Michael Matzner, Torsten Wojciechowski (Hrsg.): Handbuch Bewegung und Sport in der Sozialen Arbeit
Rezensiert von Prof. Dr. Tobias Falke, Jakob Meder, 17.04.2026
Michael Matzner, Torsten Wojciechowski (Hrsg.): Handbuch Bewegung und Sport in der Sozialen Arbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2025. 629 Seiten. ISBN 978-3-7799-7777-3. D: 98,00 EUR, A: 100,80 EUR.
Thema
Sport und Bewegung nehmen immer mehr Raum in der Praxis und Forschung der Sozialen Arbeit ein. Obwohl der Einsatz von Sport in Angeboten der Sozialen Arbeit schon lange präsent ist, ist seit wenigen Jahren ein erhöhtes und differenziertes Interesse an diesem Forschungsfeld zu vermerken. Entstanden aus diesem Interesse widmen sich Matzner und Wojciechowski im Sammelband „Handbuch Bewegung und Sport in der Sozialen Arbeit“ diesem Feld und versuchen eine Verknüpfung von Theorien und Modellen mit der Praxis zu schaffen.
Autor:innen und Herausgeber
Dr. Michael Matzner ist Professor für Soziale Arbeit an der Hochschule Fresenius Heidelberg und hat bereits mehrere Handbücher zu Themen der Sozialen Arbeit veröffentlicht. Dr. Torsten Wojciechowski ist Professor für Sport‑ und Gesundheitsmanagement sowie Dekan der Fakultät für Gesundheit, Sport & Ernährung an der Europäische Hochschule für Innovation und Perspektive und hat bereits ein Handbuch zum Thema der Sportverbände veröffentlicht.
Die insgesamt 74 Autor:innen der Fachartikel setzen sich aus Vertreter:innen der (Hochschul-)Lehre im Gesundheitswesen und der Sozialen Arbeit sowie Vertreter:innen praktischer Handlungsfelder sozialarbeiterischer bzw. sozialpädagogischer Sportangebote zusammen.
Entstehungshintergrund
Das bereits erwähnte gesteigerte Interesse am Forschungsfeld Sport und Bewegung in der Sozialen Arbeit führt zur Notwendigkeit eines ersten Abrisses des Forschungsstandes und eines deutschsprachigen Einstiegwerkes, welches die Verknüpfung der theoretischen Ansätze mit Anwendungen in der Praxis in Bezug setzt. Mit dem hier rezensierten Sammelband unternehmen Matzner und Wojciechowski den Versuch, dieses Einstiegswerk anzubieten und den Übertrag der Theorien in die Praxis zu ermöglichen.
Aufbau
Der Sammelband umfasst inklusive Vorwort und Fazit 48 Artikel in 7 übergeordneten Kategorien auf insgesamt 629 Seiten. Inhaltlich sind in den ersten Kapiteln theoretische Ansätze im Vordergrund, während der Praxisbezug von Kapitel zu Kapitel wächst und nach der Betrachtung von Handlungsfeldern, in welchen die zuvor beschriebenen theoretischen Ansätze der vorherigen Kapitel Anwendung finden, vor dem Fazit in 18 konkreten Praxisbeispielen endet. Durch diesen Aufbau ist es den Leser:innen niedrigschwellig möglich, an der für sie geeigneten Stelle anzusetzen.
Inhalt
Nachfolgend stellen wir ausgewählte Artikel aus den Schwerpunkten des Handbuchs vor. Aufgrund der sehr differenzierten und breiten Artikelauswahl, bedarf es hier einer Reduzierung auf wenige Artikel, die jedoch exemplarische Einblicke und Bewertungen in die zentralen Anknüpfungspunkte geben.
Themenblock III) Rahmenbedingungen des organisierten Sports mit Blick auf die Soziale Arbeit
Organisierter Sport und Soziale Arbeit (Christoph Breuer/Leonie Hauptvogel)
Christoph Breuer und Leonie Hauptvogel fragen in ihrem Beitrag, ob und in welcher Form organisierter Sport als Akteur Sozialer Arbeit verstanden werden kann. Der Aufbau ist eher problemorientiert: Nach einer theoretischen Rahmung Sozialer Arbeit werden Leistungen und Grenzen von Sportvereinen und ‑verbänden in den Blick genommen. Die Grundaussage ist klar differenziert: Organisierter Sport verfügt zweifellos über sozialintegrative, präventive und gemeinwohlbezogene Potenziale, ist aber nicht deckungsgleich mit professioneller Sozialer Arbeit. Genau diese Spannung macht den Beitrag stark. Er ist besonders gut als Diskussionsgrundlage nutzbar, weil er institutionelle Realität und normativen Anspruch nicht verwechselt. Der Text ist gut geeignet, um mit Studierenden über Zuständigkeiten, Professionalisierung, Ehrenamt und organisationale Grenzen ins Gespräch zu kommen. Insbesondere für die Auseinandersetzung mit lebensweltorientierter Sozialer Arbeit oder mit Kooperationen im Sozialraum bietet er eine gute Diskussionsgrundlage.
