Anna Henkel (Hrsg.): 10 Minuten Soziologie
Rezensiert von Dr. Axel Schwarz, 11.09.2026
Anna Henkel (Hrsg.): 10 Minuten Soziologie. Infrastruktur. transcript (Bielefeld) 2025. 210 Seiten. ISBN 978-3-8376-7345-6. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 25,30 sFr.
Reihe: 10 Minuten Soziologie - 12.
Entstehungshintergrund
Der Schwerpunkt des Programms des Fachverlags transcript liegt in den Kultur‑ und Sozialwissenschaften. Wer sich für Gegenwartsdiagnosen, Zukunftsthemen sowie Nachhaltigkeit und Digitalisierung interessiert, ist hier an der richtigen Adresse. Die 10-Minuten-Reihe des Verlags bietet schnelle und effiziente Lerninhalte im interdisziplinären Bereich. Dabei soll die Soziologie dafür sensibilisieren, dass soziale Tatsachen „Auch-anders-möglich-Sein“ sein können.
Herausgeberin
Die Herausgeberin Anna Henkel ist Inhaberin des Lehrstuhls für Soziologie mit Schwerpunkt Techniksoziologie und nachhaltige Entwicklung an der Universität Passau. Die Webseite der Universität Passau [1] beschreibt ihren Lebensweg wie folgt: „Zuvor war sie Juniorprofessorin für Sozialtheorie an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg und Professorin für Kultur‑ und Mediensoziologie an der Leuphana Universität Lüneburg. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der soziologischen Theorie sowie der Wissens-, Materialitäts‑ und Nachhaltigkeitsforschung, sowie im Bereich Transformation von Landwirtschaft und Gesellschaft. Sie verbindet gesellschaftstheoretische Perspektiven mit empirischer Forschung, etwa bei der Frage nach dem Wandel von Verantwortungsverhältnissen. Sozialtheoretisches Denken zum Verstehen und Erklären sozialer Tatsachen zu nutzen, ist ihr zentrales Anliegen.“ Ihre Forschungsschwerpunkte‑ und interessen umfassen:
- soziologische Sozial‑ und Gesellschaftstheorie,
- Soziologie der Materialität und Kultur,
- Nachhaltigkeitsforschung,
- Transformation von Landwirtschaft und Gesellschaft,
- Wandel von Verantwortungsverhältnissen,
- Soziologie der Versorgung,
- Verbindung von Leibphänomenologie und Gesellschaftstheorie sowie
- Wissensschafts‑ und Technikforschung.
Prof. Anna Henkel ist an mehreren Ausgaben der „10-Minuten-Reihe“ beteiligt, sowohl als Herausgeberin wie auch als Autorin. [2] Der Band „10 Minuten Soziologie. Nachhaltigkeit“ (2020) ist bei socialnet rezensiert worden. [3]
Aufbau und Inhalt
Unter der Überschrift „10 Minuten Soziologie: Infrastruktur“ führt die Herausgeberin Anna Henkel in die Thematik ein (S. 9–17): „Infrastruktur fällt vor allem dann auf, wenn sie fehlt, ausfällt oder gestört ist“ (S. 9). Man denkt sogleich an den Schienenverkehr. Aber dann fallen einem einige andere aktuelle Bereiche, die in den vergangenen Jahren vernachlässigt wurde. Infrastrukturen sind Ausdruck gesellschaftlicher Spielräume und politischer Prioritäten. Alarmierend wirken selbst kleine Störungen der Versorgung mit Wasser, Energie, Nahrungsmitteln.
Infrastrukturen (z.B. die Wasserversorgung) kann staatlich oder in Abhängigkeit vom Markt und dessen Preisen privat betrieben werden können. [4] Energieinfrastruktur kann auf Atomenergie ausgerichtet sein oder auf erneuerbare Energien. Die dabei zu Tage tretende Heterogenität zeigt, dass sie jeweils eine bestimmte Form ermöglichen und eine andere verhindern können.
