Elisabeth Kaiser, Katalin Dohrmann et al.: Praxishandbuch Narrative Trauma-Arbeit (NAT)
Rezensiert von Prof. Dr. Christa Paulini, 02.10.2026
Elisabeth Kaiser, Katalin Dohrmann, Thomas Elbert, Brigitte Rockstroh, Maggie Schauer: Praxishandbuch Narrative Trauma-Arbeit (NAT). Selbstwirksamkeit durch Biografiearbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2026. 201 Seiten. ISBN 978-3-7799-8564-8. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR.
Entstehungshintergrund
Maggie Schauer begründet die Motivation der Fachkräfte zur Entwicklung des Praxisbuchs Narrative Trauma-Arbeit folgendermaßen. „Ein erfolgreicher Ansatz zur Bewältigung traumatischer (Kindheits-) Erfahrungen wird eine immense Wirkung auf die Welt haben, vergleichbar mit der eines bahnbrechenden Impfstoffs“ (Vincent J. Felitti) zitiert nach: Die einfachste Psychotherapie der Welt, Maggie Schauer, Rowohlt 2024.
Autor*innen
Alle Autor*innen sind Expert*innen im Bereich der Psychotraumatologie
Dr. Elisabeth Kaiser ist Psychotraumatologin, Global Health Expertin und Mitbegründerin von vivo international und NET Institute.
Dr. Katalin Dohrmann ist Dipl. ‑Psychologin und Psychotraumatologin, forscht an dem von ihr geleiteten »Kompetenzzentrum Psychotraumatologie« der Universität Konstanz.
Prof. em. Dr. Brigitte Rockstroh war langjährige Lehrstuhlinhaberin für Klinische Psychologie an der Universität Konstanz. Sie koordiniert heute ein bahnbrechendes Projekt zur Narrativen-Trauma-Arbeit (NAT)von Geflüchteten für Geflüchtete.
PD Dr. Maggie Schauer, Philosophin und Psychologin, entwickelte mit Thomas Elbert und Frank Neuner die Narrative Expositionstherapie. (NET). Sie habilitierte sich in klinischer Psychologie an der Universität Konstanz, lehrt dort, gründete das Kompetenzzentrum Psychotraumatologie und gilt als Pionierin in der Behandlung von Überlebenden von Gewalt und Trauma.
Professor Dr. Thomas Elbert erforscht weltweit und umfassend die Folgen von sozialem und traumatischem Stress und die Behandlung daraus resultierender psychischer Störungen.
Aufbau und Inhalt
Das Buch unterteilt sich in elf Kapitel. Es schließt mit Hinweisen für die Arbeit mit Übersetzerinnen, mit Literaturhinweisen, kostenlose Downloads sowie Originalliteratur etc. ab.
Im Vorwort wird betont, dass Menschen weltweit „mit traumatischem Stress und schwerwiegenden Lebenserfahrungen konfrontiert“ (S. 11) sind, die durch häusliche, gemeinschaftsbezogene und organisierte Gewalt verursacht werden (S. 11).“Diese Faktoren können zu signifikanten, psychischen und physischen Beeinträchtigungen führen, bei vielerorts nicht vorhandener oder nur erschwert zugänglicher psycho-sozialer Unterstützung und Versorgung wie einer vollumfänglichen Psychotherapie.
„Narrative Trauma-Arbeit wurde als niedrigschwelliger Ansatz aus der Narrativen Expositionstherapie (NET) Schauer, Neuner, Elbert 2005//2011/2025) entwickelt. Ziel ist, Leiden zu mindern, Resilienz zu fördern und Menschen zu stärken, indem Stressreaktionen auf vergangene Erlebnisse reduziert werden und dabei wissenschaftliche Grundlagen, Konzepte und Wissen der evidenzbasierten Psychotraumatologie beachtet werden (S. 11).
