Diana Staudacher: Wounded Humanity - Verletzliches Menschsein
Rezensiert von Dr. Michael Mayer, 10.04.2026
Diana Staudacher: Wounded Humanity - Verletzliches Menschsein. Eine Anthropologie der helfenden Berufe. Hogrefe AG (Bern) 2025. 240 Seiten. ISBN 978-3-456-86137-1. D: 35,00 EUR, A: 36,00 EUR, CH: 46,90 sFr.
Thema
In westlichen Gesellschaften gilt Verletzlichkeit als Schwäche, als Zustand, der überwunden werden muss. Dies spiegelt sich auch im Menschenbild von Gesundheits‑ und Sozialberufen wider, die dem Paradigma der Patientenautonomie folgen. Mit ihrer Monografie entwirft Diane Staudacher einen Gegenentwurf dazu. Sie beschreibt ein Menschenbild, in dem Verletzlichkeit nicht die Ausnahme, sondern der Wesenskern des Menschen ist, und leitet daraus weitreichende Konsequenzen für das professionelle Selbstverständnis helfender Berufe ab.
Autor:in
Dr. Diane Staudacher hat Germanistik und Humanmedizin studiert. Sie arbeitet als Publizistin sowie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Universitätsspital Zürich.
Aufbau
Das Buch ist in fünf Teile gegliedert. Im ersten Teil entfaltet die Autorin den theoretischen Rahmen der Verletzlichkeit des Menschen. Der zweite Teil, der aus 14 Einzelkapiteln besteht, beschreibt spezifische Facetten dieser Verletzlichkeit. Im dritten Teil werden Handlungsperspektiven für helfende Berufe entwickelt, um mit diesen die Verletzlichkeit anzusprechen. Ein abschließender vierter Teil fasst die zentralen Thesen zur Verletzlichkeit des Menschen in verdichteter Form zusammen. Ein technologiekritischer Epilog bildet den fünften und letzten Teil des Buchs. Darüber hinaus führt die Autorin in einem ausführlichen Anhang einen kritischen Diskurs zum wissenschaftlichen Kontext des Vulnerabilitätsbegriffs.
Inhalt
Diane Staudacher entwickelt in ihrer Monografie eine Anthropologie des verletzlichen Menschen, die als Grundlage für das professionelle Handeln in helfenden Berufen dienen soll.
Der theoretische Rahmen
Sie stützt ihre These von der Verletzlichkeit des Menschen im Wesentlichen auf zwei theoretische Referenzen, die sie miteinander verschränkt. Zunächst bezieht sie sich auf das Konzept der „Wounded Humanity“ des amerikanischen Medizinethikers Edmund Pellegrino. Damit legt sie den Fokus auf die individuelle und zwischenmenschliche Dimension von Verletzlichkeit. Die zweite theoretische Säule bildet Martha Nells „Vulnerability Theory“, die den Blick auf gesellschaftliche Strukturen richtet.
14 Facetten der Verletzlichkeit
Der zweite Teil des Buches, der umfangreichste, ist eine Anthropologie des verletzlichen Menschen. In 14 Einzelkapiteln befasst er sich jeweils mit einer Dimension menschlicher Verletzlichkeit. Staudacher verfolgt dabei durchgängig ein doppeltes Erkenntnisziel. Zunächst beschreibt sie die jeweilige Dimension phänomenologisch und leitet dann Konsequenzen für die professionelle Praxis ab.
So vertritt die Autorin im Kapitel „Die Haut als verletzliche Hülle“ beispielsweise die These, dass Menschen ihre eigene Existenz durch Berührung als etwas Anerkennenswertes erfahren. Zudem verweist sie auf das Konzept der „Holding Environments“ (nach Donald Winnicott). Dieser „haltende Rahmen“, der Schutz und Sicherheit vermittelt, bezieht sich dabei nicht nur auf das Berührtwerden, sondern auch auf Architektur und Raumgestaltung.
Im Kapitel „Trauma: das zerbrechliche Ich“ möchte Staudacher die Begriffe „Dissoziation“, „Depression“, „Borderline“ und „Schizophrenie“ im nicht primär als Störungen, sondern als natürliche Schutzmechanismen gegenüber „psychisch Unterträglichem“ (S. 113) verstanden wissen. In diesem Zusammenhang stellt sie zudem die Frage, ob eine „Psychiatrie der Verletzungen“ nicht einer „Psychiatrie der Störungen“ vorzuziehen sei (S. 116).
