Yvonne Hegele, Aline Stoll (Hrsg.): Agiles Arbeiten im öffentlichen Sektor
Rezensiert von Dr. Viviane Vidot, 18.03.2026
Yvonne Hegele, Aline Stoll (Hrsg.): Agiles Arbeiten im öffentlichen Sektor. Erfahrungen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.
Springer VS
(Wiesbaden) 2026.
376 Seiten.
ISBN 978-3-658-48295-4.
D: 42,79 EUR,
A: 43,99 EUR,
CH: 47,19 sFr.
Reihe: Interdisziplinäre Organisations- und Verwaltungsforschung.
Thema
Der Sammelband dokumentiert, wie agile Arbeitsweisen in öffentlichen Verwaltungen des deutschsprachigen Raums erprobt und umgesetzt werden. Die Beiträge analysieren empirisch, wie Konzepte wie Scrum, Holakratie oder Selbstorganisation in bürokratische Kontexte übersetzt und angepasst werden.
Herausgeber:innen
Herausgegeben wird der Band von Dr. Yvonne Hegele (ZHAW, Institut für Verwaltungs-Management) und Aline Stoll, Beraterin und Forscherin mit Spezialisierung auf Organisationsentwicklung im öffentlichen Sektor.
Entstehungshintergrund
Entstanden ist der Band aus der Forschungs‑ und Beratungsarbeit der Herausgeberinnen an der ZHAW. Im Vorwort formulieren Hegele und Stoll ihr Anliegen, „die Vielfalt agiler Ansätze in deutschsprachigen Ländern sichtbar“ zu machen (S. X). Erschienen ist er als Open-Access-Werk (CC BY 4.0) und frei zugänglich.
Aufbau
Zwanzig Kapitel gliedern den Band: ein einleitendes Kapitel, Teil I mit sieben wissenschaftlichen Beiträgen (Kap. 2–8) zu theoretischen Grundlagen und empirischen Befunden, Teil II mit elf Praxis-Fallstudien aus deutschen, österreichischen und schweizerischen Verwaltungen (Kap. 9–19) sowie ein Synthesekapitel der Herausgeberinnen (Kap. 20).
Inhalt
Das Einführungskapitel von Hegele und Stoll systematisiert den Begriff der Agilität entlang der Unterscheidung von doing agile (Methodenanwendung) und being agile (Organisationskultur). Die quantitative DACH-Befragung (Kap. 2, N = 510) liefert die empirische Grundlage: Etwa ein Drittel der Befragten weist Erfahrungen mit Agilität auf (Hegele und Stoll 2026, S. 368).
Kirklies und Neumann analysieren anhand von 23 Interviews in 19 deutschen Verwaltungen, wie Agilität in bürokratische Kontexte übersetzt wird (Kap. 3). Sie identifizieren drei Typen: Agilität als Kulturwandel betont agile Denkweisen und wird meist von Personalabteilungen oder der Organisationsentwicklung initiiert; Agilität als Governance schafft funktionsübergreifende Strukturen neben dem Organigramm; Agilität als Methode setzt Scrum oder SAFe ein, bleibt aber überwiegend auf IT-nahe Bereiche beschränkt. Über alle drei Typen hinweg stellen die Autor:innen fest, dass nutzerzentrierte Zusammenarbeit mit Bürger:innen bei vielen Fällen keine zentrale Rolle spielt (S. 59).
Kühler, Drathschmidt und Großmann untersuchen in einer Mehrebenen-Fallstudie die strukturellen Auswirkungen agiler Reformen auf öffentliche Organisationen (Kap. 4). Entlang von fünf Organisationsdimensionen – Spezialisierung, Koordination, Konfiguration, Entscheidungsdelegation und Formalisierung – zeigen sie, dass Hierarchien und Regelwerke durch Agilität nicht abgebaut, sondern überlagert werden: Neue Rollen wie Scrum Master oder Product Owner kommen hinzu, informelle Koordinationswege nehmen zu, und der Abstimmungsaufwand steigt. In der Kern‑ und Ministerialverwaltung beschränkt sich die Veränderung auf Meeting-Formate, während das Einliniensystem unangetastet bleibt.
Als Praxisbeispiel mit unmittelbarem Bezug zur Sozialwirtschaft beschreiben Bagehorn und Edmaier das Projekt „beni“ des Vereins peribass in der Schweiz (Kap. 19). Mithilfe eines Service-Blueprints entwickelte ein interdisziplinäres Team eine App-basierte Bedarfserfassung für psychosozial belastete Familien rund um Schwangerschaft und Geburt. Zugleich diente der Blueprint als agiles Steuerungsinstrument für ein Netzwerk aus Hebammen, Ärzt:innen und Sozialdiensten und ermöglichte iterative Anpassungen an die Bedürfnisse der Nutzenden.