Die Herausgeberin ordnet die Beiträge heuristisch ein (S. 8). Nach allgemeinem Verständnis beruht Heuristik auf „Methoden, die mit begrenztem Wissen (unvollständigen Informationen) und ohne den Aufwand einer vollständigen Analyse dennoch zu wahrscheinlichen Aussagen oder praktikablen Lösungen eines Problems kommen“. [5] Bulletpoints sind hier „Alltag, Umwelt, Gesellschaft und Rahmungen“. Das sind zugleich die Titel der vier Teile des Buches. Die darin enthaltenen Beiträge stammen von insgesamt 12 wissenschaftlich tätigen Personen, die im Anhang (S. 202–210) vorgestellt werden. Alle Beiträge verfügen über kluge weiterführende Lese‑ und Literaturhinweise. Die klare Gliederung des Buches in vier Teile und die aufschlussreichen Überschriften lassen ein gesondertes Stichwortverzeichnis entbehrlich erscheinen. Das Inhaltsverzeichnis (S. 6–8) ist unter DOI: 10.14361/​9783839473450-toc frei verfügbar.
„Teil 1: Alltag“ enthält drei Beiträge. Den ersten bestreitet Natascha Adamowsky, Inhaberin Lehrstuhls für Medienkulturwissenschaft mit Schwerpunkt digitale Kulturen der Universität Passau, zum Thema „Medienkulturwissenschaft. Eine medienästhetische Betrachtung von Spielplätzen als Teil der öffentlichen Infrastruktur“ (S. 17–29). Als Grundlagenforscherin begreift Adamowsky „Medien als 'Ermöglichungsformen gesteigerter Erfahrung'“ (S. 18) Sie interessiert, welche Wahrnehmungen, Empfindungen und Anregungen die Inszenierung und das Design von Spielplätzen beeinflussen. Spielplätze sind „vielerorts sehr vernachlässigte Infrastruktur für Kinder“ und unterliegen dem „Wandel allgemeiner Vorstellungen von einer guten Kindheit und der Rolle des Staates“ (S. 17). Adamowsky definiert den Begriff „Spielplatz“ als „ein städtisches Freizeitangebot für Kinder“ (S. 20) und verfolgt deren Geschichte bis ins 14. Jahrhundert zurück. In Ihrem Fazit (S. 24) wirft sie die Frage auf, ob wir heute „keine fantasiebegabten, kerngesunden Kinder“ etc. mehr wollen. Die Antwort darauf ist schwierig, weil sich bisher keine „Verbindung von konkreter Spielplatzgestaltung und kindlicher Persönlichkeitsentwicklung“ hat nachweisen lassen.
Der zweite Beitrag von „Teil 1: Alltag“ stammt von Raphaela Casata, ihres Zeichenswissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin am Lehrstuhl für Soziologie mit Schwerpunkt Techniksoziologie und nachhaltige Entwicklung. Sie beschäftigt sich mit den Themen Mode, Ästhetik und Konsum. [6] Ihr Beitrag ist überschrieben mit „Praxistheorie. (Zu) Gute Infrastruktur? Hintergründe und Nebeneffekte der Ausbreitung von Secondhand-Praktiken“ (S. 31–45). Secondhand-Praktiken gelten als nachhaltig, weil sie eine „Alternative zu Neukauf und Entsorgung von Gütern“ (S. 32) darstellen, Ressourcen schonen und Abfall vermeiden. [7] Casatas Untersuchung zeigt anhand des Beispiels Secondhand, dass Infrastrukturen Praktiken entwickeln können, aber auch Nebeneffekte auf wirtschafts‑ und handelspolitische Strukturen aufweisen.
Stefanie Scherzinger nimmt sich mit dem dritten Beitrag von „Teil 1: Alltag“ des Themas „Informatik. Dateninfrastrukturen am Beispiel eines Campus-Management-Systems“ (S. 47–68) an. Sie ist Inhaberin des Lehrstuhls für Informatik mit Schwerpunkt Skalierbare Datenbanksysteme an der Fakultät für Informatik und Mathematik der Universität Passau. [8] Datenbankanwendungen prägen den Alltag nicht nur im öffentlichen Nahverkehr und im Online-Banking (S. 47). Die dazu notwendigen, interdisziplinären Bedingungen erläutert Scherzinger vorwiegend am Fallbeispiel der Notenverbuchung eines Campus-Management-Systems einer Hochschule, das in Ausnahmezeiten (wie Corona) auf nicht absehbare Schwierigkeiten stößt (S. 48 und 52 f.). Ein Datenbankentwurf beruht zunächst auf einem Ausschnitt aus der realen Welt („Mini-Welt“, S. 48). In dieser sind sog. Entity-Typen (wie Studierende, Prüfungsleistungen etc.) und die möglichen Beziehungstypen zwischen diesen Entity-Typen zu modellieren. Typen sind durch Attribute (wie Name, Matrikelnummer) charakterisiert. Für diese konzeptionellen Modelle kommen vor allem Beschreibungssprachen (wie ER‑ oder UML-Diagramme) [9] zum Einsatz. Die eingehende Beschreibung der weiteren Verfahrensschritte streift das ungelöste Forschungsproblem der „gekoppelten Evolution von Datenbankschema und Programmcode“. Scherzinger schließt mit dem Wunsch, die Forschungen unter Einbeziehung einer soziologischen Perspektive interdisziplinär zu gestalten, um Beeinflussung oder Einschränkung menschlichen Verhaltens durch „schwer veränderbare Dateninfrastrukuren“ zu untersuchen (S. 54).
