Winfried Ripp: Der Berliner Asyl-Verein für Obdachlose
Rezensiert von Dr. phil. Hubert Kolling, 20.05.2026
Winfried Ripp: Der Berliner Asyl-Verein für Obdachlose. Die Auseinandersetzung um die Obdachlosigkeit im Kaiserreich. Metropol-Verlag (Berlin) 2026. 424 Seiten. ISBN 978-3-86331-844-4. D: 26,00 EUR, A: 26,80 EUR.
Thema
Ausgehend vom Berliner Asyl-Verein für Obdachlose geht es in der vorliegenden Studie um die Auseinandersetzung um die Obdachlosigkeit im Kaiserreich, die zur damaligen Zeit als zentrales soziales Problem und Straftat galt. Die Debatte über den Umgang mit Wanderarmen und Obdachlosen wurde dabei vor allem von dem evangelischen Pastor und Theologen Friedrich von Bodelschwingh (1831-1910) dominiert, der sie mit Kontrolle, Missionierung und Zwangsarbeit „bessern“ wollte. Demgegenüber stand der Berliner Asyl-Verein für Obdachlose, der 1868 von wohlhabenden Bürgern gegründet worden war, dem es um gelebte Humanität und Entkriminalisierung ging.
Autor
Verfasst wurde die Arbeit von Winfried Ripp (Jahrgang 1952), Historiker, Pädagoge und Stiftungsexperte, der nach Tätigkeiten als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sozialpädagogik der TU Berlin und Lehrer vor allem durch seine Konzeption von historisch-politischen Stadterkundungen, ‑rundfahrten und ‑spaziergängen, als Geschäftsführer der Körber-Stiftung in Dresden sowie Gründer und Vorstandsmitglied der Bürgerstiftung Dresden (ausgezeichnet mit dem Deutschen Stifterpreis 2003) bekannt ist. Er veröffentlichte zahlreiche Beiträge zur Berliner Sozialgeschichte, darunter „Berlin quer. Eine Rundfahrt auf Abwegen zwischen Funkturm und Brandenburger Tor“ (Berlin 1989) und „Dreizehn deutsche Geschichten. Erzähltes Leben aus Ost und West“ (Hamburg 1998).
Entstehungshintergrund
Die Drucklegung des Buches erfolgte mit Unterstützung des Paul-Singer-Vereins e.V., der sich 1995 – im Angedenken an den jüdischen Fabrikanten, Mitbegründer und Vorsitzenden der deutschen Sozialdemokratie sowie Reichstagsabgeordneten Paul Singer (1844-1911) und seine sozialen Projekte in Berlin-Friedrichshain – konstituierte. Zusammen mit dem Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg betreut der Verein im Sinne ihres Namensgebers in Berlin die nationale Gedenkstätte „Friedhof der Märzgefallenen“, als einen Ort des Erinnerns an die Revolutionen von 1848 und 1918 und als Stätte der Demokratiebildung.
Aufbau
Das Buch gliedert sich in 21 Kapitel (S. 9–363), die durch einen „Anhang“ (S. 365–424) ergänzt werden.
Zu der Veröffentlichung hat der Vorstand des Paul-Singers-Vereins, Martin Düspohl, Oliver Gaida, Dr. Susanne Kitschun, Sigrid Klebba und René Schulze, ein Vorwort (S. 7–8) beigesteuert, in dem sie darauf hinweisen, dass die aktuelle Wohnungsnot in Berlin – deren Zahlen mit denen um 1890 vergleichbar seien – eine historische Dimension hat und es deshalb Sinn ergibt, zu fragen, welche politischen Debatten über den Umgang mit Obdachlosigkeit vor fast 150 Jahren geführt und welche Lösungen damals vorgeschlagen wurden. Im vorliegenden Buch zeige Winfried Ripp, mit welchen Konzepten Paul Singer „als Initiator und Kurator des Berliner Asyl-Vereins nicht nur tätige Hilfe leistete, sondern sein Menschenbild gegen alle Anfeindungen der damaligen Zeit verteidigte“ (S. 7). Im Unterschied zum evangelischen Theologen Friedrich von Bodelschwingh, der gefordert habe, wohnungslosen Menschen nur Hilfe zu gewähren, wenn sie dafür eine Gegenleistung erbringen, habe Paul Singer auf eine solidarische Haltung gesetzt, die jedem Menschen Vertrauen entgegenbringt und die gesellschaftlichen Ursachen von Armut berücksichtigt.
