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Marcel Lewandowsky: Die globale Rechte

Rezensiert von Maximilian Kreter, 06.02.2026

Cover Marcel Lewandowsky: Die globale Rechte ISBN 978-3-406-83018-1

Marcel Lewandowsky: Die globale Rechte. Geschichte, Erfolgsbedingungen, Auswirkungen. Verlag C.H. Beck (München) 2025. 143 Seiten. ISBN 978-3-406-83018-1. 12,00 EUR.
Reihe: C.H. Beck Wissen - 2958.

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Autor

Marcel Lewandowsky ist Professor für Regierungslehre und Policyforschung an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Seine Forschungsschwerpunkte bilden die vergleichende Parteien-, Populismus- und Extremismusforschung.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in eine Einleitung und sechs Kapitel unterteilt: Das Werk ist dabei stark durch das Format der „Reihe C. H. BECK Wissen“ geprägt, das „gesichertes Wissen und konzentrierte Information […] [durch] anerkannte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler [vermittelt], die ihr Fach souverän beherrschen und darüber hinaus in der Lage sind, die wesentlichen Themen und Fragestellungen verständlich darzustellen“.

In der Einleitung spannt Lewandowsky den historischen Bogen der Entwicklung der „globalen Rechten“ vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis in die Gegenwart. Dabei greift er problemorientiert den außerhalb der Wissenschaft häufig unreflektierten Gebrauch verschiedener Begrifflichkeiten für die Akteurs- und Parteienfamilie und die vereinfachte Interpretation des Aufstiegs der „globalen Rechten“ als „Renaissance des Faschismus“ (8) als zentrale Ausgangspunkte des Buchs auf.

Daran schließt der Autor im ersten Kapitel mit einer systematischen Erläuterung der konstitutiven inhaltlichen Dimensionen dessen, wie der Begriff „rechts“ zu verstehen ist, an. Daraus führt er zu den gebräuchlichsten Begriffen für die terminologische Erfassung dieser Inhalte: Populismus, Radikalismus und Extremismus. Der Autor zeigt, dass diese Phänomene häufig miteinander verschränkt auftreten, analytisch jedoch getrennt werden müssen, um Fehlklassifikationen zu vermeiden. Diese Differenzierung ermöglicht eine präzisere Einordnung politischer Akteure und bildet die Grundlage für die empirischen Analysen des Buchs.

Im zweiten Kapitel widmet sich Lewandowsky den historischen Wurzeln der extremen Rechten und ihrem Weg zur „neuen Rechten“ (37). Er rekonstruiert ihre ideengeschichtlichen Bezüge zur Konservativen Revolution der Zwischenkriegszeit und beschreibt zentrale metapolitische Strategien. Dazu zählen Sprachpolitik, kulturelle Interventionen und der Versuch, gesellschaftliche Deutungsrahmen langfristig zu verschieben. Die Neue Rechte erscheint nicht als geschlossene Organisation, sondern als intellektuelles Netzwerk und Teil einer Bewegung der globalen Rechten. Dieses Netzwerk zielt auf kulturelle Hegemonie und entfaltet damit indirekt politische Wirkungen, die Akteure der rechtsextremen Bewegung langfristig für sich nutzen können, wenn sich gesellschaftliche Diskurse in die von ihnen gewünschte Richtung verschieben.

Das dritte und vierte Kapitel knüpfen unmittelbar bei den Akteuren der Bewegung der globalen Rechten an. Zunächst beschreibt er die Vielfalt der Akteure, die von Neonazikameradschaften, über Thinktanks, digitalen Einzelaktivisten auf bestimmten Plattformen bis hin zu Parteien. Nach der Beschreibung der Akteurstypen und ihrer „natürlichen“ Umgebungen, nimmt Lewandowsky einen Vergleich der Entwicklung in den Bewegungen in unterschiedlichen Ländern und Weltregionen (abgesehen von Ozeanien und Australien) vor. Er kann mithilfe dieses Vergleichs zeigen, dass trotz erheblicher nationaler und kontinentaler Unterschiede wiederkehrende Muster in Programmatik, Mobilisierung und Kommunikation bestehen. Dazu gehören die Instrumentalisierung migrationspolitischer Konflikte, die Delegitimierung politischer Institutionen und der strategische Einsatz digitaler Medien. Der Vergleich zeigt, dass die globale Rechte keine homogene Bewegung darstellt, jedoch durch ähnliche Diskursstrategien und Feindbilder transnational verbunden ist. Ähnlich verhält es sich mit den Faktoren, die den Erfolg rechter Parteien begünstigen. Neben individuellen Einstellungen wie Unsicherheits- und Kontrollverlusten berücksichtigt er strukturelle Bedingungen wie ökonomische Prekarität, regionale Ungleichheit und institutionelles Misstrauen.

