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Jochen Peichl: Grandiosität und Bescheidenheit - die zwei Gesichter des Narzissmus

Rezensiert von Dipl. Soz.-Arb. Annegret Sirringhaus-Bünder, 18.05.2026

Cover Jochen Peichl: Grandiosität und Bescheidenheit - die zwei Gesichter des Narzissmus ISBN 978-3-8497-0616-6

Jochen Peichl: Grandiosität und Bescheidenheit - die zwei Gesichter des Narzissmus. Ein hypnosystemisches Teilemodell. Carl-Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2025. 221 Seiten. ISBN 978-3-8497-0616-6. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR.
Themenreihe "Teile-Arbeit".

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Thema

Nach eigenen Angaben des Autors ist dieses Buch „kein Selbsthilfebuch, kein Narzissten-Bashing-Buch, keine Kampfschrift gegen unmögliche Männer“! Stattdessen will er mit diesem Buch „darüber nachdenken, warum wir alle manchmal auf der einen Seite kühl, distanziert, egoistisch und arrogant sind (…) und dann wieder schlecht abgegrenzt sind, nicht Nein sagen können und immer damit beschäftigt sind, wie die andern uns finden – so echte ‚Ja-Sager‘ und ‚Gutmenschen‘“ (S. 11).

Autor

Dr. Jochen Peichl ist Facharzt für Psychotherapie und Psychosomatische Medizin, Psychiatrie und Neurologie mit Weiterbildungen als Psychoanalytiker, Psychodrama‑ und Gruppentherapeut, in EMDR-Therapie, Ego-State-Therapie und Hypnotherapie. Nach Stationen als Leiter der Schlaf‑ und Traumaforschung der Abteilung für Psychosomatik an der Universität München und als Oberarzt in der Klinik für Psychotherapie am Klinikum Nürnberg ist er heute als Trainer für Ego-State‑ und Traumatherapie tätig. Gründer und Leiter des Instituts für hypnoanalytische Teilearbeit und Ego-State-Therapie. Zahlreiche Publikationen.

Aufbau

Das vorliegende Buch ist gegliedert nach einer Art Vorwort, überschrieben „Warum es auch gut ist, ein Narzisst zu sein“, einer Einführung „Die systemische Sicht erweitern“, in 4 Teile mit insgesamt siebzehn Kapiteln, einem Schlusswort „Zum guten Ende“, einem Literaturverzeichnis und Angaben über den Autor.

Inhalt

In Teil 1 beschreibt der Autor in Kapitel 1 unter dem Aspekt: „Narzissmus als Problem“ Definitionen und Sichtweisen des Narzissmus aus der Perspektive verschiedener theoretischer Konzepte, wie z.B. der Taxonomie Millons, dem exhibitionistischen und heimlichen Narzissmus bei James Masterson, der narzisstischen Persönlichkeitsstörung und den drei Subtypen der narzisstischen Persönlichkeitsstörung nach Eric Russ. Er beschreibt dann in Kapitel 2 Narziss und Echo im griechischen Mythos als die Unmöglichkeit einer Liebe und bezieht sich dabei auf den Narziss-Mythos bei Ovid, den Spruch des Teiresias und den Narziss-Mythos aus einer traumatherapeutischen Sicht (S. 35 ff.). In Kapitel 3 geht es um den „guten“ und „schlechten“ Narzissmus, das Alternativmodell der Persönlichkeitsstörungen im DSM-5, um Selbstachtung versus narzisstische Not, um Selbstliebe-Selbstachtung-Selbstwert und gesunde Selbstliebe sowie Selbstwertschätzung als Kontinuum, um dann in Kapitel 4 Craig Malkins Selbstwertkontinuum als Spanne von gesundem Selbstbewusstsein bis zum pathologischen Narzissmus zu beschreiben. Stichworte sind hier: Selbstliebe zwischen Selbstüberschätzung und Selbstwertunterschätzung sowie Besonders sein. In Kapitel 5 geht es unter dem Aspekt von Verträglichkeit um die Frage: „Haben Sie ein angenehmes Wesen?“ (S. 61 ff.) Peichl bezieht sich hier auf die Hauptdimensionen der Persönlichkeit, das „Fünf-Faktoren-Modell (FFM) der Persönlichkeitspsychologie“: Neurotizismus, Extraversion, Offenheit für Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit und Verträglichkeit und beschreibt dabei, sich wiederum auf Malkins beziehend, typische Verhaltensweisen auf beiden Seiten des Selbstwertkontinuums und wie sich diese auf der Bühne des Lebens zeigen! In Kapitel 6 geht es um die sog. zwei Gesichter des Narzissmus, beginnend mit einer Erinnerung an das Konzept von Russ, dann Grandiosität und Bescheidenheit als die Pole narzisstischer Persönlichkeitszüge, einmal als der selbstzentrierte Typus mit offenen narzisstischen Persönlichkeitszügen bzw. der selbstlose Typus mit verdeckten narzisstischen Persönlichkeitszügen. Es folgen die Gemeinsamkeiten und Unterschiede beider Seiten, die Erweiterung des Selbstwertkontinuums sowie Depression als Form des verdeckten Narzissmus.

