Suche nach Titel, Autor:in, Rezensent:in, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet Logo

Isabel Heger-Laube, Rebecca Durollet et al.: Alt werden ohne betreuende Familienangehörige

Rezensiert von Dr. Hermann Müller, 23.06.2026

Cover Isabel Heger-Laube, Rebecca Durollet et al.: Alt werden ohne betreuende Familienangehörige ISBN 978-3-03777-301-7

Isabel Heger-Laube, Rebecca Durollet, Yann Bochsler, Sandra Janett, Knöpfel Carlo:Alt werden ohne betreuende Familienangehörige. Herausforderungen für Alterspolitik und Altersarbeit. Seismo-Verlag Sozialwissenschaften und Gesellschaftsfragen AG (Zürich) 2025. 320 Seiten. ISBN 978-3-03777-301-7. D: 43,00 EUR, A: 44,30 EUR, CH: 43,00 sFr.
Reihe: Soziale Arbeit im Fokus.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Thema

Im Alter ohne betreuende Familienangehörige zu leben, stellt eine wachsende gesellschaftliche Herausforderung dar. Sinkende Heirats‑ und Geburtenraten, mehr Scheidungen, gestiegene Mobilität und die zunehmende Berufstätigkeit von Frauen führen dazu, dass im Alter weniger häufig enge Bezugspersonen, zum Beispiel als pflegende Töchter oder Söhne, zur Verfügung stehen. Einschneidende Ereignisse wie der Renteneintritt oder der Verlust des Partners verschärfen diese Situation zusätzlich und stellen Betroffene vor die Frage, wie ein selbstbestimmtes Leben ohne familiäres Netz gelingen kann.

Die Autor:innen

Die qualitative Studie entstand an der Hochschule für Soziale Arbeit der Fachhochschule Nordwestschweiz. Sie wurde von den Autorinnen und Autoren erarbeitet und verfasst.

Aufbau und Inhalt

Das Buch hat 8 größere Kapitel, jeweils mit mehreren Unterkapiteln

1 Einleitung

Hier wird auf den Stand der Forschung, die Fragestellung und die Forschungslücken eingegangen, auf die die vorliegende Untersuchung reagiere.

Unterschieden wird zwischen Hilfe, Pflege und Betreuung, wobei die Grenzen öfter fließend seien. Es gibt eine enge Definition der Frage, die von einem kompletten Fehlen von Partner:innen und Familienangehörigen im Alter ausgeht. Die Autorinnen und Autoren wählen dagegen eine breitere Definition. Danach können zwar Angehörige vorhanden sein, die aber weniger Betreuung leisten können oder wollen.

2 Theoretischer Rahmen und Methodologie

Als theoretischen Rahmen wählten die Autor:innen einen Befähigungsansatz (Capability-Approach). Dieser Ansatz hat eine objektive Dimension (externe Bedingungen) und eine subjektive Dimension (persönliche Fähigkeiten und Ressourcen). Danach wird die empirische Vorgehensweise dargestellt.

Im ersten Teilprojekt wurden 30 ältere Personen befragt. Als Methoden wurden ein teilstandardisiertes Interview und ein „go-long Interview“ als eine Form der teilnehmenden Beobachtung mit Befragung dazu, gewählt. Das zweite Teilprojekt bestand aus einer Dokumentenrecherche und 25 Interviews mit Personen aus der Altenpolitik und Altenarbeit. In der dritten Projektphase wurden Erkenntnisse aus den beiden ersten Teilprojekten aufeinander bezogen, indem die Bedürfnisse, Wünsche und Ängste der Zielgruppe mit Gegebenheiten verglichen wurden. Das Verfahren wurde als „Matching-Analyse“ bezeichnet. Hinzu kam eine Typologie, die das Verhältnis auf individueller Ebene verdeutlichen soll.

3 Perspektiven älterer Menschen ohne betreuende Familienangehörige

Hier werden in 8 Unterkapiteln Ergebnisse der Auswertung der qualitativen Interviews und „go along“ Interviews mit den älteren Menschen vorgestellt.