Diskussion
Was den Band auszeichnet, ist seine Breite: So umfassend hat bislang keine Publikation den Stand agiler Verwaltungspraxis im deutschsprachigen Raum dokumentiert. Die drei Agilitätstypen, die Kirklies und Neumann empirisch identifizieren, machen einen Prozess sichtbar, den die Translationsforschung theoretisch beschreibt (vgl. Czarniawska und Joerges 1996; Røvik 2016): Managementideen zirkulieren nicht unverändert, sondern werden beim Transfer systematisch modifiziert. Der empirische Befund bestätigt, dass Verwaltungen das Neue in die bestehende Form beugen – kein Scheitern der Reform, sondern ihr Normalfall.
Offen bleibt eine politiksoziologische Grundsatzfrage: Max Weber beschrieb Bürokratie als praktisch unzerbrechliche Form moderner Herrschaft – nicht trotz ihrer Rigidität, sondern wegen ihr (Weber 1922, S. 569–570). Berechenbarkeit und regelgebundenes Handeln sichern die Legitimität des demokratischen Rechtsstaats gegenüber den Bürger:innen als Träger:innen von Rechten und letztlichen Auftraggeber:innen der Verwaltung. Wenn der Agilitätsdiskurs Bürokratie als zu überwindendes Hindernis rahmt, greift er in die Architektur dieser Legitimität ein. Einen Ansatzpunkt für diese Frage eröffnet Kirklies und Neumanns Befund: Nutzerzentrierte Zusammenarbeit mit Bürger:innen spielt „bei diesen Fällen keine zentrale Rolle“ (Kirklies und Neumann 2026, S. 59). Wo agile Reform primär auf interne Effizienz zielt und die externe Rechenschaftsbeziehung auslässt, modernisiert sie die Verwaltung als Organisation, ohne sie als demokratische Institution zu stärken. Hier liegt ein lohnendes Feld für künftige Forschung, die Agilität und demokratische Legitimation zusammendenkt.
Fazit
Der Sammelband bietet eine empirisch dichte Bestandsaufnahme agiler Verwaltungspraxis im deutschsprachigen Raum und zeigt, dass Agilität bestehende Strukturen nicht ersetzt, sondern kontextgebunden überlagert. Er gibt Forschenden, Führungskräften und Fachkräften der Sozialwirtschaft eine verlässliche Orientierungsgrundlage.
Quellenangaben
Bagehorn, J. und Edmaier, H. (2026). Bedürfnisorientiertes Service-Design – Agile Vorgehensweisen zur Unterstützung von Familien. In: Hegele, Y. und Stoll, A. (Hrsg.), Agiles Arbeiten im öffentlichen Sektor. Springer VS, S. 339–354.
Czarniawska, B. und Joerges, B. (1996). Travels of Ideas. In: Czarniawska, B. und Sevón, G. (Hrsg.), Translating Organizational Change. de Gruyter, S. 13–48.
Hegele, Y. und Stoll, A. (2026). Gesammelte Erkenntnisse zu Agilität im öffentlichen Sektor. In: dies. (Hrsg.), Agiles Arbeiten im öffentlichen Sektor. Springer VS, S. 355–376.
Kirklies, P.-C. und Neumann, O. (2026). Die Übersetzung von Agilität in die öffentliche Verwaltung: Kultur, Governance oder Methode? In: Hegele, Y. und Stoll, A. (Hrsg.), Agiles Arbeiten im öffentlichen Sektor. Springer VS, S. 41–65.
Kühler, J., Drathschmidt, N. und Großmann, D. (2026). Ich tue, also bin ich? Facetten und Auswirkungen von Agilität auf öffentliche Organisationen. In: Hegele, Y. und Stoll, A. (Hrsg.), Agiles Arbeiten im öffentlichen Sektor. Springer VS, S. 67–88.
Røvik, K. A. (2016). Knowledge Transfer as Translation: Review and Elements of an Instrumental Theory. International Journal of Management Reviews, 18(3), S. 290–310.
Weber, M. (1922). Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie. 5. rev. Aufl., besorgt von Johannes Winckelmann. Tübingen: Mohr Siebeck, 1972.
Literaturhinweise
Bogumil, J. und Jann, W. (2020). Verwaltung und Verwaltungswissenschaft in Deutschland. Eine Einführung. 3. Aufl. Springer VS. – Standardwerk zum institutionellen Kontext deutscher Verwaltung; liefert den Rahmen, in dem die Agilitätsbefunde des Bandes einzuordnen sind.
Brunsson, N. und Olsen, J. P. (1993). The Reforming Organization. Making Sense of Administrative Change. Routledge. – Klassische Analyse der Diskrepanz zwischen Reformrhetorik und Reformrealität in Organisationen; theoretischer Hintergrund für die Übersetzungsbefunde des Bandes.
Pollitt, C. und Bouckaert, G. (2017). Public Management Reform. A Comparative Analysis – Into the Age of Austerity. 4. Aufl. Oxford University Press. – Vergleichend angelegte Analyse von Verwaltungsreformen in OECD-Staaten; stellt die Agilitätswelle in die längere Geschichte der New-Public-Management-Debatte.
Rezension von
Dr. Viviane Vidot
Mailformular
Es gibt 2 Rezensionen von Viviane Vidot.





