Simone Pfeffer: Identitätsbildung in der Gegenwartsgesellschaft
Rezensiert von Prof. Dr. Johannes Bach, 20.04.2026
Simone Pfeffer: Identitätsbildung in der Gegenwartsgesellschaft. Grundlagen für soziale Berufe. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2026. 143 Seiten. ISBN 978-3-17-041915-5. 29,00 EUR.
Thema
Im Buch wird nach Angaben der Autorin darauf abgezielt, mit einer inhaltlich gerafften Darstellung von Identitätstheorien und von ausgewählten soziologischen Zeitdiagnosen einen Beitrag dazu zu leisten, dass insbesondere professionell Tätige in sozialen Berufen ihre Wissensbestände erweitern und vertiefen. Dieses Wissen zu unterschiedlichen Aspekten von Identität und Selbst und die Sicht auf verschiedene Erklärungsstränge von gesellschaftlichen Entwicklungen sollen somit als Denkwerkzeug dienen, um ein besseres Verständnis der komplexen Bedingungslagen des alltäglichen Lebens zu erlangen. Die Autorin will somit keine (simplen) Lösungen für die aktuellen komplexen gesellschaftliche Problemlagen liefern, sondern den Blick erweitern und hiermit Ansatzpunkte für professionelles Handeln und gegenseitige Unterstützung entstehen lassen.
Autorin
Prof. Dr. Simone Pfeffer ist Professorin für Soziologie in der Sozialen Arbeit an der Technischen Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm.
Aufbau
Das Buch ist untergliedert in eine Einführung und vier Abschnitte. In Kapitel 2 werden gewissermaßen als Grundlage und Basis des Buches Konzeptionen und zentrale Aspekte von Identität referiert. Anschließend werden in Kapitel 3 ausgewählte „zeitdiagnostische Ansätze“, welche die aktuellen Lebensbedingungen und deren Hintergründe beschreiben, vorgestellt. Im vierten Kapitel fokussiert die Autorin auf die zentralen Linien, welche die aktuelle Gesellschaft prägen und stellt Herausforderungen für die Identitätsarbeit in der Spätmoderne dar. Abgerundet wird das Buch im fünften Kapitel mit konkreten Vorschlägen in Form von Reflexionsfragen und Übungen, welche für die praktische Anwendung herausgearbeitet sind.
Inhalt
Simone Pfeffer führt in die Thematik ein, indem sie zunächst auf die grundsätzlichen Prozesse bezüglich der Identitätsbildung verweist und anschließend einen kurzen historischen Abriss liefert, indem sie die (täglichen) Herausforderungen der identitätsbildenden Auseinandersetzung des Individuums mit der sich ständig verändernden und immer komplexer werdenden Gesellschaft skizziert. Anschließend gibt sie einen anschaulichen Überblick über den Aufbau, zentrale Inhalte und Intention des vorliegenden Buches (S. 11–13).
Das zweite Kapitel des Buches befasst sich mit Konzeptionen und zentralen Aspekten der Identität (S. 14–35). Zunächst wird im ersten Abschnitt eine begriffliche Klärung vorgenommen (S. 14–15). Im zweiten Abschnitt nimmt die Autorin ausgewählte Aspekte der Identitätsforschung in den Blick (S. 16–35): hierzu zählen beispielsweise Identität und Identitätsdiffusion und Identität als Selbst‑ und Weltverhältnis sowie Identitätslandschaft. Abgerundet wird dieses Kapitel mit einem Abschnitt über das Verständnis von gelingender Identität und Identitätsproblemen.
Im dritten Kapitel legt die Autorin eine Beschreibung der Gegenwartsgesellschaft anhand soziologischer Zeitdiagnosen vor (S. 36–107). Zunächst führt sie in den Begriff der Zeitdiagnose ein und führt dessen Bedeutung aus und grenzt ihn von dem Begriff der Gesellschaftstheorie ab. Anschließend führt sie in jedem Abschnitt jeweils Grundzüge, Hintergrund und Herausforderungen der einzelnen Zeitdiagnosen aus: Risikogesellschaft und Individualisierung, Singularisierung, Beschleunigung, Entfremdung, Resonanz und Unverfügbarkeit, Flüchtige Moderne, Selbstverbesserung und Selbstoptimierung und Krisen und Bewältigungen. Abschließend wird die Frage aufgeworfen und diskutiert, inwiefern es zu einer Polarisierung der Gegenwartsgesellschaft gekommen ist oder ob man nicht eher von Konfliktarenen und Triggerpunkte sprechen kann.
