Hartmut Rosa: Situation und Konstellation
Rezensiert von Prof. Dr. Günter Rieger, 02.09.2026
Hartmut Rosa: Situation und Konstellation. Vom Verschwinden des Spielraums | Warum uns die Energie ausgeht. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2026. 247 Seiten. ISBN 978-3-518-58833-8. D: 25,00 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 35,50 sFr.
Thema
Situation und Konstellation, Handeln und Vollziehen, Spielräume und Kontingenzräume, oder gar parametrische Optimierung, davon handelt dieses Buch. Das klingt erst einmal nach soziologischem Elfenbeinturm: schwer zugänglich, hoch abstrakt und von geringer zeitdiagnostischer Bedeutung. Doch ganz im Gegenteil, hier gelingt es einem der gegenwärtig angesagtesten deutschen Sozialwissenschaftler eine gut lesbare, für ein besseres Verständnis der Widersprüche und Frustrationen unserer Gegenwartsgesellschaft äußerst hilfreiche, zeitdiagnostisch pointierte Streitschrift vorzulegen.
Autor:in oder Herausgeber:in
Hartmut Rosa ist Professor für allgemeine und theoretische Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena (https://www.fsv.uni-jena.de/19060/​prof-dr-hartmut-rosa) und Direktor des Max-Weber-Kollegs der Universität Erfurt.
Entstehungshintergrund
Das vorliegende Buch gehört in den Kontext der zeitdiagnostischen Bemühungen Rosas. Schon mit seiner Habilitationsschrift zu „Soziale Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne“ (2004) versucht er, die Strukturen und Dynamiken unserer spätmodernen Gesellschaft zu erfassen und mithilfe kritischer Gesellschaftstheorie zu deuten. Schließlich legt er mit „Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung“ (2019) einen eigenen gesellschaftstheoretischen Entwurf als resonanztheoretische Erneuerung der kritischen Theorie zu den Fehlentwicklungen der Moderne und möglichen Auswegen vor. „Situation und Konstellation“ beschäftigt sich vor diesem Hintergrund mit dem immer dichter werdenden Geflecht von Vorschriften, Regelungen und Verfahren, die Spielräume für selbstbestimmtes, eigenverantwortliches Handeln zunehmend einengen.
Aufbau
Das Buch „Situation und Konstellation“ ist in neun Kapitel unterteilt und endet mit Dank, Literatur und Register. Nach der „Einleitung vom Handeln zum Vollziehen – Worum es geht“, werden in Kapitel II zunächst anschauliche, alltagsbezogene Beispiele ausgebreitet, die „das Phänomen des verschwindenden Spielraums“ (23) als Kernproblem der Untersuchung verdeutlichen. Kapitel II versucht dann „systemisch und systematisch“ den Grundgedanken des Buches zu präzisieren, die Argumentationswege offenzulegen und die verwendete Begrifflichkeit zu schärfen. Kapitel IV zeigt die positiven, der Moderne innewohnenden Aspekte des Kritisierten und macht damit deutlich was die Verrechtlichungsdynamik speist, am Leben hält und beschleunigt. Kapitel V und VI sind dem Phänomen der schwindenden Spielräume und konstellativen Weltwahrnehmung in den gesellschaftlichen Teilsystemen Politik und Wissenschaft gewidmet. Kapitel VII wechselt auf die individuelle Ebene und fragt, wie die „Transformation unserer Tätigkeitsweise vom Handeln zum Vollziehen und damit auch von situativer zu konstellativer Wahrnehmung unserer Umwelt zu einer höchst bedeutsamen Verschiebung unseres Aufmerksamkeitsfokus und unserer Willensstruktur auf nahezu allen Feldern unseres Lebens und Handelns … führt“ (146). Kapitel VIII beschäftigt sich mit sozialer Energie, ihrem Verbrauch und ihrer Erschöpfung. Schließlich gibt Kapitel IX Hinweise, welche Auswege und Lösungsstrategien sich für eine „Rückeroberung der Spielräume“ andeuten.
Inhalt
Rosa beschäftigt das Grundproblem, „dass die spätmoderne Gesellschaft in immer mehr Bereichen des sozialen Lebens aus handelnden Akteuren, die komplexe Situationen auf der Grundlage ihrer Erfahrungen interpretieren und nach moralischen und ästhetischen Maßstäben beurteilen, reine Vollziehende macht, die einem Protokoll folgen oder sich von Vorschriften und Algorithmen leiten lassen, welche gegenüber ihren Situationsdeutungen und moralischen Urteilen immun sind“ (10; Herv. i. O.). Aus Handelnden werden Vollziehende.
