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Quinn Slobodian, Ben Tarnoff: Muskismus

Rezensiert von Prof. Dr. Gertrud Hardtmann, 17.04.2026

Cover Quinn Slobodian, Ben Tarnoff: Muskismus ISBN 978-3-518-00131-8

Quinn Slobodian, Ben Tarnoff: Muskismus. Aufstieg und Herrschaft eines Technoking. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2026. 281 Seiten. ISBN 978-3-518-00131-8. D: 22,00 EUR, A: 22,70 EUR, CH: 31,50 sFr.
Reihe: edition suhrkamp. .

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Thema

Thema des vorliegenden Titels sind die Herausforderungen für die Demokratie durch technologische Macht und Größenwahn.

Autoren

Quinn Slobodian, geboren 1978, ist Professor für internationale Geschichte an der der Boston University. Für ‚Globalisten‘ (2019) wurde er mit dem George Louis Beer Prize der American Historical Association ausgezeichnet. Bei Suhrkamp wurde 2023 ‚Kapitalismus ohne Demokratie. Wie Marktradikale die Welt in Mikronationen, Privatstädte und Steueroasen zerlegen wollen‘ veröffentlicht.

Ben Tanrnoff, 1985 geboren, ist Autor und arbeitet für Technologie-Unternehmen. Veröffentlichungen: ‘Voices from the Valley. Tech Workers Talk About What They Do – And How They Do It’ (2020) und ‘Internet for the People’ (2022).

Entstehungshintergrund

Der Entstehungshintergrund für den vorliegenden Titel ist das ‘Programm Muskismus’, das den Staat benutzt, um das eigene Unternehmen zu finanzieren und die Herrschaft einer neuen technokratischen Ingenieurselite sicherzustellen. Technisches Können dient nicht länger der Gleichheit, sondern dem Gegenteil.

Aufbau und Inhalt

Nach einer Einleitung ‚Ein Betriebssystem für das 21. Jahrhundert‘ folgen zwei große Kapitel mit Unterteilungen: 1. Foundation und 2. Cyborg (Mensch-Maschine).

Einleitung: Ein Betriebssystem für das 21. Jahrhundert

Die Autoren beschreiben, wofür Musk ein Symptom ist, und vergleichen es mit dem Fordismus von Henry Ford. Anstelle von Autos verkauft Musk Träume einer Technosouveränität und Vertreibung (i.S. von Säuberung der sozialen Netzwerke, ideologisch gereinigter IT-Modelle und Massendeportationen ethnischer Außenseiter). Durch die Verschmelzung mit der Maschine werde ein Teil der Menschen souverän, die meisten jedoch ausgeschlossen.

1. Festungsfuturismus

Technokraten träumten in den 30/40er Jahren von einem über alle Ressourcen verfügenden Superstaat. Auch die Architekten der Apartheid in Südafrika hatten futuristische Träume, als Musk 1971 in Pretoria geboren wurde und die schwarze Bevölkerung in Townships verdrängt wurde (‚Rassistischer Fordismus‘, so Stephen Gelb); die Bürger wurden auf Großrechnern ethnisch erfasst (Technoautoritarismus).

Der Galaktische Reiseführer (Douglas Adams: Per Anhalter durch die Galaxis) begeisterte Musk, und er entwickelte ein Videospiel, bei dem außerirdische Raumschiffe abgeschossen wurden. Auch die Serie Star Trek war für ihn eine Inspiration und Mechs (Kampfflugzeuge, die sich in bemannte humanoide Roboter verwandelten und autonom handelten). Als der Festungsfuturismus keine Chance mehr hatte, kehrte Musk Afrika den Rücken.

2. Das Superset

Symbiotisch mit dem Staat konnte Musk kostenlos GPS-Daten von militärischen Satelliten benutzen, Online-Banken gründen und vom Dotcom-Boot (Spekulationsblase) profitieren, nachdem er sich im Silicon Valley mit den entsprechenden Werkzeugen und Regeln vertraut gemacht hatte. Das Internet verwandelte die Menschheit in einen vernetzten Superorganismus, dessen Kontrolle 1995 ohne Entgelt an den Privatsektor abgegeben wurde, obgleich die meisten Neuerungen vom Staat finanziert waren. Danach entwickelte sich das Dotcom-Fieber unter Beteiligung von Musk, indem Information und Kapital miteinander verschmolzen wurden (z.B. PayPal). Vereint in der Abneigung gegen die Bürokratie wurden die Regeln der Apartheid im Internet fortgesetzt.