Inhalt
In seiner „Einführung“ (S. 9–16) schreibt der Autor zur Bedeutung und Intention seiner Publikation: „Ich dokumentiere darin die Geschichte des Asyl-Vereins, seiner Gründer und Unterstützer, aber auch seiner Gegner und natürlich der vielen Menschen, die in den Asylen übernachteten“ (S. 9). Die Bodelschwinghschen Motive und Strategien, sein System der Wanderarmenfürsorge zur alleinigen Praxis und zum allgemeingültigen Rechts‑ und Finanzrahmen im Deutschen Reich zu machen, würden dabei breiten Raum einnehmen, da sie gegen oder spätestens ab dem Jahr 1903 im offenen Schlagabtausch mit dem linksliberal bürgerlichen Asyl-Verein und dessen sozialdemokratischen Protagonisten Paul Singer stehen.
Nach einem Überblick über „Mobilität und Anwachsen der Obdachlosigkeit im Kaiserreich“ (S. 17–22) und die „Entwicklung Berlins zur industriellen Millionenmetropole und Elendshauptstadt des Deutschen Reiches“ (S. 23–30) beleuchtet Winfried Ripp zunächst die „Wanderarmen im Kaiserreich“ (S. 31–60), darunter ihr Bild in der öffentlichen Wahrnehmung, obdachlose Frauen, die Kriminalisierung der Obdachlosen, Vagabunden und Bettler sowie die körperlichen und psychischen Krankheiten der Obdachlosen, bevor er in einem Exkurs das „Weltbild von Friedrich von Bodelschwingh und sein System der Wanderarmenhilfe“ vorstellt (S. 61–83). Wie er hierbei zeigen kann, war Bodelschwingh „die“ Schlüsselfigur in der Debatte um den Umgang mit Obdachlosen und Vagabunden im Kaiserreich, der sich Anfang des 20. Jahrhunderts zu einem erklärten, heftigen Gegner der Arbeit des Berliner Asyl-Vereins für Obdachlose mit großer publizistischer Wirksamkeit entwickelte. Neben der Sozialdemokratie habe er im liberalen assimilierten Judentum die zweite große Bedrohung seiner Vorstellung von Staat und Gesellschaft gesehen und es daher als eine „heilige Pflicht jedes Christen“ betrachtet, sich gegen die „materialistischen“ und „gottlosen“ Reformjuden zu stellen (S. 63). Bodelschwingh habe zwar die Folgen wirtschaftlicher Krisen gesehen, die die Menschen auf die Straße zwingt, aber alle sozialpolitischen Maßnahmen abgelehnt, die zum Beispiel der rechtlichen Besserstellung der Arbeiter oder Beschränkung der Unternehmerwillkür dienen. Sein Leitsatz für die Behandlung der Wanderarmen sei vielmehr gewesen: „Für den Fleißigen entsprechende Hilfe, für die Faulenzer stramme Zucht“ (S. 73).
Im Anschluss an einen Überblick über die zeitgenössischen „Obdachloseneinrichtungen in Berlin“ (S. 84–106) beleuchtet der Autor die „Gründung des Berliner Asyl-Vereins für Obdachlose“ (S. 107–133), wobei er zunächst die Gründer sowie deren Herkunft und Motivation in den Blick nimmt. Wie er hierbei zeigt, war es eine illustre Runde von erfolgreichen Kaufleuten, Industriellen, Medizinern, politisch interessierten und aktiven, meist liberal und demokratisch gesinnten Bürgern der aufstrebenden Metropole, darunter bekannte Namen wie der des Arztes und Politikers Prof. Dr. med. Rudolf Virchow (1821-1902) und Maschinenbauunternehmers Johann Friedrich August Borsig (1804-1854), der Metallindustrielle Ludwig Loewe (1837-1886) und der Maurermeister Carl Andreas Julius Bolle (1832-1910), ebenso wie der Kunsthistoriker und Publizist Prof. Dr. Herman Friedrich Grimm (1828-1901) und natürlich die beiden den Verein prägenden Persönlichkeiten, der Bankier Gustav Thölde (1819-1910) und Paul Singer (1844-1911). Die ungewöhnliche Zusammensetzung des Gründerkreises erklärt sich nach Winfried Ripp „aus dem gemeinsamen Willen, in bürgerlicher Selbsthilfe ein zentrales Problem im damaligen Berlin anzugehen, das in den Straßen permanent präsent ist: die Obdachlosigkeit“ (S. 109).
