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Aladin el- Mafaalani: Misstrauensgemeinschaften

Rezensiert von David Kreitz, 15.04.2026

Cover Aladin el- Mafaalani: Misstrauensgemeinschaften ISBN 978-3-462-01457-0

Aladin el- Mafaalani: Misstrauensgemeinschaften. Zur Anziehungskraft von Populismus und Verschwörungsideologien. Verlag Kiepenheuer & Witsch (Köln) 2025. 128 Seiten. ISBN 978-3-462-01457-0. D: 16,00 EUR, A: 16,50 EUR.

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Thema

Vertrauen ist wichtig. Ohne Vertrauen sind Menschen handlungsunfähig, denn sie müssten alles selber machen können oder aber alles und jede:n beständig kontrollieren. Vertrauen in andere Personen, aber vor allem auch in das Funktionieren von Systemen ist eine Notwendigkeit des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Allerdings gibt es durchaus (gute) Gründe warum Misstrauen wächst. Misstrauen ist nicht grundsätzlich negativ, sondern kritisch und korrektiv, doch als verallgemeinertes Misstrauen macht es anfällig für Verschwörungserzählungen und populistische Rhetorik. Wem vertrauen Misstrauende, fragt Aladin El-Mafaalani. Seine Antwort: anderen Misstrauenden. Und zwar nicht aufgrund von Kompetenz oder Wissen, sondern rein deswegen, weil sie auch Misstrauen. So entstehen die titelgebenden Misstrauensgemeinschaften.

Autor

Aladin El-Mafaalani, 1978 im Ruhrgebiet geboren, ist Professor für Migrations‑ und Bildungssoziologie an der TU Dortmund. Zuvor war er u.a. Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität Osnabrück, Professor für Politikwissenschaft an der Fachhochschule Münster und Abteilungsleiter im nordrhein-westfälischen Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration in Düsseldorf. Für seine wissenschaftliche Arbeit erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, u.a. den Preis für öffentliche Wirksamkeit der Deutschen Gesellschaft für Soziologie und das Bundesverdienstkreuz (Autorenporträt KiWi).

Entstehungshintergrund

Der Autor schildert im Vorwort die Erfahrung, dass Bekannte und Freund:innen ihm zwar als Menschen vertrauen, aber seine Expertise als Soziologe ständig anzweifeln. Sie zeigen ein ausgeprägtes Misstrauen gegen wissenschaftliche Befunde oder der veröffentlichten Meinung gegenüber. An vielen Aussagen irgendwelcher Influencer oder Tech-Milliardäre fanden sie „da sei was dran“, im Gegensatz zu wissenschaftlichen Belegen. Diese Erfahrungen brachten den Autor dazu, dass Thema Vertrauen und Misstrauen in einer Vorlesung zur Wissenssoziologie mit einzubringen. Aus den Diskussionen mit seineneStudierenden entstanden die Gedanken für „Misstrauensgemeinschaften“.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in fünf Kapitel gerahmt von einem Vorwort und Anmerkungen sowie Literaturverzeichnis. Die fünf sind wiederum durch mehrere nur wenige Seiten umfassende Unterkapitel strukturiert.

In „Kapitel 1: Wem vertrauen Misstrauende?“ möchte der Autor darstellen, das Misstrauende anderen Misstrauenden vertrauen. Das sich Misstrauenden verbinden sei aufgrund digitaler Strukturen leichter geworden. Misstrauen entsteht für ihn aufgrund gesellschaftlicher Komplexität und Krisenanfälligkeit, wobei wachsenden Misstrauen s. E. die Demokratie gefährde.

„Kapitel 2: Vertrauen macht handlungsfähig“ macht deutlich, dass wer stark vertraut, auf ständiges Kontrollieren verzichtet. Wobei Vertrauen riskant ist, es kann missbraucht und enttäuscht werden, d.h. es basiert auf positiven Erfahrungen mit Vertrauen. Dies ist bei Bekannten, Freund:innen, Partner:innen einfacher durch das persönliche Erleben.

Vertrauen zu Fremden, z.B. im Beruf, beruht auf dem Vertrauen in die Kompetenz der Person, die mit einer bestimmten Aufgabe betraut ist. Vertrauen in Systeme wiederum, hängt davon ab, ob diese ihre Funktionen erfüllen und die selbst gestellten Aufgaben gewältigen.

„Kapitel 3: Vertrauen wird wichtiger, Misstrauen wahrscheinlicher“ zeigt was an der komplexer und differenzierter werdenden gesellschaftlichen Realität liegt. Und genau diese steigende gesellschaftliche Komplexität ist zu beobachten. Als Beispiele führt El-Mafaalani Globalisierung, Migration und Superdiversität, Lebensstilvielfalt, demografischer Wandel und soziale Folgen des Klimawandels auf. Komplexität mache aber das Vertrauen in Expertise notwendig, wobei sich Expertise immer nur auf bestimmte Bereiche beziehen könne. Daher führen unterschiedliche Expertisen, die sich widersprechen, wissenschaftliche Erkenntnisse mit begrenzter Aussagekraft, Meinungsvielfalt insgesamt zu Skepsis. Diese weitverbreitete Skepsis, gepaart mit Internet-Halbwissen kann zu Unbehagen und schließlich zu Misstrauen führen. Misstrauen sei, so der Autor, als Grundlage für Populismus und Verschwörungsglauben anzusehen, nicht als deren Anhängsel. Sie kanalisieren Misstrauen und geben ihm eine Richtung.

