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Julia Koller, Sebastian Lerch (Hrsg.): Erwachsenenpädagogische Professionalität zwischen Person und Organisation

Rezensiert von Prof. a.D. Dr. Irmgard Schroll-Decker, 18.06.2026

Cover Julia Koller, Sebastian Lerch (Hrsg.): Erwachsenenpädagogische Professionalität zwischen Person und Organisation ISBN 978-3-7799-8784-0

Julia Koller, Sebastian Lerch (Hrsg.):Erwachsenenpädagogische Professionalität zwischen Person und Organisation. Analysen und Umgangsweisen mit alten und neuen Paradoxien. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2026. 201 Seiten. ISBN 978-3-7799-8784-0. D: 39,00 EUR, A: 40,10 EUR.

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Entstehungshintergrund und Thema

Der Sammelband greift eine Thematik auf, die angesichts verschiedener Anlässe, die sich aus Situationsanalysen zur Erwachsenen-/​Weiterbildung (EW) ergeben, aufploppt, in der Regel aber nicht systematisch verfolgt wird.

Herausgeberin und Herausgeber

Prof. Dr. Julia Koller ist Juniorprofessorin für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Erwachsenen-/​Weiterbildung an der Johannes-Gutenberg-Universität (JGU) Mainz. Ab 04/2026 vertritt sie die Professur „Weiterbildung und Governance of Lifelong Learning“ an der Universität Bielefeld. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören Fragen der Alphabetisierung und Grundbildung sowie Netzwerke.

Prof. Dr. Sebastian Lerch hat die Professur Erwachsenen-/​Weiterbildung am Institut für Erziehungswissenschaft an der JGU Mainz inne. Zu seinen Lehr‑ und Forschungsschwerpunkten gehören Aspekte von Kompetenz, Profession und Professionalität, Biografie, kulturelle Erwachsenenbildung und Interdisziplinarität.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich nach der Einleitung (S. 7–11) in vier Abschnitte mit 13 Beiträgen und schließt mit dem Autor:innenverzeichnis (S. 199–201).

Einleitung: Professionalität zwischen Person und Organisation balancieren 

Die Herausgebenden beschreiben den im Titel benannten Spannungsbogen der Diskussionsansätze um Professionalität, weisen auf die in der erwachsenenpädagogischen Forschung eher zögerliche Beschäftigung mit diesem Phänomen hin und begründen die dem Band zugrundeliegende Absicht, sich diesem anzunähern, indem Ordnungen dargestellt, analytische Zugänge bekannt gemacht, die Positionierungen von professionellen Akteur:innen offengelegt und Aspekte von Entwürfen professionellen Handelns eingebracht werden. Koller & Lerch geht es um begriffliche Einordnungen, um Stimmen aus unterschiedlichen Handlungsfeldern und Ideen, wie professionelles erwachsenenpädagogisches Handeln mit Haltungen verbinden ist.

I Ordnungen 

In „Zwischen Organisation und Zielgruppe: Zur Übertragbarkeit von Erfahrungen aus der Professionalisierung der Sozialen Arbeit auf die Erwachsenenbildung“ (S. 14–27) experimentieren Tobias Ganske, M.A. wissenschaftlicher Mitarbeiter und Prof. Dr. Henning Pätzold, Institut für Pädagogik der Universität Koblenz, damit, die in der Sozialen Arbeit von Staub-Bernasconi (2019) vollzogene Erweiterung des Doppelmandats zum sog. Tripelmandat als Folie für die Professionalisierung der EW zu überprüfen. In der Sozialen Arbeit bilden die Menschenrechte den Referenzrahmen für das dritte Mandat. Für die EW rekurrieren die Autoren auf den Bildungsbegriff und unterziehen dessen Eignung als normative Orientierung und Mandatsquelle einer kritischen Prüfung. Diese bezieht die beiden Mandate der Organisation und der Teilnehmenden ein und stellt den Mehrwert der normativen Reflexion von Situationen am konkreten Fall durch eine wertgeleitete Professionalität heraus, was Ganske & Pätzold zur Schlussfolgerung veranlasst, dem Bildungsbegriff Potenziale einer Normquelle für Professionswerdung in der EW zu attestieren.