Im vierten Kapitel skizziert die Autorin zentrale Linien und Herausforderungen für die Identität in der Spätmoderne (S. 108–119):
- Linien, in denen das Individuum als handelnde und entscheidende Person in den Vordergrund rücken.
- Linien, die den Wandel von Lebens‑ und Umweltbedingungen beschreiben
- Linien, die insbesondere Beziehungen zu sich, zu anderen und zur Umwelt in den Blick nehmen
- Individuelle Identitätsarbeit, politische Bezüge und professionelle Begleitung
Im fünften Kapitel gibt die Autorin Anregungen zur Identitätsarbeit in der Praxis (S. 120–137). Hierbei stellt sie zu unterschiedlichen Themen Reflexionsmöglichkeiten und Übungen vor. Folgende Aspekte werden in den Blick genommen:
- Einfluss gesellschaftlicher Bedingungen im eigenen Leben
- Identitätsrelevante Themen unter biografischer Perspektive
- Selbstoptimierung und Singularisierung
- Entgrenzung und Boundary-Management
- Stummes und resonantes Selbst‑ und Weltverhältnis
- Zugehörigkeiten
Diskussion
Das Buch liefert einen sehr guten und differenzierten Einblick in zentrale Aspekte der Identitätsdiskussion der vergangenen Jahre. Es ist sehr angenehm, dass hierbei gar nicht erst der Versuch gestartet wurde, das Feld der Identität umfassend und quasi enzyklopädisch zu bearbeiten, sondern dass zentrale Themen und Aspekte herausgegriffen und in einer sehr klaren und nachvollziehbaren Sprache ausgearbeitet wurden. Man kann das Buch somit als einen gelungenen Versuch verstehen, zentrale Phänomene und Themenfelder aufzuzeigen sowie nebeneinanderstehen und wirken zu lassen. Wohltuend ist zudem, dass die Autorin bei den einzelnen Themen die Fragen bzw. Positionen der Diskussion aufzeigt und pointiert darstellt, jedoch nicht der Versuchung erliegt, vereinfachende Antworten zu geben. Zentrale Konfliktarenen und Triggerpunkte aktueller Debatten über gesellschaftliche Veränderungen werden zudem in nachvollziehbarer Art und Weise dargelegt.
Sehr gelungen erscheint auch die grafische Darstellung der Autorin von Identität als Selbst‑ und Weltverhältnis im biografischen und zeitgeschichtlichen Verlauf: hier werden die unterschiedlichen Ebenen der Identitätsarbeit in einer übersichtlichen Grafik zusammengeführt (vgl. Abb. 4). Insbesondere für die in der Praxis Tätigen ist das fünfte Kapitel äußerst hilfreich: hier werden konkrete Übungen zur Identitätsarbeit vorgestellt und somit der Transfer vom theoretischen Wissen und dessen Reflexion zum praktischen Handeln erleichtert.
Äußerst treffend lässt sich der Anspruch und die Zielrichtung der Autorin in dem von ihr referierten Zitat von Bourdieu widergeben (S. 36): „Die Soziologie wäre keine Stunde der Mühe wert, sollte sie bloß ein Wissen von Experten für Experten sein.“ Diesem Anspruch wird die Autorin mit dem Buch in äußerst lesenswerter Art und Weise gerecht.
Fazit
Das Buch gibt einen guten Überblick und eine Einführung in zentrale Aspekte der Thematik der Identitätsbildung und ermöglicht so einen sehr spannenden und vielfältigen Einblick in zentrale aktuelle gesellschaftliche Themen und Debatten, die hierüber geführt werden. Es ist sehr empfehlenswert für alle, die sich mit der Thematik der Identitätsbildung auseinandersetzen möchten – gleichermaßen für Professionelle, interessierte Laien, aber auch für Studierende und Lehrende in den unterschiedlichen Feldern der Sozialwissenschaften.
Rezension von
Prof. Dr. Johannes Bach
Dipl.-Psych. Dipl. Theol.
Professor für Entwicklungspsychologie an der Fakultät Sozialwissenschaften der TH Nürnberg
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