Alexa Kupferschmitt, Volker Köllner: Therapie-Tools Virusfolgeerkrankungen und Post-COVID
Rezensiert von M. Ed. Mirja Lisa Nicolas, Dr. phil. Fabian Fritz, 09.03.2026
Alexa Kupferschmitt, Volker Köllner: Therapie-Tools Virusfolgeerkrankungen und Post-COVID. Mit E-Book inside und Arbeitsmaterial. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2026. 217 Seiten. ISBN 978-3-621-29226-9. D: 48,00 EUR, A: 49,40 EUR.
Reihe: Therapie-Tools.
Siehe auch Replik oder Kommentar am Ende der Rezension
Thema und Entstehungshintergrund
Das Manual erweitert die bekannte Beltz-Reihe „Therapie-Tools“ um das Themenfeld der postakuten Infektionssyndrome, in deren Zusammenhang aktuell vor allem das Post-COVID-Syndrom zwischen Biomedizin und Psychosomatischer Medizin diskutiert wird: Die Autor*innen selbst sprechen von einem „intensiven und emotionalisierten gesellschaftlichen und politischen Diskurs […] zum Post-COVID-Syndrom“ (S. 17). Vor dem Hintergrund zunehmender öffentlicher Aufmerksamkeit für die eklatanten Versorgungslücken und der bisher unzureichend erforschten Pathomechanismen betont das Manual ein „biopsychosoziales“ (S. 9) Krankheitsverständnis. Die Entstehung des Manuals scheint insbesondere an die Absicht geknüpft, psychotherapeutische Interventionen zur Krankheitsbegleitung in der Versorgung zu festigen sowie vermeintliche dysfunktionale, aufrechterhaltende Krankheitsmechanismen zu bearbeiten. Damit führt das Manual psychosomatische, „biopsychosoziale“ Deutungen in Bezug auf postakute Infektionssyndrome fort, wie sie von ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom) bekannt sind. Diese werden aus den Bezugswissenschaften und von den Betroffenen selbst als psychologisierend und zu schädlichen „Aktivierungstherapien“ führend kritisiert (vgl. Rücker 2023a; Hunt 2024, S. 7; Angelsen & Schei 2024, S. 96 f.).
Autor*innen
Dr. Alexa Alica Kupferschmitt ist Psychologische Psychotherapeutin und leitende Psychologin im Reha-Zentrum Seehof der Deutschen Rentenversicherung Bund. Prof. Dr. Volker Köllner ist Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Er ist Chefarzt der Verhaltenstherapie und Psychosomatik sowie ärztlicher Direktor am Reha-Zentrum Seehof der DRV und Professor für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Medizinischen Fakultät der Universität des Saarlandes.
Kupferschmitt und Köllner sind wissenschaftlich an der Charité Berlin tätig. Gemeinsam publizieren sie regelmäßig aus psychosomatischer, „biopsychosozialer“ Sicht zu postakuten Infektionssyndromen und ME/CFS. Ihre Positionen werden fachlich diskutiert und kritisiert (vgl. Born 2025; Grande & Grande 2025; Missing Doctors & Psychotherapists 2025; u.a.). Vor allem Rehabilitationsmaßnahmen gelten bei postakuten Infektionssyndromen und ME/CFS als risikobehaftet, es werden gesundheitliche Verschlechterungen beschrieben – ausführlicher dazu in der Diskussion. Kupferschmitt und Köllner publizierten bereits gefördert durch die DRV (Kupferschmitt et al. 2026, S. 13) und treten öffentlich für die DRV in Erscheinung (Deutsche Rentenversicherung 2026a; Deutsche Rentenversicherung 2026b).
Aufbau und Stil
Das Manual umfasst 217 Seiten, die sich auf 12 Kapitel verteilen. Den Kapiteln vorangestellt sind ein Verzeichnis der Arbeits‑ und Informationsblätter, ein Vorwort sowie eine Einführung. Auf die Kapitel folgen die Literatur sowie ein Bildnachweis. Das Manual dient als ein aus Modulen aufgebauter Leitfaden für Psychotherapeut*innen und ist auf den praktischen Einsatz zugeschnitten. Es beinhaltet kurze, theoretische Grundlagen aus psychosomatischer Sicht und postuliert psychosomatische Behandlungsmöglichkeiten mit Arbeits‑ und Informationsmaterialien für Therapeut*innen, Patient*innen und/oder Angehörige, die sowohl in der Einzel‑ als auch Gruppentherapie in ambulanten sowie stationären Settings Anwendung finden sollen.