Themenblock IV) Bewegung und Sport in der Sozialen Arbeit: Lebensphasen und Sozialisationsfelder
Bedeutung von Bewegung, Spiel und Sport für Jungen und junge Männer – Ansatzpunkte für die Jungenförderung in der Sozialen Arbeit (Nils Kaufmann/Andre Magner/Nils Neuber)
Dieser Beitrag verbindet Geschlechterforschung, Sportpädagogik und Soziale Arbeit. Aufbauend auf Überlegungen zum Aufwachsen von Jungen, zu Männlichkeitskonstruktionen und zu Potenzialen sportbezogener Förderung entwickelt der Text konkrete Ansatzpunkte für die Jungenarbeit. Seine Grundaussage ist klar: Sport kann problematische Männlichkeitsmuster stabilisieren, zugleich aber auch ein besonders geeigneter Ort sein, um Jungen differenziert, ressourcenorientiert und reflexiv zu fördern. Damit bleibt der Beitrag weder bei Defizitdiagnosen stehen, noch verfällt er in unreflektierte Sportbegeisterung. Für hochschulische Lehre ist dies besonders ansprechend, weil hier theoretische Analyse und didaktische Anschlussfähigkeit eng zusammenkommen. Der Beitrag eignet sich für Seminare zur Jungenarbeit, Geschlechtersensibilität und Identitätsentwicklung, weil er dazu anhält, sportliche Praxis nicht nur als Aktivität, sondern als sozialen und symbolischen Raum wahrzunehmen.
Themenblock V) Bewegung und Sport in der Sozialen Arbeit: Handlungsfelder
Sport und Bewegung im Strafvollzug (Johannes Müller)
Im Artikel „Sport und Bewegung im Strafvollzug“ entwickelt der Autor eine grundlagenorientierte Perspektive auf die Rolle von Bewegung im Kontext des Strafvollzugs. Im Fokus steht zunächst die historische Einbettung, anhand derer deutlich wird, dass sportliche Betätigung im Strafvollzug lange Zeit vor allem der Disziplinierung und Ordnung diente, bevor sich ihr Stellenwert im Zuge moderner Konzepte veränderte. Darauf aufbauend analysiert der Text Sport als Bestandteil institutioneller Strukturen, der eng mit organisatorischen, rechtlichen und pädagogischen Zielsetzungen verknüpft ist. Ein zentrales Argument besteht darin, dass sportliche Aktivitäten innerhalb der Haft als soziales Übungsfeld verstanden werden können, in dem Interaktionsformen, Regelverständnis und Selbststeuerung erprobt werden. Gleichzeitig wird sehr nachvollziehbar herausgearbeitet, dass diese Potenziale nicht losgelöst von den Rahmenbedingungen des Strafvollzugs betrachtet werden können, da Sport immer auch in Macht‑ und Kontrollstrukturen eingebunden bleibt. Der Beitrag legt somit einen besonderen Schwerpunkt auf die Reflexion dieser Spannungsverhältnisse und weniger auf konkrete Angebotsformen. Für die Soziale Arbeit ergibt sich daraus die Einordnung von Sport als theoriegeleitetes Handlungsfeld, das Chancen zur Förderung individueller Entwicklungsprozesse bietet, zugleich jedoch eine kritische Auseinandersetzung mit institutionellen Bedingungen und Zielsetzungen erfordert.
