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Stefan van der Hoek (Hrsg.): Gemeindepädagogik im Dialog

Rezensiert von Siegfried Graumann, 21.08.2026

Cover Stefan van der Hoek (Hrsg.): Gemeindepädagogik im Dialog ISBN 978-3-374-07976-6

Stefan van der Hoek (Hrsg.): Gemeindepädagogik im Dialog. Eine qualitative Untersuchung zur Otherness der »Universalkirche des Königreichs Gottes«. Evangelische Verlagsanstalt (Leipzig) 2025. 216 Seiten. ISBN 978-3-374-07976-6. D: 94,00 EUR, A: 96,70 EUR.
Reihe: Studien zur Religiösen Bildung (StRB) - 28.

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Thema

Die religiöse Pluralisierung wird in kirchlichen Texten gern begrüßt, solange sie eine allgemeine Tatsache bleibt. Schwieriger wird es, wenn sie ein Gebäude mietet, Gottesdienste feiert, Geld sammelt und theologisch anders spricht als die etablierten Kirchen. Genau an dieser Stelle setzt das Buch an. Es untersucht die Universalkirche des Königreichs Gottes (UKRG), eine aus Brasilien stammende neopentekostale Kirche, nicht zuerst als religionskundliche Besonderheit, sondern als Prüfstein evangelischer Gemeindepädagogik in einer durch Migration und digitale Kommunikation veränderten Gesellschaft.

Im Zentrum steht die Frage, wie die UKRG in deutschsprachigen Onlineartikeln und in den im Internet verbreiteten Glaubenszeugnissen ihrer Mitglieder als »andere Kirche« erscheint und wie sich solche Differenzmarkierungen für kirchliche Bildungsprozesse trotzdem produktiv aufgreifen lassen. Pluralität ist hier also keine Festrede, sondern ein Nachbarschaftsproblem – und damit eine pädagogische Aufgabe.

Autor:in oder Herausgeber:in

Stefan van der Hoek studierte evangelische Gemeindepädagogik und Diakonie sowie Soziale Arbeit in Bochum, Brasilien und Berlin. Er wurde 2024 an der Friedrich-Schiller-Universität Jena in den Sozial‑ und Verhaltenswissenschaften promoviert. Seine Forschung verbindet Gemeindepädagogik mit Fragen von Religion, Migration, medialer Öffentlichkeit und gesellschaftlicher Teilhabe.

Entstehungshintergrund

Häufig trägt es zum Verständnis einer Veröffentlichung bei, wenn seine Entstehungsgeschichte und die Einflussfaktoren für die Entstehung mitgeteilt werden. Dann sollten hier entsprechende Informationen mitgeteilt werden.)

Aufbau

Die Monografie umfasst fünf Kapitel sowie ein ausführliches Literaturverzeichnis. Ein Quellenverzeichnis für die entsprechenden Internetlinks fehlt jedoch, was bei einer ersten Betrachtung des Inhaltsverzeichnisses auffällt. Auf die Einleitung folgt ein breit angelegtes Grundlagenkapitel zu konfessioneller Pluralisierung, Pentekostalismus, Migration und Diaspora sowie Medien und Identität. Das dritte Kapitel enthält die empirische Untersuchung der digitalen Otherness. Im vierten Kapitel werden die Befunde in Aufgaben, Kompetenzen und ein konkretes Dialogmodell öffentlicher Gemeindepädagogik überführt. Ein zusammenfassendes Fazit schließt den Band ab. Tabellen dokumentieren die Korpora, Kategorien und Kompetenzfelder; die Gliederung folgt damit der klassischen Bewegung einer Qualifikationsschrift von der Begriffsarbeit über die Empirie zur Anwendung.

Inhalt

Als theoretischen Schlüssel verwendet van der Hoek den Begriff Otherness. Anders als Othering, das den Vorgang des Andersmachens und Ausgrenzens bezeichnet, soll Otherness zunächst die wahrgenommenen und sprachlich markierten Unterschiede erfassen. In Anlehnung an Miroslav Volf wird Differenz dabei nicht nur als Problem, sondern auch als Voraussetzung von Identitätsbildung und möglicher Versöhnung verstanden. Für die Gemeindepädagogik folgt daraus die Aufgabe, religiöse Verschiedenheit weder einzuebnen noch zum Ausschlussgrund werden zu lassen.

Den professionstheoretischen Rahmen bildet die öffentliche Gemeindepädagogik, wie sie insbesondere von Bernd Schröder beschrieben wurde. Gemeindepädagogisches Handeln richtet sich demnach nicht nur an kirchliche Kerngemeinden, sondern ebenso auf Gemeinwesen, Sozialräume, Bildungsgerechtigkeit und gesellschaftliche Teilhabe. Die Präsenz einer transnationalen Kirche wird dadurch nicht allein zu einer ökumenischen Angelegenheit. Sie betrifft auch kommunale Konflikte, öffentliche Wahrnehmungen und die Frage, wer im städtischen Raum als legitimer religiöser Akteur gelten darf.