3. Souveränität als Dienstleistung

Kevin Kelly entwickelte 1990 das Konzept der ‚Vernetzten Kriegführung‘: Wie in einem Computerspiel wurden Bedrohungen ausgetauscht, Antworten koordiniert unter Nutzung des Global Positioniering System (GPS).

Musk‘ nächstes Projekt war der Raketenbau: Im Fall einer Katastrophe ein Überleben auf dem Mars (Space X). Mit der Rakete Falcon X2001, billig und zuverlässig wie ein Toyota oder Honda, bereicherte er sich am Markt für kleine Satelliten und sicherte sich 2006 einen COTS-Auftrag (Commercial Orbital Transportation Services) im Wert von 178 Millionen Dollar. Durch Staatsaufträge versuchte er die Raumfahrt billiger zu machen, sich der staatlichen Aufsicht zu entziehen und Befugnisse des Staates anzueignen. 2019 beförderte er Falcon-9-Raketen von SpaceX in die Umlaufbahn und sorgte für Anbindung unversorgter Regionen. Sie ist Inzwischen militärisch und kommerziell unverzichtbar, kann jedoch von Musk jederzeit unterbrochen werden.

4. Elektrische Autonomie

Grüner Kapitalismus löste in der Amtszeit von Obama einen Boom sauberer Energieträger aus, was für die Entwicklung von Tesla günstig war, das nach Digitalisierung des Straßenverkehrs strebte (Auto als ein vernetztes Gerät wie Handy oder Laptop). 2008 übernahm Musk die Geschäftsführung, nachdem der Kongress 2005–2007 passende Energiegesetze (z.B. Steuergutschriften für Käufer von Elektroautos) verabschiedet hatte. Tesla erhielt einen Kredit und Firmen, die die Zero-Emission nicht einhielten, konnten sich bei Tesla mit Credits freikaufen (40 % der Nettoeinnahmen). Später wurden die erneuerbaren Energien geschwächt durch die Schieferölrevolution (Erdöl‑ und Erdgasreserven) 2005. Tesla konnte jedoch durch Effizienzgewinne überleben, insbesondere nach dem Durchbruch mit Lithium-Ionen-Akkus. Musk vertrat den Festungsfuturismus der industriellen Autarkie wie schon bei SpaceX; die erste Gigafabrik wurde 2016 in Betrieb genommen. Die frühere Freihandelspolitik wurde durch einen geoökonomischen Konsens ersetzt, die Welt des Eigentums und des Staates wurde nicht mehr getrennt und eine Deglobalisierung nach 2015 beschleunigt (geoökonomische Strategie von Musk). Durch den Klimawandel konzentrierte sich Tesla Energie auch auf Lösungen für Privathaushalte, z.B. bei Stromausfällen.

Hinzu kamen Anleihen bei Science fiction: Ein Verschwinden der bisherigen menschlichen Spezies und dafür ein Robotil, ein künstlicher humanoider 3 Roboter, halbintelligente Roboter auf Rädern oder eine ‚dark factory‘ ohne menschliche Arbeiter. Die Fabrik wird zu einer Welt, in der Leben und Arbeit in ein nahtloses System autonom integriert ist.

Musk beschäftigte sich auch mit der Organisation des Raumes: Gebäude sind nicht für Menschen, sondern für Maschinen bestimmt. Architektur und Kulturgeschichte, Debatten, Ideologien sind überflüssig, da die Strukturen auf Codes, Algorithmen, Technologie, Maschinenbau und Ausführung beruhen. In der Fabrik wird nicht mehr menschliche Arbeit organisiert, sondern beseitigt.

5. Aufmerksamkeitsalchemie

Mit dem zunehmenden Gebrauch des Internets durch die Corona-Epidemie bekam der virtuelle Raum eine größere Bedeutung. Die Digitalisierung des Alltagslebens nahm zu, und konnte zu Geld gemacht werden. Die Aktien der Techkonzerne stiegen. Trolling erzeugte Aufmerksamkeit, und mit der Erfindung von Dodgecoin konnten durch die ‚Schwindlerökonomie‘ (Jackson Palmer) des Hyper‑ und Rentierkapitalismus Menschen immer häufiger Geld mit Nichtstun verdienen. Musk sei ein Schwindler, aber die Welt liebe Schwindler: Twitter sei nicht das wirkliche Leben aber realer und folgenreicher als das wirkliche Leben.