Vorstellungen und Verwirklichung eines guten Lebens

Nach der Feststellung der Autor:innen sind die Vorstellungen vielfältig, einige Aspekte werden aber häufiger dargestellt. Hierzu gehören Gesundheit, ein ausreichendes Einkommen, Mobilität und Autonomie. Der Begriff „gutes Leben“ ist für einige Ältere relativ. Im Vergleich zu anderen, denen es gesundheitlich und/oder materiell schlechter geht, gehe es ihnen noch gut. Unterstützung kann für einige Befragte willkommen sein, kann aber auch zurückgewiesen werden wegen der damit befürchteten Bevormundung und Einschränkung der Autonomie.

Einstellungen zum Alleinsein im Alter und Tendenzen des Wohlbefindens im Status quo

Behandelt werden drei Zustände. Es gebe viele Menschen, die sich mit dem Alleinsein wohlfühlen und kein Bedürfnis nach zusätzlichen sozialen Kontakten haben. Andere empfinden dauerhafte Einsamkeit und haben ein Bedürfnis nach mehr sozialen Kontakten. Die Gruppe von Personen, die kein Bedürfnis nach zusätzlichen Kontakten haben, ist heterogen. Einige mussten zunächst den Partnerverlust für sich akzeptieren, haben dann aber keine Wünsche nach weiteren Beziehungen. Einige sind gerne allein und wiederum andere brauchen eine Balance zwischen sozialen Kontakten und Allein-Sein.

Behandelt werden dann dauerhafte Einsamkeit und das starke Bedürfnis nach mehr sozialen Kontakten. Dabei wird unterschieden zwischen emotionaler Einsamkeit, sozialer Einsamkeit und kollektiver Einsamkeit. Emotionale Einsamkeit meint das Fehlen vertrauter Beziehungen, zum Beispiel enger Freundschaften. Soziale Einsamkeit meint das Fehlen eines breiteren Netzwerks von Freund:innen und Bekannten. Kollektive Einsamkeit bedeutet die fehlende Gemeinschaft, zum Beispiel Zugehörigkeit zu einer lokalen Gemeinschaft. Situative Einsamkeit können sowohl Ältere erleben, die zufrieden sind und kein Bedürfnis nach weiteren Kontakten haben, als auch Ältere, die sich öfter einsam fühlen. Zu bestimmten Zeiten wie abends, an Wochenenden oder in Ferienzeiten fühlen sie sich einsam bzw. besonders einsam.

Informiertheit über Altersangebote und Kanäle des Unterstützerbezugs

Es wird festgestellt, dass viele der Befragten sich noch nicht umfassend über das Angebot informiert haben. Dann geht es um die Frage, über welche Kanäle sie sich informieren. Dazu gehören u.a. informierte Einzelpersonen, Medien, Altersorganisationen und medizinisches Personal.

Rolle erhaltener/​potenzieller Unterstützung für die Alltagsbewältigung

In diesem Unterkapitel geht es zunächst um die älteren Menschen, die bereits Unterstützung in ihrem Alltag erhalten. Diese Personen sind insgesamt mit der Unterstützung zufrieden, was aber nicht heiße, dass sie keine weiteren Wünsche haben. Eine Frage ist, inwieweit neben Hilfe und Pflege auch psychosoziale Unterstützung geleistet wird. Diese würden häufig nicht als „notwendige“ Leistungen anerkannt, die von den Sozialversicherungen erstattet werden.

Anschließend geht es um Ältere, die Unterstützungen nicht bzw. noch nicht in Anspruch nehmen wollen. Einige von ihnen hatten Unterstützungen, die sie dann abgebrochen haben, weil sie sie nicht mehr brauchten oder weil sie ihnen nicht gefielen. Genannt wurden Gründe. Dazu gehört die Befürchtung, als Problemfall behandelt zu werden. Andere Gründe sind häufiger Personalwechsel durch die Organisation oder die Befürchtung, durch übermäßige Unterstützung Autonomie zu verlieren.