Die Autor*innen betonen, dass das vorliegende Buch vorwiegend für Personen verfasst wurde, die ohne psychotherapeutische Approbation und einer klinischen Fachausbildung arbeiten also für Mitarbeiter in Erziehungs‑, Gesundheits-, Sozial‑, Schul‑ und Heilkontexten und für alle diejenigen, sie sich in Peer-Settings oder ehrenamtlichen Bereichen um psychisch belastete Menschen kümmern. Die präventiv begleitenden Beratungsschritte bilden den Kern des Praxishandbuchs. Die Autorinnen haben ebenso erforscht, wie sich Kindheitsbelastungen wie familiäre Gewalt, sexueller und körperlicher Missbrauch, aber auch emotionaler körperlicher Missbrauch und soziale Vernachlässigung lebenslang krankmachend auf die Betroffenen auswirken.
Im ersten Kapitel gehen die Autor*innen auf die traumatische Belastung und ihre Folgen für Körper und Seele ein. Sie benennen das Erleben eines traumatischen Stresses, in dem die Betroffenen massive Hilflosigkeit, panische Angst, Schock oder Entsetzen erleben. Das Erleben traumatischen Stress kann ganz unterschiedliche Ursachen haben: Es gibt verschiedene Traumszenarien und jeder Mensch kann brechen, wenn massive Hilflosigkeit, panische Angst, Schock oder Entsetzen vorherrschen. Traumatische Ereignisse haben Auswirkungen für Gehirn und Körper. Wichtig ist, dass narrative Trauma-Arbeit frühzeitig und niederschwellig angeboten wird.
Im zweiten Kapitel beschreiben die Autor*innen das Ziel und die Zielgruppe für die NAT entwickelt wurde. „Ziel der NAT-Arbeit ist es, schrittweise das individuelle Risiko (d.h. die Anhäufung belastender Lebenserfahrungen) durch die narrative Biografiearbeit abzubauen. Im weiteren Verlauf werden die vier Schritte der NAT vorgestellt. Am Anfang steht das Screening-Interview; dabei erfolgt die Auswertung nach dem Ampelsystem in Bezug auf Belastungsreaktionen. „Schritt 2 der NAT beinhaltet die Erhebung der individuellen Lebensereignisse und auch Belastungsreaktionen mittels erprobter Checklisten. Es folgt die Erhebung der individuellen Lebensereignisse. Schritt drei befasst sich mit der Einordnung der wichtigsten Ereignisse auf der Entwicklungs-Lebenslinie des Klienten. Mit Schritt vier beginnen die „chronologische fortschreitenden, die autobiografischen Erzählsitzungen. Diese ermöglichen eine tiefgehende Betrachtung verschiedener Lebensereignisse, die sich im Laufe des Lebens der Person ereignet haben. Die Beraterin schreibt zwischen den Sitzungen die erzählte Geschichte als Essay (Narration) nieder. Dieser Text wird zum Beginn der nächsten Sitzung langsam wieder vorgelesen. Damit wird der Erzähler zum Zuhörer seiner eigenen Lebensgeschichte. Betont wird: „Das Erlebte in Worte zu fassen ist eine universelle menschliche Fähigkeit und von entscheidender Bedeutung für unser Überleben. Dieser gemeinsame Nenner des Menschseins bildet den Kern der Narrativen Trauma-Arbeit und wird hier wirkungsvoll genutzt.“(S. 30)
Ab dem dritten Kapitel werden die Schritte durch die NAT nochmals genauer vorgestellt. Das erste ist das bereits angesprochene Screening-Interview: das geforderte fachliche Vorgehen wird von S. 33 bis Seite 56 genaustens aufgelistet. Seitens der Verfasser*innen wird die Notwendigkeit des strukturierten Vorgehens durch die Beraterinnen betont.
