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Anna Sabel, Mehmet Arbag (Hrsg.): Verunsicherung

Rezensiert von Dr. Franziska Baumbach, 14.07.2026

Cover Anna Sabel, Mehmet Arbag (Hrsg.): Verunsicherung ISBN 978-3-8376-7744-7

Anna Sabel, Mehmet Arbag (Hrsg.): Verunsicherung. Texte zu Kriminalisierung, Sicherheit und Rassismus. transcript (Bielefeld) 2025. 186 Seiten. ISBN 978-3-8376-7744-7. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 25,30 sFr.
Reihe: Gesellschaft der Unterschiede - 92.

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Thema

Das Buch widmet sich aus unterschiedlichen Perspektiven aktuellen Sicherheitsdebatten und den rassistischen Impulsen, mit denen in „emotional herausfordernden Zeiten auf die Komplexität der Verhältnisse reagiert wird“ (7).

Herausgeber:innen

Anna Sabel ist Geschäftsführerin beim Verband binationaler Familien und Partnerschaften, iaf e.V. und entwickelt rassismuskritische Bildungsmaterialien. Mehmet Arbag ist Politikwissenschafter und Projektleiter beim Verband binationaler Familien und Partnerschaften in Leipzig und entwickelt ebenfalls rassismuskritische Bildungsmaterialien.

Entstehungshintergrund

Ausgehend vom Gefühl der Gefährdung als bestimmendem Faktor des gesellschaftlichen Zusammenhalts, stellt das Buch die „Rassifizierung von Gewalt und die Kriminalisierung von Migrationsanderen“ (8) fest. Es will eine „Einladung zum Zögern und Zaudern“ (7) sein, wenn es um den gesellschaftlichen Umgang mit dem Thema Sicherheit geht.

Aufbau

Der Band versammelt neun Beiträge zum Thema gesellschaftliche Verunsicherung von Professor:innen, politischen Bildner:innen und Aktivist:innen in vier Abschnitten: Kriminalisierung und Rassifizierung (1), Sicherheit und Gefährdung (2), Widersprüchlichkeit und Komplexität (2), Veränderung und Solidarisierung (4).