Inhalt
Im Vorwort zeichnen die Autor*innen ein erstes Bild davon, was sie als den gegenwärtigen Forschungsstand zu „Virusfolgeerkrankungen“, welche in sonstiger wissenschaftlicher Literatur überwiegend als „postakute Infektionssyndrome“ oder „postinfektiöse Syndrome“ bekannt sind, verstehen. Das Post-COVID-Syndrom und ME/CFS werden von ihnen als ernsthafte Erkrankungen beschrieben, die zu erheblichen Beeinträchtigungen führen können und deren Pathomechanismen noch nicht vollständig verstanden sind. Es wird hervorgehoben, dass eine psychogene Erklärung der Erkrankungen nicht Anspruch der Autor*innen sei und sie stattdessen für eine „biopsychosoziale“ Deutung plädieren. Dabei sei Psychotherapie eine Interventionsmöglichkeit, um bei der Krankheitsverarbeitung zu unterstützen, Lebensqualität zu verbessern und Symptome wie Fatigue zu reduzieren.
In der Einführung beschreiben die Autor*innen Post-COVID-Syndrom-Betroffene als „Patientengruppe, welche unter anhaltend körperlichen Beschwerden ohne organischen Befund leidet“ (S. 10). Ihre medizinische Versorgungssituation sei defizitär, obwohl die Erkrankten teilweise sogar „zu viel Diagnostik“ (S. 10) erhielten. Dabei sollen kognitiv verhaltenstherapeutische Behandlungsansätze und spezifische Bewegungsprogramme für die Betroffenen einen Teil des Behandlungskonzepts für die bereits an dieser Stelle als „herausfordernde[s] […] Patientenklientel“ (S. 10) geframten Betroffenen darstellen. Es folgen Erläuterungen zur vorgesehenen Handhabung und zum Aufbau des Buches, welches sich dem Schwerpunkt der Kognitiven Verhaltenstherapie annehmen möchte.
Kapitel 1 – Therapeutische Grundhaltung – verteilt sich auf einen kurzen Einführungstext und Informationsmaterial. Psychotherapie wird als psychosomatische Krankheitsbegleitung u.a. unter der Annahme beschrieben, dass „die somatischen Symptome zu psychischen Beschwerden führen können, die wiederum somatisch rückkoppeln“ (S. 19) sollen. Es wird ausgeführt, dass Patient*innen mit „chronischen, teils unerklärlichen Körperbeschwerden eine therapeutische Herausforderung“ (S. 13) darstellen können. Außerdem werden verschiedene Konstellationen postuliert, in denen Psychotherapie in Anspruch genommen würde und Komplikationen im Erstkontakt angeführt. So sollen etwa viele Post-COVID-Patient*innen Psychotherapie „ambivalent oder gar ablehnend gegenüberstehen“ (S. 17). Viele Patient*innen würden sich auf rein somatische Krankheitsmodelle mit biomedizinischen Therapieaussichten fokussieren. Anschließend folgen spezifische Problemkonstellationen im Kontakt mit verschiedenen Typen von Patient*innen, die Ähnlichkeiten zu Interaktionsproblemen bei Somatoformen Störungen bzw. somatischen Belastungsstörungen aufweisen sollen. Besonders relevant in Reha-Kliniken sei dabei das sogenannte „Rentenbegehren“ (S. 22), um sich die Lebensumstände zu erleichtern.
Kapitel 2 – Diagnostik – unterscheidet begriffliche Grundlagen wie u.a. „Long COVID“, „Post-COVID-Syndrom“, „Post-Exertionale Malaise“ und „ME/CFS“, wobei die Autor*innen selbst Schwierigkeiten zu haben scheinen, eine klare Begrifflichkeit für ME/CFS zu verwenden. Neben den wissenschaftlich und klinisch etablierten Diagnostik-Instrumenten für ME/CFS wie dem Berlin Munich Symptom Questionnaire (MBSQ), den Kanadischen Konsenskriterien (CCC) und dem Bell-Score gibt es weitere Materialien der Autor*innen für die Anamnese – insbesondere zur Erfassung der Symptomatik und der damit einhergehenden Einschränkungen.