„Teil 2: Umwelt“ thematisiert die Einsicht, dass Natur und Gesellschaft nicht unabhängig voneinander existieren. Im ersten Beitrag äußern sich Cordula Kropp und Marco Sonneberger zur Bedeutung soziomaterieller Festlegungen am Beispiel der Wärmewende. Der Titel ihres Beitrags lautet „Gesellschaftliche Naturverhältnisse & Infrastrukturen als sozio-technische Weichensteller“ (S. 57 – 72). Cordula Kropp ist Direktorin am Institut für Sozialwissenschaften [10] der Universität Stuttgart und Inhaberin des Lehrstuhls für sozialwissenschaftliche Risiko‑ und Technikforschung. [11] Marco Sonneberger lehrt als Privatdozent [12] am Lehrstuhl für Technik‑ und Umweltsoziologie der Universität Stuttgart und arbeitet u.a. dort auch als assoziierter Wissenschaftler am Zentrum für interdisziplinäre Risiko‑ und Innovationsforschung. „Infrastrukturen prägen, was alle Gesellschaftsmitglieder als Daseinsvorsorge fraglos voraussetzen und – über jede individuelle Intention hinaus – umweltrelevante Alltagspraktiken der Fortbewegung, der Ernährung, des Wohnens, und so fort.“ (S. 57) Am Beispiel der Wärmewende und der Gaskrise im Herbst 2022 (S. 58 ff.) definieren Kropp und Sonneberger Infrastrukturen als elementaren Bestandteil gesellschaftlicher Naturverhältnisse (S. 63). Ihre Überlegungen münden in der (nur scheinbar paradoxen) Feststellung, dass Infrastrukturen zugleich Ursachen des Klimawandels wie Lösungsraum darstellen (S. 69).
Im zweiten Beitrag des Teils 2 mit dem Titel Praxistheorie (S. 73–84) vertieft Henrike Rau, Professorin für Sozialgeographie mit Schwerpunkt Nachhaltigkeit der LMU München und Sprecherin des Münchener Zentrums für Nachhaltigkeit [13], die Fragestellung „Die Dynamik von Mensch-Umwelt-Beziehungen am Beispiel von Verkehrsinfrastruktur“. Im aktuellen Ringen um eine sozialökologische Transformation des Verkehrssektors spielen „oftmals stark habitualisierte Mobilitätspraktiken“ eine zentrale Rolle. Deshalb wird eine „Verkehrswende nicht ohne (mehr oder weniger) radikale Transformationen auskommen“ (S. 81).
Im dritten Beitrag des Teils 2 nimmt die Herausgeberin Anna Henkel den Gedankengang auf und geht unter der Überschrift Infrastrukturen speziell auf das Thema „Landwirtschaft und Gesellschaft – Perspektive zur Transformation der Industriegesellschaft“ (S. 85–101) ein. Sie argumentiert, dass in der modernen Gesellschaft Landwirtschaft und Industriegesellschaft derart aufeinander angewiesen sind, dass Ernährungssicherheit in der öffentlichen Wahrnehmung (fast) selbstverständlich geworden ist. (S. 86) Dabei geraten nicht nur die ökologische Landwirtschaft und deren „Chemisierung“ in Konflikt, dem wissenschaftlich durch ein „umweltpädagogisches Infrastrukturverständnis als Perspektive“ (S. 87–96) zu begegnen ist. Der langfristige Erhalt und die notwendige Transformation der Landwirtschaft werden nur „unter großen Anstrengungen und Kosten“ (S. 98) möglich sein.