Die empirische Untersuchung vergleicht zwei Textkorpora. Der erste besteht aus 120 deutschsprachigen Onlineartikeln aus den Jahren 2010 bis 2021, die von 65 Medienangeboten aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Luxemburg und dem Vatikan stammen. Der zweite umfasst 54 deutschsprachige YouTube-Videos aus den Jahren 2016 bis 2021, in denen Besucher:innen der UKRG ihre Bekehrungs‑ und Veränderungserfahrungen schildern. Die Texte werden mit einer deduktiv-induktiven qualitativen Inhaltsanalyse nach Udo Kuckartz und Stefan Rädiker ausgewertet und durch diskursanalytische, rekonstruktivistische und postkoloniale Perspektiven kontextualisiert.

In der Onlineberichterstattung erscheint die UKRG überwiegend durch wenige wiederkehrende Merkmale: ihre internationale Ausbreitung, monumentale Kirchenbauten, den Reichtum und die autoritäre Stellung ihres Gründers Edir Macedo, Vorwürfe von Finanzdelikten und Korruption, die Spendenpraxis, Exorzismen und Wunderheilungen sowie die Verbindung von Religion und Politik. Die größte Codegruppe betrifft Devianz und Pseudoreligiosität. Die Artikel berichten damit nicht lediglich über eine fremde Kirche, sondern führen zugleich vor, welche Vorstellungen von »normaler« Kirche in der deutschsprachigen Öffentlichkeit vorausgesetzt werden. Die UKRG erscheint als Abweichung von einer Norm, die in den Artikeln selbst kaum erläutert werden muss.

Die Testimonies folgen einer anderen Logik. Ihre Erzählenden gliedern die eigene Biografie in ein belastetes Leben vor der UKRG, eine religiöse Kehrtwende, Erfahrungen der Befreiung und eine veränderte Identität. Sie berichten von Depressionen, Abhängigkeiten, familiären Konflikten, Gewalterfahrungen und sozialer Isolation, sodann von Heilung, Versöhnung, Selbstvertrauen und religiöser Neuorientierung. Die frühere Person wird dabei bisweilen so stark vom gegenwärtigen Selbst getrennt, dass Erzählende von sich selbst in der dritten Person sprechen. Das Buch bezeichnet dies als Selbst-Othering: Die Andersheit wird nicht nur von außen zugeschrieben, sondern auch zur Form der eigenen Bekehrungserzählung.

Beide Korpora ergeben deshalb keine einfache Gegenüberstellung von falscher Fremddarstellung und wahrer Selbstauskunft. Die journalistischen Texte verdichten die Kirche auf Skandal, Macht und Fremdartigkeit; die institutionell verbreiteten Testimonies verdichten Biografien auf Krise und Rettung. In beiden Fällen entsteht Identität durch die Auswahl signifikanter Unterschiede. Während die Presse die UKRG vom Bild einer akzeptablen Kirche abgrenzt, grenzen sich die Mitglieder von ihrem früheren Leben und einer als bedrohlich beschriebenen Außenwelt ab.

Aus diesen Befunden leitet der Autor drei besonders hervorgehobene Kompetenzfelder ab: eine kultur‑ und religionssensible Sprache, kritische Medienbildung und empirische Methoden für eine evidenzbasierte Gemeindepädagogik. Ergänzt werden sie durch soziale, religionswissenschaftliche, didaktische und theologische Kompetenzen. Als praktisches Modell entwirft das Buch einen Runden Tisch am Berliner Leopoldplatz, an dem unterschiedliche evangelische, freikirchliche und migrantische Gemeinden miteinander ins Gespräch kommen sollten. Vorgeschlagen werden Themen wie die Auslegung biblischer Texte, Reichtum und Wohlstand, gottesdienstliche Praktiken, Kirchengeschichtsschreibung und die gemeinsame Suche nach Identität. Anerkennung bedeutet dabei für van der Hoek ausdrücklich nicht Kritiklosigkeit. Problematische Heilsversprechen, der Verzicht auf medizinische Behandlung oder die ökonomische Bindung göttlicher Gnade sollen gerade im Dialog theologisch geprüft und angesprochen werden.

Diskussion

Die Stärke des Buches liegt zunächst in der Wahl seines Gegenstandes. Über die UKRG wird meist gesprochen, als sei bereits ihre Bezeichnung als »Sekte«, »Geschäftsunternehmen« oder »Wohlstandsevangelium« eine Analyse. Das Buch antwortet darauf nicht mit einer Ehrenrettung, sondern mit der einfachen Forderung, genauer hinzusehen. So verschiebt es die Frage von der Fremdartigkeit der UKRG auf die Regeln, nach denen Fremdartigkeit hergestellt wird.

