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Michael Stieber: Existenzielle Pädagogik im Spannungsfeld zwischen normativem Bildungsideal und reflexiver Bildungsidee

Rezensiert von Mag. phil. Christina Zöhrer, 13.05.2026

Cover Michael Stieber: Existenzielle Pädagogik im Spannungsfeld zwischen normativem Bildungsideal und reflexiver Bildungsidee ISBN 978-3-8325-6026-3

Michael Stieber: Existenzielle Pädagogik im Spannungsfeld zwischen normativem Bildungsideal und reflexiver Bildungsidee. Eine konzeptionelle Analyse. Logos Verlag (Berlin) 2026. 116 Seiten. ISBN 978-3-8325-6026-3. D: 36,00 EUR, A: 37,00 EUR.
Reihe: Beiträge zu Bildungstheorie und Bildungsforschung - 21.

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Thema

Die Existenzielle Pädagogik hat in den letzten Jahren verstärkt Aufmerksamkeit erfahren, insbesondere im Kontext haltungsbasierter Ansätze. Gleichzeitig fehlte bislang eine systematische theoretische Einordnung dieses Zugangs. Die vorliegende Arbeit setzt hier an und untersucht die Existenzielle Pädagogik vor dem Hintergrund eines grundlegenden Problems der Pädagogik: dem Spannungsverhältnis zwischen normativen und deskriptiven Aussagen.

Ausgehend von klassischen Differenzierungen, etwa bei Brezinka (1978), der zwischen empirischer Erziehungswissenschaft, Philosophie der Erziehung und praktischer Pädagogik unterscheidet, sowie neueren Positionen, die auf die implizite Normativität pädagogischer Grundbegriffe hinweisen, wird die Frage verfolgt, wie sich die haltungsbasierte Existenzielle Pädagogik hinsichtlich ihrer Normativität verorten lässt. (Vgl. Stieber 2026, S. 12; 18).

Autor

Michael Stieber legt mit der vorliegenden Studie eine konzeptionelle Analyse der Existenziellen Pädagogik vor. Das Vorwort von Henning Schluß unterstreicht, dass die Existenzielle Pädagogik bislang eher als Praxisansatz denn als theoretisch reflektiertes Konzept vorliegt und eine systematische Analyse ihrer Begriffe und Voraussetzungen bisher ausstand.

Entstehungshintergrund

Die Arbeit ist im Kontext aktueller Diskussionen um die Bedeutung pädagogischer Haltung zu verorten. Der Haltungsbegriff erscheint dabei als Versuch, die historische Trennung zwischen normativ ausgerichteter Pädagogik und empirischer Bildungsforschung zu überbrücken. Gleichzeitig bleibt unklar, inwiefern er selbst frei von normativen Setzungen gedacht werden kann (vgl. Stieber 2026, S. 13 ff.).

Die Existenzielle Pädagogik, maßgeblich geprägt durch Eva Maria Waibel und beeinflusst durch Viktor Frankl sowie Alfried Längle, ist bislang stärker als Praxis denn als systematisch ausgearbeitete Theorie in Erscheinung getreten. Die Studie reagiert auf diese Forschungslücke.

Aufbau

Die Arbeit gliedert sich zunächst in einen theoretischen Bezugsrahmen, in dem die Normativitätsfrage der Pädagogik in einem komprimierten historischen Abriss aufgearbeitet wird. Daran anschließend werden pädagogische Haltungen kritisch diskutiert, unter anderem anhand prominenter Beispiele wie Hermann Nohl sowie Hartmut von Hentig und dessen „Sokratischem Eid“. Diese werden im Kontext später bekannt gewordener Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule, insbesondere im Umfeld von Gerold Becker, kritisch eingeordnet (vgl. Stieber 2026, S. 43 f.).