Dr. Jörg Schwarz, Lehrkraft für besondere Aufgaben an der Professur für EW an der Julius-Maximilians-Universität (JMU) Würzburg, nähert sich in „Antrieb oder Anker? Relationale Professionalität in disruptiven Zeiten“ (S. 28–42), basierend auf praxistheoretischen Zugängen, der Professionalität, die das Individuum herausschält und „in die Relationalität der sozialen Wirklichkeit verlagert“ (S. 29). Die „Dezentrierung des Subjekts“, (Ausdruck im Poststrukturalismus) zu verstehen, bedeutet für Professionelle in der EW, ein radikales Loslassen von allem, was sie als autonomes Handeln in ihrem Feld betrachtet haben. Relationale Professionalität ermöglicht im Verständnis des Autors eine Professionalität, die vom Konzept der Profession Abstand nehmen kann: Dies zeigt Schwarz (S. 35f) an fünf Perspektivverschränkungen zunächst theoretisch und danach transferiert auf die EW auf: Vom professionellen Handeln zur professionellen Praxis, von Professionellen zu Akteuren, von Professionen zu professionellen Feldern, relationale als umkämpfte Professionalität und Professionalisierung als Strukturrelationen. Der Autor gibt dem „Zusammenspiel von Habitus und Feld“ (S. 41), das zur Herausbildung von professionellen Feldern (als Struktur für die professionelle Praxis) führt, die Chance, dem gesellschaftlichen Wandel zu dienen.

Im Beitrag „Korporative Professionalisierung in der Erwachsenenbildung. Eine Analyse zum Verhältnis von Profession und Organisation“ (S. 43–60) zeigen der wissenschaftliche Mitarbeiter an der Justus-Liebig-Universität (JLU) Gießen Martin Reuter und die Juniorprofessorin Dr. Lisa Gromala am Institut für Soziologie der Martin-Luther-Universität (MLU) Halle-Wittenberg einen erhellenden Weg aus der Dichotomie von Profession und Organisation. Nachdem sie die Organisation in den Professionstheorien theoretisch herausgeschält haben, analysieren sie die Bürokratietheorie als „stahlharten“ und die Systemtheorie als „offenen“ organisationstheoretischen Zugang. Im Fazit stellen sie fest, dass es mehr Anzeichen auf eine wechselseitige Verschränkung gibt. Bezogen auf das pädagogisch-didaktische Handeln in Weiterbildungsorganisationen arbeiten sie dezidiert heraus, dass sich spezifisch bei der Programmplanung eine Komplementarität von Organisation und Profession ergeben könnte. So kommen sie zu ihrem Fazit einer korporativen Professionalisierung, die ergänzend zur individuellen und kollektiven Professionalisierung nach Nittel (2000) „Professionalisierungsprozesse in und von Organisationen“ fokussiert und Anzeichen für einen weiteren Brückenschlag zwischen den unterschiedlichen Logiken von Profession und Organisation vorhanden sind.

II Analytiken

Dr. Lisa Breitschwerdt, Akademische Rätin an der Professur für EW an der JMU Würzburg, stellt in „Organisationale Professionalisierungslogiken. Analyseperspektiven auf Professionalitätsentwicklung in Erwachsenen‑ und Weiterbildungsorganisationen“ (S. 62–75) nach einer umfangreichen Darstellung von Aspekten der Professionsentwicklung auf der kollektiven Struktur‑ und der Professionalitätsentwicklung auf der individuellen Handlungsebene eine ebenen-übergreifende Betrachtung an (Makro-, Meso-, Mikroebene). Anhand einer Einzelfallstudie aus der beruflichen Weiterbildung verdeutlicht sie mit Rekurs auf organisationspädagogische Annahmen, dass Organisationen aufgrund ihrer Ziele, Tätigkeitsprofile, Kommunikationsstrukturen „zentrale Bezugspunkte für individuelle Professionalitätsentwicklung“ (S. 71) geworden sind, über eigene Professionalisierungslogiken verfügen – wie z.B. welches Gewicht fachliche und pädagogische Fertigkeiten bei den Professionellen einnehmen – und nicht mehr nur den Kontext bilden.

Die wissenschaftliche Mitarbeiterin im Team EW der JGU Mainz Dr. Kim Deutsch erläutert in ihrem Beitrag „Nichtteilnahme in der Erwachsenenbildung im Spannungsfeld organisationaler Professionalisierungsprozesse“ (S. 76–86) die vorliegenden Ergebnisse zur Nichtteilnahme‑ und zur Dropoutforschung und leitet daraus ab, Nichtteilnahme nicht nur als Ausfluss von individuellem Desinteresse, Barrieren oder Spannungen mit dem Umfeld der Organisation zu betrachten, sondern um organisations‑ und professionstheoretische Perspektiven zu erweitern. Aus dieser Kombination ließe sich der Auffassung von Deutsch folgend, schließen, dass Nichtteilnahme als ein „konstitutives Bestandteil des Feldes der Erwachsenenbildung“ (S. 82) zu begreifen sei und reflexive Professionalität nicht umhin könne, sich damit als Lernpotenzial einer Organisationskultur zu befassen.