Nach Betrachtung der „Grundsätze des Berliner Asyl-Vereins“ (S. 134–147), zu denen neben der Anonymität auch die Übernachtung und Verpflegung ohne Gegenleistung gehörten, widmet der Autor sich der „Bekämpfung der Anonymität“ (S. 148–156) sowie den „Widerständen und Behinderungen durch Behörden und Nachbarn“ (S. 157–186). Anschließend stellt er die „Frauenasyle“ (S. 187–205) in der Artilleriewerkstatt, in der Füsilierstraße und in der „Wiesenburg“ vor, ebenso wie die „Männerasyle“ (S. 206–229) Büschingstraße und „Wiesenburg“. In Mittelpunkt weiterer Kapitel stehen sodann die „Nutzerinnen und Nutzern der Asyle“ (S. 230–240), die „Finanzierung und Fundraising“ (S. 241–271), die „Aufseherinnen und Aufseher“ (S. 272–279) sowie die „Gewalt und Kriminalität durch Besucher“ (S. 280–283). Wie Winfried Ripp zeigen kann, behaupteten die Gegner des Asyl-Vereins in den Jahrzehnten seines Bestehens immer wieder, seine Asyle wären ein Unterschlupf und ein Sammelpunkt für Verbrecher aller Art. Besonders Friedrich von Bodelschwingh habe „mit enormer Penetranz“ mit diesem Stereotyp gearbeitet und eine groß angelegte Kampagne gegen den Verein initiiert. Recherchiere man hingegen in den Vereinsakten und in den zur Verfügung stehenden zeitgenössischen Presseartikeln, ergebe sich ein ganz anderes Bild, indem nur einige wenige Fälle krimineller Handlungen dokumentiert sind. „Die Bodelschwinghsche Propaganda gegen die Vereinsasyle als Orte des Verbrechens stellt sich also als reine Demagogie heraus. Sie verfolgt einzig das Ziel, dem Ruf des Berliner Asyl-Vereins für Obdachlose zu schaden und damit die große Spendenbereitschaft der Berliner Bevölkerung für diese humanitären Einrichtungen zu reduzieren“ (S. 283).
In weiteren Kapiteln beschäftigt der Autor sich sodann mit den folgenden Themen: „Asyl-Verein und Arbeitsnachweis“ (S. 284–290), „Die ‚Wiesenburg’ im Vergleich mit der ‚Palme’“ (S. 291–298), „Außenkontakte – Besucher – Ausstellungen“ (S. 299–305), „Die Bodelschwinghsche Kampagne gegen den Berliner Asyl-Verein“ (S. 306–333) und „Berliner Asyl-Verein in der Dauerkrise“ (S. 334–363). Für Winfried Ripp besteht kein Zweifel daran, dass die Bodelschwinghsche Kampagne, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts zur Realisierung einer neuen Arbeiterkolonie vor den Toren der Stadt führen soll, „mit einem klaren Feindbild“ arbeitet, das er „zwei Jahre lang immer und immer wieder in scharfen Worten und großer Polemik beschwört: Die Berliner Asyle seien Ausbildungsstätten des Verbrechernachwuchses, bevölkert von arbeitsscheuen Bettlern“ (S. 316). Da die Grundsätze der Anonymität und der Unterkunft ohne Arbeitszwang seinem Konzept diametral entgegenstanden, habe Bodelschwingh diese Prinzipien durch die Behauptung diskreditiert, die Vereinsasyle seien eine Heimstatt der „Arbeitsscheuen“ und Schulen des Verbrechens. In seinen „immer wieder öffentlich geäußerten Horrorszenarien“ gehe Bodelschwingh so weit, dass er gar von „täglich viel unschuldig vergossenem Blut“ (S. 318) fantasiert, wobei sein personifiziertes Feindbild der Sozialdemokrat und Jude Paul Singer ist.
Ergänzt wird die Darstellung durch einen „Anhang“, der Tabellen zur Nutzung der Asyleinrichtungen 1869–1931 und zu den Gremien des Berliner Asyl-Vereins für Obdachlose, eine Zeittafel des Berliner Asylvereins für Obdachlose 1868–1951, Abkürzungen, Quellen‑ und Literaturverzeichnisse sowie ein Personenregister enthält.
