Olaf Stähli, Barbara Tänzler: Angewandte Traumapädagogik
Rezensiert von Prof. Dr. rer. pol. Jürgen Beushausen, 03.07.2026
Olaf Stähli, Barbara Tänzler:Angewandte Traumapädagogik. Ein Praxishandbuch. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2025. 245 Seiten. ISBN 978-3-497-61977-1.
Thema
Mit dem Buch möchte der Autor zu einer traumasensiblen Arbeit ermutigen und befähigen. Der erste Buchteil vermittelt theoretisches Verständnis über Trauma. Anschließend wird das vom Autor entwickelte Traumapädagogische Anwendungsmodell (TAM) erklärt und im zweiten Teil auf die Anwendung in der Praxis bezogen. Dabei arbeitet das Praxisbuch mit zwei durchgängigen Fallbeispielen. Das Buch richtet sich an pädagogische Fachkräfte und Sozialarbeiter:innen, die mit traumatisierten Menschen arbeiten, sowie interessierten Laien (z.B. Pflege‑ und Adoptiveltern).
Autor
Olaf Stähli, Hirzel (CH), ist Psychologe und Supervisor und arbeitet seit ca. 30 Jahren in unterschiedlichen Funktionen in der ambulanten und stationären Kinder‑ und Jugendarbeit. Er bietet Weiterbildungen, Fachberatungen und Coaching an. Angegeben wird zudem die Mitarbeit von Barbara Tänzler und Annette Tillmann (Illustrator).
Aufbau und Inhalt
Das 245-seitige Buch gliedert sich nach dem kurzen Vorwort in drei Teile, im ersten Teil vermittelt der Autor die theoretischen Grundlagen, im umfangreichen zweiten Teil steht die Handlungskompetenz im Fokus und im dritten Teil die Selbstkompetenz der Fachkräfte. Neben bekannteren Konzepten wie „Der gute Grund“, „Partizipation“ oder „Transparenz“ werden u.a. traumapädagogische Ansätze für häufige und besonders große Herausforderungen, wie Gegenübertragungen, getriggerte Zustände oder der Umgang mit Konsequenzen, fokussiert. Das Buch schließt mit den umfangreichen Literaturangaben (ca. 200 Quellen) und einem Register.
In der Einführung betont Stähli, dass einige einschneidende Ereignisse, wie z.B. Gewalterfahrungen, von der Gesellschaft als tiefgreifende psychische Traumata anerkannt werden und es jedoch viele Formen der Traumatisierung existieren, die weniger offensichtlich sind und dennoch tiefe Spuren hinterlassen. Mit diesem Praxisbuch hat der Autor das Ziel, die Leser:innen zu befähigen, Traumapädagogik im Alltag kompetent anzuwenden und eine innere Haltung zu entwickeln, die nicht nur bloßes Theoriewissen enthält, sondern bedingt durch einen persönlichen Lernprozess „von innen heraus wie von selbst“ beginnt, traumapädagogisch zu handeln. Zusätzlich werden für die Umsetzung im Alltag spezifische traumapädagogische Fähigkeiten benötigt. Erst durch das Zusammenspiel der Wissens-, der Selbst‑ und der Handlungskompetenz entfalte, so Stähli, die Traumapädagogik ihr Förderungspotenzial.
Mit diesem Buch will Stähli Fachpersonen in der Anwendung der Traumapädagogik unterstützen und ihnen Orientierung und Techniken auch für die größeren Herausforderungen bieten. Ergänzt werden die Ausführungen durch Illustrationen von Annette Tillmann, die traumapädagogische Ansätze symbolisieren. Zudem werden durchgängig am Beispiel einer Jugendlichen und einem Kind Zusammenhänge aufgezeigt.
Im ersten Buchteil, der Wissenskompetenz, wird in den beiden ersten Kapiteln ein Überblick über die Perspektive der Neurobiologie und Psychologie und der Psychotraumatologie auf Traumata, den Verlauf und die Diagnostik, die Dissoziation und die Verarbeitungsversuche gegeben. Für Stähli besteht ein psychisches Trauma aus unverarbeiteten Erfahrungen, die als unkontrollierbare emotionale Persönlichkeitsanteile das Erleben und Verhalten von Betroffenen dauerhaft prägen. Hierauf baut das von Stähli im dritten Kapitel vorgestellte sogenannte traumapädagogische Modell (TAM) mit vier verschiedenen Bereichen auf, welches für ihn ein wesentliches Arbeitsinstrument der traumapädagogischen Arbeit darstellt. Die Bereiche sind nach Farben geordnet. Der „grüne“ Bereich entspricht einem entspannten Zustand der Homöostase, in dem die Grundbedürfnisse – vor allem jenes nach Sicherheit – befriedigt sind, während der „gelbe“ Bereich von Unsicherheit und Anspannung geprägt ist und unterschiedliche (Kompensations-)Strategien zum Schutz vor neuen traumatischen Erfahrungen oder dem Wiedererinnern von traumatischen Inhalten darstellt (Kontrolle, Vermeidung, Realitätsverweigerung und Suchtverhalten). Der „rote“ Bereich sei ein durch Trigger oder „kritische Instabilität“ ausgelöster Zustand, der für die Betroffenen Zustände von existenzieller Gefahr und Ohnmacht beinhaltet. In diesem Bereich seien Dissoziation und das Vorherrschen von fragilen emotionalen Persönlichkeitsanteilen wie Angst oder Hilflosigkeit und/oder kontrollierenden (täterimitierenden) Persönlichkeitsanteilen typisch. Ein „blauer“ Bereich symbolisiert Versuche der Verarbeitung, z.B. Opfer-Täter-Reinszenierungen in aktuellen Beziehungen. Stähli will mit diesem Modell Symptome und traumaassoziierte Verhaltensweisen von Betroffenen je nach Funktion einem dieser vier Bereiche zuordnen.