In „Kapitel 4: Misstrauen verbindet: Misstrauensgemeinschaften“ geht es zunächst darum, dass Misstrauen ein Teil des notwendigen kritischen gesellschaftlichen Frühwarnsystems sei, dass es auf Missstände hinweise, und daher nicht per se abzulehnen ist. Allerdings könnten sich etablierende Alternativen des Misstrauens bedienen und es verstärken. Aladin El-Mafaalani benennt hierbei: Alternativmedizin, alternative Fakten, alternative Medien, alternatives Geld (Kryptowährungen) und Alternativparteien. Das Gefühl der Zusammengehörigkeit unter Misstrauenden erwächst dann auch aus der gemeinsamen Unterstütztung dieser Alternativen. Die Suche nach Beweisen für das gemeinsame Misstrauen führt zu verbindenden Erlebnissen und Erzählungen. Wobei diese Etablierung von Misstrauensgemeinschaften durch digitale Wege einfacher geworden sei, aber nicht neu ist.

Aladin El-Mafaalani unterscheidet somit konstruktives funktionales Misstrauen und destruktives normatives Misstrauen, welches konstitutiv für die eigene Identität werden kann, v.a. wenn es gestützt wird durch Gleichgesinnte und Alternativangebote.

„Kapitel 5: Auswege?“ diskutiert Möglichkeiten auf Misstrauen zu reagieren. So meint der Autor, dass Personen, die noch zu den funktional Misstrauenden gehören, durch Beweise der Funktionsfähigkeit eines Systems (möglicherweise) wieder ins Lager der Vertrauenden hinüberzuziehen wären. Wobei Misstrauen erst einmal grundsätzlich anerkannt und ernstgenommen werden sollte. Einfach nur Gegenhalten fühle sich zwar zuerst gut an, so der Autor, verstärke schlussendlich jedoch Lagerbildung.

Er plädiert für einen beständigen offenen und öffentlichen Diskurs, der Strittiges nicht scheut und partizipativ ist ohne Expertise zu nivellieren. Und da besonders staatliche Funktions‑ und Kontrollfähigkeit angezweifelt würde, sollte „der Staat“ weniger ins Klein-Klein hineinwirken, als vielmehr selbst mehr den Bürger:innen vertrauen, aber Regelverletzungen stärker ahnden. Ein verlässliches Funktionieren staatlichen Handelns sei somit wichtiger als Detailsteuerung.

Misstrauen würde in der liberalen Demokratie aus drei Richtungen sowohl ausgenutzt als auch gezielt verstärkt: Populismus, Verschwörungsideologien und extrem libertäre Vorstellungen. Diese drei Richtungen würden derzeit immer wieder temporäre Verbindungen miteinander eingehen, was besonders gefährlich sei. Dies müsse immer wieder benannt, analysiert und diskutiert werden.

Diskussion

Zugegeben, die Lösungsansätze die El-Mafaalani präsentiert bleiben doch recht oberflächlich: weniger Verrechtlichung, der Staat soll weniger Detailsteuerung betreiben, den eigenen Bürger:innen mehr vertrauen, dazu mehr Partizipation und ehrlicher offener Diskurs.

Klingt alles sehr gut, ist aber nicht neu. Wobei die Problemlösung auch nicht der vornehmliche Anspruch des 120-Seiten-Büchleins ist.

Die generelle These, dass Misstrauende sich mit anderen Misstrauenden zusammenschließen und zwar nur auf Grundlage, dass sie auch Misstrauende sind und das daraus eine eigenes Identitätsangebot und eine sich gegenseitig verstärkende Bindung und Gemeinschaft entsteht, ist schlüssig argumentiert. Der Autor bezieht sich auf Studien zur Polarisierung (u.a. Mau et al. Triggerpunkte) und schlägt vor, die normativ Misstrauenden und die Vertrauenden als zwei sich gegenüberstehende Großgruppen weiter zu untersuchen. Die bei Mau et al. so genannten „Polarisierungsunternehmer“, also Personen und Gruppen, die gesellschaftliche Spaltung vorantreiben, werden bei Aladin El-Mafaalani eher zu Misstrauensunternehmern, also Personen und Gruppen, die Vertrauen durch Skepsis und schließlich normatives Misstrauen zu ersetzen trachten.

Fazit

Für alle, die einen kurzen, gut geschriebenen Überblick zu Populismus und Verschwörungstheorien, deren Anhänger:innenschaft und Verbreitungs‑ und Vernetzungswege lesen und dazu auch noch neue Erkenntnisse gewinnen möchten.

Rezension von
David Kreitz
M.A., pädagogischer Mitarbeiter für politische Erwachsenenbildung bei der HVHS Mariaspring und freiberuflicher Trainer für wissenschaftliches Schreiben.
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Es gibt 38 Rezensionen von David Kreitz.

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ISSN 2190-9245