Miriam Fröhlich, Marcus Rautenberg: Transgender und non-binäre Menschen
Rezensiert von Prof. Dr. Carl Heese, 09.06.2026
Miriam Fröhlich, Marcus Rautenberg: Transgender und non-binäre Menschen psychotherapeutisch begleiten. Ein Manual für die Gruppentherapie. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2026. 113 Seiten. ISBN 978-3-8017-3257-8. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 51,22 sFr.
Reihe: Therapeutische Praxis.
Autor:innen
Fröhlich und Rautenberg sind Psychologische Psychotherapeuten mit Spezialisierungen für Gruppentherapie und Fragen der Geschlechtsidentität. Beide sind auch in der Ausbildung tätig.
Entstehungshintergrund
Das Buch ist in der Reihe „Therapeutische Praxis“ bei Hogrefe erschienen. Sie bietet zu einzelnen Störungsbildern detaillierte Manuale mit Arbeitsmaterialien an.
Inhalt
Kapitel 1 nennt als Ziel des Manuals, Mut zu machen, Angebote für transgender und non-binäre Menschen anzubieten.
Kapitel 2 referiert einen Überblick zum aktuellen Wissenstand zur Geschlechtsinkongruenz. Die grundlegenden Begriffe werden erläutert: Biologische Intergeschlechtlichkeit und psychische Geschlechtsidentität, Geschlechtsdysphorie, Cis‑ und Transgender, Passing, Nonbinarität. Weitere Themen sind hier Statistik, Ätiologie, der Diagnostik‑ und Transitions-Prozess und die psychopathologische Co-Morbidität. Demnach scheint die Prävalenz zuzunehmen, die Zahlen für die Generation Z sind deutlich erhöht. Insgesamt wird von einer Prävalenz von 4 Prozent ausgegangen. Ein großer Teil, eventuell sogar mehr als die Hälfte dieser Zielgruppe ist dem non-binären und genderfluiden Spektrum zuzurechnen. In ätiologischer Hinsicht werden derzeit verstärkt physiologische Modelle diskutiert. Eine Diagnose ist für die Kostenübernahme für Maßnahmen der Transition erforderlich, gleichwohl wird der Bereich der Genderdiversität nicht mehr als pathologisch eingestuft. Die Klassifikation nach ICD 10 lautet noch „Transgender“, ICD 11 spricht von „Geschlechtsinkongruenz“, das DSM-5-TR von „Geschlechtsdysphorie“. Die Transitionspfade sind nicht symmetrisch, es scheint etwas leichter zu sein, ein Trans-Mann als eine Trans-Frau zu sein. Schließlich geht es auch um die De‑ und Retransition. Das betrifft weniger als 10 Prozent der Menschen in einem Transitionsprozess. Der Grund dafür sind meist Schwierigkeiten im Passing oder die späte Entdeckung einer non-binären Identität.
Kapitel 3 gibt Hinweise zur Durchführung des Programms. Hier empfehlen die Autoren eine Gruppengröße nicht unter fünf Teilnehmern. Ein Termin wird mit 100 min angesetzt, wie bei Gruppenpsychotherapien üblich. Der Umfang des Programms passt etwas verdichtet in den Rahmen einer Kurzzeittherapie mit 12 Sitzungen, er kann aber auch eine Langzeittherapie füllen. Hier wird vorgeschlagen, nach dem Programmende in eine offene Gruppengestaltung mit einer bedarfsorientierten Bearbeitung von Themen überzugehen. Für die Termine wird ein allgemeines Ablaufschema vorgestellt. Als Anforderungen an die Therapeuten empfehlen Fröhlich und Rautenberg, weniger als Spezialist und vielmehr als Begleiter aufzutreten. Ebenso ist Offenheit, auch in Bezug auf die eigene Geschlechtsidentität, eine Grundvoraussetzung. Gegen die Tendenz der Teilnehmer zur Idealisierung der Therapeuten empfehlen sie eine aktive Teilnahme und eine wohldosierte Selbstoffenbarung. Bei den Klienten ist neben einem Ausschluss der üblichen Kontraindikationen eine einschlägige Diagnose, also F 64.0 oder F 64.8, erforderlich. Das Gruppenprogramm ist auf verschiedene Weisen mit Einzeltherapie zu kombinieren.