In „Teil 3: Gesellschaft“ folgen vier Beiträge zu Gewalt, gesellschaftlicher Gefährdung, Namen und Kommunikation. Der erste Beitrag „Die Infrastruktur der modernen Verfahrensordnung der Gewalt“ (S. 103–114) stammt von Gesa Lindemann, ehemals Professorin für Soziologie der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg [14] und Fellow am Max-Weber-Kolleg für kultur‑ und sozialwissenschaftliche Studien der Universität Erfurt [15]. Sie steht für eine realistische Gesellschaftskritik [16] ein. Gesa Lindemann begreift Gewalt nicht nur als soziales Problem, sondern als Merkmal der sozialen Ordnung selbst. „Die moderne Verfahrensordnung der Gewalt ist eine institutionelle Ordnung, die ohne sozio-technische Infrastrukturen nicht möglich wäre.“ Am Beispiel moderner Verkehrs‑ und Versorgungsinfrastrukturen entwickelt sie die „Theorie der Weltzugänge und die damit zusammenhängende über den Zusammenhang von Gewalt und Ordnungsbildung“ (S. 103), die durch die „gleichmäßige Unterwerfung aller unter eine an Gesetze gebundene Zentralgewalt gekennzeichnet ist. Die Digitalisierung macht den gesamten Raum zu einem ‚vermessenen und überwachten Raum‘, in dem die neuen Kontroll‑ und Überwachungsmöglichkeiten, sofern sie denn neutral sind, zu neuen Formen gesellschaftlicher Kontrolle tendieren“ (S. 17).
Katrin Hirte, die Autorin des zweiten Beitrags in „Teil 3: Gesellschaft“, lehrt und forscht zur Entwicklung der Agrarökonomie und Agrarpolitik, zu Wissensumbrüchen, der Entwicklung ökonomischen Wissens und zur Performativität von Wissen. [17] Sie hat an der Universität Kassel (zur Transformation der ostdeutschen Agrarstrukturen) promoviert und habilitierte zur Entwicklungsgeschichte der Wissenschaftsdisziplinen Agrarpolitik und Agrarökonomie seit ihrer Entstehung (18. Jahrhundert) bis zur Jetzt-Zeit (einschließlich NS-Zeit). [18] Ihr Thema ist „Infrastrukturforschung. Das Problem der doppelten (Selbst-)Gefährdung der Infrastruktur Landwirtschaft“. (S. 115–136) Sie stellt die Instrumentarien zur Regelung von Infrastrukturen (S. 117–121) dar, die ursprünglich bis in die 1970er Jahre den „public utilities“ zugerechnet und im Zuge des Neoliberalismus „privatisiert“ wurden. (S. 117) Deshalb versagt in diesem Bereich Marktpreisbildung, „d.h. bei der Bewirtschaftung öffentlicher Güter sind solche Nutzen wie z.B. die intakte agrarische Landschaft oder solche Kosten wie die, die durch Umweltschädigungen entstehen, nicht im Marktpreis enthalten“ (S. 119). Sie illustriert das an den Folgen des übermäßigen Pestizideinsatzes im Apfelanbau in der kleinen Gemeinde Mals [19] in der Region Vinschgau in Südtirol. (S. 121–123) Dort versuchten (vergeblich) sog. SLAPP-Klagen [20] Geschädigte und Kritiker einzuschüchtern. Schließlich verneinte der Staatsrat in Rom die Zuständigkeit der Gemeinde für Umweltschutzfragen, sodass die betreffenden Pestizide weiterhin „mehrere Infrastrukturen (Wasser,Ernährung, Gesundheit)“ schädigen können. Das Fazit lautet, dass herkömmliche Instrumente und Maßnahmen nicht ausreichen, derartige Gefährdungen zu verhindern (S. 129).