Henrik Weitzel, M.A., wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur EW der JGU Mainz, fokussiert sich auf „Qualitätsanforderungen an professionelle Beratung in Zeiten digitaler Transformation: (Zwischen-)menschliche Expertise vs. künstliche Intelligenz“ (S. 87–101). Ausgehend von den zahlreichen Beratungsanlässen innerhalb eines Lebenslaufs und den für professionelle Beratung in Bildung, Beruf und Beschäftigung (BBB Beratung) entwickelten Kompetenz‑ und Qualitätsanforderungen (auch im Kontext der EU) geht Weitzel der Frage nach, wie Professionalität im Handlungsfeld Beratung, die u.a. gekennzeichnet ist von Offenheit, Situationsangemessenheit und Reflexivität, verbunden werden kann mit den Optionen, die sich anlässlich des Einsatzes von Chatbots und Co. ergeben. Sein Credo kann so zusammengefasst werden, dass es an den Beratenden liegt, sich mit den technologischen Neuerungen auseinander zu setzen, sich weiterzubilden und die Anwendung ethisch zu reflektieren. Für die Einrichtungen bedeutet dies, dass es ethische Leitlinien und rechtliche Rahmenbedingungen geben muss, um das erreichte Qualitätsniveau aufrecht zu erhalten.

III Positionierungen

Lisa Henschel, M.A., wissenschaftliche Mitarbeiterin und Prof. Dr. Anita Pachner, Inhaberin der Professur für Lebenslanges Lernen an der Katholischen Universität (KU) Eichstätt-Ingolstadt, gehen in ihrem Beitrag „Reflexive Professionalität in der Erwachsenen‑ und Weiterbildung: Praxisorientierte Ansätze ihrer Förderung im Spannungsfeld individueller und organisationaler Ansprüche“ (S. 104–117) der Frage nach, wie eine Balance zwischen individueller Reflexion innerhalb von professionellem Handeln und strukturellen organisationalen Rahmenbedingungen für Reflexion gefunden werden kann. Die Verfasserinnen stellen didaktische Elemente und Ansätze vor, die der Förderung von Reflexion in der EW auf individueller und organisationaler Ebene dienen: Reflexionszentrierte Lernumgebungen (Fallarbeit, Supervision, Peer-Review-Verfahren), Perspektivverschränkungen und multiperspektivische Ansätze, Teamreflexion für organisationales Lernen (mit Hilfe von Trainings), Führungskräfteentwicklung. Reflexion müsse, so die Autorinnen, als ein dynamischer Prozess aus der Wechselwirkung von individuellen, interaktiven, kollektiven und organisationalen Aspekten verstanden werden.

Stephanie Borgmann, Dipl-Päd., akademische Mitarbeiterin an der PH Ludwigsburg, setzt sich in „Von hier an blind – zur Bedeutung von Postkolonialität für erwachsenenpädagogische Professionalität“ (S. 118–131) mit der wechselseitigen Bedingtheit von Bildung und gesellschaftlichen Verhältnissen auseinander. Auf der Basis hegemonietheoretischer Überlegungen können weder Erziehung noch Bildung oder Wissen emanzipatorisch sein oder eine gerechtere Gesellschaft anstreben, weil sie Machterhaltung reproduzieren. In postkolonialen Ansätzen erkennt Borgmann eine Option, den Widerspruch von hegemonialer Reproduktion von Wissen und Emanzipationsanspruch zu durchbrechen, indem sowohl „gegenkoloniale Narrative und Wissensbestände nicht verdrängt werden“ (S. 128), als auch von Unterdrückten vorgebrachte, kreative Stimmen zu stärken. Professionell in der Erwachsenenbildung Handelnde sind aufgefordert, ihre Positionierungen stets zu reflektieren und die Wirkung epistemischer Gewalt auf die Teilnehmenden zu berücksichtigen.

