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Lotti Müller, Ilse Orth: Integrative Therapie heute

Rezensiert von Prof. Dr. rer. pol. Jürgen Beushausen, 11.03.2026

Cover Lotti Müller, Ilse Orth: Integrative Therapie heute ISBN 978-3-8498-2078-7

Lotti Müller, Ilse Orth: Integrative Therapie heute. Vielfalt und Zukunftsorientierung : Hilarion G. Petzold zum 80. Geburtstag : Beiträge zum "neuen Integrationsparadigma" in der Psychotherapie. Aisthesis (Bielefeld) 2025. 764 Seiten. ISBN 978-3-8498-2078-7. D: 88,00 EUR, A: 90,50 EUR, CH: 98,00 sFr.
Reihe: AISTHESIS psyche.

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Thema

Mit dem umfangreichen Buch über die heutige Integrative Therapie in der Psychotherapie wird das umfassende theoretische, methodische, humanitäre, kulturkritische und ökologische Engagement anlässlich des 80. Geburtstags von Hilarion G. Petzold gewürdigt. Petzolds Anliegen ist seit 1972 Integrationsbewegungen und Verbindungen zwischen den verschiedenen Therapieschulen zu entwickeln. Dazu haben Petzold und seine Mitarbeiterinnen umfassende Beiträge geleistet. In diesem umfangreichen Werk stellen renommierte Kolleginnen Beiträge aus verschiedenen Perspektiven vor, z.B. der Psychologie, Therapieforschung, Neurobiologie, Sozialwissenschaften und Philosophie, die heute in der Psychotherapie, Körper‑ bzw. Leibtherapie, Soziotherapie, Kreativtherapie, Bildungsarbeit und vielen anderen Praxisfeldern bedeutsam sind.

Herausgeber:innen und Autor:innen

Lotti Müller, Lic. phil. Psychologie, eidg. anerkannte Psychotherapeutin, Integrative Supervisorin MSc, Lehrbeauftragte Integrative Psychotherapie und Musiktherapie, Gerontopsychologin, Stiftungsrätin und Studienleitung des Lehrgangs Integrative Psychotherapie an der SEAG (CH).

Ilse Orth, MSc Psychotherapeutin (MSc) und Supervision (Dipl. Sup.) in eigener Praxis, Mitbegründerin der Integrativen Therapie und Integrativen Poesie‑ und Bibliotherapie, Protagonistin der Bewegung der künstlerischen Therapieformen in den deutschsprachigen Ländern, Internationale Lehrtätigkeit an verschiedenen Universitäten (FU Amsterdam, DUK, Krems) und Institutionen (EAG).

Die 36 Beiträge verfassten 37 renommierte Autor*innen meist aus der Lehre und der Weiterbildung. Die ca. 10–30-seitigen Beiträge Kapitel beinhalten jeweils eine Inhaltsübersicht und ein Literaturverzeichnis.

Aufbau und Inhalt

Das 764-seitige Buch wird von den Pionierinnen der Integrativen Therapie Lotti Müller und Ilse Orth herausgegeben. Es enthält nach dem Vorwort und der Einführung der Herausgeberinnen ein Porträt von Ulfried Geuter über Hilarion Petzold.

Im ersten Buchteil fokussieren acht Autoren integrative Entwicklungen in der Psychotherapie, im zweiten Teil folgen sieben Beiträge über die „Dritte Welle“ der Integrativen Therapie. Im umfangreichen dritten Teil werden in 15 Kapiteln methodische Wege und Anwendungen der Integrativen Therapie thematisiert. Das Buch schließt mit einem Beitrag von Ilse Orth (Epitome) über integrative Überlegungen zu Lebenskunst, Lebensgestaltung und Oikeiosis, einem Literaturverzeichnis zur Einführung, einem Hinweis über die Gesamtbibliographie von H. G. Petzold und einem Verzeichnis der Autor*innen.

Im Folgenden werden die Inhalte und Themen der Beiträge kurz aufgeführt, wegen der Fülle der Beiträge kann nicht differenzierter hierauf eingegangen werden.

Die Herausgeberinnen Ilse Orth, Lotti Müller beginnen mit einem Vorwort und der Einführung, in der sie besonders auf die integrativen Entwicklungen, methodische Wege und die vielfältigen Anwendungen der Integrativen Therapie (IT) in der Psychotherapie hinweisen. Dem schließt sich ein Porträt über Hilarion Petzold als universaler Denker in der Psychologie von Ulfried Geuter an.

