Viola Butzlaff: Ich hol´ mir meinen Körper zurück!
Rezensiert von Petra Winkler, 20.02.2026
Viola Butzlaff: Ich hol´ mir meinen Körper zurück! Wege in die sexuelle Selbstbestimmung für Betroffene sexualisierter Gewalt.
Hochschulverlag Merseburg
(Merseburg) 2024.
104 Seiten.
ISBN 978-3-948058-54-8.
D: 6,99 EUR,
A: 6,99 EUR,
CH: 7,00 sFr.
Reihe: Sexualwissenschaftliche Schriften - 13.
Thema
Das Buch widmet sich dem Zusammenhang zwischen sexualisierter Gewalt und sexueller Selbstbestimmung. Im Zentrum steht die Frage, unter welchen Bedingungen es Betroffenen möglich wird, einen Zugang zu lustvoller und selbstbestimmter Sexualität zu entwickeln. Es richtet sich an Fachkräfte aus Sozialer Arbeit, Beratung, Therapie und sexueller Bildung ebenso wie an Menschen mit eigenen Gewalterfahrungen und deren Umfeld.
Autorin
Viola Butzlaff ist Sexualwissenschaftlerin und arbeitet als Sozialarbeiterin in einer Beratungsstelle für Menschen mit Erfahrungen sexualisierter Gewalt. Das vorliegende Buch entstand im Rahmen ihres Masterstudiums der Sexualwissenschaft.
Entstehungshintergrund
Die Autorin schreibt aus der Perspektive einer nicht-binären Person mit eigener Gewalterfahrung und verbindet fachliche Expertise mit autobiografischer Verortung. Ihren Beitrag versteht sie als Gegenposition zu einer aus ihrer Sicht dominierenden pathologisierenden Betrachtung sexualisierter Gewalt. Stattdessen plädiert sie für eine ressourcenorientierte Perspektive, die sexualpädagogische Arbeit auch im Kontext traumatischer Erfahrungen für möglich und notwendig hält. Zentrale Bezugspunkte ihrer Argumentation sind die Auseinandersetzung mit traumatischen Erfahrungen, die Bedeutung korrigierender Bindungserfahrungen sowie körperorientierte Zugänge. Die Entwicklung sexueller Selbstbestimmung wird an die Herstellung von Sicherheit im eigenen Körper und im sozialen Umfeld sowie an die Reflexion bestehender Kompensationsstrategien geknüpft.
Inhalt
Zu Beginn erfolgt eine begriffliche Einordnung sexualisierter Gewalt. Die Autorin beschreibt strukturelle Bedingungen, Machtverhältnisse sowie gesellschaftliche Kontexte, in denen Gewalt entsteht und fortbesteht. Darauf aufbauend werden mögliche psychische und körperliche Folgen thematisiert, insbesondere im Hinblick auf Körperwahrnehmung, Selbstbild und sexuelles Erleben. Genannt werden unter anderem Scham, Dissoziation, Kontrollverlust, Unsicherheiten in der Grenzsetzung sowie ambivalente sexuelle Reaktionen.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Darstellung individueller Bewältigungs‑ und Schutzstrategien. Die Autorin beschreibt deren stabilisierende Funktion im Kontext traumatischer Erfahrungen und thematisiert zugleich deren mögliche langfristige Auswirkungen auf Beziehungs‑ und Sexualitätsmuster.
Im anschließenden Teil werden Wege in eine selbstbestimmte Sexualität entfaltet. Aspekte wie Selbstfürsorge, Bedürfniswahrnehmung, Grenzsetzung und Körperbezug werden als zentrale Elemente benannt. Die Herstellung von Sicherheit im eigenen Körper wird als Voraussetzung für Veränderungsprozesse dargestellt. Zur Erklärung von Stress‑ und Regulationsprozessen bezieht sich die Autorin auf die Polyvagaltheorie und verweist auf körpertherapeutische Ansätze.
