Deutscher Arbeitskreis Gestaltungstherapie/Klinische Kunsttherapie (Hrsg.): Erste Spuren - letzte Bilder
Rezensiert von Svenja Rehse, 09.03.2026
Deutscher Arbeitskreis Gestaltungstherapie/Klinische Kunsttherapie (Hrsg.): Erste Spuren - letzte Bilder. Kunsttherapeutische Konzepte, Interventionen und Prozesse. Heinz Kurz Verlag (Stuttgart) 2025. 284 Seiten. ISBN 978-3-932105-19-7. D: 25,00 EUR, A: 25,70 EUR.
Thema
Der Band Erste Spuren letzte Bilder. Kunsttherapeutische Konzepte, Interventionen und Prozesse ist die Dokumentation des 2021 abgehaltenen Symposiums des Deutschen Arbeitskreises Gestaltungstherapie/​Klinische Kunsttherapie e.V.. Der Fokus und aller Aufsätze liegt auf der Verbindung von Kunst und Therapie im Lebensverlauf und Generationenbezug. Insbesondere werden Übergänge, Anfänge und Beendigungen/​Abschiede thematisiert.
Den roten Faden aller Beiträge bildet die Auslotung bestehender Möglichkeiten therapeutischer Praxiserweiterung mittels kunsttherapeutischer Interventionen. Es werden vielfältige Anregungen angeboten, die als kreative Aktivitäten und Themen für unterschiedliche Klient Innen-Gruppen genutzt werden können.
Zielgruppe der Publikation sind diejenigen, die eine Verbindung von Kunst und Therapie herstellen wollen: Interessierte, Studierende und Praktiker. Gestalterische Zugänge zu Gedanken und Erinnerungen können Verständnis und neue Perspektiven entstehen lassen.
„Erste Spuren“ zeigen und meinen hier die Entwicklung des Kindes, den Anfang einer therapeutischen Sitzung, der erste Wagemut und sich daraus entfaltende gestalterische Prozesse. „Letzte Bilder“ werden verstanden als Abschluss eines Prozesses, einer Therapie, am Lebensende, als Bilanz und Selbsterkenntnis. In allen Artikeln wird der Theorie-Prais-Bezug hergestellt und ein Quellenverzeichnis angeboten.
Autor:in oder Herausgeber:in
Herausgeber des Bandes ist der Deutscher Arbeitskreis Gestaltungstherapie/​Klinische Kunsttherapie e.V.. Der Sammelband vereint 15 Beiträge mit jeweils durchschnittlich 15 Seiten. Theoretische Fundierungen und Praxisanwendung sind in jedem Beitrag gegeben. Die Liste beteiligter AutorInnen folgt unter Aufbau.
Entstehungshintergrund
Der Band: Erste Spuren, letzte Bilder. Kunsttherapeutische Konzepte, Interventionen und Prozesse ist eine Symposiumsdokumentation des Deutschen Arbeitskreises Gestaltungstherapie/​Klinische Kunsttherapie e.V. von 2021. Er bietet einen thematischen Querschnitt an Textbeiträgen von den ersten Mal-/Schmierspuren bis zu Abschieden der Kunsttherapie oder Abschied am Lebensende.
Der Arbeitskreis tagt zweijährig und greift mit diesem Beitrag das in der Coronazeit nur digital abgehaltene Thema Generationenbezug wieder auf und bietet vertiefende und facettenreiche Texte an. Der zuvor publizierte Tagungsband von 2019 ist: Der kunsttherapeutische Blick in der Kunsttherapie betitelt.
Die Veranstaltung 2021 fand an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin (KHSB) statt. Die 17 AutorInnen des vorliegenden Bandes werden im Autorinnenverzeichnis kompakt vorgestellt und weisen eine beeindruckende fachliche Kompetenz und Vielfalt in Theorie und Praxis auf.
Aufbau
Die Publikation umfasst 284 Seiten und setzt sich aus Autorenbeiträgen zusammen. Die Einleitung von Klara Schattmayer-Bolle: Erste Spuren – letzte Bilder ist bereits ein eigener Beitrag. Sie führt in das Thema und die weiteren 15 Aufsätze ein und gibt den Spannungsbogen zusammenfassend wieder, der diese Publikation mit seinen vielfältigen Beiträgen zum Thema letztlich zusammenführt. Das AutorInnenverzeichnis am Ende des Buches gibt einen Überblick über die unterschiedlichen Fachexpertisen der VerfasserInnen. Es ist zu jedem Beitrag ein ergänzender Beitrag um den Kontext der Entstehung einordnen zu können. Jedem Beitrag ist ein Quellenverzeichnis beigefügt.
Die Publikation beinhaltet je nach Beitrag farbiges Bildmaterial der therapeutischen Prozesse, einige Schaubilder und enthält u.a. auch 11 künstlerische Bildnachweise.