Dargestellt und diskutiert werden dann drei Gründe dafür, dass Unterstützungsleistungen an ihre Grenzen kommen. Ein Grund ist, dass die Befragten zu viele Leistungen erhalten. Verwöhnung kann problematisch werden, wenn einem zu viel abgenommen wird. Gesehen wird ein Zusammenhang mit dem Unterstützungssystem, das auf Leistung und Effizienz ausgerichtet ist. Zweitens verlassen sich Personen, die noch keine Pflege erhalten, auf eine Person, die zur wichtigsten Bezugsperson wird. Drittens können finanzielle Ressourcen eine wichtige Grenze sein. Bestimmte Unterstützungen, die nicht von den Sozialversicherungen finanziert werden, muss man sich leisten können. Dies führe zu sozialen Ungleichheiten.

Netzwerke der Unterstützung und Rollen der unterstützenden Personen

Familiäre Unterstützung wird bei den Befragten in geringerem Umfang und nicht regelmäßig geleistet. Auch die regelmäßige Betreuung aus der Ferne kann für die Befragten eine besondere positive Bedeutung haben. Informelle Unterstützung können Befragte von Freunden, Nachbarn oder Bekannten erhalten. Auch hier gibt es unterschiedliche Formen der Unterstützung. Bei der formellen Unterstützung wird unterschieden zwischen professionellen Pflege‑, Hauswirtschafts‑, Betreuungs‑ oder Beratungspersonen einerseits und freiwilligen Personen, die von Organisationen geschickt werden, andererseits. Bei den Beziehungen zu professionellen Personen kann das Verhältnis sehr eng, familiär oder freundschaftlich sein. In einigen Fällen sind die professionellen Personen aber auch distanzierter. Ein Problem kann sein, wenn die professionelle Person, die man liebgewonnen hatte, woanders eingesetzt wird und jemand anders kommt. Auch die Beziehung zu freiwilligen Personen kann unterschiedlich sein. Es kann eine langfristige und gute Beziehung entstehen. Es kann aber auch passieren, dass die ältere Person mit der freiwilligen Person nicht gut zurechtkommt.

Frage der Verantwortung für die eigene Situation

In diesem Unterkapitel geht es um die Frage, wem die Befragten die Verantwortung für ihre Lebenssituation zuschreiben. Unterschieden wird zwischen individueller Verantwortung, gesellschaftlicher Verantwortung und Verantwortung des Systems (Politik, Altersarbeit, Versicherungen). Begonnen wird mit Selbstsorge in eigener Verantwortung. Fast alle Personen, die befragt wurden, empfinden die Verantwortung, solange es geht, für sich selbst zu sorgen. Dies gilt auch für die sozialen Kontakte. Netzwerke und Kontakte müssen danach „gepflegt“ werden. Eine Orientierung an der eigenen Autonomie wird deutlich. Es geht dann um die Aufteilung von Verantwortung zwischen Individuum und System. Kritik am System wegen mangelnder Unterstützung wird bei einigen nicht auf sich selbst bezogen, sondern basiert auf Beobachtungen im Umfeld zu ärmeren Älteren. Die Einstellung zur Verantwortung der eigenen Kinder ist unterschiedlich. Einige wünschen sich keine Unterstützung, um die Kinder nicht zu belasten. Sie hätten ihren Beruf und bräuchten auch Freizeit. Andere wünschen sich mehr Kontakt und Unterstützung durch die Kinder.

