektoren Wohnen, Verkehr, Bildung und Gesundheit zu verbinden.
Autor
Sighard Neckel ist emeritierter Professor für Sozialwissenschaften der Universität Hamburg. In dem vorliegenden Buch fasst er auf Basis seiner Lehrtätigkeit und seiner früheren Publikationen (zuletzt ist von ihm das Buch „Das Scheitern des grünen Kapitalismus“, 2024, erschienen) die Ergebnisse seiner langjährigen soziologischen Forschungstätigkeit zusammen.
Aufbau und Inhalt
1. Keine geheime Verschlusssache: Das Klimarisiko
Die Risiken einer Verschleppung der Klimapolitik sind im Prinzip schon in der wissenschaftlichen Literatur seit den 1970er Jahren bekannt. Dass sie jetzt auch als „Klimarisiko-Einschätzung“ in den BND-Report von 2024 Eingang gefunden hat (11 f.), notiert der Autor als kleines ironisches Aperçu. Den Soziologen interessiert indes mehr die gesellschaftlichen „Zwangslagen“, die „ein wesentlicher Grund für die Blockaden des Klimaschutzes (..) sind.“ (21).
2. Die ökologische Krise im Zeitalter der Katastrophen
Angesichts einer immer schnelleren Abfolge von Krisen, begleitet von ständig neuen Warnungen, registriert Neckel eine verständliche Abstumpfung des Publikums. Die beunruhigende Frage aber bleibt, ob uns „die kommenden Dekaden“ überhaupt noch „ausreichend Zeit“ (38) für praktische Gegenmaßnahmen zu den Klimakatastrophen lassen. Das beängstigende Gefühl gesellschaftlicher Ohnmacht, das sich angesichts der Eigendynamik eines technischen und ökonomischen Fortschritts einstellt, kann auch der Autor nicht ganz abschütteln. Er zitiert dazu eine Metapher Anthony Giddens, der den Fortschritt der Moderne mit einem „Dschaganannath“-Wagen verglichen hat. Das ist ein „hinduistisches Fuhrwerk“, das Gläubige für ihre Prozessionen konstruieren. Kommt das tonnenschwere Gefährt erst einmal so richtig in Schwung, ist es „immer weniger steuerbar “(39) und begräbt alles unter sich, was sich ihm in den Weg stellt.
3. Der Klimawandel und das Individuum
Der Klimaschutz ist eine „staatliche Verantwortung“ (45 f.) und nach der deutschen Verfassung eine Kernaufgabe des Staates. Ein Staat, der diese Aufgabe auf „die Individuen und ihre Lebensführung“ abwälzt, um die Lebensführung des Einzelnen „zum Dreh-und Angelpunkt eines ökologischen Wandels zu machen“ (59), werde seiner Verantwortung nicht gerecht, betont Neckel. Die Urteile des Bundesverfassungsgerichts hätten schon in der Vergangenheit entsprechende „Strukturveränderungen angemahnt“ (61), die eine klimagerechte Wirtschafts- und Lebensweise ermöglichen. Statt darüber zu streiten, wie wir als Individuen die Welt retten könnten, „müsse ein grundlegender Wandel der klimaschädlichsten Sektoren auf den Weg gebracht werden, der letztlich auch jedem Individuum bei der Umstellung seiner Gewohnheiten hilft.“ (61).
4. Kollektive Klimaschuld? Die Erde im Anthropozän
Das Kapitel beschäftigt sich mit der sozialwissenschaftlichen Debatte um den geowissenschaftlichen Begriff des Anthropozäns. So berechtigt ihm der Perspektivwechsel eines Dipesh Chakrabarty erscheint, um die starre Trennung zwischen Natur- und Menschheitsgeschichte zu überwinden, sein Ansatz, das Schicksal der Erde oder des Planeten gegenüber der „menschliche Welt“ zu priorisieren, vermag den Autor nicht zu überzeugen. Die „modernen Gesellschaft“ bleibt für Neckel die Schlüsselkategorie, weil sich in ihr als „zentrale(r) Arena das weitere Schicksal der Erde letztlich“ (79) entscheiden wird.
