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Wolfgang Bergmann: Die Kunst der Elternliebe

Cover Wolfgang Bergmann: Die Kunst der Elternliebe. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2006. 2. Auflage. 248 Seiten. ISBN 978-3-407-85775-0. 17,90 EUR, CH: 32,50 sFr.
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Einführung 

In Deutschland hat die Frage, wie Kinder richtig erzogen werden und welche Kompetenzen dafür bei den Eltern vorhanden sein sollten, seit einigen Jahren Hochkonjunktur. Eltern hierzulande sehen sich mit veränderten Ansprüchen und Erwartungen an ihr Erziehungsverhalten konfrontiert. Gleichzeitig fehlen eindeutige Erziehungsvorbilder, auch weil religiöse und normative Erziehungsideale immer mehr an bindender Kraft verloren haben und immer noch verlieren.

Viele Eltern sind verunsichert darüber, was in der Erziehung wichtig ist und mit welchen Mitteln dies zu erreichen ist - was sich zum Beispiel an den 750 Millionen Euro ablesen lässt, die alleine im Jahr 2004 für Erziehungsratgeber und Zeitschriften zu den Themen Eltern, Familie und Erziehung ausgegeben wurden. "Super-Nanny" und "Supermamas", die beiden Sendungen, die im deutschen Privatfernsehen seit 2004 praktische Erziehungstipps für ein breites Publikum bieten, erreichen beachtliche Einschaltquoten und stoßen auf eine bereite Resonanz. Nicht nur in besonders schwierigen Erziehungsfällen wird Eltern verstärkt dazu geraten, ein Angebot bzw. einen Kurs zur "Elternbildung" (z.B. "Starke Eltern - starke Kinder"; "Triple P"), die sich in den letzen Jahren vervielfacht haben, in Anspruch zu nehmen.

In der Diskussion zum angeblichen "Erziehungsnotstand" nimmt Wolfgang Bergmann mit seinem Buch "Die Kunst der Elternliebe" gewissermaßen eine Gegenposition ein. Seinem im Buch vermittelten Credo entsprechend können alle Mütter und Väter die "Kunst der richtigen Erziehung" von sich aus beherrschen, wenn sie ihrer natürlichen, intuitiven Elternliebe gewahr sind und sich in der alltäglichen Erziehung davon leiten lassen. Dabei schöpft der Autor, der selbst als Psychologe und Psychotherapeut für Kinder in eigener Praxis tätig ist, in seinen Ausführungen sowohl aus seiner fachlichen Expertise als Kindertherapeut als auch aus seinen eigenen Erfahrungen als Vater.

Aufbau und Inhalte

Das Buch gliedert sich - neben Vorwort und Nachwort - in zehn Kapitel, die jeweils aus überschaubaren Unterabschnitten bestehen und eine Art Gedankensammlung Bergmanns zu verschiedenen thematischen Aspekt zu Erziehung bzw. zur Eltern-Kind-Beziehung darstellen.