Der wissenschaftliche Mitarbeiter im Bereich EW an der JGU Mainz Sascha Bolte, M.A., skizziert in „Neoliberale Einflüsse auf die Erwachsenenbildung: Das professionelle Selbstverständnis im Wandel“ (S. 132–147) zunächst holzschnittartig welche Auswirkungen der Neoliberalismus als „gesellschaftliches und politisches Ordnungssystem“ (S. 134) im Allgemeinen mit sich gebracht habe. Im Anschluss präsentiert er den Wandel der Institutionen, die sich an Kompetenzmodellen ausrichten und den Individuen Selbstverantwortung abverlangen, wie die professionellen pädagogischen Akteur:innen mikrodidaktisch den Ansatz des selbstgesteuerten Lernen (SGL) verinnerlichen, und Lernende sich gehalten sehen, sich lebenslang sich verändernden Anforderungen anzupassen. Bildung sei, so der Autor, von „einem emanzipatorischen zu einem funktionalisierten Konzept“ (S. 132) mutiert, das vorwiegend die ökonomische Verwertbarkeit des „Humankapitals“ im Blick habe.

Jana Schaub, M.A., wissenschaftliche Mitarbeiterin in der EW an der JGU Mainz, stellt in ihrem Beitrag „Dritte Orte des Lernens – Gesellschaftliche Relevanz und erwachsenenpädagogische Implikationen“ (S. 148–158) heraus, unter welchen Bedingungen die sog. anderen Orte – außerhalb von Zuhause/​Familie und Arbeitsplatz – als „Ankerpunkte von Gemeinschaft“ (S. 153) mit unverbindlichen Kommunikationsoptionen zu Lernorten werden können, an denen sowohl formales wie informelles Lernen möglich wird. Die Autorin sieht in der Offenheit und Schlichtheit der Räume, die nicht schulisch ausgestattet sind, aber einen Treffpunkt darstellen, der in einem Quartier verankert ist, große Chancen und begründet zugleich, dass solche Orte pädagogisch erschlossen werden müssen, das Geschehen erwachsenendidaktisch initiiert, vernetzt und begleitet werden muss.

IV Entwürfe 

Prof. Dr. Bernd Käpplinger, Professor für Weiterbildung an der JLU Gießen, erinnert mit seiner Frage „Brauchen die Volkshochschulen ein neues Falkenstein? Exploration eines innovativen Ortes für die Professionalisierung“ (S. 160–173) an die Tradition der mehrwöchigen Einführungsseminare für (leitende) Erwachsenenbildner:innen der Pädagogischen Arbeitsstelle für Erwachsenenbildung des Deutschen Volkshochschul-Verbands (PAS/DVV), in denen ab den 1960er Jahren ein innovativer Ort gewählt wurde, um durch physische Begegnung, Austausch und intellektuelle Anregungen eine professionelle Identität zu entwickeln. Aus der Rezeption von Berichten über die sog. Falkensteiner Seminare extrahiert Käpplinger, welche Aspekte durch deren Beendigung für die Professionalisierung verloren gegangen sind, welche aber auch deren Ende begründet haben. Daraus leitet er „Eckpunkte und Szenarien“ (S. 166) ab, die in einer Konzeption von Falkenstein 2.0 enthalten sein müssten: Veranstaltungsziel, ‑dauer und ‑ort, Konzeptionsteam und Zielgruppe. Wenngleich der Verfasser seine verschriftlichten Überlegungen als Utopie eintaxiert, verbindet er gewisse Hoffnungen für die Professionalisierung!

Sebastian Lerch stellt im Beitrag „Spielen, Heilen, Richten. Formen erwachsenenpädagogischen Handelns“ (S. 174–185) die in der Überschrift benannten Handlungsformen als Optionen für eine Erweiterung erwachsenenpädagogischer Professionalität vor. Bezugnehmend auf vorhandene professionalitätstheoretische Ansätze beschreibt er die aus einschlägigen Forschungsarbeiten extrahierten Formen „spielen, heilen und richten“ und ordnet sie ein als Erweiterungen von situationsspezifisch auftretenden Irritationen und Offenheit im erwachsenenpädagogischen Handeln, mit denen Akteur:innen konfrontiert werden und die von diesen Standpunkte, Entscheidungen und eine Haltung als Begrenzung verlangen.