Der dritte Beitrag in „Teil 3: Gesellschaft“ beschreibt Rechtswissenschaft als unsichtbares Betriebssystem der modernen Gesellschaft, das soziale, wirtschaftliche und technologische Interaktionen ermöglicht und stabilisiert. „Informationen des öffentlichen Sektors bilden einen wichtigen Einsatzfaktor für datenbasierte Dienste und maschinelles Lernen. Diese nutzt man im Alltag häufig, ohne es zu merken, etwa in digitalen Stadtplänen, Wetter-Apps oder Simulationen über Infektionsverbreitung“. [21] Entsprechend betitelt Kai von Lewinski, Lehrstuhlinhaber für Öffentliches Recht, Medien‑ und Informationsrecht an der Universität Passau [22] seinen Aufsatz mit „Rechtswissenschaft. Namensräume als Identifikationsinfrastruktur“ (S. 137–149). Das Recht am eigenen Namen ist ein absolutes Recht (§ 12 BGB [23]) und darüber hinaus auch ein Menschenrecht (Art. 18 der San José – Konvention [24]). Erst der Name macht den Menschen zu einem sozialen Wesen und administrativ zu einem als Bürger adressierbare Person, den die Bürokratie in eine Taxonomie zwingt. (S. 137) „Quod non est in actis, non est in mundo“ (S. 138). So ergibt sich eine Identifikationsinfrastruktur. (S. 138) Diese wird durch Geheimnisschutzrecht, Datenschutzrecht und IT-Recht bestimmt. Dazwischen wuchern europäische „Schlingpflanzen“ names Data Act, Data Governance Act, Digital Services Act und KI-Verordnung (S. 142). Namen werden in Formulare „hineingequetscht“. Identitäts‑ Integrations‑ und Assimilationspolitik unterdrücken bestimmte Identitäten, indem z.B. keine arabischen Buchstaben im deutschen Pass‑ und Personenstandwesen zugelassen werden. Im Dritten Reich wirkte die verpflichtende Führung von Vornamen wie „Israel“ und „Sara“ stigmatisierend. In Zukunft werden Personenkennziffer und Identifikation für die Durchnummerierung der Menschen sorgen (S. 147).
Sascha Dickel [25], Professor für Mediensoziologie und Gesellschaftstheorie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU), behandelt im vierten Beitrag in „Teil 3: Gesellschaft“ unter der Überschrift „Mediensoziologie. Infrastrukturen der Kommunikation“ (S. 151–162) die Frage, was die gegenwärtige „Infrastrukturierung der Kommunikation für eine Gesellschaft“ bedeutet (S. 151). Er zitiert Luhmann [26], wonach Kommunikation das „basale Element jedweder Sozialität“ ist und nimmt eine Dreiteilung der Medien vor: primäre wie Stimme, Gestik und Mimik, sekundäre wie Schrift und tertiäre wie Telefon, Radio und Fernsehen. Seit dem 20. Jahrhundert bewirkt die Mediatisierung durch die wachsende Rolle technologischer Medien einen sozio-kulturellen Wandel (S. 152). Digitale Medien durchdringen alle Bereiche des sozialen Lebens (S. 154). Dickel bündelt die Folgen der Digitalisierung in einigen Thesen:
- Große Tech-Konzerne positionieren sich, indem sie multifunktionale Infrastrukturen anbieten und dadurch Kommunikation organisieren und vorstrukturieren (S. 158).
- Die Digitalisierung verpasst der Kommunikation ein sozio-technisches Design, das diese formt, managt technisiert, problematisiert und adjustiert (S. 158 f.).
- Die Infrastrukturierung der Kommunikation ermöglicht neue Formen des Kommunizierens (z.B. mittels ChatGPT und KI) (S. 159).
- Die „Veralltäglichung“ von Interfaces rekonfiguriert die infrastrukturelle Ordnung ganzer Lebensbereiche (S. 159).