Vorstellungen, Pläne und Ängste im Hinblick auf die Zukunft

Ein Großteil der befragten älteren Menschen gibt an, keine Pläne für die Zukunft zu haben. Sie orientieren sich an der Gegenwart und dem Augenblick. Einige haben auch das Gefühl, nichts mehr vom Leben zu haben, was sich lohne. Es geht dann um Ängste vor körperlichem oder geistigem Abbau, was mit dem Verlust von Autonomie und Fremdbestimmung verbunden sei. Einige sind in altersgerechte Wohnungen umgezogen oder planen, dies zu tun. Auch mögliche bauliche Veränderungen werden angesprochen. Fast alle Befragten möchten immer in den eigenen „vier Wänden“ bleiben. Viele haben Angst vor dem Pflegeheim, das mit dem Verlust von Autonomie und Fremdbestimmung verbunden ist. Anschließend geht es um Vorsorgethemen im Notfall und zum eigenen Lebensende. Hierzu gehören Vollmachten, Patientenverfügung, Vorsorgeauftrag, Haushaltsauflösung und Testament. Viele Befragte haben bereits entsprechende Vorbereitungen getroffen oder äußern, das nicht mehr lange hinausschieben zu können. Einige von ihnen erwähnen den Schweizer Verein Exit, der neben anderen Angeboten auch würdevolle Freitodbegleitung anbietet. Eine Frage ist, welche Personen aus dem Freundeskreis oder der Verwandtschaft Aufgaben am eigenen Lebensende übernehmen können. Dazu müssten die Vorstellungen zu diesen Fragen auch übereinstimmen.

Wünsche im Zusammenhang mit Betreuung im Alter

Die meisten der von den Befragten geäußerten Wünsche haben wenig mit den Unterstützungsformen der Hilfe und Pflege zu tun. Einige Wünsche beziehen sich auf Begleitungen, zum Beispiel auf Märkten oder bei Spaziergängen. Häufig handelt es sich um Personen, die aufgrund ihres Gesundheitszustands ungern die eigene Wohnung ohne Begleitung verlassen. Andere Wünsche beziehen sich auf Hilfe zur Nutzung digitaler Geräte wie Smartphone und Internet, was einigen Älteren schwerfällt. Einige brauchen auch Hilfe bei „administrativen Dingen“, die vorher der Ehepartner übernommen hatte. Einige Wünsche können nicht erfüllt werden, weil die entsprechenden Angebote, zum Beispiel betreutes Wohnen, vor Ort nicht vorhanden sind oder mit hohen Kosten verbunden wären, die die Versicherungen nicht übernehmen würden. Einige ältere Menschen äußerten auch keine besonderen Wünsche.

4 Rahmenbedingungen der Alterspolitik und Altersarbeit 

Dieses Kapitel basiert auf Dokumentenrecherche und auf den Interviews mit den 25 Akteuren der Alterspolitik und der Altersarbeit. Erhoben wurde an 5 unterschiedlichen Standorten in der Schweiz. Die Ergebnisse werden in fünf Unterkapiteln dargestellt.

Basel

Die Stadt und ihre Bevölkerungsstruktur werden vorgestellt. Es folgt eine Darstellung zu Dokumenten der Alterspolitik und Altersarbeit und zu den Organisationen, die auf diesem Gebiet tätig sind. Dann geht es um die Einschätzungen der interviewten Akteure. Ein kleiner Teil der Befragten betont die „Holschuld“, indem sich die Betroffenen selbst an die Organisationen wenden. Ein größerer Teil spricht auch von „Bringschuld“ und mobiler oder aufsuchender Altersarbeit. Diese werde aber bisher nicht ausreichend gefördert. Es gibt in Basel ein großes Angebot, aber auch Konkurrenz zwischen den Anbietern, was einer Zusammenarbeit im Wege stehen kann. Behandelt wird auch das Thema Prävention.

Lausanne

Die Stadt Lausanne im Kanton Waadt wird zunächst vorgestellt. Dann wird auf die Richtlinien zur Alterspolitik und Altersarbeit und auf das Programm „Vieillir 2030“ (Altern 2030) des Kantons Waadt eingegangen. Sowohl in den Richtlinien als auch in den Darstellungen der interviewten Akteure wird deutlich, dass soziale Bindungen, Betreuung und Kooperation der Verbände und Vereine eine größere Bedeutung haben. Die Bedeutung von Prävention und Früherkennung von Bedürfnissen wird betont. Die Kommunikation, die sich an ältere Menschen richtet, und die Information könnten aber noch verbessert werden. „Man kann also trotz aller Kritik der Akteure betonen, dass der Kanton Waadt psychosoziale Betreuung explizit finanziert, auch wenn diese Finanzierung bei Weitem nicht ausreicht, um den Bedürfnissen aller Individuen gerecht zu werden“ (S. 156). Auch die Freiwilligenarbeit könne aufgewertet und die Qualität verbessert werden.