Im Anschluss erfolgt die konzeptionelle Analyse der Existenziellen Pädagogik auf Grundlage des Kriterienrasters von Dietrich Benner et al. (1998), das der Unterscheidung affirmativer und reflexiver Bildungskonzepte dient. Diese Analyse ist in drei Unterkapitel gegliedert, und zwar die Existenzielle Pädagogik und Normativität, die Existenzielle Pädagogik im Speziellen und die abschließende Einordnung der Existenziellen Pädagogik. Den Abschluss bildet eine Zusammenführung der Ergebnisse, die Herausforderungen der Analyse reflektiert sowie Perspektiven für weiterführende Forschung aufzeigt.

Inhalt

Ausgangspunkt ist das sogenannte Normproblem der Pädagogik, also das Verhältnis von Sein und Sollen. In einem dichten historischen Abriss zeigt Stieber, dass weder geisteswissenschaftliche noch empirische Ansätze dieses Spannungsverhältnis auflösen konnten. Vielmehr wird deutlich, dass auch der Anspruch auf Wertfreiheit selbst eine normative Setzung impliziert.

Vor diesem Hintergrund wird der Begriff der pädagogischen Haltung diskutiert. Während dieser häufig als vermittelnde Kategorie zwischen normativen und empirischen Zugängen erscheint, wird im Anschluss an einschlägige erziehungswissenschaftliche Positionen deutlich, dass pädagogische Begriffe normative Implikationen enthalten und somit keine neutrale Grundlage darstellen (vgl. Stieber 2026, S. 25 f.).

Im Zentrum der Arbeit steht die Untersuchung der Existenziellen Pädagogik, deren Leitfrage „Was braucht dieses Kind jetzt von mir?“ (Waibel 2022, S. 40) auf eine situative und subjektorientierte Praxis verweist. Gleichzeitig wird herausgearbeitet, dass diese Praxis auf einem spezifischen Menschenbild basiert, das normative Orientierungen vorgibt, ohne diese durchgehend explizit zu machen.

Zur systematischen Einordnung greift Stieber auf das Kriterienraster von Dietrich Benner et al. (1998) zurück, dessen in der Arbeit verwendete Gruppierung sich an der Zuordnung von Henning Schluß (2003) orientiert. Auf dieser Grundlage wird die Existenzielle Pädagogik zwischen affirmativen und reflexiven Bildungskonzepten verortet und in drei Kriteriengruppen analysiert (vgl. Stieber 2026, S. 28–35).

  1. Bildungstheoretische und antimonopolistische Kriterien:
    • Normatives Bildungsideal und reflektierende Bildungsidee
    • Offene vs. geschlossene Verknüpfung von deskriptiven und präskriptiven Aussagen
    • Nicht-monopolisierte vs. monopolisierte Bildung
  2. Differenzierungen und Vermittlungsprobleme:
    • Vermittlungsproblematik vs. Einheit von Wissen und Haltung
    • Vermittlungsproblematik vs. Einheit zwischen praktischem und theoretischem Denken und Lernen
    • Vermittlungsproblematik vs. Einheit von innerszientifischem und gesellschaftlichem Sinn wissenschaftlicher Aussagensysteme
    • Differenzierung vs. Gleichsetzung von szientifischem Weltbegriff und Umgangsverhältnis von Mensch und Welt
  3. Unmittelbarkeit und Mensch-Welt-Verhältnisse:
    • Frage nach dem Anspruch der unvermittelt vorausgesetzten Wirklichkeit vs. Identität von Unmittelbarkeit und Vermittlung
    • Nicht-hierarchischer vs. hierarchischer Zusammenhang der menschlichen Weltverhältnisse

Die Anwendung des Kriterienrasters macht deutlich, dass die Existenzielle Pädagogik eine doppelte Struktur aufweist: Einerseits zielt sie auf Offenheit, Selbstbestimmung und individuellen Werteerwerb, andererseits werden normative Orientierungen über das Menschenbild vermittelt, ohne durchgehend explizit gemacht zu werden.