„Teil 4: Rahmungen“ beinhaltet drei Beiträge, die mit Besitz, Krise und Wahrnehmungsgeschichte die Reflexionen zu Soziologie und Infrastruktur zusammenfassen und abschließen. Den Reigen eröffnet Dirk Schuck, [27] der an der Philosophischen Fakultät der Universität Erfurt als wissenschaftlicher Mitarbeiter im SFB 294 „Strukturwandel des Eigentums“, Teilprojekt A03 (Historisches Seminar) tätig ist. Sein Thema: „Besitz als Medium der Gewohnheit. Industrielle Infrastruktur und die Herausbildung einer bürgerlichen Eigentumsordnung im 19. Jahrhundert“ (S. 163–176). Seine Forschungsfrage ist, inwiefern der „Ausbau frühindustrieller und munizipaler Infrastrukturen ein veränderte Selbstverständnis marginalisierter Subjekte möglich machte“ (S. 163). Zur Beantwortung stützt er sich auf drei bildliche Darstellungen von Waschfrauen (S. 166 und 167):
- Abbildung 1: Tuschzeichnung von Francisco de Goya aus dem 18. Jahrhundert,
- Abbildung 2: Radierung eines unbekannten Künstlers aus dem badischen Raum um die Mitte des 19. Jahrhunderts (Badische Neueste Nachrichten vom 07.01.2024) (S. 167) und
- Abbildung 3: Ölgemälde des französischen Malers Ernest Hébert (Milès 1894: S. 3).
Schuck illustriert damit, dass „erst der frühe industriegesellschaftliche Ausbau städtischer Infrastrukturen für breitere Bevölkerungsschichten eine bestimmte Veränderung ihres Selbstverständnisses möglich machte“. (S. 166) Seine Interpretation (im Anschluss an Hegel) versteht die bürgerliche Gesellschaft des 18. Jahrhunderts als ein „System von Gemeinschaftlichkeit und gegenseitiger Abhängigkeit“. Diese Sozialordnung ist auch den gering besitzenden Schichten zugänglich und gesellschaftspolitischen Bedrohungen ausgesetzt (S. 175).
Die Autorin des vorletzten Beitrags in „Teil 4: Rahmungen“, Tjorven Harmsen, arbeitete für das Deutsche Zentrum für Luft‑ und Raumfahrt e.V. (DLR) [28]. Sie ist Soziologin mit einem Schwerpunkt in der Systemtheorie und verfügt über Praxiserfahrungen im operativen Krisenmanagement des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) [29]. Das alles prädestiniert sie für das Thema „Systemtheorie. Organisationen als krisenhemmende und krisentreibende Infrastrukturen der Gesellschaft“ (S. 177–197). Sie geht optimistisch davon aus, dass Polizei, Feuerwehr und Katastrophenschutzbehörde „auf Ereignisse wie einen Großunfall auf der Autobahn, größere Brände und Hochwasser oder eine Geiselnahme in der Bank gut vorbereitet“ sind. Anders verhält es sich bei „entgrenzten Krisen“ oder „Polykrisen“ mit neuartigen Herausforderungen (S. 177). Zu den letzteren zählt sie die Covid-19-Pandemie (S. 178 f.). Leider erwähnt sie nicht die Pandemiepläne, die auf Bundes‑ und Landesebene erstellt, aber bis heute nicht umgesetzt worden sind. „Das Krisengeschehen der letzten Jahre zeigt, dass die Covid-19-Pandemie nicht die letzte entgrenzte Krise ist“ (S. 184). Nebenfolgen aktueller Kriege und die globale Erderwärmung weiten sich zu Polykrisen aus, die das Kommunikationsgeschehen zuständiger Organisationen aus dem Ruder laufen lassen und zu einer unkoordinierten Vervielfältigung von Entscheidungen führen (S. 185).
Der letzte Beitrag in „Teil 4: Rahmungen“ nährt Befürchtungen in den zu erwartenden Krisen. Stephanie Zehnle [30], Professorin für Umwelt‑ und Technikgeschichte an der Universität Passau, macht sich Gedanken zu „Wahrnehmungsgeschichte. Globale epidemiologische Infrastrukturen und medizinisches Verschwörungsdenken“ (S. 189–203). Seit Ende des vergangenen Jahrhunderts wird der Begriff Infrastruktur „auch für die medizinische Vernetzung 'meist materiell greifbarer Einrichtungen“ verwendet (S. 189). Technikoptimismus ist kritischeren Einschätzungen gewichen, die (global gesehen) Diskriminierungs-, Kontroll‑ und Manipulationsmöglichkeiten einbeziehen. So fragt Zehnle: Auf Ebola folgt Aberglaube? Die westafrikanische Epidemie 2014 im medialen Diskurs (S. 191 f.). Sie konstatiert Wahrnehmungspraktiken, die „spezifische Ängste hinsichtlich der konkreten oder abstrakten körperlichen Unversehrtheit“ hervorrufen. Epidemiologische Infrastrukturen werden viel seltener und zudem meist in Krisensituationen sicht‑ und erfahrbar (S. 193). Das gilt umso mehr für ehemals kolonisierte Regionen (S. 195–199). Hinzu kommen durch Machtmissbrauch und Ohnmacht beförderte Ängste und Verschwörungstheorien. „Infrastrukturelle Planungsmacht, materialisierte Intentionalität und die globalen Vernetzungen“ lösen bestimmte Ängste aus oder kanalisieren diese „auf bestimmte Art“ (S. 200).
