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Marlene Jänsch: Sorgearbeit im Sozialraum

Rezensiert von Prof. Dr. Cornelia Kricheldorff, 28.09.2026

Cover Marlene Jänsch: Sorgearbeit im Sozialraum ISBN 978-3-8474-3167-1

Marlene Jänsch: Sorgearbeit im Sozialraum. Bildungspotenziale in ehrenamtlichen Hilfen für ältere Menschen. Verlag Barbara Budrich GmbH ( Opladen, Berlin, Toronto) 2026. 348 Seiten. ISBN 978-3-8474-3167-1. D: 43,00 EUR, A: 44,30 EUR.
Reihe: Beiträge zur Sozialraumforschung - 29.

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Thema

Das Konzept der Sozialraumorientierung nimmt in der Wissenschaft Soziale Arbeit inzwischen eine zentrale Rolle ein, weil es fachliches Handeln nicht allein auf einzelne Personen und deren individuelle Problemlagen bezieht, sondern die sozialen, räumlichen und institutionellen Bedingungen des Lebensalltags systematisch miteinander in Beziehung setzt. Sozialraum wird dabei nicht vorrangig als geografischer Ort verstanden – etwa als Stadtteil, Quartier oder Gemeinde – sondern als Lebenswelt, in der Menschen Beziehungen gestalten, Ressourcen nutzen, Teilhabe erfahren oder auch Ausgrenzung erleben. Damit verbindet Sozialraumorientierung individuelle Unterstützungsbedarfe mit der Frage, wie soziale Lebensbedingungen gelingend gestaltet oder verbessert werden können. Sozialraumorientierung fokussiert dabei auf Theorie und Praxis gleichermaßen und verknüpft sie eng miteinander, wobei sie sich auf die Traditionen der Gemeinwesenarbeit sowie der Lebensweltorientierung bezieht und dabei eine sozialökologische Perspektive einnimmt.

Das Buch von Marlene Jänsch befasst sich mit Sorgearbeit im Sozialraum als zentraler Ansatz zur Unterstützung älterer Menschen in ihrem Alltag. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, wie Sorgebeziehungen zwischen Hilfesuchenden und freiwillig Engagierten, in lokalen Netzwerken gestaltet, ausgehandelt und stabilisiert werden und welche Rolle dabei Bildungspotenziale und ‑prozesse spielen können. Sorgearbeit wird dabei nicht allein als individuelle Hilfeleistung verstanden, sondern als relationaler, situativer und gemeinschaftlich eingebetteter Prozess. Besondere Bedeutung kommt dabei den biografischen Erfahrungen, nachbarschaftlichen Ressourcen, gegenseitigem Vertrauen sowie der Fähigkeit zu, Unterstützungsbedarfe und Grenzen in konkreten Interaktionen auszuhandeln. In gemeinsamen Interviews wurden Hilfesuchende und Hilfebietende dazu befragt, wie sie die Hilfen erfolgreich organisieren und gestalten. Die Ergebnisse dieser Hilfepaargespräche in triadischer Konstellation werden im Buch sehr fundiert und nachvollziehbar vorgestellt und analysiert.

Autorin

Dr. Marlene Jänsch ist seit dem Wintersemester 2025/26 Vertretungsprofessorin für Soziale Arbeit und Soziale Gerontologie an der DHBW Heidenheim, Duale Hochschule Baden-Württemberg. Im Mai 2025 erfolgte ihre Promotion zum Dr. phil. in Sozialer Arbeit, am Promotionszentrum Soziale Arbeit der HAW Hessen, Hochschule Fulda.

Entstehungshintergrund

Das im Jahr 2026 erschienene Buch ist die Veröffentlichung der Dissertation von Marlene Jänsch im Jahr 2025. Die Autorin war wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule Fulda.

Aufbau und Inhalt

Die Publikation gliedert sich in acht Kapitel, die gleichzeitig größere Themenbereiche und inhaltliche Schwerpunkte aufgreifen, die für den fachlichen und sozialpolitisch bedeutsamen Ansatz der Sorgenden Gemeinschaften (Caring Communities) eine hohe Relevanz haben.