Mit dem Titel „Entnetzen, um zu lernen? Communities of Practice und die Ambivalenz professioneller Vernetzung in der Erwachsenenbildung“ (S. 186–198) verursacht Julia Koller bei den Leser:innen zunächst Stirnrunzeln. Schnell wird aber klar, was sie mit der Wortschöpfung „entnetzen“ zum Ausdruck bringen will. Sie hinterfrägt Vernetzung als fast unangefochtenes zentrales Strukturprinzip und Netzwerke als funktionstüchtige, positiv besetzte Verflechtungen von Organisationen und Einrichtungen. Unter Rekurs auf Urs Stäheli (2021) plädiert Julia Koller dafür, auch auf die Grenzen und Zwänge von Vernetzung aufmerksam zu werden, sich eine zeitliche Unterbrechung („buffering“) zur Reflexion des Eingebunden-Seins zu erlauben und stärker auf selbstorganisierte und auf Freiwilligkeit beruhende „Communities of Practice“ (CoP) zu setzen, die fluide sind, kollektives Wissen bilden und teilen. Die Verfasserin ermutigt Organisationen und Institutionen der Erwachsenenbildung, sich Zonen der Distanzierung zu schaffen, um sicher zu werden, welche Gemeinschaften anschlussfähig sind, weil eine „kultivierte Praxis“ (S. 197) geübt und situativer Austausch stattfinden kann.

Diskussion

Die Idee und das Konzept des Herausgeberbandes, die in Einzelbeiträgen verstreute und kaum wahrnehmbare Fachdebatte um die erwachsenenpädagogische Professionalität zwischen Organisation und Person aufzugreifen und zu bündeln, sind sehr zu begrüßen. Die Verfasser:innen der Beiträge verweisen auf die Veränderungen, Ausdifferenzierungen und sich in Transformation befindenden erwachsenen‑ und weiterbildnerischen Handlungsfelder und die in ihnen aktiven Organisationen und Träger. Die Auswirkung auf die Professionalität wurde bisher jedoch eher selten detailliert betrachtet, mit diesem Band aber ins Zentrum gerückt. Die drei unter der Klammer „Ordnungen“ zusammengefassten systematischen Beiträge greifen vorhandene Ansätze auf, ergänzen sie mit anderen Diskussionssträngen und weiterführenden Überlegungen.

Die unterschiedlichen Zugänge gewährleisten auch, dass es zu keinen Redundanzen kam. Auch in den drei Beiträgen, die unter dem Dach „Analytiken“ zusammengefasst sind, werden verschiedene Facetten von Professionalisierung behandelt, die sowohl auf die organisationale wie auf die professionelle Seite zielen und – wie etwa bei Kim Deutsch – durchaus zum „um die Ecke denken“ anregt. Die vier Beiträge im Abschnitt „Positionierungen“ greifen einzelne Aspekte der Thematik heraus, vertiefen sie bzw. stellen Bezüge zur Praxisanwendung her. So macht z.B. die Thematisierung der „dritten Orte“ im Spannungsfeld von Organisation und Profession neugierig. In diesem Abschnitt zeigen sich Unterschiede in der Qualität, auf die die Herausgebenden achten hätten können. Die drei Aufsätze, die zu „Entwürfen“ zusammengebunden wurden, markieren anregende Gedankensplitter: Sie verweisen darauf, was aus der erwachsenenbilderischen Professionalisierungsgeschichte mitzunehmen ist, ob „spielen, heilen, richten“ nicht zu neuen Formen erwachsenenbildnerischem Handeln hinzugefügt werden sollten und – ganz besonders aufhorchen lässt –, dass „entnetzen“ durchaus auch vorteilshaft sein kann.

Fazit

Der Sammelband ist impulsgebend dafür, den organisationalen Anteil an der Professionalität in der EW genauer zu betrachten sowie zu erforschen. Deshalb ist er als Lektüre für die in den vielfältigen Handlungsfeldern praktisch Tätigen sehr zu empfehlen, den Disziplinvertreter:innen bietet er viele Anregungen zum Weiterdenken und ‑forschen.

Literatur

Nittel, Dieter (2000). Von der Mission zur Profession? Stand und Perspektiven der Verberuflichung in der Erwachsenenbildung. Bielefeld: Bertelsmann.

Stäheli, Urs (2021). Soziologie der Entnetzung. Berlin: Suhrkamp.

Staub-Bernasconi (2019). Menschenwürde – Menschenrechte – Soziale Arbeit. Die Menschenrechte vom Kopf auf die Füße stellen. Opladen u.a.: Barbara Budrich.

Rezension von
Prof. a.D. Dr. Irmgard Schroll-Decker
Lehrgebiete Sozialmanagement und Bildungsarbeit an der Fakultät Sozial- und Gesundheitswissenschaften der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg
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Es gibt 93 Rezensionen von Irmgard Schroll-Decker.

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ISSN 2190-9245