Stefan Gesmann, Julian Löhe (Hrsg.): Von Scrum bis New Work
Rezensiert von Prof. Dr. Susanne Vaudt, 26.05.2026
Stefan Gesmann, Julian Löhe (Hrsg.): Von Scrum bis New Work. Managementmoden in der Sozialen Arbeit : Eine kritische Analyse von Führungs- und Organisationstrends.
Verlag Barbara Budrich GmbH
(Opladen, Berlin, Toronto) 2026.
212 Seiten.
ISBN 978-3-8474-3180-0.
D: 56,90 EUR,
A: 58,50 EUR.
Open Access bei der FH Münster: https://www.hb.fh-muenster.de/opus4/frontdoor/index/index/docId/19809.
Thema
Managementmoden kommen und gehen – auch in der Sozialen Arbeit. Ob Scrum, New Work, Soziokratie oder Ambidextrie: Führungs‑ bzw. Leitungskräfte in sozialen Diensten, Einrichtungen und Trägern sehen sich einem anhaltenden Strom neuer Konzepte gegenüber, die mal als unverzichtbare Innovation, mal als bloße Moderscheinung auftreten. Der Sammelband liest sich als ein differenziertes Nachschlagewerk, das eine kritisch-reflektierte Auseinandersetzung mit aktuellen Führungs‑ und Organisationstrends bietet.
Herausgeber und Autor:innen
Stefan Gesmann und Julian Löhe (beide Professoren an der FH Münster) sind die beiden Herausgeber des Sammelbands. Er umfasst 12 Beiträge von Autor:innen, die je eine spezifische Managementmode für den Kontext der Sozialen Arbeit erschließen. Im Einzelnen geht es um das agile Framework Scrum (Michael Burkhalter & Peter Zängl) sowie Frederic Laloux’ viel diskutiertes Modell „Reinventing Organizations“ (Vanessa Kubek). Weitere Themen sind New‑Work‑Transformationen (Friedericke Hardering), organisationale Resilienz (Hendrik Epe), Self‑Leadership (Julian Löhe), Kollegiale Führung (Christian Geyer), Ambidextrie (Nathalie Weisenburger), Soziokratie (Peter Zängl), nachhaltiges Management (Peter Stepanek), systemisches Management (Stefan Gesmann) sowie Diversity, Equity und Inclusion (Susanne Dreas).
Entstehungshintergrund
Der Sammelband widmet sich Management‑ und Organisationstrends wie Agilität, New Work oder Selbstorganisation, die auch in der Sozialen Arbeit aufgegriffen und erprobt werden. Damit geht die Herausforderung einher, damit verknüpfte Voraussetzungen und Wirkungen nicht nur implizit, sondern systematisch in den Blick zu nehmen.
Aufbau
Alle Beiträge folgen einer einheitlichen fünfteiligen Struktur: einem kurzen „Elevator Pitch“, einer historischen Herleitung, einer Analyse der Herausforderungen für Soziale Organisationen, möglichen Umsetzungsszenarien sowie einer vertiefenden kritischen Reflexion. Diese Systematik erleichtert den Vergleich der verschiedenen Konzepte und schafft für die Leser:innen didaktisch ein orientierendes Raster.
Inhalt
Das Rahmenkapitel der beiden Herausgeber führt präzise in das Phänomen der Managementmoden ein: Was sind Moden? Wie entstehen und vergehen sie? Welche Funktionen übernehmen sie? Die Antworten orientieren sich theoretisch an systemtheoretischen Überlegungen – insbesondere Niklas Luhmanns Organisationssoziologie – und verorten Managementmoden als soziale Phänomene mit eigener Dynamik, die sich weder ignorieren noch unhinterfragt adaptieren lassen. Hervorzuheben ist die konsequente Kontextualisierung der behandelten Ansätze im Feld der Sozialen Arbeit. Die Autor:innen beschränken sich nicht auf die Darstellung der Managementkonzepte, die in betriebswirtschaftlichen Zusammenhängen entwickelt wurden. Stattdessen stellen sie stets die Frage: Was bedeutet das für eine Organisation der Sozialen Arbeit, die anderen Finanzierungslogiken, Zielsetzungen und professionellen Selbstverständnissen verpflichtet ist als ein profitorientiertes Unternehmen. Exemplarisch zeigt sich das im Beitrag zur Ambidextrie, wo Nathalie Weisenburger herausarbeitet, dass die im privatwirtschaftlichen Kontext geforderte disruptive Exploration in sozialen Organisationen nur bedingt passt: Ressourcenknappheit, Partizipationserfordernisse und die existenzielle Bedeutung von Verlässlichkeit für Klient:innen setzen dem Innovationsideal strukturelle Grenzen. Ähnlich differenziert geht Stefan Gesmann mit dem systemischen Management um: Soziale Organisationen entziehen sich, systemtheoretisch betrachtet, einer intentionalen Steuerung – was dies für Führungshandeln bedeutet, wird sachlich und ohne Vereinfachungen diskutiert.
Auch das Abschlusskapitel verdient Erwähnung: Gesmann und Löhe entwickeln dort das Bild der Leitungskraft als „Übersetzer:in“, die Managementkonzepte nicht einfach übernimmt, sondern kontextspezifisch adaptiert – und dabei sowohl die blinden Flecken einer Mode als auch die unbeabsichtigten Folgeprobleme („Lösungsprobleme“) ihrer Einführung im Blick behält. Das Plädoyer für „Evolution im Kleinen statt Revolution im Großen“ ist handlungsleitend, praxisnah und rundet das Werk konsequent ab.
Diskussion
Die einheitliche Beitragsstruktur, die dem Band seine besondere Kohärenz verleiht, bringt naturgemäß auch Grenzen mit sich: Bei einzelnen Konzepten, deren Komplexität zu einer freien Entfaltung einladen würde, entsteht durch das Fünf-Punkte-Raster ein gewisser Schematismus. Doch kommt dies der Vergleichbarkeit der Beiträge stets zugute. Wer konkrete Praxisbeispiele aus einzelnen Trägern oder Einrichtungen sucht, mag im vorliegenden Band nicht immer fündig werden; dies entspricht jedoch dem erklärten Anspruch eines wissenschaftlichen Herausgeberbandes, der Orientierung und Reflexionsgrundlage bieten, und kein dezidierter Praxisratgeber sein will.
Alle Beiträge wurden einem doppelten Peer-Review unterzogen, was die wissenschaftliche Qualität sicherstellt, ohne den praxisorientierten Duktus zu gefährden. Positiv hervor zu heben ist zudem die Open-Access-Verfügbarkeit des Bandes über den Publikationsfonds der FH Münster.
Der Band eignet sich als Lehr‑ und Diskussionsgrundlage für Hochschulen im Bereich Soziale Arbeit und Sozialmanagement. Zugleich richtet er sich an Führungskräfte in der Praxis, die ihr eigenes Handeln theoretisch einordnen möchten. Angesichts der anhaltenden Konjunktur von New Work, Agilität und Co. in sozialen Organisationen kommt dieser Herausgeberband genau zur rechten Zeit.
Fazit
„Von Scrum bis New Work“ ist ein solides und sehr gut konzipiertes Werk, das eine echte Lücke in der deutschsprachigen Sozialmanagement-Literatur schließt. Es bietet weder unkritische Begeisterung für aktuelle Managementtrends noch reaktionäre Ablehnung, sondern das, was gute Wissenschaft auszeichnet: Differenzierung, Kontextualisierung und die Bereitschaft, Widersprüche auszuhalten.
Rezension von
Prof. Dr. Susanne Vaudt
Sozialökonomie und Sozialmanagement
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