5. Die kontroversen Pfade der Nachhaltigkeit
Das Folgekapitel stellt die Frage, warum die „Nachhaltigkeit“ als allgegenwärtiges normatives Leitbild gesellschaftlicher Veränderungen in den letzten Jahrzehnten auch wissenschaftlich obsolet geworden ist. Neckels Erklärung lautet: unter diesem Begriff würden ganz unterschiedliche „Ziele“ und „Entwicklungspfade“ verstanden. Idealtypisch unterscheidet er „drei Pfade der Nachhaltigkeit“, die für den beschleunigten sozialen Wandel der Moderne kennzeichnend sind: „Modernisierung“ im Sinne eines evidenten technisch-sozialen Fortschritts, „Transformation“ und „Kontrolle“ (87 ff.). Er diagnostiziert das Scheitern sowohl des globalistischen „Modernisierungsprojekts“ wie des zweiten Entwicklungspfads, des „Transformationsprojekts“ mit dem Ziel eines „grünen Kapitalismus“ (97 f.).
Als dritten Entwicklungspfad beschreibt er den derzeit „überall auf der Welt“ stattfindenden Aufbau „neuer Kontrollregime“ (107). Angesichts der weiteren „Zuspitzung von Umweltkrisen“ (107) zeichnen sich dabei wiederum zwei unterschiedliche Modelle ab: zum einen ein Typus der Kontrolle, den er als „autoritatives Desaster Management“ bezeichnet. Als Beispiel nennt der Autor Jakarta. Während die Megacity im Smog erstickt und buchstäblich im Pazifik versinke, baue sich die indonesische Oberschicht ihre neue indonesische Hauptstadt im Landesinnere von Borneo. (107 f.). Eine Alternative zu diesem Autoritarismus und seinem liberalistisch verengten Freiheitsbegriff mit dem Angebot einer „Flucht in die Enklave“ (108) wäre ein „demokratisches „Kontrollregime“, das Unternehmen, Regierungen, Bürgern und Körperschaften „strenge gesetzliche Auflagen für Produktion, Konsum und Mobilität“ (108) abverlangt. Bevor der Autor dieses Modell einer gesetzlichen „Kontrolle als positive ökologische Norm“ (108) weiter konkretisiert, untersuchen die drei Folgekapitel zunächst die Hindernisse, die sich einem umfassenden sozial-ökologischen „Systemwechsel“ in den Weg stellen.
6. Zerstörerischer Reichtum: Die ungleichen Klimawelten
Da sind für den Autor zunächst die zerstörerischen Folgen privater Eigentumsrechte. Unter der Überschrift „Kein richtiges Leben im falschen Eigentum“ (127 f.) diskutiert der Autor die Legitimation „exklusive(r) Eigentumsrechte“, die für ihn, national und global betrachtet, für eine ungleiche Reichtumsvermehrung und eine bedenkenlose Zerstörung der „planetarischen Grundlagen“ (128) verantwortlich ist. Es sei anachronistisch statt der Erhaltung der Kollektivgüter immer noch „exklusiven Besitz“ und „privaten Reichtum“, der die eigenen Lebensgrundlagen ruiniert, als „höchsten Ausdruck eines potenzierten Wohlstands“ zu verehren (129).
7. Der Streit um die Lebensführung
Das zweite Hindernis für eine radikale Klimapolitik stellt die ungleiche Verteilung der finanziellen Kosten und Risiken des Klimawandels dar. An ihm entzünden sich in der Folge zahlreiche sozialkulturelle Konflikte, ob es nun um „Fleisch“ (134 ff.) bzw. das Ernährungsverhalten oder Fernreisen geht. „Kulturkonflikte“, die sich an einer „ökologische(n) Lebensführung“ (145 ff.) entzünden, könnten nach Meinung des Autors durch eine Stadtpolitik entschärft werden, d.h. einer Politik, die der „grünen Gentrifizierung“ (158) entgegenarbeitet und die Kalkulationen von Immobilienfirmen durchkreuzt, in dem sie den Vorrang der Gemeingüter sichert und es im Übrigen den Bürger:innen selbst überlässt, wie sie ihre Konsumgewohnheiten verändern.