Inhalt
Der Inhalt der Publikation zeigt das heutige Spektrum kunsttherapeutischer Arbeitsfelder. Er legt den Schwerpunkt auf Anfänge und Beendigungen und stellt durch dieses Querschnittsthema ein breites Spektrum kunsttherapeutischer Einsatzfelder vor. Theorie und Praxis aller dargestellten Themen und Prozesse fließen in dieser thematischen Auswahl zusammen.
Exemplarisch werden folgen zwei Kapitel zusammengefasst:
Karin Brokow befasst sich mit Körperempfindungen und Körpererinnerungen. Diese untersucht sie in ihrem Textbeitrag „Die Körperskulptur in der Gestaltungs‑ und Kunsttherapie“. Sie erforscht das Thema auf ganzheitliche Art und beschreibt ihren Ansatz als Abfolge: Körpererinnerungen wahrnehmen, abbilden und im kunsttherapeutischen Prozess betrachten, begreifen und begleiten. Diese Überschrift ist zugleich der Leitfaden für ihre Auseinandersetzung, theoretische Annäherung und Präsentation ihrer kunsttherapeutischen Intervention. Mit ihrer Leitfrage: „Habe ich meinen Körper oder bin ich mein Körper? stellt sie den Doppelcharakter in Wahrnehmung und Ausrichtung des Körpers dar. In ihrer Darstellung beleuchtet Karin Brokow einen möglichen kunsttherapeutischen Zugang zur Resonanz mit dem eigenen Körperinnenraum und stellt fest: Das Ich ist vor allem ein körperliches.
Hier setzt sie sich mit Sigmund und Anna Freud, deren Beobachtungen und psychoanalytischen Forschungen zu Kindern auseinander. Sie verweist u.a. auch auf Margaret Mahler, John Bowlby und entsprechende Erkenntnisse zu Entwicklungs‑ und Bindungsverhalten sowie auf Gerhard Rudolf. Vertiefend bietet Karin Brokow in ihrem Beitrag in drei Unterabschnitten Entwicklungspsychologische Grundlagen, Sensomotorische Grundlagen und Neurobiologische Grundlagen, um daraus eine kunsttherapeutische Methode abzuleiten. Sie führt in die Körperskulpturtechnik nach Achim Schubert ein und zeigt im Abschnitt „Praktisches Arbeiten mit der Körperskulpturtechnik“ ein umfangreiches und bebildertes Fallbeispiel mit einer Schmerzpatientin.
Auch Elke Pfeiffer-Nagel bietet eine Theorie-Praxis-Verzahnung zum Thema Traumasensitive Kunsttherapie – ein verkörperter Dialog mit dem Bild. Sie untertitelt mit: Beschreibung eines ganzheitlichen Ansatzes unter Berücksichtigung neurobiologischer Erkenntnisse. Trauma generell aber auch im Erwachsenenalter plötzlich reaktivierte traumatische Erfahrungen erfordern ihr zufolge spezifische Herangehensweisen und Methoden. Durch nonverbale, kunsttherapeutische Interventionen seien z.B. gestalterische Darstellungen von Konflikten, körperliche Empfindungen und emotionale Bearbeitungen möglich. In ihrem Beitrag definiert sie Trauma und unterscheidet das Bindungs‑ und Entwicklungstrauma. Neurobiologische Grundlagen und die verschiedenen Funktionen des Gehirns werden vorgestellt und mit Fokus auf Traumaforschung vertieft und konkretisiert. Als Vertiefung neuronaler Mechanismen bei Traumatisierung stellt sie die Polyvagal-Theorie von Stephen W. Porges und diesbezüglich Einsichten in die Funktionsweise des Nervensystems vor.
Spezifische traumatherapeutische Behandlungsmethoden wie somatic experience und Ego-State-Therapie als Arbeit mit Persönlichkeitsanteilen böten hilfreiche Informationen, um die daraus folgenden Interventionstechniken in traumasensetiver Kunsttherapie abzuleiten und zu integrieren/zu kombinieren. Hier fokussiert Elke Pfeiffer-Nagel die therapeutische Beziehung, den eigenen Raum als äußere Sicherheit und den Bildraum als stabilisierenden Ressourcenraum. Sie leitet über zu ressourcenreichen Persönlichkeitsanteilen durch und in Gestaltungen, beschreibt die Herausforderung belastender Persönlichkeitsanteile und den gestalterischen Umgang damit. Die Perspektivenvielfalt von Begegnungs‑ und Spielräumen bildet eine Kontinuität und zunehmend sichere Stabilität von und zwischen Anfang und Abschluss ab. Sie greift die Stadien und auch fließende Übergänge im integrierenden kunsttherapeutischen Heilungsprozess auf. Elke Pfeiffer-Nagel resümiert traumasensitive Kunsttherapie als Möglichkeitsraum und beschreibt die mit ihrem integrativen Ansatz sich entwickelnden Bedürfnisse, Grenzen und Einsichten. Traumabewältigung könne durch die kreativ gesetzten Handlungsimpulse und Handlungsdialoge erfolgversprechend unterstützt werden.