Inhalt

Donatella Di Cesare nennt den Umgang mit antimuslimischem Rassismus eine Schicksalsfrage für Europa, bei der nicht nur „die Anderen, die Fremden, sondern auch ‚Wir‘, die Bürger*innen des heutigen Europas“ (19) auf dem Spiel stehen. Muslimisches Leben und Muslim*innen sind fester Bestandteil der europäischen Geschichte und Identitätsbildung. Durch die Virulenz des antimuslimischen Rassismus wird den Muslim*innen die Individualität genommen. Dies kann ein erster Schritt zur Gewalt und ihrer Rechtfertigung sein: „Wer sich nicht mehr vorstellen kann, wie einzigartig jede Muslima, jeder Migrant […] ist, wer sich nicht vorstellen kann, wie ähnlich sie in ihrer Suche nach Glück und Würde sind, erkennt auch ihre Verletzbarkeit als menschliche Wesen nicht.“ (17). Die Ent-Individualisierung ist auch Thema im Kapitel von Schirin Amir-Moazami. Sie problematisiert einen eindimensionalen Diskurs über Antisemitismus in Deutschland nach dem 07. Oktober 2023. Im Windschatten der Staatsräson wird die „eine Minderheit zur schutzbedürftigen Lieblingsminderheit stilisiert, die andere als Aggressor dämonisiert.“ (32f) Auf diese Weise bleiben beide „gesichts- und geschichtslose Andere“ (33). Sonja John eröffnet den zweiten Abschnitt mit ihrem Beitrag zu Suiziden in Haft und fragt, wieso so viele Menschen Haft nicht überleben und warum für diese Todesfälle eine transparente Aufklärung ausbleibt (42). Suizide in Haft seien nicht auf den freien Willen der Häftlinge zurückzuführen, sondern müssten im Kontext der Haftbedingungen betrachtet und als systemimmanent angesehen werden (45). Schohreh Golian fragt in ihrem Beitrag nach den Herstellungsprozessen von sicherheitspolitischen Normalitäten: „Wie wird das Paradigma von ‚Sicherheit und Ordnung‘ definiert und welche Individuen und Verhaltensweisen werden dabei zur Aufrechterhaltung der ‚Ordnung‘ zum Sicherheitsproblem erklärt?“ (54) Resultat der vorgeblichen Herstellung von Sicherheit ist der kriminalisierende und diskriminierende Ausschluss von Unerwünschten. Mit Bezug auf Loïc Waquant wird die Verschiebung des Sicherheitsbegriffs im Verlauf des neoliberalen Abbaus des Wohlfahrtsstaats nachgezeichnet: Sah der Staat sich zuvor für die soziale Absicherung zuständig, sieht er sich fortan für die Abwehr von Kriminalität verantwortlich. Menschen, die sozialstaatliche Absicherung verlieren, werden für ihre Situation nun selbst verantwortlich gemacht (arm bzw. kriminell) und als Feinde der Gesellschaft definiert. „Die durch den Sicherheitsdiskurs hervorgebrachten Anderen sind so in doppelter Hinsicht nützliche Feinde.“ (56f) Soziale Probleme werden zu Sicherheitsproblemen umgedeutet (56). Die neuen Kriminellen, die so hervorgebracht werden, sind diejenigen, die ohnehin am Rand der Gesellschaft stehen. Die Kriminalisierung verläuft entlang von rassistischen und klassenspezifischen Zuschreibungen (56f). Am Beispiel der Sicherheitspolitik um den Hamburger Hauptbahnhof zeichnet der Beitrag nach, wie soziale Probleme verdrängt werden und wie es die Sicherheit der Menschen beschränkt, die Ziel der „Polizierung“ (86) sind. Sicherheit bedeutet fortan „mehr Polizei“ (89) ohne dass sich die Sicherheit der Bevölkerung erhöht. María do Mar Castro Varela und Nikita Dhawan plädieren in ihrem Beitrag für eine Rassismuskritik, die staatskritisch, jedoch nicht staatsphobisch argumentiert, da nur so eine Allianz zwischen Rassismuskritik und Antisemitismuskritik gelingen kann. Vor dem Hintergrund der Formulierung der Unterstützung Israels als deutsche Staatsräson durch die Politik nimmt die verbreitete Antisemitismuskritik den Staat im Kampf gegen Antisemitismus in die Pflicht. Gängige Rassismuskritik ist gleichzeitig notwendige Kritik des Nationalstaats, der rassistische Ausschlüsse produziert, wenn ihm als erfundene Gemeinschaft (Benedict Anderson), das Konzept Rasse immer zugrunde liegt (116). Gleichzeitig gilt es, zwischen demokratisch notwendiger Staatskritik und antidemokratischer Staatsphobie zu unterscheiden (118). Die kritische Betrachtung der unterschiedlichen Bezüge auf den Staat kann für die Suche nach Gemeinsamkeiten der Rassismus- und der Antisemitismuskritik fruchtbar gemacht werden. Massimo Perinelli geht in eine ähnliche Richtung, wenn er dafür plädiert, den Staat nicht zu verdammen, ihn aber auch nicht zu adressieren, sondern „den staatlichen Verfahren die Präsenz solidarischer Beziehungen entgegenzustellen“ (132). Vassilis S. Tsianos versteht in seinem Beitrag Antirassismus gleichermaßen als soziales Verhältnis wie Rassismus. Daniel Loick geht von der Ermordung Mouhamed Dramés durch die Dortmunder Polizei am 8. August 2022 aus, wenn er begründet, dass Ausgrenzung und Unterdrückung nur überwunden werden können, wenn die Zurückdrängung staatlicher Gewalt mit der politischen und ökonomischen Emanzipation marginalisierter Gruppen einhergeht. Im letzten Beitrag des Bandes beschreibt Naomi Henkel-Guembel ihre Perspektive auf Sicherheit, die nur durch ein Gefühl der Gemeinsamkeit entstehen kann. Auch wenn ihr das als nach Israel emigrierte deutsche Jüdin, die aus einer Familie von Holocaustüberlebenden stammt und den Anschlag auf die Synagoge in Halle 2019 überlebt hat, nach dem 7. Oktober 2023 manchmal schwerfällt, schließt sie das Buch mit einer ausgestreckten Hand: „Ich reiche euch die Hand. Ich strecke Euch, den Mitbetroffenen, die Hand aus. Ich erkenne euren Schmerz an und sehe ihn. Ich sehe euch.“ (177)

Diskussion

Das Buch kritisiert die vorherrschenden Sicherheitspolitiken überzeugend als die Verunsicherung derjenigen, die von diesen ins Visier genommen werden. Sicherheitspolitiken verstärken die Ausschlüsse derjenigen, die ohnehin schon am Rand der Gesellschaft stehen. Ihre Sicherheit und ihr Sicherheitsgefühl spielen in der Bewertung dessen, was als Sicherheit politisch diskutiert wird, keine Rolle: „Die den Systemen der vermeintlichen Sicherheit immanenten Tode treffen kaum auf Widerstand. Die Kriminalisierung von Menschen geht mit der Normalisierung ihres Ausschlusses einher.“ (8f) Die Beiträge liefern viele Denkanstöße und aktuelle Bezüge für eine äußerst relevante und überfällige gesellschaftliche Debatte über die Frage, wer sich sicher fühlen darf und soll.

Fazit

Das Buch nähert sich der Frage der Rassifizierung von Sicherheitsdebatten aus verschiedenen Blickwinkeln und lädt zur kritischen Reflexion des gesellschaftlichen wie individuellen Sicherheitsgefühls ein. Es leistet einen Beitrag zum Verständnis der Politik der Verunsicherung und macht Vorschläge, wie sie zu überwinden ist.

Rezension von
Dr. Franziska Baumbach
Dr. Franziska Baumbach ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin für Soziale Arbeit an der Humanistischen Hochschule Berlin
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Es gibt 16 Rezensionen von Franziska Baumbach.

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ISSN 2190-9245