Diskussion
Von Format und Preis her ein Büchlein, vom Inhalt her ein äußerst wichtiges und hochaktuelles wissenschaftliches Sachbuch, das die Augen öffnet für Infrastruktur, die nicht auf „Straßen, Brücken, Schienen und Wasserstraßen“ begrenzt ist. [31]
Das gerade in Kraft getretene Gesetz trägt den euphemistischen Titel „Infrastruktur-Zukunftsgesetz“ und ändert auf Bundesebene 20 Gesetze und 2 Verordnungen. Nach der Gesetzesbegründung „werden wesentliche Verkehrsinfrastrukturen in das überragende öffentliche Interesse gestellt und es wird klargestellt, dass sie der öffentlichen Sicherheit und den Belangen der Landes‑ und Bündnisverteidigung dienen und einen Schutzgütervorrang genießen.“
Von Transformation einer Infrastruktur jedoch ist weit und breit nichts zu sehen. Selbst nach einer Polykrise (wie der Covid-19-Pandemie) werden die durchaus vorhandenen Pläne nicht umgesetzt. Bereits vorhandenes Wissen wird nicht genutzt.
Fazit
Das hier besprochene Buch analysiert Voraussetzungen und Bedingungen notwendiger Transformation von Infrastrukturen und sollte deshalb von allen Menschen mit Verantwortungsbewusstsein genutzt werden.
[1] Siehe https://www.sobi.uni-passau.de/techniksoziologie/​lehrstuhlinhaberin, Zugriff 04.08.2026.
[2] Gesamtüberblick unter https://www.transcript-verlag.de/reihen/​soziologie/​10-minuten-soziologie/?f=12320&p=1, Zugriff 04.08.2026.
[3] Joachim Thönnessen. Rezension vom 23.06.2020 zu: Thomas Barth, Anna Henkel (Hrsg.):10 Minuten Soziologie. Nachhaltigkeit. transcript(Bielefeld) 2020. ISBN 978-3-8376-4968-0 [Rezension bei socialnet].Reihe: 10 Minuten Soziologie - 4.In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/​26851.php, Datum des Zugriffs 04.08.2026.
[4] Vgl. Axel Schwarz. Rezension vom 18.11.2013 zu: Martin Hochhuth (Hrsg.):Rückzug des Staates und Freiheit des Einzelnen. Die Privatisierung existenzieller Infrastrukturen. Duncker & Humblot GmbH(Berlin) 2012. ISBN 978-3-428-13890-6 [Rezension bei socialnet].Reihe: Wissenschaftliche Abhandlungen und Reden zur Philosophie, Politik und Geistesgeschichte – Band 69.In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/​15938.php, Datum des Zugriffs 23.08.2026.
[5] Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Heuristik, Zugriff 05.06.2028.
[6] Siehe https://www.sobi.uni-passau.de/techniksoziologie/​team-lehrstuhl/​wissenschaftliche-mitarbeiterinnen/​casata-raphaela.
[7] Anm. des Verf.: Ganz aktuell: Gesetz zur Anpassung des Verpackungsrechts und anderer Rechtsbereiche an die Verordnung (EU) 2025/40 (VerpackDGEG k.a.Abk.) v. 13.07.2026, BGBl. 2026 I Nr. 207; Geltung ab 12.08.2026.
[8] Siehe https://www.fim.uni-passau.de/datenbanksysteme, Zugriff 05.8.2026.
[9] Aus Wikipedia: Das Entity-Relationship-Modell – kurz ER-Modell oder ERM („Modell zur Darstellung von Dingen und deren Beziehungen“) – dient dazu, Ausschnitte der realen Welt darzustellen. Unified Modeling Language (vereinheitlichte Modellierungssprache), UML, ist eine grafische Modellierungssprache zur Spezifikation, Konstruktion, Dokumentation und Visualisierung von Software-Teilen und anderen Systemen.