Diskussion
Die Darstellungen sind teilweise prozesshaft, Momentaufnahmen, sie zeigen das therapeutische Geschehen und eine (vorläufige) Bilanzierung. Die Artikel, teils reich bebildert, vertiefen, erklären, vernetzen und strukturieren die gewählten Ansätze und Methoden mit zugrundeliegendem psychotherapeutischem, aber auch kunstwissenschaftlich fundiertem Hintergrund. Die Artikel schaffen durch die theoretische, kontextuelle Fundierung Klarheit und zeigen auf, was und wie Lösungen, neue Wege, aber auch neue Fragen im kunsttherapeutischen Prozess entstehen können. Abgebildete Werke als konkrete Zeugnisse der individuellen Auseinandersetzung, der persönlich-subjektiven Verarbeitung von Themen, die lebensweltliche Entwicklung und Wachstum stehen als Kernthemen der Aufsätze nebeneinander. Dieser Facettenreichtum kommt in der Publikation deutlich zum Vorschein. Kunsttherapie steht in heutiger Zeit als nonverbales Medium bei psychischen Störungen, Trauer, Angst, Trauma(ta) und Lebenskrisen als Ausdrucksmittel und zur Konfliktverarbeitung zur Verfügung. Kunsttherapie geht in der Wirkung weit über psychiatrische/​psychotherapeutische Klinikarbeit hinaus und findet in allen sozialpädagogischen und psychosozialen Feldern zunehmend Anwendung. Der Band bildet diese Entwicklung ab und bietet z.B. historische Beispiele (Auschwitz), zeigt Arbeit mit geflüchteten Kindern (ein Projekt), befasst sich mit der Vater-Sohn-Problematik im Zusammenhang mit Homosexualität, beschreibt und analysiert die Stellung der Großeltern in familientherapeutischen Settings und greift Themen auf wie Herzsymbolik, Trauer, Träume und Körper, die mit je spezifischen KlientInnen bearbeitet werden.
Das Buch beinhaltet fundierte Beiträge, die die Professionalität der Autoren in Theorie und Praxis erkennen lassen. Mehrfach und auf unterschiedliche Art werden Themen wie Trauer und Abschied, Herzthemen, erste Begegnungen mit Kunst und Therapie, Einstiege in die Welt der Farben, Formgebung und des eigenen Ausdrucks bearbeitet. Umfangreiche Literaturverweise nach jedem Artikel fundieren und ergänzen die Texte. Durchgängig sind ein starker Theorie-Praxis-Verbund und Transfer gegeben. Die Herleitung und Legitimation der je eigenen kunsttherapeutischen Berufspraxis gelingt authentisch und wird durch die genaue theoretische Herleitung und vertiefende psychologische Auseinandersetzung souverän untermauert. Das wissenschaftliche Niveau vieler Aufsätze ist auch Aufklärungsarbeit über das kunsttherapeutische Arbeitsfeld und schafft den Spannungsbogen zu der Etablierung dieser Therapieform. Kunst als Heilungsprozess wird z.B. anschaulich am Beispiel von Maria Lassnigs reflexiven biografischen Werken. Reich bebildert zeigt Nadine Groves auf, wie eine subjektive Bewältigung biografischer Traumata durch die Kunst stattfinden und idealerweise gelingen kann. Der Hunger, die Gier, die Bedürfnisse geflüchteter Kinder im Malatelier nach Ausdruck, nach Aufmerksamkeit und Anerkennung und ihre individuellen Lernprozesse, die soziale und personale Kompetenzen wachsen und heilen lassen, werden ebenso präsentiert wie die Darstellung des Herzens als Symbol in der therapeutischen Arbeit. Geschichten aus der Therapie werden subsumiert, fachlich hervorragend aufbereitet und dienen so als wertvoller Impuls für Entwicklung und Adaption in das eigene Repertoire für professionell Handelnde oder als Inspiration für Studierende und Interessierte. So ist jeder Artikel zugleich ein Beispiel und ein Verweis auf kunstpädagogische Kompetenz. Jeder Text erweitert das Verständnis von Theorie und Praxis der Kunst als Therapie und trägt zur Handlungskompetenz bei. Anfänge und Abschiede gehören als Querschnittsthemen essenziell zu jedem Prozess und bilden für diese Publikation einen idealen Fokus.
Fazit
Ein anregendes Buch, das vielfältige Einblicke in die Möglichkeiten und Begegnungen mit kunsttherapeutischem Handeln im Lebensverlauf gibt. Setting und Klientel der Beiträge umfassen ein breites Spektrum, auch Kunst als heilende Auseinandersetzung wird in ihrer Ausdrucks‑ und Heilkraft herangezogen.
Rezension von
Svenja Rehse
M.A., Dozentin Pädagogik (Fach-/Hochschulen) und Kunsttherapie
Website
Mailformular
Es gibt 26 Rezensionen von Svenja Rehse.