Diskussion
Gestützt auf die Auswertung der erhalten gebliebenen, heute im Landesarchiv Berlin lagernden Archivalien des Berliner Asyl-Vereins für Obdachlose, der zeitgenössischen Literatur, Fach‑ und Tagespresse, ebenso wie auf die in den staatlichen Archiven (Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz und Bundesarchiv Berlin) und den im Hauptarchiv der von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel vorhandenen Materialien hat Winfried Ripp eine fundierte Studie über die Geschichte des Berliner Asyl-Verein für Obdachlose vorgelegt, bei der – worauf der Untertitel des Buches treffend hinweist – die Auseinandersetzung um die Obdachlosigkeit im Kaiserreich breiten Raum einnimmt.
Der Verein, getragen von bis zu 4.000 Mitgliedern aus allen Schichten der Bevölkerung und einer unterstützenden liberalen und sozialdemokratischen Berliner Öffentlichkeit, begann im Jahr 1869 seine Arbeit mit einem Frauenasyl und errichtete bis 1907 mehr als 1.100 Übernachtungsplätze für Frauen und Männer, die den modernsten hygienischen und baulichen Anforderungen entsprechen und zum Vorbild für ähnliche Einrichtungen weit über Deutschland hinaus werden. Der Grundsatz lautete dabei: Obdachlose sind Menschen in Not, die ohne Ansehen der Person Hilfe brauen und diese ohne Vorbedingungen erhalten. Es ging hier also nicht um christliche Agitation, Bevormundung, Kontrolle, Zwangsarbeit oder gar Bestrafung und „Besserung“ der „Asylisten“.
Die Asyle des Vereins, die Anonymität und Unterkunft ohne Arbeitszwang garantierten, hatten einen hohen hygienischen Standard, wie die „Wiesenburg“, die seinerzeit als das weltweit modernste Asyl galt. Das Konzept rief jedoch, wie der Autor auf breiter Quellenbasis anschaulich darlegt, zahlreiche Gegner auf den Plan, an vorderster Front Friedrich von Bodelschwingh, glühender Pietist und Nationalist, der zwar die Wanderarmen als seine „Brüder von der Landstraße“ bezeichnete und als Ursachen die Industrialisierung und der damit einhergehende eklatante Wohnungsmangel in den städtischen Ballungsgebieten benannte, trotzdem aber das Problem der Obdachlosigkeit moralisierte und darauf hingewirkt habe, dass die Wanderarmen durch Arbeitszwang „gebessert“ werden könnten und sollten. Unterdessen lässt die Darstellung von Winfried Ripp keinen Zweifel daran, dass der Berliner Asyl-Verein für Obdachlose „der“ Gegenentwurf zur dominierenden Wanderarmenhilfe Bodelschwinghscher Prägung war.
Während Obdachlosigkeit noch immer eine extreme Form der sozialen Ausgrenzung ist, bei der Menschen ohne festen Wohnsitz auf der Straße oder in Notunterkünften leben, was zu Isolation, hoher gesundheitlicher Belastung und kürzerer Lebenserwartung führt, ist es Winfried Ripp zu verdanken, dass nunmehr eine fundierte Studie über die Jahrzehnte lange Arbeit des Berliner Asyl-Verein für Obdachlose vorliegt. Ausführlich werden darin vom Autor auch die beiden höchst unterschiedlichen, sich diametral gegenüberstehenden Konzepte im Umgang mit Wanderarmen und Obdachlosen dargelegt, von Kontrolle, Missionierung und Besserung durch Zwangsarbeit auf der einen Seite, wofür sich Bodelschwingh stark machte, und gelebte Humanität und Entkriminalisierung auf der anderen Seite, wie sie der Berliner Asyl-Verein für Obdachlose vertrat.
Fazit
Winfried Ripp hat eine solide und spannend zu lesende Studie über die Geschichte des Berliner Asyl-Vereins für Obdachlose vorgelegt, in der er zugleich die Auseinandersetzung über die verschiedenen Wege im Umgang mit der Obdachlosigkeit im Kaiserreich auf breiter Quellenbasis gründlich analysiert. Künftige Arbeiten zu dem Thema werden an seinem Werk nicht vorbeikommen.
Rezension von
Dr. phil. Hubert Kolling
Krankenpfleger, Diplom-Pädagoge und Diplom-Politologe
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