Das dritte Kapitel – Krankheitsverhalten – thematisiert das Verhalten von Patient*innen im Umgang mit der Erkrankung, wobei sowohl Vermeidung als auch Überaktivität zur Verschlechterung und „Chronifizierung“ (S. 55) beitragen sollen, so wie dies von Somatoformen Störungen bekannt sei. Es komme zu dysfunktionalem Vermeidungsverhalten mit Dekonditionierung und dysfunktionalen Durchhaltemustern mit Symptomverschlechterungen, daher sei das sogenannte Avoidance-Edurance-Modell (EAM) relevant. Das bei Krankheiten mit PEM wissenschaftlich und klinisch etablierte Symptommangagement Pacing wird umgedeutet und rund um Vermeidungs‑ und Durchhalteverhalten verortet. Durch Informations‑ und Arbeitsblätter sollen die Patient*innen ihr Verhalten im Hinblick auf die Krankheit reflektieren und mögliche Verknüpfungen zwischen Inaktivität bzw. Aktivität und Entwicklung der Symptome wahrnehmen.
Kapitel 4 heißt „Die frustrierende Suche nach Erklärungen – Erwartungen an die Therapie und Behandlungsziele“ und schildert, dass Patient*innen versuchen würden, die Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten von Symptomen zu verstehen, sie jedoch aufgrund „fehlender Gesundheitskompetenz […] und einer häufig somatisch fixierten eindimensionalen Krankheitsvorstellung“ (S. 75) in ihrer Entscheidungsfähigkeit eingeschränkt seien. In diesem Zusammenhang wird die Bedeutung von Psychoedukation hervorgehoben. Das Post-COVID-Syndrom und ME/CFS gelten laut der Autor*innen als „vermintes Gelände“ (ebd.), das durch widersprüchliche Informationen und eine „emotional aufgeheizte Debatte“ (ebd.) gekennzeichnet sei, wodurch psychosoziale Erklärungsansätze abgelehnt würden. Nach oft langwierigen, biomedizinisch ausgerichteten Abklärungsprozessen würde Psychotherapie häufig erst spät und mit überzogenen Erwartungen an Ursachenklärung und Heilung in Anspruch genommen, obwohl ihr Hauptaugenmerk auf dem Umgang mit Symptomen und der Steigerung der Lebensqualität läge. Im Informationsmaterial wird wieder die Bedeutung eines „biopsychosozialen“ Krankheitsverständnisses betont. Obgleich vor einer psychosomatischen Vereinnahmung gewarnt wird (vgl. S. 77), folgen erneut psychosomatische Ausführungen zu dysfunktionalen Kognitionen, chronischem Stress, Body-Checking und Krankheitsverhalten. Im Arbeitsmaterial werden die Betroffenen kritisch mit biomedizinischen Behandlungsansätzen konfrontiert.
Kapitel 5 – Erklärungsansätze – thematisiert erneut die Bedeutung eines „biopsychosozialen“ Krankheitsmodells (ab S. 90), welches keine rein psychische Verursachung annehmen möchte, aber entscheidende psychosoziale Faktoren postuliert, die durch psychosoziale Therapie‑ und Rehabilitationsangebote bearbeitet werden sollen. Informationsmaterialien geben einen Überblick über somatische Erklärungsansätze, die in „multifaktorielle“ Erklärungen zur Aufrechterhaltung der Erkrankung überführt werden. Hierbei sollen u.a. Angst und Depressionen – auch als Belastungsfolgen in Reaktion auf die COVID-19-Pandemie – eine Rolle spielen, aber auch eigene Erwartungen und Erwartungen des Umfelds sowie Durchhalte‑ und Vermeidungsstrategien. Im Arbeitsmaterial werden Depressionssymptome mittels PHQ-9 erhoben und im Rahmen des Coping-Prozesses Trauerphasen bearbeitet.
Im sechsten Kapitel – Symptommanagement – wird zunächst kurz in verschiedene Formen von Stress eingeführt, bevor die Autor*innen im Informationsmaterial ihre persönliche Interpretation des Energiemanagements Pacing erläutern – allerdings ohne diese Eigeninterpretation als solche zu benennen. Arbeitsmaterialien vertiefen diese Deutung von Pacing mit dem Ziel einer Ausweitung der Belastungsgrenze (vgl. S. 109) und langfristigen Verbesserung (vgl. S. 111) des Gesundheitszustandes, Chronifizierungsprozesse durch u.a. Verhaltens-, Gedankens-, und Einstellungsaspekte und die Bedeutung des Umgangs mit Stress in diesem Zusammenhang.