Kapitel 4 enthält die detaillierte Beschreibung des Programms in acht Themenblöcken mit den folgenden Inhalten:
Block 1: Gruppenstart
- ressourcenorientiertes Kennenlernen
- Gruppenregeln
- Aufbau von Gruppenkohäsion
- Problemaktualisierung
- Ziel‑ und Anliegenklärung
- Geschlechtsbegriff, Geschlechts‑ und Identitätsmodell
Block 2: Psychische Krankheit und Gesundheit
- Krankheitsverständnis und ‑modelle
- Störungsverständnis mit Bezug zu Geschlechtsidentität
Block 3: Ressourcenaktivierung und ‑aufbau
- allgemeine Strategien zur Verbesserung der Selbstfürsorge
- Stimmungsstabilisierung
- Stärkung sozialer Beziehungen
- Verbesserung der allgemeinen Lebensqualität
Block 4: Transition
- Coming-out
- Psychoedukation
- medizinische und juristische Transitionsmaßnahmen
- Hilfsmittel und Passing
- Umgang mit Unsicherheiten
- Ambivalenzen
- Möglichkeiten und Grenzen von Transitionsmaßnahmen
- Unterstützung bei informierter Entscheidungsfindung
Block 5: Emotionen
- Stärkung emotionaler Kompetenzen und Emotionsregulationsstrategien mit besonderem Bezug zu Angst, Scham, Ärger und Anspannungsregulation
Block 6: Selbstwert
- Verständnis von Entstehung und Aufrechterhaltung des Selbstwerts
- Strategien zur Stärkung und Stabilisierung des Selbstwerts
- Aufbau von Selbstbehauptungsfähigkeit, Selbstwirksamkeitserwartung und selbstsicherem Verhalten im Umgang mit Konflikten
- Stärkung sozialer Kompetenzen
Block 7: Körperbild
- Konzept der „Body Neutrality“
- Akzeptanz des eigenen Körpers
- Strategien zur Reduktion von Körperschemastörungen und Aufbau einer realistischen Selbstwahrnehmung
Block 8: Abschluss
- Therapieende
- Abschied
- Rückfallprophylaxe
- Ausblick
Kapitel 5 berichtet über die erfolgreiche Evaluation des Gruppenprogramms. Die Geschlechtsdysphorie sowie begleitende Beschwerden verringerten sich bei den meisten der 15 Teilnehmern. Eine Kontrollgruppe konnte aber nicht realisiert werden.
Im Anhang finden sich die Fragebögen, die für die Evaluation verwendet wurden: das Gender Identity/​Gender Dysphoria Questionnaire: Adult Version GIDYQ AA in deutscher Übersetzung und ein Fragebogen zur Veränderungsmessung.
Als Online-Material stehen sämtliche Arbeitsblätter für das Manual sowie PDF-Dateien der Fragebögen zur Verfügung.
Diskussion
Das Manual überzeugt durch seine klare, sinnvoll aufgebaute und gut strukturierte Darstellung eines therapeutischen Curriculums für Transgender. Es verfügt über die für ein störungsspezifisches Gruppenmanual nötige Detailtiefe, sie reicht bis zu Spezialfragen wie die der Akzeptanz für die Verwendung von Kategorien oder die eines direkten Einstiegs in die Gruppe ohne vorbereitende Einzeltermine. Die bereitgestellten Arbeitsblätter sowie diagnostischen und evaluativen Instrumente stellen konkrete und direkt zu verwendende Hilfsmittel dar. Damit erscheint das Manual für den unmittelbaren Einsatz in der therapeutischen und beraterischen Praxis als geeignet.
Inhaltlich arbeitet das Programm überwiegend mit bewährten therapeutischen Methoden der Psychoedukation, der Emotionsregulation, der Selbstwertstabilisierung und der Körperbildarbeit, die auch in anderen Kontexten Verwendung finden. Dies gewährleistet eine hohe Anschlussfähigkeit an eine bestehende Praxis und erleichtert die Implementierung. Konzeptionelle Innovation steht hier nicht im Vordergrund. Der Mehrwert des Manuals liegt weniger in einem neuen therapeutischen Ansatz als in der spezifischen Fokussierung auf die Zielgruppe sowie in der systematischen Aufbereitung des spezifischen Materials.
Die empirische Fundierung des Manuals bleibt, wie bei einer Evaluation aus Bordmitteln kaum anders zu erwarten, begrenzt. Immerhin konnten aber bereits klare Hinweise für eine gute Wirksamkeit erarbeitet werden. Eine Fremdevaluation mit einer Kontrollgruppe wäre ein schönes Promotionsprojekt für ambitionierte Nachwuchsforscher.
Insgesamt hat das Manual einen sehr hohen Praxisnutzen. Darüber hinaus wirkt es genau so ermutigend und anregend, wie die Autoren es sich vorgenommen haben. Es lädt sehr dazu ein, sich mit transgender und non-binären Menschen auseinanderzusetzen und entsprechende Angebote aufzubauen.
Fazit
Ein gut fundiertes und praxisnahes Manual, dessen Stärke insbesondere in der Anwendbarkeit und der Zielgruppensensibilität liegt.
Rezension von
Prof. Dr. Carl Heese
Professur für Rehabilitation an der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg
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