Hans-Christoph Steinhausen: Psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen
Rezensiert von Wolfgang Schneider, 22.06.2026
Hans-Christoph Steinhausen:Psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen. Lehrbuch der Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie. Zusatzmaterialien online. Urban & Fischer in Elsevier (München, Jena) 2026. 10. Auflage. 726 Seiten. ISBN 978-3-437-21294-9. D: 126,00 EUR, A: 129,60 EUR, CH: 170,00 sFr.
Thema
Dieses Lehrbuch befasst sich umfassend mit dem Ziel, psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen zu verstehen und zu behandeln. Dazu greift es mit zahlreichen Abbildungen, Tabellen, Fragebögen, Tests und Therapieanleitungen auf die Betrachtung von normaler und abweichender Entwicklung, Definitionen, Klassifikationen und Epidemiologie sowie Diagnostik, Ätiologie, sämtlichen speziellen psychischen Störungen und Grundlagen der Therapie und Rehabilitation zurück. Die zehnte Auflage wurde vollständig überarbeitet, sodass sich in allen Kapiteln die wichtigsten neuen Forschungsbefunde widerspiegeln sowie die Definition und Klassifikation aller Störungsbilder nach ICD-10 und ICD-11 berücksichtigt wurde. Ein neu konzipiertes, erweitertes Kapitel zur Versorgung wurde ebenfalls eingefügt.
Autor
Prof. Dr. med. Dr. phil. Hans-Christoph Steinhausen ist Facharzt für Kinder‑ und Jugendpsychiatrie und ‑Psychotherapie, Klinischer Psychologe und Verhaltenstherapeut. Von 1987 bis 2008 war er Ordinarius für Kinder‑ und Jugendpsychiatrie an der Universität Zürich und Ärztlicher Direktor des Kinder‑ und Jugendpsychiatrischen Dienstes des Kantons Zürich, von 2008 bis 2016 Gründungsprofessor der Forschungseinheit für Kinder‑ und Jugendpsychiatrie am Psychiatrischen Krankenhaus Aalborg, Universitätskrankenhaus Aarhus (DK) (bis 2013) und Universitätskrankenhaus Aalborg (DK) (seit 2014), und er ist seit 2008 Titularprofessor an der Fakultät für Psychologie der Universität Basel (CH).
Aufbau & Inhalt
Drei inhaltliche Teile sowie ein Teil mit weiterführender Literatur und Anschriften, ein fast 200 Seiten starker Anhang und ein umfassendes Register bilden das Grundgerüst dieses Buches.
Grundlagen der Kinder‑ und Jugendpsychiatrie
Dieser erste Abschnitt untergliedert sich in vier Kapitel, die wichtige Basisinformationen zu normaler und abweichender Entwicklung, der Definition, Klassifikation und Epidemiologie psychischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen, der Ätiologie psychischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen sowie deren Diagnostik legen. Exemplarisch sei an dieser Stelle ein Blick in Kapitel 3 geworfen, das sich mit der Entstehung – fachlich Ätiologie – psychischer Erkrankungen bei Minderjährigen beschäftigt. Schon zum Einstieg wird deutlich, dass es die eine Erklärung dafür nicht gibt, sondern zahlreiche Faktoren zu berücksichtigen sind, die auf unterschiedlichen Ebenen Einfluss nehmen. Mittels eines biopsychosozialen Ansatzes wird dies nun erklärt, wobei deutlich wird, dass nicht alle Krankheitsbilder bis ins letzte Teil zu ihren Entstehungswurzeln zurück verfolgt werden können. Was ebenfalls klar wird: Die „Entwicklung von Auffälligkeiten [ist] mehrheitlich durch Wechselwirkungen mehrerer Faktoren bedingt“ (S. 41), was an dieser Stelle grafisch untermauert wird. Vier Faktoren bilden in einem biopsychosozialen Wechselspiel, wie Steinhausen es nennt, die Grundlage und stehen in Wechselwirkung zueinander: Risikofaktoren, Vulnerabilitätsfaktoren, kompensatorische Faktoren und Schutzfaktoren, die sowohl aus dem Innen als auch dem Außen des Menschen kommen. Die ersten beiden Faktoren benötigen zum Wirken immer belastende Ereignisse oder Bedingungen wie zum Beispiel ein Aufwachsen in einem unsicheren Umfeld. Aber auch genetische Prädispositionen sind hier von Bedeutung: „Die konstitutionellen Bedingungen des Geschlechts und des Temperaments sind wichtige Determinanten psychischer Störungen. Abweichende Hirnfunktionen sowie körperliche Krankheiten beeinflussen die Entwicklung psychischer Störungen deutlich“ (S. 43). In der Folge werden neben den biologischen auch die psychosozialen und soziokulturellen Risikofaktoren näher beschrieben, aber auch potenziell belastende und auslösende Lebensereignisse und situative Risikofaktoren vorgestellt. Ein Blick auf Schutzfaktoren und Resilienz runden das dritte Kapitel ab, bevor im vierten Kapitel dann die Diagnostik im Vordergrund steht.
