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Alexander Trost: Bindungsstörungen verstehen und behandeln

Rezensiert von Wolfgang Schneider, 08.06.2026

Cover Alexander Trost: Bindungsstörungen verstehen und behandeln ISBN 978-3-525-40072-2

Alexander Trost:Bindungsstörungen verstehen und behandeln. Ein systemisch-integratives Konzept. Vandenhoeck & Ruprecht Brill Deutschland GmbH (Göttingen) 2025. 311 Seiten. ISBN 978-3-525-40072-2. D: 39,00 EUR, A: 41,00 EUR.

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Thema

Alexander Trost beleuchtet Bindung im wissenschaftlichen und empirischen Kontext, aus historischer Perspektive, aus der Sicht der evolutionären Bindungstheorie und der Kulturanthropologie. Er erläutert Definitionen und Ausdrucksformen von Bindungstraumatisierungen und Bindungsstörungen und erklärt, wie sie in die gängigen Klassifikationssysteme ICD und DSM und alternative Modelle eingeordnet werden. Anhand zahlreicher Fallbeispiele stellt er die wichtigsten Erklärungsmodelle und Behandlungsansätze sowie Maßnahmen für die Prävention von Bindungsstörungen vor.

Autor

Prof. Dr. med. Alexander Trost ist Facharzt für Kinder‑ und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Facharzt für Psychosomatische Medizin, systemischer Lehrtherapeut und Supervisor (DGSF), TZI-Lehrbeauftragter (RCI) und NLP-Master-Practitioner. Er ist in eigener Praxis als Supervisor, Dozent und Autor tätig.

Aufbau und Inhalt

Wissenschaftliche Grundlage dieses Buches ist die Bindungstheorie, aufbauend auf den Forschungen von Bowlby und Ainsworth aber auch deren Weiterentwicklungen der jüngeren Vergangenheit. Daher stehen zunächst die Grundlagen der Bindungstheorie im Fokus, wobei diese Einführung weit über die Bindungstheorie hinausgeht. Trost beschreibt zunächst mit einer Zeitreise von der Antike bis zur Kindheit des 21. Jahrhunderts Bindung als mögliches entwicklungspsychologisches Konzept. Einen lohnenswerten Blick wirft er dabei auf die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen und ihre Entstehung sowie die (bisweilen irritierende) Entwicklung des breit angelegten Bewusstseins von Bindung in der Gegenwart und die Frage, was für Kinder wir eigentlich erziehen wollen. Anschließend steht die Neurobiologie im Mittelpunkt: So werden zum Beispiel psychoneuronale Grundsysteme erläutert, aber auch die Bedeutung des Bindungshormons Oxytocin, das uns ein Leben lang begleitet. Bindung ist für das Gehirn gerade in der früheren Kindheit die sichere Basis für die Entwicklung eines gesunden Selbst, aber auch im weiteren Verlauf des Lebens prägen Bindungserfahrungen. Denn mittlerweile ist nachgewiesen, dass Bindungstypen, deren Entstehung ebenfalls dargestellt wird, nicht unbedingt manifestiert sein müssen, sondern im Verlauf des Lebens überschrieben werden können. Das bedeutet, dass positive Bindungs‑ und Beziehungserfahrungen im Erwachsenenleben negative Kindheitserfahrungen überschreiben können.

Was Bindung und Trauma miteinander zu tun haben, wird im vierten Kapitel deutlich, bevor es um die Diagnostik von Bindungsstörungen geht. An dieser Stelle wird einmal mehr deutlich, dass Bindungstypen nach Bowlby und Ainsworth etwas völlig anderes sind als Bindungsstörungen im klinischen Sinne. Insbesondere eine unsichere Bindung mit einer Diagnose Bindungsstörung zu verknüpfen, ist grob falsch. Neben verschiedenen Instrumenten der Diagnostik setzt sich Alexander Trost in diesem Kapitel auch speziell damit auseinander, welche Bedeutung interaktive systemische Fallanalysen in der stationären Jugendhilfe spielen können. Empirisch belegt ist nämlich, dass sich gerade dort viele Kinder mit einer Bindungsproblematik beziehungsweise sogar mit einer diagnostizierten Bindungsstörung finden lassen. Diese Re-Inszenieren häufig ihr früheres Erleben im Gruppensetting, was Einrichtungen „an die Grenzen ihrer Möglichkeiten bringt“ (S. 153). Um dieses Phänomen aufzubrechen, können Fallworkshops helfen, die einen systemischen Blick auf die Situation werfen. Im sechsten Kapitel geht es um Erklärungsmodelle für Bindungsstörungen als einen ersten Zugang zu fachlichem Handeln sowohl in der Sozialen Arbeit als auch in der Therapie. Welche Rolle spielen etwa soziokulturelle Aspekte oder intergenerationale Traumatisierungen? Aber auch die Rolle von Neurobiologie und Genetik wird beleuchtet. Dazu wird ein Blick auf das bindungswissenschaftliche Krankheitsverständnis, psychodynamische und verhaltenstheoretische Ansätze geworfen. Den Abschluss bildet dann ein Blick auf systemische Beiträge zum Verständnis und zur Behandlung von Bindungsstörungen wie zum Beispiel die Luhmannsche Systemtheorie oder auch Metaperspektiven zu Störungen und Krankheiten – also zum Beispiel das System-Umwelt-Problem. Den Abschluss des Buches bilden therapeutische Interventionsmöglichkeiten zur Behandlung von Bindungsstörungen sowie ein Blick auf das Thema Prävention als Grundlage von Bindung, wie zum Beispiel das SAFE-Programm nach Brisch.

Diskussion

Alexander Trost gelingt es mit diesem Buch, wissenschaftliche Erkenntnisse rund um das Thema Bindung mit der Praxis zu verknüpfen, weil die theoretische Rahmung und konkrete Beispiele sich konkret aufeinander beziehen. So entsteht ein Buch, das neben viel Wissen auch ein Plädoyer beinhaltet – nämlich für die immense Bedeutung und Notwendigkeit von interdisziplinärer Zusammenarbeit in diesem Bereich. Ohne ein Miteinander von Psychotherapie, Neurowissenschaft und Sozialer Arbeit kann es nicht gehen. Leider ist das in der Praxis aber viel zu selten anzutreffen, und die Professionen arbeiten teilweise stark abgegrenzt miteinander. Dabei, und das ist eine der Kernaussagen dieses Buches, kann es doch nur gelingen, den Adressat*innen sichere Bindungserfahrungen zu ermöglichen und Traumafolgen abzumildern, wenn Erkenntnisse aus allen Bereichen ineinandergreifen.

Fazit

Eine professionelle bindungsorientiert-systemische pädagogische und therapeutische Arbeit mit Menschen, die ungünstige Bindungserfahrungen gemacht und daraus Störungsbilder entwickelt haben, trägt zu einer Beendigung der Weitergabe unsicherer Bindungsmuster bei. Mit diesem Buch sind Fachkräfte dafür bestens gerüstet.

Rezension von
Wolfgang Schneider
Sozialarbeiter
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Es gibt 237 Rezensionen von Wolfgang Schneider.

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ISSN 2190-9245