Im vierten Kapitel erfolgen Anmerkungen zum Wesen der Traumapädagogik, d.h. u.a. über eine „klassische“ Abgrenzung zur Traumatherapie, zum empathischen Verstehen, zur Reflexion und zur Traumapädagogik auf struktureller Institutionsebene. Im letzten Punkt wird die Bedeutung, dass die Leitung die Verantwortung für eine emotionale und strukturelle Versorgung der Mitarbeitenden übernimmt, betont. Im fünften Kapitel wird ausführlich die Bedeutung des Umgangs mit Übertragungen und Gegenübertragungen hervorgehoben und im sechsten Kapitel erörtert, inwieweit jedes Verhalten der Kinder und Jugendlichen traumatisch bedingt ist.
Im zweiten Teil, der Handlungskompetenz, wird fokussiert, welche Ansätze in der Traumapädagogik unabdingbar sind und wie diese kombiniert als „Mosaiksteinchen“ wirksam werden können. Die meisten Methoden und Techniken werden schon lange in der Traumapädagogik angewendet. Hierzu gehören u.a. der „gute Grund“ und dessen Anwendung und Nicht-Anwendung, der Verzicht auf Schuldzuweisungen und die Bedeutung des sicheren Ortes in verschiedenen Bereichen, der Fokus auf liebevolle feinfühlige Beziehungen, eine Bedürfnisklärung, die Bedeutung von Stabilität und Verlässlichkeit und Freude und Spaß. Im zwölften Unterkapitel geht es um Kommunikationstechniken, im dreizehnten um die Vermeidung von Triggern und eine mögliche Desensibilisierung. Auch in den weiteren Kapiteln finden sich für die Praxis viele Anregungen. Thematisiert wird u.a. das Infragestellen von Strafen und erzieherischen Konsequenzen, die häufig eher der Selbstregulation der Fachkräfte dienen würden. Abschließend wird die Förderung von Resilienz (z.B. Selbstregulierung, Selbstfürsorge, Selbstverstehen) fokussiert.
Im dritten kürzeren Teil über die Selbstkompetenz benennt Stähli für ihn bedeutsame Aspekte. Hierzu gehören Achtsamkeit, Selbstregulierung, Selbstfürsorge, Selbstreflexion, Lernen am Modell, Trauern und die Verarbeitung der eigenen biografischen Belastungen. Abschließend geht der Autor noch kurz auf die Anwendung der Selbstkompetenz ein.
Das Buch endet mit einem umfangreichen Literaturverzeichnis und einem Sachregister.
Diskussion
Den Leser:innen wird mit diesem Band eine umfassende, sehr gut strukturierte Darstellung über die Traumapädagogik und viele nützliche Anregungen für die Praxis geboten. Zwei Fallbeispiele ziehen sich durch alle Teile des Buches und verdeutlichen die vorgestellten Ansätze und Konzepte.
Kritisch sind zwei Aspekte anzumerken: Im Kapitel über die wissenschaftlichen Grundlagen stellt der Autor sein Traumapädagogisches Anwendungsmodell vor (TAM), für dasdie wissenschaftlichen Grundlagen und eine Evidenz nicht beschrieben werden. Daher hätte dieses Arbeitsmodell besser in einem Extrakapitel vorgestellt werden sollen. Auch inhaltlich stellen sich mir hier noch offene Fragen, insbesondere im Hinblick darauf, inwieweit wirklich die von Stähli benannten Persönlichkeitsteile immer im Mittelpunkt stehen und ob in der „Wirklichkeit“ nicht oftmals andere Persönlichkeitsanteile bedeutsam sind als die vom Autor beschriebenen Traumafolgestörungsverhaltensweisen (S. 60) mit ihrer Zuordnung zu einem bestimmten Lebensalter und „Farben“.
Zudem liegt der Schwerpunkt des Buches auf dem Umgang mit Kindern und Jugendlichen mit einer kPTBS, ohne dass dies im Titel angemerkt wird. So werden falsche Erwartungen geweckt.
Fazit
Umfangreich und gleichzeitig differenziert, kompakt und praxisnah wird in diesem Werk ein Überblick über die Traumapädagogik geboten. Positiv ist der schlüssige Aufbau des Buches, die große theoretische Fundierung der Aussagen des Autors aus der langjährigen Praxis und die gelungene Integration der Fallbeispiele hervorzuheben. Das Buch fasst unser Wissen über die Traumapädagogik zusammen und ergänzt einige Aspekte, auch erfahrene Fachkräfte erhalten neue Anregungen für ein traumasensibles Handeln.
Rezension von
Prof. Dr. rer. pol. Jürgen Beushausen
studierte Soziale Arbeit und Erziehungswissenschaft und absolvierte Ausbildungen als Familientherapeut und Traumatherapeut und arbeitet ab 2021 als Studiendekan im Masterstudiengang „Psychosoziale Beratung in Sozialer Arbeit“ an der DIPLOMA Hochschule
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