6. Kybernetische Kollektive

Leistungsfähige KI kann sowohl konstruktiv als destruktiv angewandt werden, was Hoffnungen und Ängste weckt. Die Sorge vor einer ungehemmte KI führte zu Überlegungen einer Verschmelzung von Mensch und KI durch KI-Implantate. Cyborg könnte durch Implantate einer kollektiv programmierten KI kollektive Gefühle und Gedanken entwickeln (soziale Medien als kybernetisches Kollektiv). Ein Gehirnimplantat könnte das Bewusstsein direkt und dauerhaft mit dem Internet verbinden (Träume von Supersoldaten, die keinen Schlaf brauchen und kürzere Reaktionszeiten haben). Kann der Verstand programmiert werden wie ein Computer? Könnte ein bösartiges kybernetisches Kollektiv Gedanken und Gefühle von Menschen irrational beeinflussen (Gedankenvirus)? Ist bereits der Wokismus (Rassismus und Anti-Trans-Kampagne) ein Gedankenvirus?

7. Godwins Maschine

Musk vermutete auf Twitter eine linke Zensur und verwandelte T-Shirt ‑Aufdrucke »#StayWoke« in »#Stay@Work«. Entsprechend seinem Weltbild, dass Menschen bestimmt sind zu herrschen oder beherrscht zu werden, löschte und aktivierte er bestimmte Accounts, z.B. rechtsextreme. Er veränderte Twitter in eine Plattform einer global diffamierenden ‚digitalen Partei‘ und wurde zum Fürsprecher der AfD In Deutschland. CHATGPT wurde die am schnellsten wachsende Internetapplikation aller Zeiten. Die Daten waren verwendbar, um Sprachmodelle für KI zu trainieren. Soziale Medien und KI sollten in ein kybernetisches Modell, eine Meme-Maschine, verflochten werden: und von pathogenen Memen gesäubert werden. Musk arbeitete im »Gott-Modus«: DOGE verwandelte den Staat in eine Plattform und Videospiele in eine Parallele der staatlichen Verwaltung. Programmierer im Dienst von DOGE erlangten nach Trumps Amtseinführung Zugang zu dem Computersystem der Personalbehörde und damit Informationen über Millionen Bundesangestellte. Ähnliches war für die Daten der Steuerbehörde und Sozialversicherungen geplant.

Schluss: Vier Zukünfte des Muskismus

Der ungarische Ökonom Karl Polanyi entwickelt ins einem Buch ‚The Great Transformation‘ (1944) die Vision einer Globalisierung, die Menschen, Produkte und Orte zu einem humanoiden Gebilde (Golem oder Cyborg) entwickelt, das sich der menschlichen Kontrolle entzieht und den Planeten zu zerstören droht, – Vorbild des Mech, die Mensch-Maschine des 21.Jahrhunderts. Musk will Tesla in ein Robotunternehmen verwandeln, räumt KI Priorität ein und treibt die Symbiose mit dem Staat voran. Der Börsenwert von Palantir (Werkzeuge für Datenintegration und ‑analyse) ist in der zweiten Amtszeit von Trump gestiegen.

Je weiter Musk nach rechts rückt, umso stärker wird seine Sprache der Gewalt (auch gegen Migration): Humanoide Roboter und Beamte mit einem Neuralink-Implantat im Kopf arbeiten am Terminal mit verschiedenen Bildschirmen, die z.B. illegale Einwanderer melden.

Schüler hingegen sollen lernen, dass Mächtige sich nie entschuldigen und dass Gentechnik (Embryonenauswahl) patriotische Pflicht ist.

Diskussion

Wenn Träume wahr werden, z.B. bewusste Träume eines Technoking von unbegrenzter Macht und Verfügbarkeit, was bedeutet das für die ‚Untertanen‘? Die Idealisierung der Technik lässt das Lebendige, Unkontrollierbare, Emotionale und Affektive als Bedrohung erscheinen, solange es sich der technischen Kontrolle entzieht. Nicht die Technik ist gefährlich, sondern welchen Gebrauch Menschen damit machen. Das war schon mit der Atomenergie so, und gilt ebenso für die digitale Welt. Technik kann konstruktiv oder destruktiv eingesetzt werden. Dafür braucht es eine geeignete und wirksame gesellschaftliche und staatliche Kontrolle. Diese scheint bereits jetzt schleichend aus dem Ruder gelaufen zu sein, wie sich in der überbordenden vor allem finanziellen, aber zunehmenden auch politischen Macht der Technokings zeigt. Die Verführung die Mittel nicht nur zu haben, sondern auch einzusetzen und sich eine Welt zu schaffen – à la Pippi Langstrumpf ‚wie es einem gefällt‘- ist offensichtlich groß. Das sind Kopfgeburten und Größenphantasien nicht nur der Technokings, deren Cyborgs technisch programmiert alle Aufgaben perfekt erledigen sollen. Spricht hier ein ungeheurer Hass auf alles Lebendige, Spontane in der Welt, nicht nur der Menschen, sondern auch der Natur, die inzwischen schon zurückschlägt (Klimakrise)?