In Kapitel 7 – Lebens‑ und Kommunikationsprobleme im Zusammenhang mit der Symptomatik –, Kapitel 9 – Kommunikation mit Angehörigen – und Kapitel 10 – Kommunikation mit Behandler*innen und Arbeitgeber*innen – geht es um Kommunikation im Umgang mit der Krankheit in verschiedenen Bereichen des Lebens. Nachdem kommunikationstheoretisch im Informationsmaterial in das „Kommunikationsquadrat“, aktives Zuhören und die „SEW-Methode“ eingeführt wurde, sollen diese Inhalte im Arbeitsmaterial am Beispiel der Haushaltsführung mit einer Partner*in gefestigt werden, bevor Konfliktbewältigung zur Anwendung kommt und in weiterem Informationsmaterial Auszeiten in einem Konflikt thematisiert werden.
Das achte Kapitel – Selbstbild, Selbstwert, Rollen und Ressourcenfindung – behandelt die Bedeutung des Selbstwertes und damit potenziell einhergehende Destabilisierungen durch Krankheit. Verschiedene Arbeitsmaterialien vertiefen diese Bereiche, z.B. durch eine „Gefühlsampel“, mit der Patient*innen einen Umgang mit Gefühlen erlernen sollen.
Kapitel 9 – Kommunikation mit Angehörigen – richtet sich an Angehörige. Im Rahmen der gemeinsamen Arbeit durchlaufen Angehörige einen Perspektivwechsel. In den Informationsmaterialien erhalten sie Informationen über das Post-COVID-Syndrom unter einem „biopsychosozialen“ Gesichtspunkt. Es werden potenziell lang anhaltende psychische Symptome hervorgehoben und Bewegungs‑ und Psychotherapie sowie kognitives Training als Therapieoptionen angeführt. Es wird u.a. auf Informationsmaterial der Rehaklinik Seehof der Deutschen Rentenversicherung verwiesen.
Kapitel 10 – Kommunikation mit Behandler*innen und Arbeitgeber*innen – thematisiert Kommunikationsprobleme bei Machtgefällen wie in der Ärzt*innen-Patient*innen-Beziehung bzw. im Arbeitsumfeld. In der Ärzt*innen-Patient*innen-Interaktion könne es zu verschiedenen Problemen kommen, die in Arbeitsmaterialien erarbeitet werden, wie z.B., dass Patient*innen mit Krankheiten ohne Biomarker (es wird auch die somatische Belastungsstörung angeführt) sich nicht ernst genommen fühlen, ihnen tatsächlich nicht geglaubt wird oder dass Patient*innen zu viele Ärzt*innen konsultieren und „sinnlose[…] Doppeluntersuchungen“ (S. 177) verursachen würden. Im Infomaterial werden Patient*innen dazu animiert, sich eine*n Ärzt*in zu suchen, die*der zu ihnen passt. Vor allem lohne sich ein*e Ärzt*in mit Fortbildung in psychosomatischer Grundversorgung. Für eine geeignete*n Ärzt*in könnten auch längere Wartezeiten und Anfahrtswege in Kauf genommen werden. Vor nicht abgesprochenen Parallelbehandlungen sowie vor „Dr. Google“ (S. 179) wird gewarnt. Probleme in der Ärzt*innen-Patient*innen-Kommunikation werden in nachfolgendem Informationsmaterial als Missverständnisse herausgestellt und Ähnlichkeiten im sozialen und beruflichen Umfeld angesprochen, bevor anschließend Problemlösemodelle zur Anwendung kommen. Es folgen Informationsmaterialien im Falle einer Arbeitsunfähigkeit. Hier wird u.a. auf die Sinnhaftigkeit einer Rehabilitationsmaßnahme verwiesen. Anschließend wird das sogenannte „Rentenbegehren“ mit entsprechenden Zuschreibungen wie „Ich will die Rente!“ (S. 188) in Arbeitsmaterialien thematisiert.