Überzeugend ist auch, dass die Mitglieder nicht nur als Opfer einer Organisation vorkommen. Ihre Testimonies werden als religiöse Deutungsarbeit ernst genommen, ohne behauptete Heilungen bestätigen zu müssen. Das schützt die Analyse vor apologetischer Gutgläubigkeit ebenso wie vor aufgeklärter Herablassung.

Der begriffliche Gewinn von Otherness bleibt in der Arbeit jedoch weniger eindeutig. Der Begriff wird so weit gefasst, dass fast jede Unterscheidung darunter fällt: Fremdbeschreibung, Selbst-Othering und protestantische Identitätsbildung. Ein Begriff, der fast überall zuständig ist, zeigt nur schwer an, wo der entscheidende Unterschied liegt. So droht gerade die Kategorie, die Festschreibungen untersuchen soll, Differenz selbst zu verfestigen.

Auch ist die Untersuchung digitaler Religion nur eingeschränkt digital. Bilder, Schnitt, Musik, Hyperlinks, Kommentare und Plattformmechanismen werden in der Arbeit zugunsten vergleichbarer Transkripte ausgeblendet. Das ist nachvollziehbar, macht aus dem Internet aber vor allem ein Textarchiv. Untersucht wird, was online gesagt wird, nicht wie Plattformen Sichtbarkeit herstellen oder Beiträge rezipiert werden.

Hinzu kommt die Ungleichheit der Korpora: Artikel verschiedener Herkunft werden mit kirchlich ausgewählten Bekehrungszeugnissen verglichen. Das eine ist Fremdbeobachtung, das andere kuratierte Selbstdarstellung. Diese Asymmetrie ist aufschlussreich, bietet aber keine umfassende Innenansicht. Persönliche Interviews, Beobachtungen oder Rezeptionsdaten hätten zeigen können, was zwischen öffentlichem Zeugnis, institutioneller Dramaturgie und gelebter Erfahrung liegt. Das Buch benennt diese Grenze, überschreitet sie in den praktischen Folgerungen aber stellenweise recht zügig.

Der Runde Tisch am Leopoldplatz ist ein anschaulicher Entwurf, aber in der Umsetzung ein offenes Ergebnis. Ob die Gemeinden teilnehmen und wie Konflikte um Geld, Heilung oder Mission moderiert werden können, bleibt offen und muss erst noch erprobt werden. Aus der Inhaltsanalyse folgt womit noch kein Dialog, wie im Titel suggeriert; sie zeigt vielmehr, warum eine Gemeindepädagogik im Dialog nötig wäre. Das Modell sollte daher als zu erprobende gemeindepädagogische Hypothese gelten.

Schließlich zahlt die Arbeit den Preis ihrer theoretischen Gründlichkeit. Zahlreiche Forschungsfelder werden aufgerufen, bevor die Empirie beginnt, doch nicht jede Perspektive trägt gleich viel zur Analyse bei. Manche Qualifikationsschrift möchte beweisen, dass sie eine Forschungslücke geschlossen hat; diese zeigt vorsichtshalber auch noch, wie viele Regale um die Lücke herum stehen. Mehr Konzentration hätte dem Argument zusätzliche Schärfe verliehen.

Die Einwände – bisweilen auf zeitgenössische Umstände (COVID-19) zurückzuführen – mindern jedoch keinesfalls den zentralen Ertrag. Dialog erscheint weder als Vermeidung von Differenz noch als höfliche Vorstufe zur Bekehrung, sondern als wechselseitige Prüfung von Normalitätsannahmen und problematischen Praktiken. Für gemeindepädagogische Ausbildung, Migrationsarbeit, Ökumene und Medienbildung bietet die Studie reiches Material.

Fazit

Gemeindepädagogik im Dialog ist eine materialreiche und theoretisch ambitionierte Untersuchung darüber, wie eine migrantisch geprägte Pfingstkirche medial zur »anderen Kirche« wird und wie aus dieser Differenz eine Bildungsaufgabe entstehen kann. In diesem Sinne ist die Arbeit nicht weniger als eine Pionierleistung, die bisher ihresgleichen in dem Forschungsfeld sucht. Zu dem Wesen einer solchen Arbeit gehört, dass (noch) nicht jede begriffliche und praktische Ableitung gleichermaßen überzeugt, doch das Buch stellt die richtige unbequeme Frage: Was erfährt der Protestantismus über sich selbst, wenn er genauer betrachtet, wen er für nicht zugehörig hält? Gespannt muss man sein, wie in einigen Jahren noch über diese Frage geschrieben wird.

Rezension von
Siegfried Graumann
Unabhängiger Wissenschaftler und Gemeindereferent
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Es gibt 1 Rezension von Siegfried Graumann.

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ISSN 2190-9245