[10] ZIRIUS – ein fakultätsübergreifendes Forschungszentrum der Universität Stuttgart.
[11] Siehe https://www.zirius.uni-stuttgart.de/team/Kropp-00002/, Zugriff 12.08.2026.
[12] Siehe https://www.sowi.uni-stuttgart.de/institut/team/Sonnberger-00001/, Zugriff 12.08.2026.
[13] Siehe https://www.lmu.de/mzn/de/mitglieder/​kontaktseite/​henrike-rau-9bf6b4e3.html, Zugriff 20.08.2026.
[14] Siehe https://uol.de/sozialwissenschaften/​nachrichten/​prof-dr-gesa-lindemann-in-ruhestand, Zugriff 21.08.2026.
[15] Siehe https://www.uni-erfurt.de/forschung/​aktuelles/news/news-detail/​max-weber-kolleg-begruesst-neue-fellows-und-kollegiatinnen-zum-wintersemester-2023-24, Zugriff 21.08.2026.
[16] Mehrere Veröffentlichung im Verlag Velbrück Wissenschaft, https://www.velbrueck.de/Programm/, Zugriff 21.08.2026.
[17] Siehe https://www.transcript-verlag.de/author/​hirte-katrin-125812/, Zugriff 21.08.2026.
[18] Siehe https://www.sobi.uni-passau.de/techniksoziologie/​team-lehrstuhl/​wissenschaftliche-mitarbeiterinnen/​katrin-hirte, Zugriff 21.08.2026.
[19] Siehe https://www.suedtirol.com/vinschgau/mals, Zugriff 21.08.2026.
[20] Vgl. dazu Maurer, Johannes: Kein SLAPP-Back: Das Umsetzungsgesetz gegen missbräuchliche Klagen, VerfBlog, 2025/7/08, https://verfassungsblog.de/anti-slapp-gesetz/, DOI: 10.59704/​0ef2436a1381c3a6.
[21] Wendehorst, Christiane: Rezension zu Heiko Richter: Informationen als Infrastruktur, ZGE 1/2024, 94–98, DOI 10.1628/zge-2024-0006.
[22] Siehe https://www.jura.uni-passau.de/lewinski/​lehrstuhlinhaber/​lebenslauf, Zugriff 21.08.2026.
[23] Bürgerliches Gesetzbuch (BGB), neugefasst durch B. v. 02.01.2002 BGBl. I S. 42, 2909; 2003, 738.
[24] Amerikanische Menschenrechtskonvention der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) von 1969, in Kraft seit 1978.
[25] Siehe https://medien-gesellschaft.soziologie.uni-mainz.de/universitaetsprofessor-dr-sascha-dickel/, Zugriff 21.08.2026.
[26] Luhmanns „Soziale Systeme“ von 1984, die den Grundstein der von ihm ausgearbeiteten Systemtheorie bilden.
[27] Zu weiteren Einzelheiten siehe https://www.uni-erfurt.de/philosophische-fakultaet/​seminare-professuren/​historisches-seminar/​wissenschaftsgeschichte/​profil-team/​dirk-schuck, Zugriff 21.08.2026.
[28] Siehe das Interview am Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung (IRS) e.V. vom 30.04.2025, https://leibniz-irs.de/institut/​arbeiten-am-irs/​alumni/​tjorven-harmsen, Zugriff 21.08.2026.
[29] Siehe https://uni-freiburg.de/css/personen/​ehemalige/, Zugriff 21.08.2026.
[30] Siehe https://www.geku.uni-passau.de/umwelt-und-technikgeschichte/team/prof-dr-stephanie-zehnle, Zugriff 22.08.2026.
[31] Axel Schwarz. Rezension vom 07.08.2024 zu: Johanna Betz, Hans-Jürgen Bieling, Andrea Futterer, Matthias Möhring-Hesse, Melanie Nagel (Hrsg.):Konflikte um Infrastrukturen. Öffentliche Debatten und politische Konzepte. transcript(Bielefeld) 2023. ISBN 978-3-8376-6742-4 [Rezension bei socialnet].Reihe: Edition Politik – 154.In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/​31688.php, Datum des Zugriffs 23.08.2026.
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Dr. Axel Schwarz
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