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Manfred G. Schmidt: Sozialpolitik in Deutschland

Rezensiert von Prof. Dr. Walter Wangler, 02.12.2006

Cover Manfred G. Schmidt: Sozialpolitik in Deutschland ISBN 978-3-531-14880-9

Manfred G. Schmidt: Sozialpolitik in Deutschland. Historische Entwicklung und internationaler Vergleich. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2005. 3., vollst. überarbeitete und erweiterte Auflage. 329 Seiten. ISBN 978-3-531-14880-9. 21,90 EUR.
Reihe: Grundwissen Politik - Band 2
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Aufbau und Inhalt

Das bereits in dritter Auflage vorliegende Werk - angesichts einer Materie, die sich dauernd verändert, keineswegs üblich und schon deshalb ein gewisses Qualitätsmerkmal - des Professors für Politische Wissenschaft an der Universität Hamburg ist in drei Teile gegliedert.

  1. Teil I erläutert die Entwicklung der Sozialpolitik in Deutschland - von den Bismarckschen Anfängen Ausgang des neunzehnten bis "zum frühen 21. Jahrhundert" (eine originelle Umschreibung der paar Jährchen seit der Jahrtausendwende!). Kenntnisreich und sich auf das Wesentliche beschränkend werden die Struktur, die Determinanten und die Trends eines Politikbereichs beschrieben, der hierzulande seit 123 Jahren zumindest bestrebt ist, zum sozialen Frieden beizutragen - auch wenn er, verstärkt in den letzten Jahrzehnten, eher für sozialen Zündstoff sorgt.
    In verständlicher Sprache wird dem Leser die wechselvolle Geschichte der lange Zeit stets nur wachsenden, gelegentlich auch ausufernden deutschen Sozialpolitik nahe gebracht. Auch die Sozialpolitik der nationalsozialistischen Zeit und die Sozialpolitik der DDR werden behandelt. Für die Zukunft empfiehlt der Autor, sich von jeglicher "Gefälligkeitspolitik" zu verabschieden, betont aber auch die geringe "Rückbauelastizität"  des Systems.   
  2. Teil II enthält "Historisch und international vergleichende Analysen". In diesem Abschnitt geht der Verfasser den Gründen nach, weshalb die sozialen Sicherungssysteme in den wirtschaftlich starken Ländern zu so unterschiedlichen Zeitpunkten installiert wurden und warum sie sich in Qualität und Quantität teilweise doch recht deutlich unterscheiden. Zumindest dann, wenn der Autor dabei auf den "Pionier" Deutschland zu sprechen kommt, sind Überschneidungen mit dem ersten Teil unübersehbar. Warum er die Darstellung der "Drei-Säulen-Theorie" (Sozialversicherung, Fürsorge, Versorgung) in diesen Teil packt und nicht in Teil I, ist nicht recht nachvollziehbar, auch hätten  die "Pioniere" dieser Theorie, Bogs und Wannagat, sicherlich eine Erwähnung verdient gehabt.
  3. In Teil III - "Politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Wirkungen der Sozialpolitik" -macht Schmidt klar, wie unverzichtbar die Sozialpolitik für eine moderne Demokratie ist - auch wenn Modifizierungen und auch Revisionen angesichts der globalen Bedrohungsszenarien unumgänglich sind. Trotz aller Erschwernisse ist die Sozialpolitik "für jede liberale Demokratie eine Existenzvoraussetzung und eine entscheidende Grundlage für ihre Legitimität".

Diskussion

Insoweit Schmidt in seinem Buch eigene Gedanken vorträgt und ausbreitet, ist die Darstellung klar, einfach und verständlich. Sobald er jedoch, vorwiegend in Teil II, Ideenkonstruktionen von anderen Autoren vorstellt, die er, aus gelegentlich unerfindlichen Gründen, für bedeutsam hält, verliert die Darstellung an Aussagekraft. Schlichteste Sachverhalte mutieren zu Sprachungetümen - "Parteiendifferenzthese", "Machtressourcenschule", "gegenmajoritäre Begrenzungen", "Vetospieler- und Mitregentendichte", "Dekommodifizierung", "Konzertierungs- und Konsensus-Mechanismus" usw. usf. - allesamt bombastische Umschreibungen von meist recht einfachen Gegebenheiten und Zusammenhängen. "Konsensusdemokratie" ist auch ein solcher neumodischer, sinnfreier und deshalb entbehrlicher Begriff. 

Schmidt stößt bei den fundamentalen Kritikern der modernen Sozialpolitik auf überraschende Seelen- und Ideenverwandtschaften. "Unübersehbar sind die Parallelen zwischen der von liberalen Theoretikern favorisierten These, wonach die Sozialpolitik die Freiheit unterminiere, und der von der progressiven Kritik entwickelten Lehre der "Kolonisierung der Lebenswelt". Westerwelle und Habermas - vielleicht ein Hoffnungsschimmer (oder Menetekel) für zukünftige Politikbündnisse?

Fazit

Trotz der kritischen Einwände: das vorliegende Buch zählt zu den herausragenden sozialpolitischen Publikationen und ist sowohl als (gehobene) Einführung als auch als weiterführende Lektüre insbesondere für denjenigen geeignet, der sich für theoretische und international vergleichende Sozialpolitik interessiert.

Rezension von
Prof. Dr. Walter Wangler
Fachhochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
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Es gibt 31 Rezensionen von Walter Wangler.

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Zitiervorschlag
Walter Wangler. Rezension vom 02.12.2006 zu: Manfred G. Schmidt: Sozialpolitik in Deutschland. Historische Entwicklung und internationaler Vergleich. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2005. 3., vollst. überarbeitete und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-531-14880-9. Reihe: Grundwissen Politik - Band 2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3426.php, Datum des Zugriffs 08.08.2022.


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