  • Gleich im ersten Kapitel mit dem Titel "Von der Liebe, die alles verbindet" legt er auf eine sehr anschauliche Weise dar, welche elterlichen Einstellungen und Verhaltensweisen sich aus der natürlichen Elternliebe aus seiner Sicht ergeben und welche Bedeutung sie für die kindliche Entwicklung hat. Bei seinen in anekdotischer Form vorgetragenen Beobachtungen bezieht er sich hier vor allem auf die Interaktion zwischen Mutter und Kleinkind in den ersten Lebensjahren.
  • Im zweiten Kapitel ("Liebe kann manchmal auch schief gehen") werden sehr konkret und gut nachvollziehbar Interaktionssequenzen zwischen Mutter und Kleinkind mit ihren  Auswirkungen beschrieben. Dabei geht Bergmann vor allem auch darauf ein, was passiert, wenn Eltern die kindlichen Bedürfnisse nicht erkennen und - mit guten Vorsätzen - daran "vorbei erziehen".
  • Das dritte Kapitel ("Wenn Du sprichst, wird es hell") beschäftigt sich - wiederum auf eine erstaunlich gut nachvollziehbare Art und Weise - mit den Prozessen im Kontext des kindlichen Spracherwerbs und der Bedeutung der Muttersprache.
  • Im vierten Kapitel betont Bergmann zunächst die seines Erachtens sehr unterschiedlichen und genau aufgeteilten Rollen, die beiden Elternteilen in der Erziehung zukommen sollten ("Mütter und Väter sind verschieden"). Den "weichen oder mütterlichen Vätern", die die Unterschiede zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit nicht genügend betonen würden und damit kindlichen Bedürfnissen zuwiderliefen ("(Kinder) mögen Unsicherheit  bei Papa nicht. Sie können sie auf den Tod nicht ausstehen"), setzt er ein Vaterideal entgegen, dass stark an traditionellen Geschlechterrollen orientiert ist ("Väter sind Männer, basta").
  • Auf einigen wenigen Seiten wird im fünften Kapitel ("Wenn die Liebe auseinander geht") das emotionale Drama beschrieben, dem sich immer mehr Kindern und Jugendliche bei der Trennung ihrer Eltern ausgesetzt sehen. Das große Dilemma der allermeisten Trennungsfamilien sieht der Autor in diesem Zusammenhang darin, "dass sie kein selbstverständliches ethisches Fundament haben".
  • Im sechsten Kapitel ("Soziale Widerstände") geht Bergmann auf das kinderfeindliche Klima in unserer Gesellschaft ein (Schönheits- und Weiblichkeitsideal, Benachteiligung von Eltern im Beruf), dass die Entfaltung der natürlichen Elternliebe erschwert und gefährdet.
  • Kapitel sieben ("Du sollst mich erkennen") handelt vom existentiellen kindlichen Bedürfnis, von den Eltern beachtet und anerkannt zu werden. Bergmann zeigt hier die entwicklungspsychologischen Folgen auf, die mangelnde Beachtung und Anerkennung für Kinder haben können.
  • Die Kapitel acht ("Liebe grenzenlos?!") und neun ("Von den Normen und der Offenheit des Lebens") sind der Frage gewidmet, wie viel Grenzen und Konsequenz, wie viel Verwöhnen und Maßlosigkeit Kinder benötigen? Auch in diesem Kontext appelliert der Autor dafür, dass sich Eltern in ihrer Erziehung mehr auf ihre Intuition verlassen und weniger Hilfe von starren Erziehungsratschlägen erwarten sollten.
  • Im zehnten und letzten Kapitel ("Was Liebe alles vermag") schlägt Bergmann nochmals einen Bogen von den Ergebnissen der Bindungsforschung bis zur einmaligen Erfahrung, ein Kind als Mutter oder Vater aufwachsen zu sehen und dabei zu begleiten.

Diskussion und Fazit

Das Buch wendet sich vor allem an Eltern, nicht an Fachleute und Fachkräfte. Dem entsprechend ist es in einer leicht nachvollziehbaren und unterhaltsamen, teilweise sehr plakativen und manchmal pathetischen Sprache gehalten und geschrieben. Bergmann versteht es dabei auf hervorragende Weise, komplexe entwicklungspsychologische Erkenntnisse für ein breites Elternpublikum alltagsnah und anschaulich verständlich zu machen. Er sensibilisiert für die Bedürfnisse und Nöte des Kindes in der Erziehung, ohne Eltern damit einem zu großen Erwartungsdruck auszusetzen und implizit Schuldgefühle zu vermitteln. Anders als verschiedene technokratisch ausgerichtete Elternratgeber und Elternprogramme beleuchtet dieses Buch das Beziehungsgeschehen zwischen Eltern und Kind ohne den Eindruck zu vermitteln, es gäbe die eine, "richtige" Art zu erziehen. Der Autor scheut sich dabei auch nicht, mit klaren Worten eindeutige Positionen zu beziehen, die nicht unbedingt dem Zeitgeist entsprechen und durchaus provozierend wirken können.

Was Bergmann mit seinen emotional eingefärbten und zum Teil auch sehr subjektiven Ausführungen allerdings nicht zu leisteten vermag - und wohl auch gar nicht leisten will - ist eine systematische und ausgewogene Darstellung der aktuellen Fachdiskussion zum elterlichen Erziehungsverhalten.


Rezension von
Dipl.Psychol. Dr. Andreas Vossler
Senior Lecturer in Counselling Psychology
London Metropolitan University
Department of Psychology
London / UK
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Zitiervorschlag
Andreas Vossler. Rezension vom 25.10.2006 zu: Wolfgang Bergmann: Die Kunst der Elternliebe. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2006. 2. Auflage. ISBN 978-3-407-85775-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3432.php, Datum des Zugriffs 13.05.2021.


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