8. Klimakonflikte und die Demokratie
Die dritte Barriere stellt die repräsentative Demokratie selbst dar. Ihre „ökologische(n) Schwächen und Stärken“ (172 ff.) abwägend, verweist der Autor im Anschluss an Jens Beckerts These vom „zögernden Staat“, zunächst auf die Langsamkeit deliberativer Prozesse, der sich oft „einer entschlossenen Klimapolitik verweigert“ (175). Was aber entgegen autoritären Phantasien eines „Durchregierens“ für demokratische Institutionen spricht, sei die Tatsache, dass sie größere Spielräume für ein „aktivbürgerliches und wachstumskritisches Segment der Bevölkerung“ ermöglicht. Dieses „Segment“, das der Autor in Deutschland „auf 16 Prozent“ schätzt (177), erscheint ihm ausreichend, um eine verbreitet Resignation zu überwinden, die auch in der Lage sein sollte, einen „sozialen Kipp-Punkt“ zu nutzen, um einen Schub in Richtung „Dekarbonisierung“ (177) auszulösen.
9. Das sozial-ökologische Dilemma der Gleichzeitigkeit
Die in den drei Kapiteln zuvor aufgezeigte „ungeheure Bandbreite unzählige Konflikte“ (183) macht deutlich, wie sich in der beschleunigte Moderne die Konflikte miteinander verknoten. Wie wir aus soziologischen und historische „Transformationsforschungen“ (184 ff.) wissen, bringt der gleichzeitige Wandel auf der Ebene der Wirtschaft, der politischen Systeme und der kulturellen Lebenswelten tiefgreifende Veränderungen hervor, die jede für sich ein erhebliches Konfliktpotenzial in sich bergen. Soziale Lernprozesse brauchen so gesehen nicht nur Zeit, sie sind auch nicht durch eine technokratische Politik „planbar“, da sie als Veränderungen in allen Sektoren und Systemen der Gesellschaft simultan und „weitgehend eigensinnig“ verlaufen und sich so der einfachen politischen Steuerung entziehen. Das mag dann den „culural lag“ (189) erklären, der die Vision einer „Großen Transformation“ unrealistisch erscheinen lässt und so das Regierungshandeln als Stückwerk-Technokratie alternativlos erscheinen lässt („Vormacht des Stückwerks“ , 192 ff.). Vorschläge radikaler Klimabewegungen, die auf einen „Großen Systemwandel“ zielen, erscheinen dagegen unrealistisch, während die Vorschläge für autoritäre Notstandsregime oder Formen einer „ökologischen Kriegswirtschaft“ schlicht abstoßend sind.
10. Wie weiter? Riskante Aussichten, realistische Chancen
Also bleibt nur die politische „Stückwerk-Technokratie“ Poppers oder muss nicht doch entschiedener gehandelt werden? Angesichts eines sich verengenden Zeitfensters sieht Neckel im Konzept einer vom Staat und Bürgern getragenen gemeinwohlorientierten „Fundamentalökonomie“ (199 ff.) eine Alternative und formuliert im Anschluss daran seinen Vorschlag für einen radikalreformerischen „Infrastruktursozialismus“ (200 ff.).