Teil I

Im Teil I „Integrative Entwicklungen in der Psychotherapie“ würdigt Günter Schiepek Hilarion G. Petzold als Universalgelehrten und Begründer der Integrativen Therapie, wichtigen Protagonisten der Integrationsbewegung in der europäischen Psychotherapie und zudem als Begründer eines spezifischen, eigenständigen Psychotherapieverfahrens. Jürgen Kriz betont in seinem Artikel “Polylogischen Beitrag der Personzentrierten Systemtheorie zu einer Integrativen Psychotherapie“ das frühe Aufgreifen der körperlich/​leiblichen Prozessebenen in seinem Ansatz, während Josef W. Egger (Psychotherapie als integraler Arbeitsbereich einer bio-psycho-sozial fundierten Humanmedizin) die Bedeutung des biopsychosozialen Modells hervorhebt, indem er u.a. auf die Schnittflächen von Psychotherapie und Medizin hinweist. Im Anschluss geht Yari Or auf den Aspekt einer regenerativen Praxis als integrativen Ansatz zu einer ökosozialen Transformation in der Sozialen Arbeit und Pädagogik ein. Auf „Wege zur Integration in der Entwicklung der Psychotherapieforschung“ für eine wissenschaftliche Begründung und Evaluation integrativer Modelle weist anschließend Wolfgang Tschacher hin. August Flammer fokussiert die „Entwicklungspsychologie im Dienst der Psychotherapie“ als Teil eines integrativen Therapiekonzepts. Die Bedeutung einer phänomenologischen Konzeption der Psychotherapie hebt Thomas Fuchs hervor. Der erste Teil schließt mit Anmerkungen von Heinrich Dauber über Menschen mit einer engagierten Lebenspraxis, denen er sich verbunden fühlt.

Teil II

Die IT unterscheidet in ihrer Entwicklung drei Wellen, die „erste Welle des Aufbruchs“ 1965–1982, die „zweite Welle der Konsolidierung“ 1982–2000 und die „dritte Welle“ der transversalen Elaboration und innovativen Überschreitung ab dem Jahr 2000. Der zweite Teil des Buches beschäftigt sich mit der Dritten Welle der Integrativen Therapie. Hier werden die Zeitdimensionen Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft betrachtet, wobei der „Zukunftsorientierung“, anders als in anderen Therapierichtungen, eine besondere Bedeutung zukommt. Autorinnen der Beiträge im zweiten Teil sind langjährige Therapeutinnen, meist Lehrtherapeut*innen der IT, die sich bei der Ausarbeitung und Weiterentwicklung der IT engagiert haben.

Waldemar Schuch gibt in seinem Beitrag „Integrative Therapie als ‚Polylog‘ der Wissenschaften“ einen interessanten Überblick, insbesondere über die „Wellen“ der Entwicklung der IT, anschließend fokussiert Robert Stefan den bedeutsamen Leibansatz von Hilarion Petzold. Bezugnehmend auf frühere Kulturen beschäftigt sich Ludwig Frambach mit der Transzendenz, Transversalen Vernunft und Säkularen Mystik als Quellgrund von Integration. Hier wird die Dimension der Spiritualität eingebracht. Bettina Mogorovic thematisiert säkulare, wissenschaftlich überprüfbare Konzepte, um Wege aus der Unverbundenheit hin zu einer Orientierung und Integration der Zukunftsgestaltung in der Psychotherapie anzuregen. Mit den Quellen und Entwicklungen der Integrativen Psychotherapeutischen Diagnostik (IPD) beschäftigt sich Peter Osten. Claudia Höfner weist mit ihrem Beitrag über die „Geschlechtertheorien in der Integrativen Therapie“ auf die Bedeutung dieses Themas in der Entwicklung der Integrativen Therapie hin. Abschließend geht Hans-Christoph Eichert auf die Methodenintegration in der psychotherapeutischen Praxis im Kontext einer Befragung von Psychotherapeut*innen aus der Schweiz und Österreich ein, um zu erfahren, inwieweit sich die in der Psychotherapiewissenschaft diskutierte Integration in der Praxis widerspiegelt.