Biel

Zunächst wird wieder auf die Stadt und die Bevölkerungsstruktur eingegangen. Biel liegt im Kanton Bern und ist zweisprachig. Es folgt eine Darstellung der Rahmenbedingungen und Altersangebote im Kanton und in der Stadt. Im Kanton Bern ist die Alterspolitik mit einer gesundheitspolitischen Perspektive verknüpft. Betont wird die Verantwortung der Gemeinschaft (Caring Community) Es gibt ein breites Angebot für ältere Menschen. Hierzu gehören, Freizeit‑ und Unterstützungsangebote, Seniorencafés und Sozialberatungen. Es gibt ein Angebot speziell für Menschen mit Migrationshintergrund. Es folgen die Einschätzungen der befragten Akteure. Ein Aspekt ist die Förderung von Quartiersarbeit mit intergenerationalen Beziehungen. Insgesamt schätzen die meisten Akteure das Angebot als ausreichend ein. Freiwilligenarbeit zur Betreuung und Unterstützung Älterer werde immer häufiger gebraucht. Der Bedarf könne aber nur teilweise gedeckt werden. Diese Betreuung wird meist kostenlos angeboten, weil sie nicht finanziert wird.

Küssnacht am Rigi

Küssnacht ist mit knapp 14 000 Einwohnern ein kleinerer Bezirk im Kanton Schwyz. In der Altenpolitik und Altenarbeit setzt man auch auf Nachbarschaftshilfe, zivilgesellschaftliches Engagement und Freiwilligenarbeit. Die Fachstelle Altern wird von vielen Akteuren als Vorbild im Kanton eingeschätzt. Es wird versucht, Konkurrenzdenken und Doppelungen zu vermeiden. Die Akteure bieten vor allem spezifische Dienstleistungen an, während Besuchs‑ und Begleitdienste von der Nachbarschaftshilfe, der Freiwilligenarbeit und dem Besuchsdienst der Kirche angeboten werden. Die Zielgruppe der Studie ist kein großes Thema. Es steige jedoch das Bewusstsein, dass das Thema auch an einem Ort mit „vermeintlich noch traditionellen Familienstrukturen“ (S. 168) an Bedeutung gewinne. Geplant ist eine offizielle Stelle für Case-Management, was als wichtig eingeschätzt wird.

Val-de-Travers

Hierbei handelt es sich ebenfalls um eine kleine Gemeinde. Sie hat 10.000 Einwohner und liegt im Kanton Neuenburg. In der Alterspolitik wird im Kanton das Ziel verfolgt, die älteren Menschen möglichst zu Hause zu pflegen und die Anzahl der Betten in den Pflegeheimen zu reduzieren, indem man den Umfang ambulanter Leistungen erhöht. Psychosoziale Betreuung, Gemeinschafts‑ und Freizeitaktivitäten sind in den Berichten wenig präsent. Eingegangen wird dann auf die Beiträge der Akteure in der Gemeinde. Die Angebote in der Gemeinde werden als vielfältig und hochwertig eingeschätzt. An der Zusammenarbeit und am Informationsaustausch und der Zusammenarbeit der Akteure müsse noch gearbeitet werden. Probleme gibt es noch bei individualisierten Leistungen wie Hausbesuche, u.a. weil es dafür einen Mangel an Freiwilligen und Fachkräften gibt. Die Kommunikation mit den Adressaten erfolgt hauptsächlich über eine Webseite und soziale Netzwerke. Diese werden aber von vielen älteren Menschen nicht konsultiert.

5 Matching-Analysen zwischen Bedürfnissen und Rahmenbedingungen

In diesem Kapitel mit 8 Unterkapiteln werden die Bedürfnisse, Wünsche und Sichtweisen der Zielgruppe mit den Einschätzungen und Sichtweisen der Akteure der Alterspolitik und Altersarbeit verglichen. Das wird als Matching-Analyse bezeichnet. Auf Matching und Mismatching wird eingegangen, man konzentriert sich aber stärker auf Mismatching.