Der Umgang mit Triggern und Spannungszuständen wird anhand eines strukturierten „Notfallkoffers“ beschrieben, in dem individuelle Stabilisierungsmöglichkeiten gesammelt werden. Ein eigenes Kapitel widmet sich therapeutischen Verfahren und skizziert deren Bedeutung für die Verarbeitung sexualisierter Gewalterfahrungen.
Darüber hinaus thematisiert das Buch die Rolle sexueller Bildung. Es wird argumentiert, dass Prävention, Verarbeitung und sexuelle Selbstbestimmung nicht ausschließlich therapeutischen Settings zugeordnet werden sollten, sondern auch in sexualpädagogischen Konzepten Berücksichtigung finden müssen. In diesem Zusammenhang wird die Bedeutung innerer und äußerer sicherer Räume auf individueller wie gesellschaftlicher Ebene hervorgehoben. Ergänzend enthält das Werk Reflexionsfragen, Übungen und illustrative Elemente.
Diskussion
Das Buch verbindet persönliche Positionierung und fachliche Argumentation und nimmt damit eine deutlich engagierte Haltung im Diskurs um sexualisierte Gewalt ein. Indem die Autorin sexualisierte Gewalt nicht ausschließlich unter dem Aspekt von Defiziten oder Störungen verhandelt, sondern Ressourcen, Entwicklungsmöglichkeiten und sexuelle Selbstbestimmung in den Vordergrund stellt, setzt sie einen Akzent innerhalb sexualpädagogischer und beratender Kontexte.
Auffällig ist die konsequente Verknüpfung individueller Heilungsprozesse mit gesellschaftlicher Verantwortung. Sexualisierte Gewalt wird als strukturelles Phänomen gefasst, das professionelle Haltungen und institutionelle Rahmenbedingungen betrifft. Die Forderung nach mehrschichtigen Konzepten, die therapeutische, pädagogische und soziale Dimensionen verbinden, wird wiederholt betont.
Die theoretischen Bezüge, insbesondere zu körpertherapeutischen Ansätzen und zur Polyvagaltheorie, bleiben teilweise skizzenhaft. Eine vertiefte Auseinandersetzung mit aktuellen traumasensiblen Fachdiskursen erfolgt nur begrenzt. Auch die praktische Umsetzung der geforderten Konzepte in institutionellen Kontexten wird eher angedeutet als systematisch ausgearbeitet. Stellenweise zeigen sich sprachliche Unschärfen und eine eingeschränkte Kohärenz einzelner Passagen.
Gleichzeitig eröffnet das Buch einen niedrigschwelligen Zugang zu einem komplexen Themenfeld und regt sowohl Betroffene als auch Fachkräfte zur Reflexion eigener Erfahrungen und professioneller Haltungen an.
Das Buch stellt eine Verbindung zwischen sexualisierter Gewalt und sexueller Selbstbestimmung her und rückt damit zwei Themen zusammen, die in Fachdebatten häufig getrennt behandelt werden. Es bietet eine ressourcenorientierte Perspektive und verbindet persönliche Erfahrung mit fachlicher Auseinandersetzung.
Für Menschen mit eigenen Gewalterfahrungen kann es Impulse zur Selbstreflexion geben. Fachkräfte in Sozialer Arbeit, Beratung, Therapie und sexueller Bildung erhalten Anregungen zur Weiterentwicklung ihrer Haltung und zur Sensibilisierung für die Bedeutung von Sicherheit, Beziehung und Körperbezug im Kontext sexueller Selbstbestimmung.
Fazit
Das Buch leistet einen diskussionswürdigen Beitrag, indem es sexualisierte Gewalt mit Fragen sexueller Selbstbestimmung verbindet und eine ressourcenorientierte Perspektive in den Vordergrund stellt. Auch wenn die theoretische Fundierung stellenweise vertieft werden könnte, bietet es praxisnahe Impulse und regt zur fachlichen wie persönlichen Reflexion an. Es ist insbesondere für Fachkräfte in Sozialer Arbeit, Beratung, Therapie und sexueller Bildung sowie für thematisch interessierte Leser:innen eine anregende Lektüre.
Rezension von
Petra Winkler
freiberufliche Sexualpädagogin, Sexualberaterin DGfS
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