Spezielle Kinder‑ und Jugendpsychiatrie
19 Themenblöcke führen hier in konkrete Krankheits‑ und Störungsbilder ein: Von der Geistigen Behinderung, das Autismus-Spektrum und die Schizophrenie geht es weiter zu Hirnstörungen, ADHS, Bewegungs‑ und Lernstörungen. In der Folge werden Angststörungen, Affektive Störungen, Zwangsspektrumstörungen, Belastungs‑ und Anpassungsstörungen, Psychische Störungen mit körperlicher Symptomatik, Psychische Störungen und Faktoren bei chronischen somatischen Krankheiten und Behinderungen, Disruptives Verhalten und dissoziale Störungen, Störungen durch Substanzgebrauch und Verhaltenssüchte, Deprivationsstörungen, Persönlichkeitsstörungen und Störungen der Impulskontrolle, Geschlechtsinkongruenz und sexuelle Störungen sowie abschließend Suizidalität betrachtet. Alle Bereiche in dieser Rezension vorzustellen, würde zwangsläufig den Rahmen sprengen, sodass hier exemplarisch auf Kapitel 19 Disruptives Verhalten und dissoziale Störungen näher eingegangen werden soll.
Dazu ist wichtig zu wissen, dass es sich dabei um die zweithäufigste Diagnose im kinder‑ und jugendpsychiatrischen Bereich handelt, landläufig bekannt als Störung des Sozialverhaltens. Gemeint sind Verhaltensweisen, durch die altersgemäße Normen, Regeln und/oder Rechte anderer beeinträchtigt werden, die also als antisozial gelten. Das alles führt dazu, dass gerade diese Krankheitsbilder für einen hohen Bedarf an Vernetzung sorgen aufgrund vielfältiger Berührungspunkte durch konkrete Handlungsweisen mit zum Beispiel Polizei, Jugendhilfe oder Schule. Klar ist damit aber auch, dass eine einfache Behandlung durch Therapie oder gar Medikamente nicht die Lösung des Problems ist, zumal ein gewisser Grad an oppositionellem Verhalten bis zur Adoleszenz zur menschlichen Entwicklung dazugehört. Deutlich wird, dass eine Diagnose aus diesem Spektrum keineswegs den antisozialen und kriminellen Weg im späteren Leben vorzeichnet, sondern sich in der Regel sozusagen verwächst. Was aber empirisch gut belegt ist: „Allgemein steigt das Risiko für eine persistierende Delinquenz und Kriminalität mit der Intensität aggressiv-dissozialen Verhaltens im Kindesalter. Langzeituntersuchungen haben gezeigt, dass aggressiv-dissoziales Verhalten im Kindesalter bei mehr als einem Viertel der Fälle in dissoziale Persönlichkeitsstörungen und Entwicklungen im Erwachsenenalter überging.“ (S: 333). Im Anhang finden sich hilfreiche Materialien zur Selbst‑ und Fremdbeurteilung unter anderem.
Therapie und Rehabilitation
Den Inhaltlichen Abschluss bildet dieser Teil, der sich in die Kapitel Psychotherapie, Verhaltenstherapie, Familientherapie, Psychopharmakotherapie, Funktionelle Therapien und Versorgung untergliedert. Da Letzteres einer umfassenden Veränderung in dieser Auflage unterworfen ist, soll es hier näher betrachtet werden. Neben der klassischen Angeboten der stationären, tagesklinischen und ambulanten Behandlung werden auch digitale Interventionen vorgestellt. „Hierzu zählen im Bereich der klinischen Versorgungsträger zunächst die Tele-Psychiatrie und stärker von der direkten personalen Begleitung abgekoppelt die internet-basierten Trainings‑ und Therapieprogramme, die auch über spezielle Apps umgesetzt werden“ (S. 477). Der Vorteil daran, so Steinhausen, ist die verhältnismäßig kostenneutrale Herstellung einer Verbindung zwischen Medizin und der konkreten Lebenswelt der jungen Menschen, wovon durch die verhältnismäßige Niederschwelligkeit auch die Jugendhilfe profitieren kann. Interventionen sind zeitnaher möglich. Außerdem lassen sich so Aspekte der Selbsthilfe wesentlich stärker umsetzen, wenn konkrete Apps eingesetzt werden. Aber auch die Risiken werden klar benannt: die Speicherung von Daten, aber „möglicherweise auch schädliche oder irreführende Inhalte, die sich über unkontrollierte Medien mit primär kommerziellen Interessen und soziale Einflussnahme im Internet durch fachlich inkompetente Influencer in problematischer Weise ausbreiten können“ (S. 477).
Diskussion
40 Jahre ist es her, dass die Erstauflage dieses Klassikers erschienen ist. Generationen von Fachärzt:innen haben damit erste Schritte unternommen, sich weitergebildet und Informationen nachgeschlagen. Akzente setzt das Buch sowohl in gedruckter als auch digitaler Form nicht bloß aufgrund seines Umfangs, seiner Darstellungsformen und des immensen Wissensschatzes, den es vermittelt, sondern auch wegen der Art und Weise, wie Hans-Christoph Steinhausen schreibt: Evidenzbasierung aller Inhalte, Übersetzung wissenschaftlicher Befunde der Forschung in die klinische Praxis und Anleitung für die praktische Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und ihren Familien. Auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft und mit einer wirklich beeindruckenden didaktischen Aufbereitung entsteht so ein Werk mit enorm hoher Praxisrelevanz inklusive eines starken theoretischen Unterbaus. Für die diagnostische und therapeutische Arbeit ist es damit unverzichtbar, aber auch für angrenzende Professionen sicherlich ein Gewinn.
Fazit
Wer dieses Lehrbuch nutzt, der ist perfekt ausgestattet, um sich ein breites Wissen rund um psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen anzueignen.
Rezension von
Wolfgang Schneider
Sozialarbeiter
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