Kapitel 11 heißt „Social Media und Versprechen alternativer Behandlungsmöglichkeiten“ und thematisiert eine Fülle von Informationen in sozialen Netzwerken sowie die damit einhergehende Problematik, seriöse und unseriöse Informationen zu unterscheiden. Im Informationsmaterial werden „alternative Behandlungsmöglichkeiten“ problematisiert, wohingegen Atemtherapie, Vagus-Stimulation, Autogenes Training, Progressive Muskelrelaxation und Bewegungstherapien – v.a. in Kombination mit Verhaltenstherapie – befürwortet werden. Im Arbeitsmaterial werden Behandlungsversuche reflektiert, aufgrund des hohen Leidensdrucks werden Patient*innen als bereitwillig beschrieben, viel Geld für Behandlungsversuche auszugeben. Daraus hätten sich inzwischen Geschäftsmodelle entwickelt. Es wird auf als seriös eingeordnete Internetseiten verwiesen, darunter z.B. die „Long Covid Plattform“, ein Projekt der Bundesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe, welches durch die Deutsche Rentenversicherung Bund gefördert wird.
Kapitel 12 – Therapieabschluss und Rückfallprophylaxe – gibt den Patient*innen in Informations‑ und Arbeitsmaterial einen Ausblick auf die Möglichkeiten des Selbstmanagements, der Selbstfürsorge und der Reflexion eigener Werte. Es werden alternative Beschäftigungen erarbeitet, „wenn einiges wirklich nicht mehr geht“ (S. 203) und das Verhältnis von Belastung und Entlastung thematisiert. Abschließend werden Quintessenzen aus der Therapie zusammengefasst, wie z.B. dass die Psychosomatik nicht der Psychogenese entspräche und dass eine gewisse Eigenverantwortung für Symptommanagement und Gesundheitsverhalten bestünde.
Diskussion
Das vorliegende Psychotherapiemanual erzeugt grundlegende Fragen nach dem Krankheitsverständnis postakuter Infektionssyndrome sowie professioneller Verantwortung der Psychotherapie. In dieser Diskussion treffen wir eine gezielte Auswahl der uns am wichtigsten erscheinenden Kritikpunkte.
Wenn man als Leser*in mit dem Themenfeld postakuter Infektionssyndrome rudimentär vertraut ist, ziehen sich bereits auf begrifflicher Ebene große Schwierigkeiten durch die Lektüre. Die uneinheitliche Terminologie der Autor*innen zu ME/CFS („CFS“, (S. 15; S. 29 u.a.), „Chronique-Fatigue-Syndrom“ (sic) (S. 75; S. 175), „chronisches Erschöpfungssyndrom“ (S. 28)) reproduziert Stigmatisierung und lässt die Lesenden ggf. mit Unklarheiten zurück, die das Manual eigentlich auflösen sollte. Auf Erschöpfung reduzierende Bezeichnungen werden seit vielen Jahren kritisiert und für die Verharmlosung von ME/CFS verantwortlich gemacht (vgl. Wittmann 2025; Deutsche Gesellschaft für ME/CFS 2026). Wir gehen davon aus, dass es der Psychotherapie eigentlich ein Anliegen sein sollte, in besonderer epistemischer Verantwortung konsequent respektvolle Sprache zu verwenden. Dies ist sowohl auf struktureller Ebene für die Anerkennung der Erkrankung von Bedeutung, aber auch, um im Rahmen der Therapie selbst keine Mikroaggressionen zu bedienen (vgl. Schüteller & Slotta 2023, S. 15 ff.) und sich der psychischen Gesundheit zuträglich zu verhalten. Vor diesem Hintergrund kritisieren wir auch die Kriegs‑ bzw. Kampfesrhetorik „vemintes Gelände“ (S. 75). So gestaltet sich schon der Start in das Manual schwierig. Es wirft außerdem die Frage auf, ob die Autor*innen den Diskurs nicht genau kennen, oder ob sie möglicherweise eine Position einnehmen wollen, die sich uns als psychosomatisch und nicht biomedizinisch mit psychotherapeutischer Begleitung darstellt.