An vielfältigen Alltagsbeispielen (Zugschaffner, Schiedsrichter im Profifußball, Lehrerin, Angestellte einer Fast-Food-Kette, Wohnungslosenberatung, Thermomix, Legospiel …) veranschaulicht der Text, wie in unterschiedlichsten Bereichen des Lebens der Spielraum für selbstbestimmte, eigenverantwortliche Entscheidungen immer kleiner wird und Personen in unterschiedlichen Funktionen und Tätigkeiten auf die mehr oder weniger mechanische Ausführung standardisierter Verfahren und die Befolgung verbindlicher Regelungen beschränkt werden. Dabei sieht Rosa durchaus den (vordergründigen) gesamtgesellschaftlichen Nutzen standardisierter Verfahren und allgemeinverbindlicher Regelungen. „[S]olche Reduktionen von Handlungsspielräumen scheinen oftmals auch die Maßstäbe der Gerechtigkeit, der Gleichbehandlung (für alle sollen die gleichen Regeln gelten), der Zurechenbarkeit (es muss klare Verantwortlichkeiten geben), der Nachvollziehbarkeit, der Transparenz und der Kontrolle“ (13; Herv. i. O.) zu garantieren (vgl. dazu ausführlich Kapitel IV). Die durchaus von edlen Motiven getragene Dynamik, welche im öffentlichen Bereich als ausufernde Bürokratisierung sichtbar wird, verändert aber zunehmend unsere Weltbeziehung und die Aussichten ein „gelingendes Leben zu führen, das heißt, mit der Welt in Resonanz zu treten“ (14).
Überhaupt ist anzunehmen, dass die positiven Ziele von Standardisierung und Regulierung nicht wirklich zu erreichen sind, denn „[m]enschliche Handlungssituationen sind immer und grundsätzlich komplexer und vielfältiger, als es rechtliche und behördliche Vorschriften und Regelungen zu erfassen vermögen“ (32). Das „Kernproblem der spätmodernen Gesellschaft besteht dann in einer immer stärkere[n] Verschiebung in den tätigen Formen der Weltbeziehung […] deren Ursache in einer […] Reduktion beziehungsweise Auflösung von komplexen (Handlungs-)Situationen in ein Bündel einzelner, klar bestimmbarer, messbarer und oft binärer Konstellationen liegt“ (47). Situationen beschreibt Rosa – orientiert an dem Phänomenologen Hermann Schmitz – „als Konglomerat von Sachverhalten und Zuständen […], Erwartungen […] und Möglichkeiten beziehungsweise Kontingenzen und Affordanzen, welche Handlungsimpulse nahelegen“ (49). Konstellationen dagegen „bestehen aus Einzeldingen und ihren Verknüpfungen, die dann im Sinne von Zweck-Mittel- oder Wenn-dann-Korrelationen bearbeitbar gemacht werden“ (51; Herv. i. O.). Dabei müssen Situationen zwar immer konstellativ zerlegt werden, um handlungsfähig zu bleiben. Allerdings können Konstellationen situative Verhältnisse aber eben nie vollständig einholen und erfassen.
Ausgehend von den Grundannahmen des Buches werden Gegenwartsphänomene wie der Verlust „sozialer Energie“ (168), Burn-Out (vgl. Kap. VIII), der um sich greifende Optimierungswahn (Selbstoptimierung, Optimierung von Verfahren und Abläufen usw.) (Kap. VII) aber auch die Spannung zwischen dem Bedürfnis nach Transparenz und Verantwortlichkeit und gleichzeitiger Verantwortungsscheu argumentiert. Gerade in der Sphäre der Politik zeigt sich die hemmende, wenn nicht desaströse Wirkung dieses Wandels und seiner Dynamik. Politik scheint immer weniger handlungsfähig und in alternativlosen Sachzwängen gefangen. Trumps desruptives Vabanquespiel erscheint dabei dann einigen als Befreiung. Bei aller inhaltlichen, moralischen und persönlichen Kritik am despotischen Politikstil Trumps, scheint dieser – „unausgesprochen und doch für jedermann spürbar – … politisches Handeln wieder möglich zu machen“ (101; Herv. i. O.). Hier werden bürokratische Apparate einfach abgeräumt, Anstands‑ und Verhaltensregeln ignoriert und selbstherrlich dekretiert. Andernorts scheint Politik nur noch zu reagieren bzw. zu vollziehen und – angesichts der Gesetzmäßigkeiten kommerzialisierter Massenmedien – „komplexe gesellschaftliche Situationen auf einfache konstellative Konfliktpunkte zu reduzieren“ (103). Aber wo „schwierige, komplexe Problemlagen diskursiv und politisch auf einfache, binäre Entscheidungsfragen reduziert werden, entstehen aus diesen nahezu zwangsläufig »Triggerpunkte«“ (113). „Damit lässt sich die zeitdiagnostische These des Buches nun vielleicht so präzisieren, dass die Handlungsspielräume in vielen Kontexten abzunehmen scheinen, während die oft als unkontrollierbar empfundenen Kontingenzräume zunehmen“ (122; herv. i. O.).