In Teil 2 beschreibt Peichl Narzissmus als Lösung und Auswirkung problematischen Erziehungsverhaltens von Eltern. Mit Rückgriff auf die Bindungstheorie geht es in Kapitel 7 um die Entstehung der beiden Gesichter des Narzissmus in der Kindheit. Zum einen als Auswirkungen eines verwöhnenden Erziehungsstils, bei dem Kinder „verhätschelt“ werden, aber gleichzeitig hohe Erwartungen der Eltern an sie gestellt sind, oder aber eines vernachlässigenden Erziehungsstils, bei dem die grundlegenden Bedürfnisse von Kindern nach Versorgung, Sicherheit, Bindung usw. nicht befriedigt werden (S. 86 ff.). In Kapitel 8 beschreibt er dann Narzissmus als hochkompetente und kreative Form der Selbstwertregulation bei einer Erziehung, die die Entwicklung eines gesunden Selbstwertes des Kindes erschwert, um dann in Kapitel 9 noch einmal auf das elterliche Erziehungsverhalten zurückzukommen, welches den Ichbezogenheits-Narzissmus und Selbstlosigkeits-Narzissmus hervorbringt.

In Teil 3 stellt Peichl in Kapitel 10 das Ego-State-Modell zuerst in seiner klassischen Form vor, um dann dies in Kapitel 11 aus einer neurokonstruktivistischen Sicht zu kritisieren. Er beschreibt, wie vernetzte Muster und Vorhersagemodelle durch musterbildende Prozesse im Gehirn entstehen. Persönlichkeit versteht er demnach als eine dynamische, neuronale Konstruktion, die entsteht, indem das Gehirn durch Lernen und Erfahrung kognitive und emotionale Schemata entwickelt, die im Laufe der Zeit reifen. „Je nach Kontext, in den ein Mensch gerät, (…) wird ein bestimmtes Muster stärker aktiviert.“ (S. 137) Dies greift er in Kapitel 12 erneut auf, indem er Persönlichkeit als „keine feste Struktur im Gehirn, sondern (als) ein sich ständig anpassendes Muster aus Erfahrungen, Konzepten und Vorhersagen“ definiert (S. 139). Traumata oder intensive Erfahrungen können eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung hemmen oder blockieren. Er beschreibt die Entwicklung des sog. narrativen Selbst aus den frühen, nonverbalen Interaktionen zwischen Säugling und Bezugsperson über die Entwicklung einfacher symbolischer und verbaler Geschichten des Selbst bis zu der Ausreifung des autobiografischen Gedächtnisses, das sich wiederum durch neue Erfahrungen (Umschreibung bisheriger erzählter Geschichten über mich selbst!) verändern lässt. Es folgt ein Ausflug in die Philosophie, „warum Menschen Narrative nutzen, um ihrem Leben Bedeutung zu geben.“ (S. 147).

In Teil 4 geht es schließlich um Überlegungen für die Praxis: Die narzisstische Wunde heilen. In den folgenden Kapiteln 13–16 wiederholen sich zu großem Teil die Überlegungen früherer Kapitel unter dem Aspekt, um welche Art der Lösung es sich bei den jeweils verschiedenen narzisstischen Verhaltensweisen handelt – letztendlich als Wege, um Unsicherheit zu bewältigen. In Kapitel 16 beschreibt Peichl, hier Goffman folgend, das Theater als Modell für die soziale Welt mit verschiedenen Bereichen, die näher oder entfernter zur Außenwelt sind und auf der die Selbstanteile mit der äußeren Welt mehr oder weniger deutlicher interagieren. Es folgt eine Übung zur Erstellung einer inneren Landkarte, mit deren Hilfe eine Landkarte 2. Ordnung erstellt werden kann, die die bespielten Bereiche der Bühne kennzeichnet, um danach noch einmal auf die innere Bühne des offenen und verdeckten Narzissten zurückzukommen. In Kapitel 17 geht es unter der Überschrift „Die narzisstische Wunde heilen“ um die persönliche Ermutigung der Leser:innen, sich der Bedeutung früherer Erfahrungen für die Gegenwart, einschließlich der daraus entstandenen Problemkonstruktionen, bewusst zu werden. Ein kleiner Katalog von 5 Schritten soll am Ende helfen, die eigene narzisstische Wunde zu versorgen.