Erfüllung der individuellen Bedürfnisse älterer Menschen ohne betreuende Familienangehörige

Festgestellt wurde in Kapitel 3, dass die Vorstellungen von Menschen der Zielgruppe zum „guten Leben“, Alter und sozialer Einbindung sehr unterschiedlich sind. Daher müsse Alterspolitik und Altersarbeit eigentlich vom Individuum und seinen individuellen psychosozialen Bedürfnissen ausgehen. Dieses Ideal werde genannt, aber nur teilweise umgesetzt. Einige Ältere scheuen Beratungs‑ und Unterstützungsangebote, die ein Bild von ihnen zeichnen, das sie ablehnen.

Unterstützungsbedarfe und aktuelle Unterstützungsformen

Manche Angehörige der Zielgruppe üben explizit oder implizit Kritik am Unterstützungssystem. Eine Frage ist dabei, dass die Unterstützung eigene Autonomie und eigene Aktivitäten einschränken kann. Fehlende Finanzierung von Betreuung und Zeitmangel können dazu führen, dass nicht hinreichend auf psychosoziale Bedürfnisse eingegangen werde. Die Bedürfnisse älterer Menschen könnten unterschätzt oder überschätzt werden. Einige Akteure halten bei älteren Menschen ohne betreuende Familienangehörige ein aufsuchendes Vorgehen für sinnvoll. Andererseits solle die persönliche Freiheit des Individuums gewahrt bleiben. Niemand solle gezwungen werden, Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Es geht auch um das Verhältnis von professioneller und freiwilliger Unterstützung. Professionelle Unterstützung sei zuverlässiger. Da Betreuungen nicht bezahlt werden, habe man jedoch wenig Zeit für die Menschen und es komme öfters zu Personalwechseln. Freiwilligenarbeit sei notwendig, aber weniger zuverlässig. Auch gebe es einen Mangel an Freiwilligen. Ein weiteres Thema ist soziale Gerechtigkeit im Alter, weil sich ärmere Ältere bestimmte Unterstützung nicht leisten könnten.

Wunsch nach sozialer Einbindung und Netzwerken

Hier geht es um die psychosozialen Bedürfnisse von Älteren ohne regelmäßige und umfassende Betreuung durch Familienangehörige. Konkrete Unterstützungsleistungen sind häufig verbunden mit einer „betreuenden Grundhaltung“, die auf psychosoziale Bedürfnisse eingeht. Hier ergibt sich jedoch häufig ein Zeitproblem. Betreuung werde zum „Nebenprodukt“ von Hilfe und Pflege. Freiwillige Helfer würden häufig fehlen, auch sei es schwierig, zuverlässige Freiwillige für langfristige Einsätze zu gewinnen. Es scheine eine „Betreuungslücke“ zu bestehen.

Die Frage nach der Verantwortung für ein gutes Leben im Alter

Unterschieden werden hier drei Verantwortlichkeiten: die Eigenverantwortung, die gesellschaftliche und die systemische Verantwortung für ein gutes Leben. Die meisten Älteren ohne Familienangehörige betonen die Eigenverantwortung, die verbunden ist mit dem Erhalt der eigenen Autonomie. Gesellschaftliche Verantwortung (u.a. Familie, Nachbarn, soziale Netze, Berufstätige) wird dagegen weniger von der Zielgruppe betont. Von sozialen Netzen wird weniger Betreuung erwartet. Einige Ältere sehen die Kinder in der Verantwortung, andere wiederum wollen ihren Kindern „nicht zur Last fallen“. Akteure der Alterspolitik betonen dagegen die gesellschaftliche Verantwortung, vor allem die Verantwortung von Familienangehörigen. Damit wird das Problem, dass öfter diese betreuenden Familienangehörigen aus unterschiedlichen Gründen nicht vorhanden sind, eher ausgeklammert, was Akteure der Altershilfe kritisieren, die ihre Aufgabe darin sehen, diese fehlenden Angehörigen zu „ersetzen“. Ein Teil der Älteren sieht eine Mitverantwortung des Staates.