Themenblock VI) Bewegung und Sport in der Sozialen Arbeit: Beispiele aus der Praxis
Sport in der JVA Meppen (Mario Fenslage)
Der Beitrag „Sport in der JVA Meppen“ beschreibt Sport als einen zentralen Bestandteil des Strafvollzugsalltags, der über reine Freizeitgestaltung hinausgeht und insbesondere dem Abbau von Spannungen und Aggressionen dient. Die freiwillige Teilnahme sowie ein differenziertes, an den individuellen Bedürfnissen orientiertes Angebot stehen dabei im Vordergrund. Ziel ist neben der Förderung körperlicher Fitness vor allem die Prävention von Bewegungsmangel sowie die Stabilisierung des psychischen Wohlbefindens der Inhaftierten. Aus Perspektive der Sozialen Arbeit wird deutlich, dass Sport als niedrigschwelliger Zugang fungiert, über den (soziale) Lernprozesse angestoßen werden können. So möchte der hier benannte Gefangenensportverein „TuS Versen 1987 e.V.“ zur Förderung zentraler sozialer Kompetenzen wie Teamfähigkeit, Rücksichtnahme und Konfliktfähigkeit beitragen und zugleich Formen sozialer Teilhabe ermöglichen. Darüber hinaus sollen externe Kooperationen Anknüpfungspunkte zur Außenwelt ermöglichen und somit resozialisierende Prozesse unterstützen. Insgesamt verdeutlicht der Beitrag die Bedeutung von Sport als sozialpädagogisches Handlungsfeld im Strafvollzug, das sowohl auf individueller Ebene stabilisierend wirkt als auch zur Strukturierung sozialer Beziehungen innerhalb der Institution beiträgt.
Diskussion
Das Werk liefert einen guten Einblick in die behandelte Thematik. Der Aufbau ermöglicht es, sich je nach Vorwissen und Interesse gleichermaßen die theoretische Basis anzueignen sowie die behandelten Beispiele aus der Praxis zum Verständnis einer möglichen Umsetzung zu nutzen. Einige grundlegende Inhalte sind in mehreren Artikeln zu finden, wie beispielsweise der Verweis auf den ausbaufähigen Forschungsstand und die daraus resultierenden blinden Flecken des Forschungsfeldes. Eine Vielzahl von Literaturbelegen in den Fließtexten führt einerseits zur Verdeutlichung des wissenschaftlichen Bezugs vieler Artikel, erschwert oftmals allerdings auch den Lesefluss. Die thematische und inhaltliche Verknüpfung zwischen vielen der Artikel zeigt einen gewissen Konsens in der wissenschaftlichen Behandlung des Forschungsfeldes und führt wiederum zudem zu einem stringenten Lesegefühl.
Im Rezensententeam haben wir diskutiert, ob und wie sich unsere Einschätzungen zum Handbuch unterscheiden, haben jedoch entschieden eine gemeinsame Einschätzung zu treffen:
Aus Sicht eines Lehrenden und eines Studierenden der Sozialen Arbeit ist das Handbuch aus dreierlei Gründen sehr gelungen. Erstens führt es prägnant und mit einer guten Tiefe in das Thema ein, zweitens regt die Vielzahl der dargestellten Handlungsfelder und Blickwinkel zur Wahrnehmung und zur Reflexion unterschiedlicher Verknüpfungen von Bewegung und Sport sowie der Sozialen Arbeit dar. Als drittes positives Merkmal gelingt es dem Handbuch aus Sicht der Sozialen Arbeit heraus in einem sehr praktischen Feld der Sozialen Arbeit aufzuzeigen, wie Professionalisierung im Zusammenspiel mit einem wissenschaftlich fundierten Denken und Arbeiten auch in der Praxis gelingen kann, ohne dass Theorie und Praxis sich voneinander entfernen. Uns gefällt der hohe Praxisbezug und die damit verbundene Aufforderung an Handelnde der Sozialen Arbeit sich mit dem Einbezug oder der verstärkten Reflexion von Sport und Bewegung in ihre Angebote auseinderzusetzen.
Fazit
Bei dem Sammelband handelt es sich um ein breit gefächertes Handbuch zu einem Forschungs‑ und Handlungsfeld mit viel Potenzial und einer sehr hohen Praxisrelevanz. Der theoretische Anteil in Kombination mit den zahlreichen Praxisbeispielen ermöglicht einen guten Einstieg in die Thematik und erlaubt gleichzeitig eine thematische Vertiefung.
Rezension von
Prof. Dr. Tobias Falke
gesundheitsfördernde Soziale Arbeit (M. A.); Kliniksozialdienst und Qualitätsmanagementbeauftragter in einer Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie; systemischer Coach, Lehrbeauftragter an mehreren Hochschulen, ehrenamtlich sozialpädagogischer Leiter in einem Fußballverein, SRH Hochschule Hamm
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Jakob Meder
Dualer Student Soziale Arbeit, SRH Hochschule Hamm
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