Im vierten Kapitel wird betont, dass die zweite Sitzung nur noch mit Klienten der „gelben“ Gruppe durchgeführt und nun folgende Inhalte hat 1. Erfassung traumatischer Lebensereignissen über die gesamte Lebensspanne., Abfragen von interpersonellen Belastungen und Traumata in der Kindheit mithilfe der belastende Kindheitserfahrungen. 3. Psychoedukation. Ziel ist es anhand eines strukturierten Interviews potenziell traumatisierende und belastende Ereignisse zu definieren, die in Zusammenhang mit den aktuellen Beschwerden des Klienten stehen.“ (S. 57). Die jeweiligen Listen werden genau aufgelistet und leiten über zur Thematik Psychoedukation d.h. die Verständnisbrücke zwischen dem Erlebten damals und den Problemen heute. Die Beraterinnen arbeiten dabei mit Metaphern wie „gemeinsame Bergtour“, „Wasserball“, „die Wunde reinigen oder Schrank aufräumen und andere Metaphern.
Im fünften Kapitel wird die chronologische Anordnung wichtiger Lebensereignisse auf einer Zeitlinie genauer dargestellt. Die Klientinnen erarbeiten mit Hilfe der Lebenslinie eine visuelle Darstellung ihres Lebensverlaufs, in der sie bedeutende Ereignisse, sowohl positive als auch traumatische, in chronologischer Reihenfolge anordnen. Die NAT-Beraterin begleitet diesen Prozess, strukturiert, fasst zusammen und notiert für jedes Ereignis auf einer Haftnotiz folgende Information: was ist passiert, Ort, Alter etc. Die Erarbeitung der Lebenslinie ist eine therapeutisch wichtige Sitzung und eine Vorbereitung auf die Erzählsitzungen. (S. 85)
Im sechsten Kapitel wird auf Schritt 4 der NAT: die Erzählsitzungen näher eingegangen u.a. werden Fragen an die frühere Person gestellt (den kleinen Peter), oder andere Bilder eingeführt wie beispielsweise der „Trichter der Zeit“, „das Rad der Erzählung etc.“., Eine Erfahrung der Beraterinnen ist, dass im Verlauf des Erzählens plötzlich oder allmählich lange unter Verschluss gehaltene Gefühle wie Freude, Angst, Wut, Ekel oder Traurigkeit sichtbar werden. Unter der Überschrift „hilfreichen Techniken im steilen Gelände“ werden verschiedene Vorgehensweisen vorgestellt und es wird mit dem Unterschied zwischen früher und heute gearbeitet.
Im siebten Kapitel wird die letzte Sitzung – der Abschluss der NAT-Arbeit und der Blick in die Zukunft – beschrieben. Die verschriftlichte Narrationen aus den Erzählungen wird in dieser abschließenden Sitzung ausgedruckt und überreicht. (S. 162). „Die Dokumentation wird traditionell und rituell vom NAT-Berater, der Klientin und gegebenenfalls dem Dolmetscher unterzeichnet. Die Klientin bezeugt damit, ihre Geschichte so vollständig wie möglich erzählt zu haben. Der Dolmetscher bestätigt, gewissenhaft übersetzt zu haben und der NAT-Berater bezeugt die Erzählungen sorgfältig dokumentiert zu haben.
Im achten Kapitel geht es um soziale Gefühle und Verhaltensweisen und den Umgang damit in der NAT. Die letzte Sitzung folgt wie alle anderen Sitzungen einen vorgegebenen Ablauf. Konkret werden oft Aggression, Schuld und Scham als Themen benannt.
Im neunten Kapitel werden die Wirkfaktoren der Narrativen Traum-Arbeit (NAT) zusammengefasst. Abschließend wird die Notwendigkeit von Psychohygiene, Intervision und Supervision betont. D.h. dass NAT-Beraterinnen auf ihre eigene psychische Gesundheit achten müssen. Das Buch schließt mit der Rolle der NAT-Berater*innen und den Stichpunkten Trauma-Arbeit, Präzision, Verantwortung und Fürsorge.