Die Frage verfestigt sich, wenn man auf die teilweise schwerwiegenden Verharmlosungen der Krankheitsbilder und insbesondere der post-exertionellen Malaise (PEM) als eine „Erschöpfungssymptomatik“ (S. 108; vgl. S. 18 u.a.) blickt, was ihrem multisystemischen Charakter nicht stringent gerecht wird. Darüber hinaus wird PEM stellenweise mit einer „Belastungsintoleranz“ gleichgesetzt (S. 27 f.) – eine Position, die fachlich überholt ist (Haunhorst et al. 2024, S. 2). Formulierungen wie „Die antizipierten vermehrten Beschwerden bei Aktivität müssen allerdings gar nicht immer eintreten“ (S. 57) bagatellisieren den potenziell irreversibel schädigenden Charakter einer PEM und rücken Betroffene in das Licht der altbekannten „Katastrophisierung“, statt PEM pathognomonisch ernst zu nehmen und anzuerkennen, dass es im Fall einer Zustandsverschlechterung aktuell keine medizinische Hilfe gibt.
Aus unserer Sicht wird das Konzept des Pacings in einer Weise interpretiert, die sich deutlich von der in Selbsthilfe‑ und Fachkreisen etablierten Bedeutung unterscheidet. Dies kann zu Missverständnissen führen und sollte klarer kenntlich gemacht werden. Vor dem Hintergrund kontrovers diskutierter Studien zur Wirksamkeit aktivierender Rehabilitationskonzepte bei PEM erscheint eine besonders sorgfältige Differenzierung notwendig, um mögliche Risiken transparent zu machen. Das Manual geht ferner davon aus, dass seitens der Betroffenen in einem gewissen Aktivitätsradius „unbedenklich agiert werden kann“ (S. 108). Dies ignoriert die Krankheitsrealität von schwer und sehr schwer Erkrankten, bei denen selbst unverzichtbare Aktivitäten wie z.B. die Nahrungsaufnahme zu einer Zustandsverschlechterung führen. Das Arbeitsmaterial zu Pacing betont Ziele wie das Erreichen neuer Basislinien (vgl. S. 109 f.) und langfristige Verbesserungen (vgl. S. 111). Die Autor*innen verpassen erneut, die Krankheitsrealität der Betroffenen anzuerkennen: So ist Leistungssteigerung explizit kein Ziel von Pacing (Hoffmann et al. 2024, S. 115). Aus Betroffenensicht lässt sich Pacing besser im wertschätzenden Umfeld von Selbsthilfegruppen erlernen. Diese wichtige Ressource spart das Manual entgegen der gängigen psychotherapeutischen Diskurse leider völlig aus.
Des Weiteren beklagen wir Psychologisierung. Zwar betont das Manual wiederholt, dass eine psychogene Erklärung postakuter Infektionssyndrome abzulehnen ist, jedoch verweilen die Autor*innen unserer Meinung nach in einer Form von Psychologisierung, die psychologische Faktoren überbetont und die Biomedizin marginalisiert. Die starke Betonung von „Angst“, „Vermeidung“ und „Dekonditionierung“ (vgl. S. 96) kann den Eindruck erwecken, dass individuelle Verhaltensfaktoren sehr deutlich in den Vordergrund rücken. Im Fachdiskurs wird kritisiert, dass vermeintliche dysfunktionale Gedanken und Verhalten die Erkrankten für die Aufrechterhaltung oder „Chronifizierung“ verantwortlich machen (vgl. Thoma et al. 2024, S. 3). Kritische Stimmen weisen außerdem darauf hin, dass somatische Aspekte unter Umständen in den Hintergrund treten könnten (vgl. Hunt 2024, 7). Es ist besonders zu kritisieren, dass die Hervorhebung einer „Dekonditionierung“ bei postakuten Infektionssyndromen mit PEM nicht dem aktuellen Stand der Wissenschaft entspricht. Gefundene Veränderungen beim Post-COVID-Syndrom lassen sich nicht hinreichend durch körperliche Inaktivität erklären (Charlton et al. 2026; Charlton et al. 2024, S. 5; Appelman et al. 2023, S. 9). Vielmehr besteht wieder die Gefahr, dass auf „Dekonditionierung“ aufbauende Rehabilitationskonzepte zu anhaltenden körperlichen Schädigungen führen. Für uns ist ein potenzieller Nutzen in Bezug auf einzelne Symptome bei gleichzeitigem Risiko nicht nachvollziehbar, da die Autor*innen in einer ihrer aktuellen Publikationen selbst feststellten, dass sich Fatigue beim Post-COVID-Syndrom durch eine „multimodale“ Rehabilitationsmaßnahme nicht verbesserte (Kupferschmitt et al. 2026). So entsteht bei uns der Eindruck, dass es den Autor*innen vor allem um die Bearbeitung unterstellter dysfunktionaler Gedanken und Verhaltensweisen geht, womit sich die psychosomatische Deutung postakuter Infektionssyndrome einfach nur in zurückhaltenderer Formulierung fortsetzt.