Im Zentrum des Kapitels „Einsamkeit als sozialer Schmerz“ steht die Social-Baseline-Theorie. Demnach ist soziale Nähe nicht eine von mehreren Optionen des Menschseins, sondern der physiologische Ruhe‑ und Grundzustand des Menschen. Staudacher stellt damit die Fokussierung auf das Individuum infrage und fordert, einsamkeitsfördernde Umwelten zu thematisieren.
Weitere Kapitel beschäftigen sich unter anderem mit Schmerz als spürbarer Verletzlichkeit, dem fragilen Altern, Bewegung als verletzlicher Freiheit oder Tränen als Sprache der Verletzlichkeit.
Handlungsperspektiven für helfende Berufe
Im dritten Teil ihrer Monografie stellt Staudacher das Konzept der Responsivität (Antwortlichkeit) als übergreifendes Handlungsprinzip für helfende Berufe vor. Dabei verweist sie auf den russischen Philosophen und Sprachwissenschaftler Michail Bachtin. Eine Antwort stärkt das Sein des Gegenübers, während das Ausbleiben einer Antwort zum Nicht-Sein führe. Damit wird Responsivität zu einem ethischen Geschehen. Für Staudacher ist Responsivität jedoch nicht nur eine individuelle Haltung, sondern auch eine gesellschaftspolitische Forderung. Helfende Berufe tragen somit auch ein soziales Mandat.
Digitalisierung und Vulnerabilität
Im abschließenden Epilog thematisiert Staudacher die Gefahr einer „digitalen Dehumanisierung“ (S. 215) und betont die Unersetzbarkeit physischer menschlicher Kontakte. Der Wunsch nach einem unverletzlichen, technisch optimierten Selbst, etwa durch Künstliche Intelligenz, steht für sie im direkten Widerspruch zur anthropologischen Grundbedingung des Menschseins.
In einem Anhang kritisiert Staudacher den Vulnerabilitätsbegriff, da dieser Menschen kategorisiere, stigmatisiere und als Abweichung von einer imaginierten, unverletzlichen Norm markiere. Als Auswege skizziert sie Denktraditionen, wie Levinas' radikale Vulnerabilität, von Weizsäckers Pathosophie, die kritische medizinische Anthropologie sowie sozial-ökologische Konzepte, die Verletzlichkeit als Teil der gesamten Lebensordnung betrachten.
Diskussion
Staudacher legt ein formal sorgfältig gestaltetes Werk vor. Einleitende Zitate, klare Abschnittsüberschriften, kapitelweise Literaturverweise und ein umfangreiches Sachwortverzeichnis strukturieren den Text und erleichtern sowohl die systematische Lektüre als auch die gezielte thematische Suche.
Das Buch überzeugt inhaltlich durch seinen entschlossenen Impuls, das Menschenbild helfender Berufe grundlegend zu hinterfragen. Die konsequente Verbindung von theoretischer Grundlegung und konkreten Reflexions‑ und Handlungsfeldern macht es für Fachleute aus den Bereichen Pflege, Medizin, Sozialarbeit, Psychologie und Psychotherapie unmittelbar relevant. Staudacher schreibt mit erkennbarer Überzeugung, was dem Text Lebendigkeit verleiht, ihm aber auch zuweilen einen assertiven Zug gibt. Wer einen wissenschaftlich mehrperspektivischen Diskurs erwartet, wird das Buch möglicherweise als einseitig empfinden. Wer jedoch ein dezidiertes Plädoyer für ein relationales Menschenbild sucht, findet es hier konsequent entfaltet.
Wer über gelegentliche Redundanzen und eine ausgeprägte Vorliebe für englischsprachige Fachbegriffe hinwegsehen kann, wird mit Anregungen für die eigene Perspektive belohnt. Fachpersonen, die ihr professionelles Menschenbild reflektieren möchten, finden in diesem Buch eine äußerst anregende und konzeptionell dichte Lektüre.
Fazit
Mit ihrer „Anthropologie des verletzlichen Menschen“ legt Staudacher ein konzeptionell dichtes Plädoyer für ein relationales Menschenbild in helfenden Berufen vor. Wer sich weder an dem immer wieder durchscheinenden moralischen Impetus der Autorin noch an ihrer Vorliebe für englische Begriffe stört, für den ist das Buch eine sehr anregende und spannende Lektüre. Fachpersonen aus den Bereichen Pflege, Medizin und Soziale Arbeit, die ihr professionelles Menschenbild tiefgreifend reflektieren möchten, sei es daher unbedingt empfohlen.
Rezension von
Dr. Michael Mayer
M. A. soziale Verhaltenswissenschaften, Erziehungswissenschaften und Philosophie, Supervisor, Krankenpfleger für Psychiatrie, Leitung Akademie der Bezirkskliniken Schwaben.
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