Der dritte umfassendste Teil beschreibt die methodischen Wege und Anwendungen der Integrativen Therapie und richtet die Aufmerksamkeit auf die Praxis der Integrativen Therapie. Das von Hilarion Petzold und seinen beiden Mitbegründerinnen entwickelte Therapieverfahren gründet u.a. auf einem bio-psycho-sozio-ökologischen Ansatz, den Petzold bereits 1965 entwarf, der Integrativen Leib‑ und Bewegungstherapie, den neuen Kreativitätstherapien, der Integrativen Poesie‑ und Bibliotherapie, den Naturtherapien und der integrativen Traumatherapie. Weitere Artikel befassen sich mit den weiteren Anwendungsbereichen und Zielgruppen, in denen das Verfahren eingesetzt wird, wie z.B. der Gerontotherapie und der Supervision.

In dieser Übersicht werden im Folgenden diese Beiträge und die Autorinnen nur stichwortartig benannt: Leibzentriertheit der Integrativen Leib‑ und Bewegungstherapie – Klara Kreidner-Salahshour, Mentale Repräsentationen in der Tanztherapie – Andrea Du Bois, Integrative Budōtherapie, als ein „Weg“ zur Traumaüberwindung – Frank Siegele, Reflexionen zur Methode der Integrativen Poesie‑ und Bibliotherapie – Hildegard Kokarnig und Brigitte Leeser, Integrativ-intermediale Musiktherapie – Dorothea Dülberg und Hanna Skrzypek, Integrative Garten‑ und Landschaftstherapie – Marina Raffaella Cerea, „Waldtherapie“ – Ralf Hömberg, Tiergestützte Arbeit – Daniela Pörtl, Bindungen als Schutzfaktoren im Kontext einer Integrativen Kinder‑ und Jugendlichenpsychotherapie – Susan Plüss-Staubli, Psychotherapie, Geragogik und Soziale Arbeit mit Älteren – Elisabeth Bubolz-Lutz, Paartherapie – Rudolf Sanders, Soziotherapie und klinische Sozialarbeit bei Suchterkrankungen – Wolfgang Scheiblich, Forensische Psychotherapie – Matthias Stürm, Theres Wehrhold und Stefan Schmalbach, Integrative Supervision – Brigitte Schigl und Grüne Meditation – Komplexe Achtsamkeit, Selbsterforschung, Naturverstehen – Ilse Orth. Das Buch schließt mit einem Beitrag von Ilse Orth über „Freude am Schöpferischen, gelebte Ko-kreativität“ mit Anmerkungen über integrative Überlegungen zu Lebenskunst, Lebensgestaltung und Oikeiosis“, einem Literaturverzeichnis zur Einführung, Hinweisen zur Gesamtbibliographie von H. G. Petzold und einem Verzeichnis der Autorinnen.

Diskussion

Sehr umfangreich, differenziert und kompakt wird in diesem Werk ein Überblick über die Integrative Therapie geboten. Die Autorinnen ergänzen systematisch unser Wissen über die IT und ihre Entwicklung. Beeindruckend ist die Komplexität der theoretischen Fundierung der Integrativen Therapie, die Fülle der Methoden und die Breite in der Anwendung. Sehr vielfältig werden theoretisch fundiert viele Anwendungsbereiche thematisiert. Ich hätte mir lediglich noch gewünscht, dass neben dem Bezug zur Psychotherapie mehr auf andere Kontexte, z.B. die Beratung, eingegangen wird, da hier sehr viele der ehemaligen Ausbildungskandidatinnen und interessierten Leser*innen tätig sind. Zudem hätte ich auch gerne mehr erfahren, wie die Zukunft der Integrativen Therapie aussehen könnte und was die Nichtanerkennung der Integrativen Therapie als psychotherapeutische Kassenleistung für die Integrative Therapie bedeutet und wie hier in Zukunft verfahren werden könnte.

Fazit

Den Leserinnen wird mit diesem Band sehr kompakt eine umfassende, sehr gut strukturierte Darstellung über die Integrative Therapie geboten. Psychotherapeutinnen und interessierte Leser*innen erhalten theoretisch fundiert einen differenzierten, umfassenden Überblick über die IT und das Werk von Hilarion Petzold. Die unterschiedlichen Beiträge bieten zahlreiche Anstöße für eine vertiefende Lektüre und Ansatzpunkte für die vielfältige praktische Umsetzung.

Rezension von
Prof. Dr. rer. pol. Jürgen Beushausen
studierte Soziale Arbeit und Erziehungswissenschaft und absolvierte Ausbildungen als Familientherapeut und Traumatherapeut und arbeitet ab 2021 als Studiendekan im Masterstudiengang „Psychosoziale Beratung in Sozialer Arbeit“ an der DIPLOMA Hochschule
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Es gibt 78 Rezensionen von Jürgen Beushausen.

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ISSN 2190-9245