Entsprechende Kritik an solchen psychosomatischen Deutungen nach dem „biopsychosozialen Modell“ ist seit langer Zeit bei ME/CFS und jetzt auch bei anderen postakuten Infektionssyndromen wie dem Post-COVID-Syndrom bekannt und wird in dem Manual nicht aufgearbeitet. Stattdessen wird das „biopsychosoziale Modell“ wiederholt affirmativ beworben. Aus kritisch-psychologischer Sicht ist dies besonders problematisch, da das Krankheitserleben der Betroffenen weiter übergangen wird. Dabei ist zusätzlich missbilligend anzumerken, dass die Autor*innen den Einsatz des PHQ-9 empfehlen. Bei postakuten Infektionssyndromen mit Symptomen wie Fatigue, Schlafstörungen und kognitiven Störungen ist dieser Fragebogen nicht trennscharf und führt zu psychischen Falschdiagnosen (vgl. Scheibenbogen et al. 2025). Dies fügt sich in das von uns wahrgenommene Muster, psychische Komorbiditäten und Mitverursachungen zur weiteren Legitimierung von psychotherapeutischen Interventionen hinsichtlich einer somatischen Erkrankung heranzuziehen, bei der die Psychosomatische Medizin wohl weiterhin mitreden möchte.
Das selbst gesetzte Ziel einer „psychotherapeutischen Begleitung“ wird unserer Meinung nach besonders dort nicht erfüllt, wo Erfahrungen mit Medical Gaslighting, psychosomatischen Falschdiagnosen sowie institutioneller, körperlicher Fremdbestimmung nicht ausreichend kritisch gewürdigt und sogar noch auf „Kommunikationsprobleme“ reduziert werden. Sloan et al. (2025) etwa beschreiben gravierende Folgen psychosomatischer Falschdiagnosen. Die unserer Ansicht nach unpolitische Haltung der Autor*innen stellt dahingehend ein gravierendes Versäumnis dar. Zurecht wird in anderen Psych-Fächern längst eine politischere Haltung eingefordert, gesellschaftliche Probleme zu benennen und Forderungen zu stellen (vgl. Schomerus 2025). Bei psychologisierten Patient*innen mit Stigmatisierungserfahrungen wäre nicht nur im Sinne der psychischen Gesundheit eine kompromisslose Validierung ihrer Körperlichkeit und eine Anerkennung der „strukturelle[n] Gewalt“ (Der Standard 2026) im Gesundheitssystem dringend geboten. Nicht umsonst wurde der Umgang mit ME/CFS wiederholt von Journalist*innen als einer der größten medizinischen Skandale des 21. Jahrhunderts bezeichnet (vgl. Monbiot 2024; Rücker 2023b).
Die therapeutische Haltung wird teilweise eher steuernd als partizipativ beschrieben. Dies zeigt sich bei der Problematisierung nicht abgesprochener medizinischer Parallelbehandlungen und eigener medizinischer Recherchen durch die Patient*innen („Dr. Google“ (S. 179)). Anstatt zu kritisieren, dass Patient*innen sich aus der Not heraus selbst Wissen aneignen müssen, weil sie kaum medizinische Hilfe erhalten (vgl. Smyth & Blitshteyn 2025, S. 8) und die Bedingungen im Medizinsystem hervorzuheben, die zu wiederholten Ärzt*innenkonsultationen führen könnten, kann die Darstellung so gelesen werden, dass Verantwortung stark individualisiert wird. Eine aktuelle Publikation stellte zudem entgegen dem Narrativ der Überdiagnostik (vgl. S. 10; 177) heraus, dass Patient*innen mit andauernden Symptomen das Gesundheitssystem eher meiden und auf medizinische Hilfe verzichten – so auch bei ME/CFS (vgl. Cheston 2025). Dies deckt sich mit einer weiteren Publikation, die zeigte, dass Psychologisierung beim Post-COVID-Syndrom mit Vertrauensverlust in die Medizin einhergeht (vgl. Büchner et al. 2025). Ein besorgniserregendes Signal, das insbesondere in den Psych-Fächern zur Selbstreflexion bewegen sollte, statt entsprechende Patient*innen als „ablehnend“ (S. 17) gegenüber Psychotherapie zu beschreiben und erneut „biopsychosoziale“ Ansätze hervorzuheben. Dies verkürzt Psychotherapie doch wieder darauf, mit den Patient*innen an ihrer Haltung zu arbeiten, und nicht strukturelle Verbesserungsbedarfe ihrer Situation zu thematisieren und Leid zu validieren.