1. Einleitung

Zunächst wird das bearbeitete Thema in die aktuellen demografischen, gesellschaftlichen, und sozialpolitischen Wandlungsprozesse eingeordnet und es werden Bezüge zu aktuellen, den gegenwärtigen Fachdiskurs bestimmenden Modellen hergestellt, die auf verschiedene Formen von Nachbarschaftshilfe und die Vision der Sorgenden Gemeinschaften fokussieren. Dabei wird auch auf die Ergebnisse des Neunten Altersberichts der Bundesregierung zum Thema „Alt werden in Deutschland – Vielfalt der Potenziale und Ungleichheit der Teilhabechancen“ sowie auf den Vierten Engagementbericht mit dem Titel „Zugangschancen zum freiwilligen Engagement“ Bezug genommen.

2. Sozialräumlich organisierte Hilfebeziehungen und ihr transformatives Potenzial – theoretische und empirische Annäherungen

Dieses Kapitel widmet sich der vertieften theoretischen und empirischen Fundierung des Themas und führt dabei die in der Publikation zentralen Perspektiven auf Sorge/Care, sozialräumliche Organisationsformen und Bildung zusammen. In dieser Verschränkung wird herausgearbeitet, wie Hilfeprozesse auch soziale Räume gestalten und transformieren können.

3. Methodologische und methodische Zugänge zur Analyse organisierter Hilfebeziehungen

In Kapitel 3 beschreibt die Autorin ihre Überlegungen zu methodologischen und methodischen Zugängen, die in der Analyse sozialräumlich organisierter Hilfebeziehungen Anwendung finden. Daraus leitet sie ihren speziellen Ansatz ab, der auf die Dynamiken zwischen Hilfesuchenden und Hilfebietenden zielt. In diesem Kontext wird auch thematisiert, wie sich die Verbindung von Hilfebeziehungen und sozialraumbezogenen Bildungsprozessen darstellt.

4. Sozialräumlich organisierte Hilfebeziehungen als Teil eines Hilfesystems

Aus dieser spezifischen Perspektive von Interaktionen und Dynamiken zwischen Hilfesuchenden und Hilfebietenden wird zunächst eine Kontextualisierung der Hilfepraxis im sozialen Raum vorgenommen und es werden die Vereinbarungen und Rahmungen analysiert, die die konkreten Hilfebeziehungen beschreiben. Daran anknüpfend werden die zentralen Handlungsweisen und Herausforderungen in den Hilfebeziehungen differenzierter herausgearbeitet, womit dieses erste Ergebniskapitel als Grundlage für die weiteren Analysen zu institutionellen, organisatorischen und dynamischen Prozessen dient.

5. Biografische begründete Konzepte als Orientierungen für Hilfestrategien

Im Zentrum steht dabei als wichtige Erkenntnis der vorangegangenen Analysen, dass eine spezifische Dynamik darin besteht, dass auch biografisch geprägte Orientierungen die Hilfepraxis als habitualisierte Hilfeverständnisse und ‑konzepte beeinflussen. Diese basieren auf vergangenen Erfahrungen und bieten damit wichtige Orientierungen in der Hilfepraxis und sie bilden sich in der Art und Weise ab, wie die Beteiligten den Hilfeprozess gestalten. In diesem Kapitel wird herausgearbeitet, wie aus dieser Praxis der Hilfebeziehungen auch Bildungs‑ und Veränderungsprozesse entstehen können.

6. Das Hilfepaargespräch als triadische Konstellation

In diesem Kapitel wird das Hilfepaargespräch als besondere Form des qualitativen Interviews vorgestellt, in der die Situation als gemeinsame Konstruktionsleistung der Beteiligten – also von hilfesuchender und hilfebietender Person, aber auch von der Interviewerin selbst – beschrieben wird. Es wird deutlich, wie diese triadische Konstellation als Reflexionsraum genutzt werden kann, in dem Bedürfnisse artikuliert, Rollen neu ausgehandelt und Handlungsspielräume erweitert werden können. Damit enthält die triadische Konstellation ein hohes transformatives Potenzial.