Zukunft ohne betreuende Familienangehörige

Es handelt sich um ein Thema, das die Älteren der Zielgruppe stark beschäftigt. Die Bewältigungsstrategien dazu sind jedoch sehr unterschiedlich. Ein Teil reagiert mit Hinausschieben des Themas, ein anderer Teil reagiert mit konkreten Planungen. Akteure zeichnen häufig ein defizitäres, hilfsbedürftiges Bild dieser Zielgruppe. Ein verwandtes Thema ist die Frage der Prävention, wobei die Akteure unter Prävention Unterschiedliches verstehen. Fragen der Berechtigung von Prävention ohne Zustimmung der Personen aus der Zielgruppe werden von Akteuren diskutiert. Ein weiteres Thema sind mögliche Wohnformen, in der Zukunft, zum Beispiel betreutes Wohnen.

Realisierung von guter Betreuung im Alter

Hier geht es vor allem um eine psychosoziale Betreuung dieser Zielgruppe durch formelle und informelle Netzwerke. Einige ältere Menschen der Zielgruppe sehen darin eine Unterstützung und Entlastung von Angehörigen. Einige Ältere könnten sich auf informelle Netzwerke stützen. Diese Personen seien häufig nicht dafür ausgebildet, diese Wünsche zu erkennen, und hätten häufig nicht genügend Zeit, sich darum zu kümmern. Formelle Netzwerke seien besser darauf zugeschnitten, es fehle aber häufig die Zeit, sich neben Pflege und/oder Hilfe sich darum zu kümmern. Die Arbeit werde vorrangig als Hilfe und Pflege betrachtet. Der Wettbewerb zwischen den Trägern könne eine Kooperation erschweren. Eingegangen wird auch auf die Informationsmöglichkeiten über entsprechende Angebote. Informationen sind im Internet verfügbar. Viele Ältere haben jedoch weder einen PC noch ein Smartphone.

Kontext Covid-Pandemie

Als die Studie durchgeführt wurde, waren die restriktiven Maßnahmen gegen die Pandemie bereits aufgehoben. Hier geht es um die Erfahrungen, die die befragten Älteren und Akteure in der Zeit vorher gemacht haben. Es gab Befragte, die sich nicht besonders betroffen fühlten. Die meisten Befragten reagierten jedoch mit Ängsten, schränkten ihre Kontakte stark ein oder fühlten sich isoliert. Sie erlebten den Abbruch von Kontakten, zum Beispiel zu Nachbarn. Diese Erfahrung während der Pandemie wirkte sich bei einigen bis in die Gegenwart aus.

Ältere Menschen ohne betreuende Familienangehörige

Zunächst wird das Vorgehen bei der Entwicklung einer qualitativen Typologie skizziert. Hingewiesen wird unter anderem darauf, dass es sich um eine Momentaufnahme handelt, da sich die Situation und die Wahrnehmung der Älteren ändern können. Die Typologie folgt zwei Dimensionen: 1. Zufriedenheit/​Unzufriedenheit im Status quo 2. keine Unterstützung oder regelmäßige Unterstützung. Daraus ergeben sich vier Typen. Begonnen wird mit den Typen 1 und 2. Typ 1: Diese älteren Menschen sind zufrieden, weil sie noch nicht auf Unterstützung angewiesen sind. Ein gutes Leben sei für sie dank ihrer Autonomie möglich.