Viel Hoffnung auf eine „Rückeroberung der Spielräume“ (Kap. IX; 177 ff.) macht uns Rosa nicht. Angesichts kultureller und struktureller „Steigerungs‑ und Optimierungszwänge“ empfiehlt er eher eine Strategie des Überwinterns. Es gilt Kindern entgegen der gesellschaftlichen „Obsession mit Sicherheit, die Haidt »Sicherheitskult« (safetyism) nennt“ (181), echte Erfahrungen zu ermöglichen und sich nicht-westliche Konzepte, der Abweichungen, der Regelverletzungen, der Ausnahmen und Grauzonen, mit dem Ziel situationsangemessener Billigkeit, wie Jugaad (Indien) und Jeitinho (Brasilien), wenn nicht als Vorbild, so zumindest als Anregung zum Weiterdenken und kreativem Handeln zu nehmen.
Diskussion
„Situation und Konstellation“ liefert einen überzeugenden „Deutungsvorschlag“ (134) für ein drängendes Problem spätmoderner Gesellschaften. Schlüssig und aufbauend auf frühere Werke zu Beschleunigung und Resonanz wird das Verschwinden von (Handlungs-)Spielräumen in unterschiedlichen öffentlichen wie privaten Bereichen des Lebens erfasst, mit eingängigen Beispielen aus der Alltagserfahrung veranschaulicht und mit ihren problematischen, die Gesellschaft lähmenden und Individuen frustrierenden Auswirkungen dargestellt. Gerade mit der anekdotischen Evidenz der Beispiele versucht das Buch zu überzeugen. Für den disziplinären Diskurs der Soziologie wäre es sicher gewinnbringend gewesen mit Blick auf Ausmaß und Zusammenhänge des Wandels (der Verrechtlichung, der Bürokratisierung, des Sicherheitsdenkens, des Optimierungsdrucks usw.) mehr Daten und Fakten zu liefern. Selbst Hochschullehrer (an einer Dualen Hochschule) teile ich Rosas Erleben „eines Professors an einer deutschen Universität“ (23), der sukzessiven Einhegung und Verengung der Freiheiten des Dozierenden und Forschenden durch Verwaltungsvorschriften, Standardisierungserfordernisse und Nachweispflichten. Forschungsergebnisse und weitere eingängige Darstellungen hierzu liefert das „Schwarzbuch Bürokratie an Hochschulen für angewandte Wissenschaften“ (Struwe/​Neschke/​Melcher 2026). Im Laufe des Textes wiederholen sich die Beispiele aber oft und sind dann in unterschiedlichen Themenbereichen auch nicht immer passend. Auf eine zündende Idee, wie die Dynamik zu brechen oder aufzuhalten ist, wartet man vergebens. Hier ist es wohl angezeigt einzelne Problembereiche (z.B. die Soziale Arbeit) in ihrer Entwicklung und ihren spezifischen Konsequenzen differenzierter zu untersuchen und zu reflektieren.
Fazit
„Situation und Konstellation“ ist ein ausgesprochen lesenswerter und anregender, zeitdiagnostischer Deutungsversuch zum Verschwinden der Spielräume in unserer Gesellschaft, den damit verbundenen gesellschaftlichen Problemen und Verwerfungen sowie dem dadurch verursachten öffentlichen wie individuellen Unbehagen und Ungemach. Das Buch bietet vielfältige Anregungen zum selbstständigen Weiterdenken und fordert zu mehr einschlägiger sozialwissenschaftlicher Forschung zum Thema heraus.
Rezension von
Prof. Dr. Günter Rieger
Studiengangsleiter Soziale Dienste in der Justiz, Fakultät Sozialwesen DHBW Stuttgart
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