Im fünften Kapitel widmet sich der Autor den Auswirkungen des Erfolgs und den damit schnellen durchsetzbaren politischen Zielvorstellungen der globalen Rechten. Er legt dabei seinen Fokus auf Justiz, Medien und Gesellschaft. Diese Durchsetzung folgt dabei stets einem mehrschrittigen Verfahren, das bei der Justiz mit dem der „Delegitimierung der Justiz durch Gleichsetzung mit dem ‚Establishment‘ beginnt, sich mit dem „Rückbau der Kompetenzen des Verfassungsgerichtes“ und der „Besetzung des Verfassungsgerichtes mit Loyalisten“ fortsetzt und in der Übernahme der „direkte[n] Kontrolle der Justiz durch Regierungsbehörden“ (96) mündet. Ähnlich Mechanismen der Delegitimierung und anschließende Kontrollübernahme beziehungsweise Kontrollmechanismen lassen sich im Bereich der Medien und der Gesellschaft konstatieren. Zudem zeigt er auf, wie diese Prozesse durch extremistische Gewalt und Terrorismus begleitet und beschleunigt werden können. Abschließend skizziert er Strategien wie der Aufstieg wirksam gebremst werden kann.

Im abschließenden Kapitel reflektiert Lewandowsky mögliche demokratische Reaktionen auf den Aufstieg der globalen Rechten. Er warnt vor alarmistischen Überreaktionen ebenso wie vor einer schleichenden Normalisierung autoritärer Positionen. Demokratische Resilienz entsteht demnach durch stabile Institutionen, politische Bildung und soziale Integration. Der Ausblick bleibt vorsichtig optimistisch: Historische und empirische Befunde deuten darauf hin, dass autoritäre Regime und Bewegungen langfristig instabil sind, auch wenn ihre kurzfristige Attraktivität nicht unterschätzt werden darf.

Diskussion

Die zentralen Stärken des Buchs liegen in seiner analytischen Nüchternheit und der verständlichen Verdichtung von Informationen eines komplexen Themas. Lewandowsky vermeidet moralische Überhöhungen ebenso wie relativierende Verharmlosungen und entwickelt stattdessen ein präzises Instrumentarium zur Analyse rechter Akteure. Die klare begriffliche Trennung von Populismus, Radikalismus und Extremismus trägt wesentlich dazu bei, politische Phänomene differenziert zu erfassen und Gleichsetzungen zu vermeiden. Gerade in einem politisch polarisierten Diskurs stellt diese Trennschärfe einen wichtigen Beitrag zur Versachlichung von Debatten dar.

Überzeugend ist zudem die Verbindung von ideologischer Analyse und vergleichender Empirie. Die Konzeption der globalen Rechten als „Mosaik“ macht sichtbar, wie unterschiedliche nationale Konstellationen mit gemeinsamen ideologischen Kernen verschränkt sind. Dadurch wird der transnationale Charakter rechter Bewegungen erklärbar, ohne deren interne Heterogenität zu nivellieren. Gleichzeitig zeigt das Buch, dass internationale Vernetzung weniger durch formale Organisation als durch geteilte Narrative und Deutungsmuster getragen wird.

Inhaltlich ausbaufähig bleibt die bewusst begrenzte theoretische Vertiefung. Fragen nach inneren Spannungen rechter Ideologien – etwa zwischen autoritärem Traditionalismus und neoliberaler Modernisierung oder zwischen Nationalismus und globaler Vernetzung – werden zwar angesprochen, aber wenig systematisch ausgearbeitet, was insbesondere dem stark begrenzten Umfang geschuldet ist.

„Die globale Rechte“ ist ein klar strukturiertes, empirisch fundiertes und analytisch differenziertes Überblickswerk zu einem der zentralen politischen Phänomene der Gegenwart. Lewandowsky gelingt es, die Vielfalt rechter Akteure und Ideologien sichtbar zu machen, ohne ihren gemeinsamen antidemokratischen Kern aus dem Blick zu verlieren. Der bewusste Verzicht auf alarmistische Zuspitzungen erhöht den analytischen Gehalt des Buchs und ermöglicht eine sachliche Auseinandersetzung mit der globalen Rechten. 

Fazit

Der besondere Wert des Werkes liegt in seiner Balance zwischen wissenschaftlicher Präzision und öffentlicher Verständlichkeit. Es eignet sich sowohl für Studium und Lehre als auch für die politische Bildung und journalistische Kontexte. Insgesamt wird Marcel Lewandowsky dem Anspruch der „Reihe C. H. BECK Wissen“ mehr als gerecht indem es ihm gelingt, auf gerade einmal 143 Seiten im 12x19cm-Format die zentralen Erkenntnisse der Forschung über die globale Rechte sehr verständlich zu vermitteln.

Rezension von
Maximilian Kreter
Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung e.V. in Dresden
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Es gibt 2 Rezensionen von Maximilian Kreter.

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ISSN 2190-9245