In gebotener Kürze: Nach diesen Vorstellungen soll der Staat wieder seine Kernaufgaben wahrnehmen und den Ausbau einer nachhaltige Infrastruktur in Verkehr, Wohnen, Bildung und Gesundheit, sowie der Wasserversorgung und des Energiesystems energisch vorantreiben. Die verbreitete Vorstellung, die mit allgemeinem „Wohlstand“ automatisch eine ständig wachsende Gütermenge und mehr individuellen Konsum verbindet, kann sich verändern. Ob und wie Menschen angesichts eines ausgebauten Nahverkehrs und preiswerter Genossenschaftswohnungen ihre gewohnten Formen ihrer Lebensführung überdenken und dabei vielleicht entdecken, dass es sich auch mit weniger Autos, weniger Besitzdenken und kleineren Wohnungen gut leben lässt, bleibt aber den Bürger:innen selbst überlassen. Was kommunal als Stärkung der Formen eines Gemeineigentums beginnt kann auf regionaler und europäischer Ebene durch entsprechende Initiativen eine klimagerechten Steuerpolitik unterstützt werden, die die finanziellen Lasten des ökologischen Umbaus fair verteilt.
Diskussion
Man braucht keine große Phantasie, um sich vorzustellen, wie libertäre Vertreter der freien Marktwirtschaft und konservative „Etatisten“ auf diesen Vorschlag eines „Infrastruktursozialismus“ reagieren werden. Aber auch der Pragmatismus eines wachstumsorientierten „Weiter-so“, der die Folgekosten einer wachsender Naturzerstörung externalisiert (vgl. dazu Stephan Lessenich: Neben uns die Sintflut, 2016), wird immer mehr an seine Grenzen stoßen.
Neckels Buch schließt an diejenigen Zeitdiagnosen an, die die „Politik des Unterlassens“ (Philipp Lepenies:Verbot und Verzicht, 2022) kritisieren, da sie „langfristig auf die Gesellschaft selbst zurückschlägt“ (175). Zu Recht wendet sich der Autor aber auch gegen die schlechte Utopie eines kriegswirtschaftlichen Notstandsregimes, wie sie der japanische Philosoph Kohei Saito vertritt,oder ökosozialistischen Ansatz einer „Degrowth-Kriegswirtschaft“ bzw. der Vision einer dezentralisierten „Postwachstumsgesellschaft“. Mit Axel Honneth sieht Neckel in Letzterem eine bloße „Wiederholung“ der „alten Geburtsfehler sozialistischer Projekte“, die mit ihrem ausschließlichen Bezug auf die wirtschaftliche Sphäre der genossenschaftliche und lokale Einheiten die Sphäre der repräsentativen Demokratie als dem „einzigen“ Ort, an dem „die Aushandlung eines gemeinsamen Willens geschieht“ (171), ignorieren würden.
Wo Jens Beckert in seinem Buch „Verkaufte Zukunft“ (2024) gegen die destruktive Logik von Profit und Macht eher auf ein Wiederaufleben des „zivilgesellschaftlichen Engagement“ hofft, betont Neckel stärker die Kernaufgabe des Staates, der mit Initiativen zum Aufbau einer „ökologisch-nachhaltigen Fundamentalökonomie“ den Forderungen nach Klimaschutz, Wohlstand und einer gerechteren Verteilung von Gütern wieder neuen Schwung verleihen kann.
Fazit
Das Buch Sighard Neckels wirft einen illusionslosen soziologischen Blick auf die Schwierigkeiten, die sich in der aktuellen Umbruchssituation gegenüber einer sozial-ökologischen Reformpolitik auftürmen. Die Alternative zur liberal-reformerischen „Stückwerk-Technik“ Karl R. Poppers sieht der Autor im Konzept eines radikaldemokratischen „Infrastruktursozialismus“. Wie schon in der Vergangenheit bei der Entstehung des Sozialstaats hält er eine demokratische „Einhegung des Kapitalismus im Kampf gegen den Klimawandel“ (Neckel, 208) auch in Zukunft für möglich.
Rezension von
Peter Flick
Lehrer, unterrichtet die Fächer Sozialwissenschaften, Praktische Philosophie und Deutsch
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