Angesichts der institutionellen Einbindung der Autor*innen in rehabilitationsmedizinische Strukturen stellt sich zudem die Frage, wie unterschiedliche Perspektiven auf Krankheitsmodelle transparent gemacht werden. Eine explizite Einordnung institutioneller Bezüge könnte hier zur weiteren Versachlichung beitragen. Die umfangreiche Thematisierung des sogenannten „Rentenbegehrens“ („Ich will die Rente!“ (S. 188)) und die implizite Zuschreibung eines sogenannten „sekundären Krankheitsgewinns“ („meist nicht bewusste psychologische Prozesse der Aufmerksamkeitszuwendung“ (S. 22)) bei gleichzeitiger Repräsentation der DRV durch die Autor*innen laden zum Nachdenken ein.
Insgesamt halten wir den Nutzen des Manuals für stark begrenzt. Es bietet keine neuen psychotherapeutischen Ansätze und berücksichtigt Krankheitsspezifika von postakuten Infektionssyndromen nicht innovativ. Die Autor*innen verpassen, die wesentlichen Herausforderungen der Betroffenen – die prekäre medizinische und soziale Versorgungssituation, Erfahrungen mit Medical Gaslighting, Psychologisierung und Stigmatisierung sowie das Erleben körperlicher Fremdbestimmungen – hinreichend zu zentrieren und die Schwere der Erkrankung im psychotherapeutischen Umgang zu würdigen. Stattdessen besteht aus unserer Sicht das Risiko, dass bestehende Konfliktlinien im Versorgungsdiskurs nicht ausreichend reflektiert werden und sich Spannungen zwischen Patient*innen und Behandler*innen eher verfestigen könnten. Einzelne Bestandteile des Manuals scheinen höchstens für sehr mild Erkrankte geeignet und sind unserer Meinung nach auch dort nur mit erheblichen Einschränkungen einsetzbar.
Abschließend appellieren wir an das Verantwortungsbewusstsein der Psych-Fächer im Umgang mit postakuten Infektionssyndromen und sehen die Notwendigkeit, sich historischen Fehlern zu stellen und daraus zu lernen. Das bedeutet, unter Einbindung der Betroffenenperspektive eine selbstbestimmte, patient*innenorientierte Psychotherapie zu gestalten, die sich tatsächlich gegen Psychologisierung und psychosomatische Vereinnahmung positioniert und die Krankheitsrealität in den Mittelpunkt stellt. Das bedeutet auch, postakute Infektionssyndrome nicht ständig in die Nähe psychosomatischer Erkrankungen und Deutungen zu rücken. Das Manual riskiert, dass bei wortgetreuer Anwendung des hier vorgestellten Ansatzes das möglicherweise noch vorhandene Vertrauen der Patient*innengruppe in die Psychotherapie weiter beschädigt wird.
Fazit
Das Manual ist aus der Perspektive der Kritischen Psychologie, der Sozialen Arbeit aber auch der Betroffenenperspektive mit deutlicher Zurückhaltung zu bewerten. Es setzt fachliche Ungenauigkeiten und psychosomatische Vereinnahmungen, vor denen es selbst vorgibt zu warnen, unkritisch fort und verfehlt damit den Anspruch einer patient*innenorientierten Krankheitsbegleitung. Eine solche Krankheitsbegleitung müsste explizit die Betroffenenperspektiven berücksichtigen – als Vorbilder für die Psychotherapie seien die im Feld etablierten Grande et al. (2023) sowie Hunt und Blease (2023) genannt, die in diesem Manual leider nicht berücksichtigt werden.
Quellenangaben
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Rezension von
M. Ed. Mirja Lisa Nicolas
Lehramt für sonderpädagogische Förderung und Gastwissenschaftlerin an der Universität Leipzig, Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie
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Dr. phil. Fabian Fritz
MA Erziehungs- und Bildungswissenschaft; Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni Siegen.
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