Zielgruppe
Durch die stringente Gliederung des Praxishandbuches erscheint die Arbeit mit Klient*innen leichter. Das Ziel der NAT ist es Leiden zu lindern. Der Ansatz wird von geschulten psycho-sozialen Helfern umgesetzt. Offen bleibt hier wie die Schulung durchgeführt wird und wie die Unterstützung während des Prozesses für die Mitarbeitenden gestaltet wird. Trotz dieser offenen Fragen schließt das Praxis-Handbuch eine Lücke. Es ist speziell verfasst für Personen ohne psychotherapeutische Approbation oder klinische Fachausbildung, also für Mitarbeitende in Gesundheits‑, Sozial‑, Erziehungs‑ Schul‑ und Heilkontexten und für alle jene, die sich in Peer-Settings oder ehrenamtlichen Bereichen um psychisch Belastete Menschen kümmern. Zum Verständnis des Konzeptes tragen auch die vielen Praxisbeispiele bei.
Diskussion
Das vorliegende Buch greift die Situation von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen auf, die aufgrund von Gewalterfahrungen unter schwerwiegenden Traumatisierungen leiden. Das Interesse am Thema „Traumatisierungen“ hat seitens der Profession und Disziplin Soziale Arbeit zugenommen. Für Sozialarbeiter*innen ist das Wissen um Traumata und Traumatisierungen ein wichtiger Bestandteil ihrer Arbeit denn sie haben in den unterschiedlichsten Arbeitsfeldern mit vielen Personen Kontakt, die Gewalt – nicht nur in der Kindheit – erlebt haben. Schmid (2007: 56–82) schätzt die Anzahl der betroffenen Kinder und Jugendliche mit Gewalterfahrungen, die deshalb nicht mehr in ihren Familien leben können auf ca. 75 %. Allein aufgrund dieser Zahlen wird deutlich wie wichtig dieses Wissen im Arbeitsfeld bei Traumata und Traumatisieren ist. Krüger (2013) greift dies auf und betont: „Entscheidend ist, dass das Kind das Gefühl hat, ohnmächtig zu sein und nichts tun zu können, um sich oder den anderen aus der extremen Not herauszuhelfen […]. Daraus entsteht das Gefühlextremer bedrohlicher Hilflosigkeit.“ (Krüger 2013) „Traumatisierte Mädchen und Jungen tragen bis heute ein erhöhtes Risiko, in pädagogischen Bildungs‑ und Betreuungseinrichtungen zu scheitern (Schmid 2007). Dieses Risiko steigt mit dem Fehlen von traumabezogenem Fachwissen der Pädagog*innen.
Fazit
„Narrative Trauma-Arbeit wurde als niedrigschwelliger Ansatz aus der Narrativen Expositionstherpie (NET) entwickelt. Die Autorinnen halten Mitarbeiterinnen mit Erfahrung im Gesundheits‑, Sozial‑, Erziehungs‑, Schul‑, und Heilkontexen in der Durchführung für sehr geeignet. Geeignet halten sie auch diejenigen Fachkräfte, die sich in Peer-Settings oder ehrenamtlichen Bereichen um psychisch belastete Menschen kümmern. Auch wenn Das Buch ist insgesamt sehr gut geeignet die Kenntnisse für Mitarbeiter*innen zum Thema Trauma, Traumata, Traumatisierungen erhöhen.
Literatur
Krüger, A. (2013a): Erste Hilfe für traumatisierte Kinder, 4. Auflage, Walter Verlag, Mannheim
Schmid, M. (2013): Psychische Gesundheit von Heimkindern. Eine Studie zur Prävalenz psychischer Störungen in der stationären Taumapädagogik. Weinheim/München
Rezension von
Prof. Dr. Christa Paulini
HAWK Hildesheim/Holzminden/Göttingen, Fakultät Soziale Arbeit und Gesundheit
Mailformular
Es gibt 18 Rezensionen von Christa Paulini.