Diskussion

Die Arbeit macht deutlich, dass die Differenz von Sein und Sollen in der Pädagogik nicht ohne Normativität zu denken ist: Selbst der Anspruch, keine Erziehungsziele von außen vorzugeben, stellt bereits eine normative Setzung dar (vgl. König 1991, S. 220). Vor diesem Hintergrund zeigt sich auch die Existenzielle Pädagogik nicht als normfrei, sondern als ein Ansatz, der normative Setzungen in den Begriff der Haltung und in ein spezifisches Menschenbild verlagert.

Die zentrale Frage, bis wann pädagogisches Handeln im Dienste des Subjekts steht und ab wann es dieses normativ überformt (vgl. Meseth et al. 2019, S. 9), durchzieht die Analyse und wird durch die Einbindung historischer Beispiele wie etwa im Anschluss an Hermann Nohl oder im Kontext von Gerold Becker, konkretisiert. Damit wird sichtbar, dass pädagogische Haltungen nicht nur Orientierung bieten, sondern auch in Machtverhältnisse eingebunden sind und unter bestimmten Bedingungen zur Legitimation problematischer Praxis beitragen können.

Im Ergebnis zeigt die konzeptionelle Analyse, dass die Existenzielle Pädagogik einerseits Offenheit, Selbstbestimmung und individuellen Werteerwerb betont, andererseits jedoch über ihr Menschenbild normative Orientierungen in den pädagogischen Prozess einführt, ohne diese durchgehend explizit zu machen (vgl. Stieber 2026, S. 105). Gerade darin liegt die Stärke der Arbeit: Sie macht diese impliziten Voraussetzungen sichtbar und versteht sich als Beitrag dazu, normative Fragestellungen innerhalb der Existenziellen Pädagogik weiterzuführen und systematisch zu schärfen.

Zielgruppe

Das Buch richtet sich primär an ein erziehungswissenschaftlich vorgebildetes Publikum, insbesondere an Studierende, Forschende und Lehrende, die sich mit bildungstheoretischen Fragestellungen sowie mit normativen Grundlagen pädagogischen Handelns auseinandersetzen. Aufgrund der dichten theoretischen Argumentation und der vorausgesetzten Kenntnisse zentraler Diskurse ist es weniger als Einführung, sondern eher als vertiefende Analyse geeignet.

Besonders relevant ist die Studie für Leser:innen, die sich mit haltungsbasierten Ansätzen sowie mit der Existenziellen Pädagogik im engeren Sinne beschäftigen oder diese kritisch reflektieren möchten.

Fazit

Die Arbeit zeigt, dass die Existenzielle Pädagogik das Normproblem der Pädagogik nicht überwindet, sondern in den Begriff der Haltung verschiebt. Auch ein Ansatz, der sich als offen und subjektorientiert versteht, bleibt damit auf normative Voraussetzungen angewiesen.

Indem Michael Stieber diese impliziten Setzungen sichtbar macht, leistet die Analyse einen wichtigen Beitrag zur kritisch-reflexiven Auseinandersetzung mit haltungsbasierten pädagogischen Ansätzen. Der im Ausblick angedeutete Bedarf, sowohl die normativen Grundlagen der Existenziellen Pädagogik weiter aufzuarbeiten als auch ihre praktische Umsetzung empirisch zu untersuchen, unterstreicht dabei, dass die Auseinandersetzung mit Normativität nicht abgeschlossen ist, sondern eine zentrale Aufgabe zukünftiger Forschung bleibt (vgl. Stieber 2026, S. 108).

Rezension von
Mag. phil. Christina Zöhrer
Lecturer am Arbeitsbereich Bildungstheorie und Schulforschung | Institut für Bildungsforschung und PädagogInnenbildung, Universität Graz
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Es gibt 4 Rezensionen von Christina Zöhrer.

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ISSN 2190-9245