Typ 2: Diese Älteren erhalten bereits regelmäßige Unterstützung unterschiedlichen Umfangs und sind mit ihrer Situation zufrieden. Einigen fiel es zunächst nicht leicht, sich an die neue Lebensrealität zu gewöhnen. Die Unterstützung erfolgt meist aus einer betreuenden Grundhaltung, auch wenn eine umfassendere Betreuung zeitlich nicht möglich ist. Einige Personen dieses Typs haben eine weitere Person, die sich umfassender und ganzheitlicher mit der Situation der älteren Person befasst. Dies können zum Beispiel entfernt lebende Kinder oder entferntere Angehörige sein, die mit der älteren Person telefonieren und sie in größeren Abständen besuchen. Es folgt die Darstellung zu den Typen 3 und 4, die mit ihrem Status unzufrieden sind. Gemeinsam ist ihnen eine Unzufriedenheit mit sozialen Kontakten. Die Gründe liegen zum Teil in der Vergangenheit. Mit privaten Kontakten und Unterstützungsanbietern wurden zum Beispiel schlechte Erfahrungen gemacht. Einige haben wenige Beziehungen. Andere sind zwar mit Menschen in Kontakt, aber mit der Qualität der Beziehungen nicht zufrieden. Auch eigene Charaktereigenschaften können von Bedeutung sein (zum Beispiel: „Ich lasse mir nichts gefallen“). Ältere vom Typ 3 könnten vielleicht Unterstützungsleistungen gebrauchen, lehnen sie aber ab oder haben sie aufgrund schlechter Erfahrungen abgebrochen. Sie äußern sich negativ zu den am Ort angebotenen Unterstützungsleistungen. Festgestellt wird ein Mangel an sozialen Beziehungen. Ältere vom Typ 4 erhalten Leistungen zur Hilfe und Pflege, sind aber unzufrieden. Sie beklagen vor allem einen Mangel an privaten sozialen Beziehungen. Die Betreuung durch die Dienste zur Hilfe und Pflege kann dies nicht ausgleichen, weil dafür die Zeit fehlt und die Dienste formalisiert sind. In dem Unterabschnitt Konklusion geht es zunächst um die Frage, wie die Situation von Personen, die dem Typ 3 oder 4 zugehören, verbessert werden kann.

Diskussion

Deutlich wird unter anderem die Spannung zwischen Betreuung/​Hilfe/​Pflege einerseits und der Angst der Älteren vor Bevormundung und Fremdbestimmung andererseits.

Wichtig ist das Verstehen der Situation des einzelnen Älteren. Gibt es zum Beispiel Freunde, Bekannte oder Nachbarn, die mal aushelfen können? Solche Fragen sollten zur Medizin, insbesondere der Altersmedizin und Palliativmedizin, gehören und können auch Teil einer psychosozialen Begleitung sein. Geschulte Pflegekräfte, Altenhelfer oder auch geschulte Freiwillige könnten einen Teil der Aufgaben übernehmen. Eine Frage ist die nach den finanziellen Anreizen für die Organisationen der Pflege und Hilfe. Einige Leistungen werden gut honoriert, andere wiederum gering oder überhaupt nicht. Dies führt zur Konkurrenz zwischen den Organisationen und zur Konzentration auf die lukrativen Dienstleistungen. Auf der einen Seite stehen die Interessen der Organisation, auf der anderen Seite die subjektiven Bedürfnisse der Älteren.

Die Krankheitsverläufe bis zum Tod könnte man stärker berücksichtigen. Einige Ältere bleiben scheinbar gesund und sterben dann plötzlich. Andere Ältere erleben kurze Krankheitsverläufe oder lange Krankheitsverläufe. Einige sind lange pflegebedürftig. Es gibt ferner Palliativpatienten, die bald an einer unheilbaren Krankheit sterben werden. Das bedeutet auch, dass die Zukunft einer 70-jährigen Person nicht vorhersehbar ist. Einige erleben vor dem Tod keine oder nur eine kurze, fragile Phase.

Fazit

Das Buch ermöglicht einen guten Einblick in Probleme älterer Menschen mit der ambulanten Hilfe, Pflege und Betreuung. Dies betrifft vor allem, aber nicht nur, die Zielgruppe der Älteren ohne betreuende Familienangehörige.

Rezension von
Dr. Hermann Müller
Universität Hildesheim, Institut für Sozial- und Organisationspädagogik
Mailformular

Es gibt 39 Rezensionen von Hermann Müller.

Zitiervorschlag anzeigen Besprochenes Werk kaufen

Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Sponsoren

Wir danken unseren Sponsoren. Sie ermöglichen dieses umfassende Angebot.

Über die socialnet Rezensionen
Hinweise für Rezensent:innen | Verlage | Autor:innen | Leser:innen sowie zur Verlinkung

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245