Macht‑ und Größenphantasien liegt aus psychoanalytischer Perspektive eine Angst vor Ohnmacht, Wut und Minderwertigkeitskomplexe angesichts von Unverfügbarkeit des unkontrollierbar Lebendigen zugrunde, das durch Implantate in gesteuerte und kontrollierbare Bahnen gelenkt werden soll. Die Phantasie ist nicht neu, schon die Automaten in der Romantik, man denke nur an den Sandmann von E.T.A. Hoffmann, erfüllten solche Wünsche. Implantate sollen heute auch Menschen in die gewünschten vorgezeichneten und normierten Bahnen steuern, eine diktatorische Vision mit technischen Mitteln auf die Spitze getrieben.

So ist allerdings auch Musk nicht auf die Welt gekommen: Neugeboren ein hilfloses Bündel von unkontrollierbaren Gefühlen, dann ein allmähliches Gewahrwerden von extremen guten und schlechten Gefühlen, noch mit Spaltungen und ohne alle Zwischentöne, und anschließend normalerweise eine zunehmende Differenzierung, die nach Freud auch als narzisstische Kränkung von Allmachtsgefühlen (nicht einmal ‚Herr im eigenen Haus‘), realistisch anerkannt werden müssen. Bleiben die Spaltungen bestehen, wird nicht selten die lebendige innere und äußere Welt verteufelt zugunsten einer Puppen‑ oder Marionettenwelt, in der alles nach technischen Spielregeln programmiert ist, Lebendigkeit und Spontaneität als Gefahr erlebt wird und ausgeschlossen werden muss. Eine Welt, in der nicht nur die Zahl der Menschen, die die Erde oder den Mars bewohnen, kontrolliert wird, sondern auch die Geschlechter, die Hautfarbe, die Sprache, und das Denken. Sind das aus psychoanalytischer Perspektive technische ‚Eisenbahnspiele‘ von 8-Jährigen Techno-Freaks, die nie erwachsen geworden sind?

Die Idealisierung der Technik lässt das Lebendige, unkontrollierbar Emotionale und Affektive als Bedrohung erscheinen, und als Rettung die technische Kontrolle durch Implantate. Das Verführerische zeigt, dass das in jedem Menschen, vor allem aber in Jungenköpfen im Latenzalter als Mythos steckt: Kreativ etwas unerhört Neues, Geburtsähnliches durch technische Tricks hervorzubringen. Für Jungen im Latenz-Alter von wachsendem technischen Interesse und hochfliegenden Plänen beflügelt, noch unbeeinflusst von den Unsicherheiten und Wirren der Pubertät und Adoleszenz, scheint der passende Name ‚Trickster‘ (Norbert Bischof: Das Kraftfeld der Mythen. Signale aus der Zeit, in der wir die Welt schaffen haben. Psychosozial-Verlag 2020) zu sein, zunächst spielerisch, aber wie es in dem alten Vers heißt nicht ungefährlich:

Kinder spielen gern Soldaten,

(man kann für Soldaten auch Technokraten einsetzen)

doch nur wenn sie nicht geraten,

werden sie dann mit der Zeit,

was als Kinder sie gefreut.

Die Inhalte wandeln sich, aber nicht die Antriebe. Die Gefahr geht von der unbegrenzten Verfügbarkeit über die Mittel in den Händen von Menschen aus, die das Latenzalter nie verlassen haben und an ihren kindlichen Größenphantasien festhalten, die ungefährlich und eher belustigend sind, solange man ihnen nicht die Macht gibt, sie umzusetzen. Denn ihre ‚Tricks‘, die grenzenlose Kontrolle und Ausbeutung anstreben, zerstören das Lebendige, wie sich schon jetzt in der drohenden Umweltkatastrophe zeigt. Die Phantasien sind nicht neu. Neu sind die Mittel, die einen Mythos von unbegrenzter Verfügbarkeit drohen Realität werden zu lassen.

Ein zum Nachdenken anregendes kritisches Buch über ‚Muskismus‘, seine Visionen und die Weichenstellungen für die Umsetzung von technischen Größenphantasien, in Komplizenschaft mit politischer Naivität? Machtstreben? Technik-Manie? Oder Trickster-Komplizenschaft?

Fazit

Lesenswert und zu Vertiefung und weiteren Informationen anregend.

Rezension von
Prof. Dr. Gertrud Hardtmann
Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie, Psychoanalytikerin
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Es gibt 137 Rezensionen von Gertrud Hardtmann.

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ISSN 2190-9245