7. Sich bilden beim Sorgen – Transformative Potenziale sozialräumlich organisierter Hilfebeziehungen

Sich bilden beim Sorgen ist eine der Kernkategorien in der qualitativen Auswertung des Interviewmaterials. Dabei bildet sich ab, wie Hilfekontexte Bildungspotenziale in Hilfebeziehungen eröffnen können und wie diverse Spannungsfelder zwischen individuellen, gemeinschaftlichen und gesellschaftlichen Regeln, sichtbaren und unsichtbaren Räumen sowie personalisierten und freiwilligen Hilfen, die Hilfebeziehungen als dynamische Prozesse mit hohem Veränderungspotenzial erzeugen und befördern können. Dabei wird deutlich, dass Sorgearbeit in sozialräumlich angelegten Hilfebeziehungen in vielfältigen Formen Auslöser für Lern‑ und Bildungsprozesse ist, sei es über neu erworbenes Wissen oder auch durch erlebte Irritationen, die in organisierten Hilfebeziehungen reflektiert und bearbeitet werden können.

8. Das transformative Potenzial Sozialer Arbeit in sozialräumlich organisierten Hilfebeziehungen – ein Ausblick

Das abschließende Kapitel widmet sich der spezifischen Rolle der Profession Soziale Arbeit in sozialräumlich organisierten Hilfebeziehungen. Dabei wird herausgearbeitet, wie ihre Rolle als Vermittlerin, Strukturgeberin oder als Ermöglicherin reflexiver Prozesse aussehen kann und welche Möglichkeiten sich daraus für die disziplinäre Weiterentwicklung ergeben können.

Zielgruppen

Nicht nur durch diesen abschließenden und in die Zukunft weisenden Blick auf die mögliche Rolle der Sozialen Arbeit im Kontext solidarischer Hilfebeziehungen im Sozialraum ist die Publikation von Dr. Marlene Jänsch eine wichtige Bereicherung im aktuellen Fachdiskurs an der Schnittstelle von Sozialer Gerontologie, Sozialer Arbeit in Kontexten des Alter(n)s und gemeindeorientierter Pflege. Die sehr deutlich herausgearbeitete Orientierung am Konzept der Sorgenden Gemeinschaft (Caring Community), das sich ja als generationsübergreifender Ansatz versteht, erweitert die potenzielle Zielgruppe der Publikation auf alle Berufsgruppen, die in sozialräumlichen Hilfenetzwerken verankert sind. Das Buch wird Studierenden der Sozialen Arbeit, der Gerontologie und weiterer einschlägiger sozial‑ und gesundheitswissenschaftlicher Disziplinen sowie Fachkräften der genannten Professionen in der einschlägigen Fachpraxis empfohlen.

Diskussion

In dieser Publikation wird sehr deutlich herausgearbeitet, dass gelingende Hilfe‑ und Sorgebeziehungen ältere Menschen nicht nur praktisch unterstützen und entlasten, sondern auch soziale Teilhabe, Selbstbestimmung und Zugehörigkeit im Wohnumfeld fördern können. Zugleich werden aber auch damit verbundene Herausforderungen wie potenzielle Abhängigkeiten, Rollenkonflikte, ungleiche Ressourcen und die notwendige professionelle Rahmung freiwilliger Sorgearbeit sehr überzeugend thematisiert. Damit leistet diese Publikation einen wichtigen Beitrag zur Diskussion um solidarische Unterstützungsformen, kommunale Altenhilfe und die Weiterentwicklung sorgender Gemeinschaften im Sozialraum.

Fazit

Insgesamt kann festgehalten werden, dass dieses Fachbuch als Grundlagenliteratur für die oben genannten Akteursgruppen und Professionen uneingeschränkt und dringend zu empfehlen ist.

Rezension von
Prof. Dr. Cornelia Kricheldorff
Beratung – Prozessbegleitung – Training;
Soziale Gerontologie und Soziale Arbeit im Gesundheitswesen
Katholische Hochschule Freiburg (em.)
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Es gibt 28 Rezensionen von Cornelia Kricheldorff.

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ISSN 2190-9245