Diskussion

Das Buch ist im Großen und Ganzen verständlich geschrieben. Es gibt in Teil 1 und 2 einen Überblick über die wesentlichen theoretischen Konzepte zum Verständnis narzisstischer Störungen. Auch die Kapitel über die Ego-State-Therapie tragen zu diesem Verständnis bei.

Dieser Teil des Buches ist gleichzeitig hilfreich für die Diagnostik narzisstischer Störungen. Eine Erweiterung des „herkömmlichen“ Verständnisses von Narzissmus ist die Definition und Beschreibung des „verdeckten“ Narzissmus, der sich z.B. in extremer Bescheidenheit bis hin zu Selbstverleugnung zeigen kann. Ein Verdienst dieses Buches ist es sicher auch, ein tieferes Verständnis für die große psychische Not von Menschen, die narzisstische Verhaltensweisen zeigen, zu vermitteln. Wenn es um die konkrete Umsetzung in die therapeutische/​beraterische Praxis geht, sind die Hinweise des Autors allerdings äußerst sparsam. Die wenigen Beispiele dienen eher der Illustration eines bzw. seines theoretischen Verständnisses. Hinweise zum therapeutisch/​beraterischen Umgang mit Menschen, die die eine oder andere Variante narzisstischer Störungen zeigen, können sich erfahrene Therapeut:innen oder Berater:innen ggf. aus seinen Hinweisen zu seinem Verständnis der Ego-State-Therapie erschließen – oder sich ggf. weitere Bücher des Autors besorgen bzw. seine Seminare besuchen. Das wäre dann eine geschickte Vermarktungsstrategie!

Im letzten Kapitel, wenn man als Leser:in schon gespannt auf Praxis-Hinweise gewartet hat, wird das Buch durch die Beschreibung der 5 empfohlenen Schritte zur Selbstreflexion dann doch noch zu einer Art Selbsthilfebuch, für das aber wiederum der differenzierte theoretische Teil nicht erforderlich gewesen wäre! Eigentlich ist mit dem Titel des Buches schon fast alles gesagt: Es geht darum, Narzissmus als Pole auf einem Verhaltenskontinuum zwischen grandioser Selbstüberschätzung und die eigenen Bedürfnisse verleugnender Bescheidenheit zu verstehen – und dies auf dem Hintergrund der frühkindlichen Bindungsproblematik. Dieses Grundverständnis wiederholt sich ebenso wie viele der theoretischen Aspekte immer wieder im Verlauf des Textes, was das Lesen teilweise etwas langatmig macht.

Unklar bleibt, an wen dieses Buch eigentlich gerichtet ist. Die ersten 3 Teile könnten interessant sein für Studierende der Psychologie, die zu dem Phänomen „Narzissmus“ eine kompakte theoretische Zusammenfassung suchen. Wer sich in Ausbildung zur Psychotherapie oder Beratung befindet, wird sich auch für die Darstellung und kritische Weiterführung der Ego-State-Therapie interessieren. Das letzte Kapitel dient, wie bereits gesagt, der Selbstreflexion. Und lässt die Lesenden in Bezug auf die Umsetzung in die Praxis mit dem Gedanken zurück: „Ok., und das war’s jetzt?“

Fazit

Der Autor beschreibt das Phänomen des Narzissmus aus verschiedenen theoretischen Perspektiven. Er versteht narzisstische Verhaltensweisen als Pole auf einem Verhaltenskontinuum zwischen Grandiosität, definiert als eine völlig übersteigerte Selbsteinschätzung, und einer Bescheidenheit, die die eigenen Bedürfnisse verleugnet. Der Autor nutzt die Ego-State-Therapie sowohl als Erklärungsmodell als auch als Konzept für die Arbeit mit Menschen, die narzisstische Persönlichkeitsstörungen zeigen.

Rezension von
Dipl. Soz.-Arb. Annegret Sirringhaus-Bünder
Dpl. Sozialarbeiterin, Supervisorin (DGSF), Lehrende für systemische Beratung und –Therapie (DGSF), MarteMeo-Licensed Supervisor, freie Praxis für Fort- und Weiterbildung, Supervision und Coaching, Einzel-, Paar-, und Familienberatung in Brühl /Rhld.
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Es gibt 17 Rezensionen von Annegret Sirringhaus-Bünder.

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ISSN 2190-9245